Alpensafari

Mit dem Nationalpark-Ranger auf der Suche nach den Big 5

Titelbild: Safari in Traumkulisse: im Nationalpark Hohe Tauern lohnt es sich immer wieder, das Fernglas beiseite zu legen und in die Ferne zu blicken.

Hinter uns spielt der Wind mit den Felsen, ansonsten ist es still. In einem Meer aus gelben und blauen Blüten knie ich im Gras, den Atem angehalten, das Fernglas fest an meine Augen gedrückt. Bei jedem Rascheln im Gras und jedem Poltern an den Felsen schlägt mein Herz schneller.

© Nationalpark Hohe Tauern | Norbert Hölzl

Neben mir im Gras kniet, genauso still und gespannt, Maria. Maria Mattersberger ist Rangerin. Der Nationalpark ihr Büro, die Wildtiere ihre Arbeitskollegen, in gewisser Weise. Zu Fuß auf Safari zu sein ist einzigartig. Jede Safari ist generell ein besonderes Erlebnis, zu Fuß aber ist die Verbindung zu Umgebung und Natur umso intensiver. Es geht langsam voran, dafür aufmerksamer. Wir hören genau, wir sehen genau.

Wilde Tiere zu entdecken, das ist die Krönung – dennoch lohnt sich allein schon das Gefühl der Suche. Das Gefühl, Spuren zu entdecken und die Fährte aufzunehmen. Die Aufregung, die jedes Geräusch mit sich bringt, und das Kribbeln beim Blick durch das Fernglas.

Was wir eben in diesem Moment durch die runde Linse zu sehen bekommen, ist sogar für Maria besonders. „Die Natur funktioniert eben nicht nach Lehrbuch“, flüstert sie mit einem Schmunzeln, bevor sie das große Spektiv zu mir herüber dreht.

Immer wieder halten wir an, weil Maria Mattersberger Tiere sichtet. In der Felswand klackert es, als sich eine
Steinbock-Herde auf den Weg macht.

Österreichs belebtester Nationalpark
Gerade aber lohnt sich nicht nur der Blick in die unmittelbare Umgebung – warum der in diesem Moment ein besonderer ist, dazu kommen wir später. Gerade lohnt sich ebenso der Blick in die Weite: in den umliegenden Gipfeln hängt ein Wolkenmeer, das alle Töne angenommen hat, die auf der Farbskala zwischen hellem Grau und dunklem Blau zu finden sind. 

Diese Gipfel aber gehören nicht etwa zu einem Gebirgszug, der den afrikanischen Kontinent durchstreift. Nein. In ihm ruht der höchste Berg Österreichs: 3.798 Meter über Null. Der Großglockner gehört dem Nationalpark Hohe Tauern an. Und der wiederum ist das Zuhause der Big 5 der Alpen.

Die Big 5 der Alpen sind freilich nicht Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Stattdessen: Steinbock, Murmeltier, Gams, Steinadler und Bartgeier. 

Die Felsen werden von der Morgensonne angestrahlt, als wir uns auf den Weg machen.

Das sind die Tiere, deren Sichtung Alpenbesucher in der Regel am meisten bewegt. Das Gefühl, ihre Fährte aufzunehmen, mit dem Fernglas um den Hals und der Kamera in der Hand, ist dem im afrikanischen Busch sehr ähnlich. Der Nervenkitzel ebenso.

Die Täler am Fuße des Großglockners gelten als besonders vielversprechend, um alle Big 5 der Alpen auf einer Safari zu sichten. Der Nationalpark Hohe Tauern bildet mit 1.800 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet Österreichs. 

Genau wie auf dem afrikanischen Kontinent gehört aber auch hier etwas Glück zur Safari – und im besten Fall das Expertenwissen eines Rangers. Nationalparkranger wie Maria Mattersberger kennen das Gebiet in- und auswendig. Vielleicht noch besser als ihre Westentasche. Auch beliebte Wanderwege der wilden Alpentiere haben sie längst durchschaut, sie wissen um frequentierte Routen und zuverlässige Futterstellen. 

Wenn wir einen guten Tag, eine gute Zeit und eine Portion Glück erwischen, können wir in den kommenden Stunden alle Big 5 am Füße des Großglockners sichten.

© Nationalpark Hohe Tauern | Alexander Müller

Safari vor der Safari
Der Kofferraum steht noch offen, das Spektiv ist noch nicht einmal ausgepackt, als Maria mir schon auf dem Parkplatz das kleine Fernglas entgegen streckt. Ich werde etwas hektisch, schaue nach rechts und links, drehe zügig am Zoom-Rädchen, um scharf sehen zu können. Ich muss schnell sein, denke ich, denn vielleicht ist das hier die erste und letzte Chance auf eine Wildtiersichtung. „Nimm kein Tier für selbstverständlich.“ Das habe ich auf den Safaris in Afrika gelernt. Maria hingegen ist entspannt.

„Keine Eile“, sagt sie. Und entschließt sich, dass genug Zeit sei, um das große Stativ aus seiner Hülle zu befreien und das Spektiv aufzuschrauben. In seliger Ruhe.

Die Gämse, die sie gerade am Steilhang oberhalb des Lucknerhauses gesichtet hat, werden dort lange genug grasen. Auch das weiß sie. Nicht nur, weil es nicht das erste Mal ist, dass die Safari schon am Parkplatz beginnt, noch bevor sie sich richtig vorstellen konnte.

Maria arbeitet mittlerweile seit 16 Jahren als Rangerin für den Nationalpark Hohe Tauern. Zu den Aufgaben von ihr und ihren Kollegen gehören nicht nur die Alpensafaris für Gäste, sondern auch Bildungsarbeit in Schulen und die Forschung für den Artenerhalt der einzelnen Tiere.

Was es damit genau auf sich hat – das erzählt Maria, nachdem der Kofferraum zu ist, das Spektiv über ihrer Schulter liegt und wir still und langsam immer weiter bergauf Richtung Talschluss wandern. 

Je weiter wir aufsteigen, desto rauer wird die Landschaft. Der Nebel gibt den Blick auf den Gletscher frei, der unterhalb des Gipfelaufbaus des Großglockner liegt.

Die Gefahr vom Boden
Die Geräusche der Gämse, die mit ihren Hufen immer wieder über den felsbesetzten Grashang klimpern, wird mit jedem Schritt leiser. Während sich genau vor uns der Gipfel des Großglockner in einem dichten Nebelmeer in den Himmel türmt, liegen die Felsen rings um das Tal frei. In der nach oben steigenden Sonne strahlen sie orange, die Wiesen sind mit glitzernden Wasserperlen überzogen. Friedlicher könnte dieser Morgen nicht sein – zumindest für uns. Denn ein paar Dutzend Meter weiter bricht jetzt Alarmstimmung aus.

F-i-e-p, f-i-e-p, f-i-e-p. F-i-e-p, f-i-e-p, f-i-e-p.

Ein hohes, schrilles Pfeifen spielt mit den Felswänden Pingpong. Hallt durch das ganze Tal. Der Alarmierer selbst sitzt keine 50 Meter von uns auf einem vom Gletscher glatt geschliffenen Fels. Ein Murmeltier, das sich die Kehle aus dem Leibe schreit.

„Schreit es immer wieder“, erklärt Maria flüsternd, „dann kommt die Gefahr vom Boden.“ Sie deutet auf sich, dann auf mich. „Stößt das Murmeltier nur einen langen Warnschrei aus, warnt es vor einer Gefahr aus der Luft.“ Das könne ein Bartgeier sein oder ein Steinadler. Beide gehören zu den Big 5 des Nationalparks Hohe Tauern. „Hören wir ein Murmeltier also nur einmal rufen, lohnt sich der Blick in den Himmel.“ Wenn man mich fragt, ist es genau das, was die Arbeit eines Rangers ausmacht: dass er uns nicht nur zeigt, was wir selbst sehen. Sondern auch das sieht, was wir nur hören.

Maria weiß nicht nur über die einzelnen Tiere Bescheid, sondern kennt das Zusammenspiel ihrer Welt. Mehr noch: Sie weiß sogar, wie sich die Tiere verhalten, wenn wir nicht hinschauen.

Maria weiß nicht nur über die einzelnen Tiere Bescheid, sondern kennt das Zusammenspiel ihrer Welt. Zu jeder Sichtung kennt sie eine Geschichte.

Die Hellseher-Gams
Über 10.000 kleinere und größere Tierarten beheimatet der Nationalpark Hohe Tauern. Manche von ihnen werden für Forschungszwecke und zum Arterhalt begleitet – von winzigen GPS-Sendern, die den Tieren an einem Halsband umgelegt werden. Maria deutet mit dem ausgestreckten Arm auf ein kleines Holztor, das eine Höhle im Fels verschließt. „Das ist eine der Fallen“, erklärt sie. „Gerade ist sie nicht scharf – wenn aber doch, dann fangen Jäger gemeinsam mit Nationalpark-Mitarbeitern mit ihr einen der Steinböcke, um ihm einen GPS-Sender umzulegen.“

Diese Sender übermitteln den Live-Standort der Tiere. Auf einer Karte können die Ranger und Forscherteams sehen, wo sich das Tier wann aufgehalten hat. Und obwohl diese Forschung schon seit Jahren im Nationalpark Hohe Tauern stattfindet, sind die Ergebnisse immer wieder überraschend.

So gebe es eine ältere Steingeiß, die ganz alleine unterwegs ist, erzählt Maria. Diese Geiß hat sich ausschließlich an einem ganz bestimmten und nicht allzu großen Hangabschnitt aufgehalten. Auf der Karte sieht das aus wie ein wilder Punktesalat an einer Stelle, während der restliche Platz blank ist. Bis auf einen einzigen weiteren Punkt auf der gegenüberliegenden Hangseite.

„Was ist an diesem Tag passiert?“, frage ich Maria. „Spannend ist vielmehr, was am nächsten Tag passiert ist“, antwortet die. „Nämlich ein schlimmer Sturm, der viele Muren verursacht hat.“ Die Geiß hätte nicht überlebt, wäre sie dort geblieben, wo sie immer war. Über einen siebten Sinn aber muss die Steingeiß von dem Unglück gewusst haben, noch bevor es passiert ist. Und ist anschließend putzmunter zu ihrem Heimathang zurückgekehrt.

© Nationalpark Hohe Tauern | Gunther Gressmann

„Man sieht nur, was man weiß.“
Das hat schon Johann Wolfgang von Goethe gesagt. Vielleicht trifft das auf nichts besser zu als auf eine Safari – ganz unabhängig davon, ob sie in einem afrikanischen Land oder in Österreich stattfindet. Und es ist sogar noch ein bisschen mehr als das: Sind wir nämlich mit einer Rangerin wie Maria unterwegs, dann wissen wir hinterher noch so viel mehr, als wir an einem einzelnen Tag sehen können.

Dann kennen wir zum Beispiel die Geschichte der Hellseher-Geiß, oder die eines Steinadler-Brutpaars, das in der steilen Felswand noch unterhalb des Lucknerhauses ein Junges aufzieht.

„Ein Steinadlerpaar bleibt lebenslang zusammen und brütet jährlich einmal“, erklärt Maria. „Wir haben Glück, dass der Jungvogel noch im Horst sitzt.“ 

Der junge Steinadler blickt gerade direkt in unsere Spektiv – als wüsste er genau, dass wir es von über 100 Meter Luftlinie entfernt beobachten. Den Horst hat es in diesem Alter noch nie verlassen, das aber wird sich bald ändern. „Noch ein, zwei Wochen“, schätzt Maria. „Maximal.“ Das erkenne sie nicht nur an der Größe des Kükens und daran, dass der helle Flaum weitestgehend dunklen Federn gewichen ist. Sondern auch daran, dass der Vogel seine Flügel immer wieder streckt. Er macht sich bereit für seinen ersten Flug. Später dann wird er eine Flügelspannweite von über zwei Metern haben. „Steinadler können dreimal so scharf sehen wie wir Menschen“, sagt Maria. Und in diesem Moment frage ich mich, wie um alles in der Welt sie dann diesen perfekt getarnten Horst inmitten der Felswand erkennen konnte. 

Anders als im Lehrbuch
Maria aber überrascht mich auf dieser Alpensafari immer wieder. Nicht nur mit dem, was sie weiß und was sie sieht. Sondern vor allem mit dem Gefühl, das sie vermittelt.

Es geht um die Stille, ums Beobachten und ums Staunen. Und damit unterscheidet sich Maria nicht von den Rangern, mit denen ich über afrikanischen Boden gelaufen bin. Und: in Afrika wie in Österreich gibt es Situationen, die funktionieren anders als das Lehrbuch. Das ist zum Beispiel ein Giraffenpaar, das ganz untypisch monogam lebt. Oder eine Gams, die sich zu einer Steinbock-Herde dazugesellt hat.

Letzteres ist es übrigens die Sichtung, die sogar Maria zum Schmunzeln gebracht hat: eine einzelne Gams, die sich offenbar für einen Steinbock hält und sich völlig selbstverständlich und mit einer Seelenruhe in deren Herde aufhält. Die Steinböcke hingegen sind weniger begeistert und betrachten die Gams skeptisch. Versuchen immer wieder, sie doch abzuhängen – finden sich dann aber damit ab, dass sie wohl von nun an zu ihnen gehört.

Wir beobachten das Schauspiel eine ganz Weile lang. Bis die Tiere gemeinsam mit der Sonne in höhere Lagen aufsteigen. Die morgendliche Magie der Safari verpufft damit – es ist ein bisschen, als würde sich dieses Fenster in die wilde Welt wieder schließen. Der Wind spielt weiter mit den Felsen, als wäre nichts gewesen, langsam kommen uns immer mehr Wanderer entgegen.

Manche von ihnen werfen einen negieren Blick auf das große Spektiv, das Maria immer noch auf ihrer Schulter trägt. Ranger bleiben Ranger. In Afrika wie in Österreich.

Text und Bilder:  Franziska Consolati

AUF ALPENSAFARI IM NATIONALPARK HOHE TAUERN

Die geführten Safaris mit Nationalpark-Rangern finden während der schneefreien Monate immer montags und freitags statt – ungefähr zwischen Juni und September. Ausgangspunkt ist der Parkplatz Lucknerhaus Glocknerwinkel bei Kals am Großglockner.

Von dort aus wandert die Gruppe etwa 400 Höhenmeter, die Tour dauert insgesamt rund vier Stunden. Wer danach selbstständig weiterwandern will, kann zum Beispiel mit Blick auf den Großglockner bis zur Stüdlhütte aufsteigen.

Anmeldungen werden telefonisch von der
Nationalparkverwaltung Hohe Tauern angenommen.
+43 4875 / 51 61 10 • www.hohetauern.at

Außerdem gibt es die Möglichkeit, Ranger für individuelle Touren zu buchen.
Zum Beispiel für eine Safari im Winter.

Nationalpark-Büro Hohe Tauern
Tel.: +43(0)4875 5161806872
nationalparkservice.tirol@hohetauern.at

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