3774: Mit Ski auf den höchsten Berg Tirols

Bereits 1848 erstbestiegen steht sie vor mir: Die Wildspitze. Umgeben von wild aufgeborstenen Eismassen, überragt uns der Gipfel noch immer um mehr als 300 Meter. Dabei stehen wir in diesem Moment schon auf stattlichen 3440 Metern über Normalnull. Von der Aussichtsplattform des gleichnamigen Cafés 3440 genießen wir den bombastischen Rundumblick, freuen uns auf morgen aber denken auch zurück an eine Zeit, in der es hier nichts weiter gab als Berge und Eis.
Titelfoto: Der Blick vom Skigebiet auf den Großen Mittelbergferner. Keine Pisten. Keine Seilbahnen. Nicht eine Aufstiegsspur ist zu sehen. Das gesicherte Skigebiet und hochalpines freies Gelände grenzen hier direkt aneinander. 

Mit dem Zug in die Berge!
Eine umweltverträgliche, nachhaltige Bahn-Anreise klingt gut, oder? Hier im Pitztal ist das möglich, auch wenn der Gletscherexpress nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was man gemeinhin unter einem Zug versteht: Die Schrägstollenbahn überwindet pro Fahrt 1100 Höhenmetereter und benötigt für die 3800 Meter lange Strecke etwa 8 Minuten. 1500 Menschen kommen so in der Stunde den Berg hinauf. Erstaunlich ist dabei nicht nur, dass die Bahn bereits 1983 erbaut wurde, sondern auch, dass sich die Menschen oben im Gletscher-Skigebiet fast schon auf wundersame Weise aufzulösen scheinen: Nach der Bahnfahrt eröffnet sich einem der Brunnenkogelferner, der kleine Mittelbergferner und weit hinten auch noch sein großer Bruder. 120 Hektar Pistenfläche, genug für alle! Über den Gletschern schweben fast lautlos die Gondeln. Hier und da klimpert eine Kaffeetasse und von überall her klingt leise, aber beständig das Zischen und Rauschen der Skifahrer zu uns herüber. Über all dem thront auf dem Hinteren Brunnenkogel imposant die höchste Bergstation des Gletscher-Skigebiets.

Wir haben heute keine Eile. Ob wir nun mit dem ersten oder zweiten Gletscherexpress heraufgefahren sind? Zweitrangig! Wir sind nicht hier, um Pistenkilometer zu sammeln, sondern um uns bestmöglich für den morgigen Gipfeltag vorzubereiten. Und wo geht das besser als im Dynafit Skitouren Park?

Im DYNAFIT Skitourenpark geht es nicht nur schwungvoll bergab, sondern auch sportlich bergauf!

Auf die Felle, fertig, los!
Normalerweise würde man sich jetzt in die Wildspitzbahn setzen und mühelos auf 3440 Meter ziehen lassen. Wir aber kleben unsere Felle unter die Ski und treffen wenig später auf Antonia Niedermaier und Finn Hösch. Die beiden Dynafit Jungathleten stehen uns mit ihrer ultraleichten Racing-Ausrüstung energiegeladen gegenüber und diskutieren, ob sie auf Pistenskitouren wie wir sie heute vor uns haben, nun 45 oder 46 Minuten für 1000 Höhenmeter benötigen. Uns, mit schwerem Touren-Equipment ausgestattet, lachen die beiden da nur sympathisch entgegen: „Wir können auch langsam!“

So vertrauen wir den Nachwuchssportlern und einigen uns auf die Cappuccino-Route: Sie ist zwar gleich die längste und steilste der drei Skitourenrouten des Parks, bietet aber auch von oben den imposantesten Rundumblick. Also lassen wir die Kogelroute in der Morgensonne liegen und steigen über die präparierten Pisten bergan. 620 Höhenmeter gilt es nun zu überwinden – für Antonia und Finn ein Kinderspiel, hielten sie sogar den Gletscherexpress für überflüssig und stiegen die 1100 Höhenmeter aus eigener Kraft vom Tal herauf bis zum Gletscherrestaurant.

Schon bald eröffnet sich uns ein wunderbarer Blick auf das Skigebiet und die beiden anderen Skitourenrouten, die flankierend an uns vorbeiziehen. Rechts liegt die einfache Kogelroute, die schon früh am Morgen in der Sonne liegt: 440 Höhenmeter, größtenteils auf präparierter Piste. Jedoch gilt es selbst hier eine kleine Steilstufe zu überwinden – dort, wo keine Pistenraupe hinkommt. Wer noch etwas an seiner Spitzkehrentechnik feilen möchte, findet hier die Möglichkeit dazu.

Vorsicht! Wenn eine dünne Schneedecke die Spalten auf dem Taschachferner verdeckt, ist die Bildung einer Seilschaft obligatorisch.

Verschnaufpause
Links unserer Cappuccino-Route verläuft die mittelschwere Fernerroute. Sie zieht am südlichen Rande des Skigebiets hinauf, vorbei am 3166 Meter hohen Mittelbergjoch und schließlich hinauf zur Bergstation der Mittelbergbahn. Alle drei Routen lassen den Skitourenpark zum ersten und größten ganz Österreichs werden. 

Gute zwei Stunden später stehen wir schwer schnaufend am Café 3440.  Auch wenn es etwas diesig ist: Das 360°-Panorama ist überwältigend und wird ganz klar von der Wildspitze dominiert. Nur noch der riesige Taschachferner liegt zwischen ihrem Gipfel und uns, 500 Meter unter unseren Füßen. Drüben können wir sogar eine Handvoll Skitourengeher ausmachen, die auf den gigantischen Eisflächen der Wildspitze nur als hin und her schwingende Punkte auszumachen sind. Die Vorfreude wächst in diesem Moment fast ins Unermessliche.

Aber nicht nur die prächtige Aussicht wirkt auf uns. Es ist auch die dünne Luft, die uns auf den letzten Metern ordentlich zugesetzt hat. Hier oben ist der Luftdruck fast um ein Drittel geringer als beispielsweise bei Erl im Norden Tirols, dem mit nur 465 Metern tiefstem Punkt des Bundeslandes. Somit sinkt für uns auch spürbar der Sauerstoffpartialdruck. Um unseren Körper mit einer ausreichenden Menge Sauerstoff zu versorgen, leisten unsere Lungen nun deutlich mehr als unten im Tal.

Eine kurze Steilstufe am Mittelbergjoch. Hier schnallen wir die Ski lieber an den Rucksack.

Rückblick
Natürlich lassen wir es uns aber selbst in dieser dünnen Luft nicht nehmen und sitzen schon bald vor deftigen Flammkuchen und kühlem Radler. Das Panorama-Café hält was der Name verspricht. Kennt man nun auch noch die Geschichte des Skigebiets und die der Erstbesteigung der Wildspitze, findet man sich hier oben in einer Welt voller Kontraste wieder. So wurde das Café auf der ausgesetzten Felskanzel des Hinteren Brunnenkogels erst vor neun Jahren erbaut. Die Lifte, welche über die Mittelberg-Skitourenroute verlaufen, wurden 2006 fertiggestellt. Bis 1995 wurde hier oben sogar noch ganzjährig skigefahren und bereits 1989 ging hier die höchste Seilbahn Österreichs in Betrieb.

Vor dem Bau des Gletscherexpress, der den Ball hier oben erst so richtig ins Rollen brachte, war der Gletscher für die meisten Menschen lange Zeit fast unerreichbar. Anders war das, wenn man noch viel weiter in die Vergangenheit blickt: Mitte des 19. Jahrhunderts stieß der Gletscher sogar bis fast ins Tal vor. Das Eis endete nur wenige hundert Meter vor dem Dorf Mittelberg auf einer Höhe von nur 1795 Metern.

Etwa zur selben Zeit stieg Leander Klotz vom Rofenhof auf Ötztaler Seite des Gebirgskamms gemeinsam mit einem Bauern dem Berg entgegen. 1848 erreichten die beiden als erste Menschen den Südgipfel der Wildspitze, damals aber bei Weitem nicht der höchste Punkt des Berges! Der zu dieser Zeit noch von dickem Eis überzogene Nordgipfel überragte den Südgipfel deutlich. Erst 13 Jahre später gelang Klotz schließlich auch dieser Gipfelerfolg: Vom Südgipfel erreichte er über den Verbindungsgrat den höchsten Punkt. 

Rafi sichert die letzten Meter zum Gipfel am kurzen Seil.

Zum ersten Mal auf Skihochtour
Dass heute dieser Nordgipfel nur noch eine unbedeutende Eisschulter ist, zeigt eindrücklich, wie sensibel und lebendig diese nur scheinbar starren Eisriesen sind. Das gute Essen, der Cappuccino und die mächtigen Seilbahnstützen ergeben zwar ein anderes Bild, doch im Grunde sind wir damals wie heute im ausgesetzten Hochgebirge, wo wir ohne technische Hilfsmittel ganz auf uns allein gestellt wären. Und weil gerade in dieser Tatsache schon ein Funken Abenteuerlust steckt, freuen wir uns so ungemein auf den morgigen Tag: Wir werden am Mittelbergjoch das Skigebiet endgültig hinter uns lassen, um uns im freien Gelände, vorbei an Spalten und Gletscherbrüchen, den Weg zum Gipfel der Wildspitze zu bahnen. Zuvor aber genießen wir noch ein wenig das Skigebiet mit all seinen Vorzügen.

Am nächsten Morgen bleiben die Steigfelle erstmal im Rucksack. Wer im Winter auf die Wildspitze will kann rein theoretisch sogar ausschlafen: Mit Bahn und Gondel erreichen wir, inklusive zweier kurzer Abfahrten zum Warmwerden, erst am späten Vormittag das Mittelbergjoch. Hier am X PARK tummeln sich die Funsportler. Wir tauchen aber schon bald ab in die Stille der Pitztaler Alpen. Kurz müssen wir noch südseitig vom Joch absteigen, vielleicht einhundert Höhenmeter, dann beginnt sie, unsere erste Skihochtour. Da wir uns ab sofort in ungesichertem Gletschergelände bewegen, haben wir uns für professionelle Unterstützung entschieden: Raphi und Alfi, die beiden Pitztaler Bergführer, begleiten uns auf dem Weiterweg und kennen den Gletscher in- und auswendig. Raphael Eiter, der Freeride-Fanatiker, hat 2007 das Pitztal Wild Face Freeride Extreme auf die Beine gestellt: Das härteste Freeride-Rennen der Welt! Alfred Dworak steht mindestens genauso gerne auf den Skiern, pickelt sich aber auch gerne mit Eisgeräten und Steigeisen senkrechtes Eis hinauf. Mit dem Skiexperten und Eiskletterspezialisten befinden wir uns also in allerbester Gesellschaft und ziehen schon bald an den ersten Gletscherbrüchen vorbei.

Etwas ungewohnt ist es dann schon: Da der frisch gefallene Schnee nur einige, aber eben nicht alle Gletscherspalten zuverlässig überdeckt, gehen wir als Seilschaft. Dabei gilt es, um das Seil zwischen uns immer leicht gespannt zu halten, eine gemeinsame Geschwindigkeit zu finden. Keine einfache Aufgabe für ungeübte Skihochtourengeher wie uns. Hin und wieder verhakt sich sogar das Seil in den Stoppern der Bindung. Mithilfe der Profitricks aber läuft bald alles rund und der technisch einfache Aufstieg verläuft bis zum Gipfelgrat problemlos.

Während der Abfahrt passieren wir wieder die schöne Petersenspitze. Die Haifischflosse ist eine einfache, schöne Alternative für Anfänger.

Top of Tirol!
Anfangs, auf dem unteren Teil des Taschachfernes, war bis auf das Café 3440 und einem wilden Gletscherbruch nicht viel zu sehen. Jetzt, keine hundert Meter unterhalb des Gipfels ändert sich das Schritt für Schritt. Am kurzen Seil kraxeln wir schließlich nur noch dem Himmel entgegen, so lange, bis es nicht mehr weitergeht. Nach nicht einmal drei Stunden und 700 Höhenmetern stehen wir überglücklich auf dem Dach Tirols. Ein wunderbarer Moment. Ein atemberaubender Gipfel. Und eine beeindruckende, alles überragende Aussicht, in der das Café 3440 – nun mehr als 300 Meter unter uns – fast völlig untergeht.

Viel Zeit lassen wir uns allerdings nicht für diesen Hochgenuss. Schon im Aufstieg ist uns der plattige, von Wind gepresste Schnee aufgefallen und auch wenn die Wildspitze grundsätzlich als technisch relativ einfacher Berg durchgeht, muss man in diesem Schnee erstmal fahren können. So tauschen wir nach dem Gipfelgrat wieder die Steigeisen mit den Skiern und setzen zögerlich zum ersten Schwung an.

Schnell wird uns klar: Hier zählt nicht die Haltungsnote, sondern vor allem Vorsicht und das umsichtige Umfahren von Spaltenzonen. Außerdem drängt nun doch die Zeit: Wir wollen noch übers Mittelbergjoch steigen und bis zur Talstation der Gletscherseebahn abfahren, um mit ihrer Hilfe wieder hinauf zum Gletscherrestaurant zu gelangen. Im Pitztal fahren die Bahnen nämlich noch pünktlich!

Mit den Skiern auf dem Rücken kämpfen wir uns deswegen nach einer immerhin landschaftlich enorm eindrücklichen Abfahrt zum Joch hinauf, welches wir im letzten Sonnenlicht erreichen. Die Pisten sind so spät am Abend fast menschenleer und während die Gipfel über den Pitztaler Gletschern noch orangerot in der Abendsonne glühen, schwingen wir ins kalte, dunkle Tal – mit einer glänzenden Gipfelerinnerung im Gepäck!

Autor: Benni Sauer

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