Allein über die Alpen

Wie ich über zwei Grenzen lief, um meine eigenen zu erreichen

Irgendwas muss jetzt passieren, denke ich mir, irgendwas Ermutigendes, irgendwas Motivierendes. Irgendeine Erinnerung daran, warum ich das hier eigentlich mache.

Der Grund dafür war längst in einem der letzten Schlammlöcher versunken, aus denen ich schon seit Kilometern meine Wanderschuhe mit einem lauten Schmatzen wieder rausziehen muss.

Diese Schlammlöcher, die der Regen der vergangenen Tage in den Waldboden gesogen hat, die verschlucken alles, was ihre Oberfläche berührt. Wanderschuhe eben, Wanderstöcke und auch alle Motivation und Zuversicht, die mich überhaupt dazu bewegt haben, mich und meinen Rucksack durch dieses Minenfeld aus Matsch zu manövrieren.

Mein einziges Ziel, für das ich die nächsten 200 Meter auf mich nehmen würde, ist die Bank, die dort am Wegesrand unter den Tannen steht. Auf den geschüsselten Holzplanken der Bank haben sich zwar Pfützen gebildet, – aber wenn ohnehin alles nass ist, spielt das keine Rolle mehr.

Als ich mit einem „Pflatsch“ auf die Bank falle, erinnere ich mich vage, warum ich hier bin. Richtig – genau diese Herausforderung habe ich gesucht. Wollte alleine über die Alpen laufen, von Gmund am Tegernsee bis nach Sterzing in Südtirol. Ich wollte schauen, was das mit jemandem macht, der zwar das weite Wandern kennt, nicht aber das Alleinsein. Ich wollte daran wachsen, Höhen und Tiefen überwinden. Die am Berg, aber auch die, die so eine Herausforderung mit sich bringt.

Aber gerade – gerade überlege ich, ob es das wert sein wird. Denn bei all dem Regen, der zu so einem Abenteuer dazugehört, gehört auch Sonne dazu. Und von der habe ich in den vergangenen Tagen definitiv zu wenig abbekommen.

Text & Bilder: Franziska Consolati

Einige Kilometer der ersten Etappe führen durch dichten Wald. Bei Regen fühlt sich der fast ein bisschen tropisch an.

Etappe 1: Hauptsache los

Schon durch das erste Bild dieser Alpenüberquerung fallen dicke Regentropfen. Der Tegernsee liegt im Nebel, auf seiner spiegelglatten Oberfläche tanzen die Tropfen. Die umliegenden Gipfel verstecken sich in dichten Wolkenschwaden, noch nicht einmal den Höhenweg 100 Meter oberhalb des Ufers kann ich sehen. Und trotzdem breitet sich auf meinem Gesicht ein Grinsen aus.

Endlich gehts los. Endlich habe ich acht Tage lang nichts anderes zu tun, als einen Fuß vor den anderen zu setzen, Fotos zu machen, Müsliriegel und Käsesemmeln zu essen. Regen wird mich nicht aufhalten können. So gut ich kann, rede ich mir das ein, solange ich selbst daran glaube. Denn es werden Momente kommen, da wird mir das Grinsen im Gesicht einfrieren und vielleicht auch nicht so schnell wieder auftauen.

Das weiß ich, weil diese Wanderung über die Alpen – 145 Kilometer, 5.640 Höhenmeter im Aufstieg und knapp 5.950 im Abstieg – nicht meine erste Weitwanderung ist. Abseits jeglicher Zivilisation bin ich durch den Westen der Mongolei gewandert, über eine Insel vor der Küste Tasmaniens, war acht Tage zu Fuß im afrikanischen Busch unterwegs.

Vom Tegernseer Höhenweg aus, der rund 100 Meter oberhalb
parallel zur Uferlinie verläuft, hat man immer wieder schöne
Blicke auf den See und das Gebirge dahinter. Theoretisch.

Meine größte Herausforderung dieses Mal wird also nicht das Wandern sein, sondern folgende: das alles alleine zu meistern. Bisher war ich immer mit meinem liebsten Reisegefährten unterwegs. Felix ist mittlerweile auch mein Mann geworden – und obwohl ich mir keinen besseren Partner vorstellen kann, will ich herausfinden, wie gut ich auf so einem Abenteuer ohne ihn zurechtkomme. Ohne einen hilfesuchenden Blick zur Seite. Ohne zur Ablenkung Lieder zu singen, zu schimpfen, wenn es nötig ist, vor Freude den Weg entlang zu tanzen und ohne sich gegenseitig aufzumuntern, wenn man nichts mehr will, als sich neben den Rucksack auf den Boden fallen zu lassen und nie wieder aufzustehen.

Dass das Alleinsein mein größter Gegner sein wird, das wird mir schon am zweiten Tag klar.

Regenpausen sind auch meine Pausen.

Etappe 2: Hallo wer ist da?

Ohne viel Vorwarnung wird diese zweite Etappe die Längste werden. Das ist ein Gedanke, den man so schnell wie möglich wieder loswerden muss. 

Entlang der glasklaren Weißach laufe ich von Kreuth Richtung Blauberge. Alles fühlt sich neu an, aufregend, im Rucksack ist wieder eine ordentliche Portion Aufbruchsstimmung, und ich kann erahnen, dass sich der Nebel nach den oberen Tannenspitzen lichten wird. Vielleicht gibt er dann sogar den Blick frei auf die umliegenden Gipfel. Das hoffe ich sehr, denn ich will unbedingt wissen, ob die Blauberge ihren Namen wirklich verdient haben.

Und ja, das haben sie. Und ich, ich habe mir, nachdem ich die bayerisch-österreichische Grenze überquert und die Blaubergalm hinter mir gelassen habe, eine Pause verdient, finde ich.

Was ich gerade noch nicht wissen kann: Diese Pause wird den Tag in zwei Hälften teilen. Die erste Hälfte, in der ich voller Zuversicht die erste Bergkette erklommen habe und es kaum abwarten konnte, weiterzulaufen. Und die zweite Hälfte – 15 Kilometer lang, durch den Wald nach Achenkirch. In der ich es kaum abwarten kann, endlich stehen zu bleiben. Von den 15 Kilometern bekomme ich vor Nebel und Regen kaum was zu sehen. Und hier, in diesen stummen Stunden aus Grau, wünsche ich mir nichts mehr, als Felix an meiner Seite zu haben. Auch, wenn die Sicht nicht besser, die Anziehsachen nicht trockener und die Etappe nicht kürzer wäre – es würde sich zumindest ein klein bisschen so anfühlen.

Auch der Weg, der am Ostufer des Achensees entlangführt, hält schöne Pausenplätze und beeindruckende Panoramen bereit.

Etappe 3: Spiegelbild im glasklaren Achensee

Der Steig, der sich oberhalb des Achensees an die Steilwand klammert, der soll einer der schönsten in ganz Tirol sein – und eigentlich Teil dieser Etappe. Bei Nässe raten allerdings alle Wanderführer von dieser recht ausgesetzten Route ab. Starkregen lässt ein „Aber vielleicht…“ gar nicht erst zu. Stattdessen laufe ich die Ostseite des Achensees entlang bis nach Maurach. Das Wasser ist hier nicht weniger klar, der Ausblick nicht weniger schön. Nur etwas flacher ist es, und nicht ganz so abwechslungsreich. Weil ich mich auf nichts sonst konzentrieren muss, konzentriere ich mich zu sehr auf den Gedanken, dass ich immer noch alleine unterwegs bin. 

Schlechtes Wetter sorgt oft für die schönsten Himmelsbilder. Ein Wolken-Licht-Schauspiel, das ich von meinem Balkon in Maurach aus bestaune.

Und jetzt sitze ich hier. Auf der Kiesbank am Ufer, während auch der Regen Mittagspause macht. Im glasklaren Wasser spiegeln sich die Butterblumen hinter mir, die lila Disteln, die Schafgarbe. Auch ich spiegle mich im Wasser. Der Platz neben mir ist leer.

Die dichten Wolken geben den Blick auf die umliegenden Gipfel nicht frei.

Genau so hatte ich es mir ausgesucht. Eine gute Idee, auch, wenn ich Felix vermisse. Endlich wird mir das wieder klar.

Bergdorf-Romantik im Zillertal. Und zum ersten Mal lässt sich zwischendurch sogar die Sonne blicken.

Etappe 4: Halbzeit

Mit dem Spiegelbild vom Achensee im Kopf ziehe ich mir die Kapuze tiefer in die Stirn, bevor ich von dem schützenden Blätterdach raus auf die Lichtung laufe. Heute steht ein Meilenstein bevor: das Zillertal.

Das Zillertal kenne ich von vielen Skitagen im Winter und von noch mehr Wanderungen im Sommer. Ich erkenne die einzelnen Gipfel und weiß, welcher Talort auf welchen folgt. Von München nach Mayrhofen sind es zwei Stunden Autofahrt – wie muss es sich anfühlen, diese zwei Stunden Autobahn mit vier Tagen Fußmarsch zu ersetzen?

Momentaufnahme: Kilometer 100.

Etappe 5: Endlich auf dem Weg über die Alpen

Unbeschreiblich. So fühlt es sich an. Als ich an diesem Morgen in Fügen im Zillertal aufwache, strahlt der Himmel zum ersten Mal blau. Und ich, ich bin deswegen so aufgeregt, dass ich am liebsten noch vor dem Frühstück losgegangen wäre. Nein, sogar losgerannt wäre ich am liebsten, aber dafür waren der Rucksack zu schwer und der Weg zu lang.

Die erste Etappe ohne Regen bringt ein völlig neues Wandergefühl mit sich. Immer wieder nutze ich schöne Plätze für eine kurze Pause in der Sonne.

Durch ein Meer an Blaubeersträuchern wandere ich über das Spieljoch und den Loassattel bis nach Hochfügen. Ein Panoramaweg, der immer wieder den Blick in die weiten, Zillertaler Alpen und auf die hohen Gipfel des Alpenhauptkamms freigibt. Die scheinen in weiter Ferne und ich kann mir kaum vorstellen, dass ich in den kommenden Tagen soweit und noch weiter wandern werde.

Pausenplatz: In der Morgensonne aufwärmen und das Panorama
auf die Rastkogelhütte und die Zillertaler Alpen genießen.

Etappe 6: Höhenluft

Immer Richtung Süden, immer der Sonne, immer dem Alpenhauptkamm entgegen. Die ersten Spätsommer-Sonnenstrahlen machen aus dem feuchten Gras einen Saunaduft, im Zickzack bahne ich mir meinen Weg hoch zum Sidansattel. Von dort oben aus sehe ich zurück nach Hochfügen. Ich sehe Richtung Loassattel, über den ich gestern noch gelaufen bin und die ersten Berge am Taleingang des Zillertals.

Die ersten Spätsommer-Sonnenstrahlen bringen das feuchte Gras zum Duften. Noch herrscht absolute Stille, die nur ab und an durch das Bimmeln der Kuhglocken gebrochen wird.

Eine halbe Drehung nach rechts schaue ich runter ins andere Tal. Der Weg dorthin schlängelt sich über vier Gipfel dem Horizont entgegen. Es geht auf und ab, aber dieses Mal nur noch in den Bergen. In meinem Kopf ist nichts als Glück. Mit dem Panorama vor Augen und der Sonne im Gesicht setzt sich ein Fuß ganz automatisch immer wieder vor den anderen. Ich bin angekommen auf diesem Weg über die Alpen.

Der Abstieg nach Italien hält beeindruckende Panoramen bereit.

Etappe 7: Das erste Mal

Zu Fuß ist die langsamste Art zu reisen. Und trotzdem geht es mir gerade fast zu schnell. Kaum im Zillertal angekommen, werde ich es schon wieder verlassen. Heute ist der Tag, von dem ich immer dachte, dass er ein Besonderer sein wird.

Mündung in den Schlegeisspeicher. Kaum zu glauben, dass die Farben echt sind.

Weil diese Grenze eine Besondere sein wird. Vom Schlegeisspeicher führt der Weg den Zamser Grund hinauf. Vorbei an der Lavitzalm, die noch auf österreichischer Seite liegt. Vorbei am Pfitscher Joch Haus, das sich schon in Italien befindet.

Blick zurück nach Richtung Stein/Sasso: Auf dem alten Hirtenweg geht es Richtung Taleingang.

Die Meter dazwischen bergen eine Gefühlsexplosion. Denn so oft ich diese Grenze schon überquert habe: Noch nie war ich zu Fuß von zuhause losgelaufen. Noch nie habe ich das alleine gemacht, mit allem auf dem Rücken, was ich für dieses Abenteuer brauche.

Angekommen auf dem Marktplatz in Sterzing. Im Hintergrund der Zwölferturm.

Etappe 8: Auf dem Marktplatz

Obwohl das Wolkenmeer am tiefgrauen Himmel jeden Moment brechen könnte, gehe ich auf diesen letzten Kilometern langsam. Ich kann es kaum erwarten, auf dem Marktplatz in Sterzing zu stehen, trotzdem weiß ich, dass mein Abenteuer in diesem Moment vorbei sein wird.

Im Wald bleibe ich öfter stehen, schaue mir alles ganz genau an. Es ist nicht so, dass ich diese Gegend nie wieder sehen werde. Aber ich werde sie nie wieder mit den Augen einer sehen, die gerade zum ersten Mal alleine über die Alpen gelaufen ist und kurz vor ihrem Ziel steht.

Das Ziel – der Marktplatz in Sterzing – war eigentlich nie mein Ziel. Das wird mir klar, als ich das Kopfsteinpflaster erreiche.

Ja, Sterzing ist rein geografisch eines, weil ich zu meinem Startbahnhof eben auch einen Endbahnhof brauche.

Das eigentliche Ziel, auf das ich die letzten acht Tage zugelaufen bin, findet sich aber auf keiner Landkarte. Es ist ein Persönliches.

Ich wollte alleine über die Berge laufen, in denen ich schon als Kind wandern war. Auch dann nicht stoppen, wenn mir der Regen den Boden unter den Füßen wegspült und mich andere Wanderer fragen, ob ich denn keine Angst hätte. Ihnen wollte ich nie was beweisen, aber mir selbst.

Und das habe ich, weil man sich auf eine Sache immer verlassen kann: Wenn man bis zu den Knöcheln im Schlamm feststeckt, flucht und wünscht, dass irgendwas Gutes passieren wird – dann wird irgendwas Gutes passieren. Und wenn das einzige Ziel, zu dem man es noch schaffen möchte, eine nasse Holzbank 200 Meter weiter ist – dann geht immer noch mehr. Dann gehen sogar noch hundert Kilometer mehr, bis man auf dem Marktplatz in Sterzing steht.


Etappenübersicht & Übernachtungen

Etappe 1: Gmund – Kreuth über Tegernseer Höhenweg
19 km  |  320 m bergauf  |  240 m bergab
ÜN: Gasthaus Batznhäusl:
www.gasthof-batznhaeusl-kreuth.de

Etappe 2: Kreuth – Achenkirch über Blaubergalm und Achenwald
28 km  |  1.120 m bergauf  |  970 m bergab
Abkürzung mit Bus möglich ab Achenwald;
ÜN: Posthotel Achenkirch:
www.posthotel.at

Etappe 3: Achenkirch – Maurach über Wanderweg Ostseite Achensee
18 km  |  70 m bergauf  |  60 m bergab
ÜN: Hotel Arthurs Achensee:
www.arthurs-achensee.at

Etappe 4: Maurach – Fügen über Rotholz
19 km  |  710 m bergauf  |  1.050 m bergab
ÜN: Hotel Edelweiss:
www.edelweisshotel.at

Etappe 5: Fügen – Hochfügen über Spieljoch und Loassattel
18 km  |  1.480 m bergauf  |  570 m bergab
Abkürzung: Spieljochbahn mögl. ab Fügen;
ÜN: Berghotel Hochfügen:
www.berghotel-hochfuegen.at

Etappe 6: Hochfügen – Mayrhofen über Rastkogelhütte & Rauhenkopf
26 km  |  1.140 m bergauf  |  1.800 m bergab
Abkürzung mit Bus möglich ab
Jausenstation Melchboden;
ÜN: Hotel Neue Post: www.neue-post.at

Etappe 7: Mayrhofen – Afens mit Bustransfer von Mayrhofen zum Schlegeisspeicher; über Pfitscher-Joch-Haus
27 km  |  680 m bergauf  |  940 m bergab
Abkürzung mit Bus möglich ab Stein;
ÜN: Leitenhof & Bacherhof:
www.leitenhof.it

Etappe 8: Afens – Sterzing über Flains
10 km  |  120 m bergauf  |  320 m bergab
ÜN: Hotel Lilie:
www.hotellilie.it

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