Alpiner Spielplatz

Im Zillertal, vor den Türen des neueröffneten Tirolerhof Tux

Spiegelglatt! Man kann sich kaum vorstellen, welche Kräfte hier über die Jahrtausende geherrscht haben müssen. Das Gletschereis hat den Fels derart geschliffen, hat ihn geformt und modelliert, dass sich nicht das kleinste Pflänzchen daran festhalten kann. Und so hängen heute dort, wo der Gletscher sie freigegeben hat, blanke Felsplatten über unseren Köpfen. Und genau da geht’s jetzt rauf!

Der Hintertuxer Gletscher ist das Juwel des Tales. Er dominiert es geradezu, thront über den Ortschaften, den Straßen, den Menschen. Das merkt man daran, dass der Tuxer Ferner, wie er eigentlich heißt, überall schlicht der Gletscher genannt wird. Mehr als 100 Meter dick ist selbst heute noch sein Panzer und dreht man die Uhren ein paar Jahrtausende zurück, kann man sich leicht ausmalen, welche Dimensionen er damals gehabt haben muss. Skifahrer brettern an 365 Tagen im Jahr über ihn, jedoch tritt jetzt im Sommer immer häufiger das Blankeis zutage. Dennoch ziehen gleich eine Vielzahl verschiedener Lifte und Gondeln über den Tuxer Ferner hinweg, während er selbst sich mit etwa 40 Meter pro Jahr den Hang hinabbewegt, mitsamt seinen Spalten und Brüchen. Manche der Seilbahnmasten müssen sogar aufgrund des Flusses mehrmals pro Saison verrückt werden.

Von all dem Trubel bekommen wir nichts mit. Wir haben irgendwo zwischen der Sommerbergalm und dem Tuxer-Ferner-Haus den Weg verlassen und steigen auf einem unmarkierten Pfad 200 Höhenmeter in die ruhige Kleegrube ab. Hier unten ist von den Seilbahnstationen nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu hören. Dieses kleine Tal scheint völlig unberührt im Schatten des Gletschertourismus zu liegen und wäre da nicht die kleine Holzbrücke, nichts würde darauf hindeuten, dass hier schonmal ein Mensch gewesen ist. Durch gelbe Blütenteppiche bahnen wir uns nun endgültig weglos unsere Route. Einmal mehr kontrolliere ich unseren Kurs auf dem Handy: Wir sind richtig.

Kurz unterhalb der Gefrorenen Wand Spitzen.

Dass an den wunderschönen Spannnagel-Klettersteig kein Pfad mehr hinführt, hat mehrere Gründe: Der Einstieg liegt allein schon 700 Höhenmeter über dem Talboden – für 30 Minuten Klettersteig-Vergnügen ein doch beachtlicher Aufstiegsweg, der zweieinhalb Stunden Fußmarsch vom Tal beansprucht. Wer es kraftsparender angeht, der fährt mit dem Gletscherbus 1 und 2 bis zum Tuxer-Ferner-Haus und steigt dann etwa eine Stunde auf dem Fahrweg am Spannnagelhaus
vorbei bergab. Die meisten Gondel-Gäste wollen aber weiter hinauf, bis auf die Gefrorene-Wand-Spitzen, wo die Gipfelstation weit über der 3000er-Marke thront. Dem Schattendasein des Steiges kommt noch hinzu, dass der er nicht an einem pompösen Gipfelkreuz mit Rundumsicht endet, sondern einfach immer weiter abflacht, bis man wieder auf der Fahrstraße steht. Kein Wunder also, dass der Steig deswegen kaum noch begangen wird, dass seine Sicherungsseile teilweise mehr als restaurierungswürdig sind. Sie sind übrigens der Grund, warum aus dem eigentlich nur mittelschweren Klettersteig, schnell eine alpine Unternehmung werden kann.

Das steile, aber fotogene Finale des Spannnagel-Klettersteiges.

Nun aber, neben der unerwarteten Einsamkeit, zu den weiteren Pluspunkten des Klettersteiges: Die Route führt durchaus ansprechend durch einen steilen Felsriegel, den man von oben kommend so gar nicht vermutet hätte. Die Überraschung also doch plötzlich in alpinem Fels zu hängen, ist groß. Außerdem ist der Steig ungeheuer fotogen: Wer gerne in steilem Gelände seine Kamera zückt, wird hier seine helle Freude haben. Und nicht zuletzt ist gerade das glattgeschliffene Gestein eine Besonderheit. Oft sind weit und breit keine Tritte zu finden. Dann muss man sich allein auf die Reibung der Profilsohlen verlassen und beherzt ins Seil greifen. Nebenbei führt der Steig noch durch eine kunstvoll ausgewaschene Wasserrinne. Ein derartig spannendes, geologisches Klettersteigerlebnis, ist mir aus den Alpen bisher unbekannt und so freue ich mich immer wieder aufs Neue über die ungewohnten Felsformationen über und durch welche wir steigen. 30 Minuten schönstes Klettersteigvergnügen – auf der ruhigen
Seite des Zillertals. Fast schon ein Geheimtipp!

Die vom Gletscher glattgeschliffenen Felsen verlangen eine hohe Trittsicherheit.

Am Nachmittag begrüßen uns die Tipotschs in ihrem neu eröffneten Hotel Tirolerhof Tux. Modern, luxuriös und sportlich orientiert präsentiert sich das Haus in Lanersbach, doch das eigentliche Highlight, sind die Tipotschs selbst. Joggl Tipotsch, der unter seinem gezwirbelten Schnauzbart gar nicht erst versucht, sein sympathisches, ständiges Lachen zu verstecken. Zusammen mit seiner Frau Maria, die sich nicht weniger persönlich und liebevoll um die Gäste sorgt. Denn wer denkt, dass hier Hausherr und -herrin nur noch managen, von oben die Fäden in den Händen halten, der hat sich getäuscht: Im Tirolerhof soll man sich wie zuhause fühlen. Das bedeutet flache Hierarchien – wenn man das überhaupt noch so nennen kann – und, dass auch mal Maria persönlich das Abendessen serviert, dass Joggl einem persönlich den Krautinger einschenkt. Mit beiden plaudert man dann über längst vergangene Zeiten, übers Hier und Jetzt, über die Grundstoffe des Krautinger-Schnapses, so wie man eben mit Freunden nach einem langen Tag zusammen sitzt. So und nicht anders. 

Modernes Alpen-Ambiente im Tirolerhof Tux.

Auch zwei Juniors sind mittlerweile fest im Tirolerhof verankert: Nina, Marias Tochter, steht morgens schon früh in der Küche. Ihr Steckenpferd ist das Frühstück, der gute Start in den guten Tag. Das ist ganz besonders für die aktiven Gäste des Hauses wichtig und gerade deswegen eine Herzensangelegenheit der staatlich geprüften Skilehrerin & Fitnesstrainerin. Dass unser Tag bereits aber schon vor dem Frühstück gut startete, aufgrund der Sonne, die es doch tatsächlich schaffte, uns durch das zimmergroße Panoramafenster hindurch wach zu kitzeln, daran hat auch Nina keinen Zweifel. Sie drückt mir trotzdem ihren frischen Smoothie zusammen mit einer Speisekarte für den Tag in die Hand. Magnesium, Calcium und die unterschiedlichsten Vitamine sind auf ihr aufgelistet. Das ausgetüftelte Schlaf-Gut-Menü am Abend ist nicht nur locker und leicht, es legt auch größten Wert auf eine optimale Versorgung mit allen Mikronährstoffen, die man für einen aktiven Lebensstil benötigt. Und Nina wird ja schon wissen was sie uns da auftischt, denn auch wenn draußen die Tage kaum länger sein könnten, eigentlich ist der Winter ihre Jahreszeit. Jahrelang gondelte die Spitzensportlerin im ÖSV-Damenteam von Skirennen zu Skirennen durch die Welt, freut sich selbst heute noch wie ein kleines Kind über jede Schneeflocke, die vom Himmel tanzt und führt die Hotelgäste nur zu gern in aller Herrgottsfrüh zu den schönsten Hängen. Einfach weil sie ihre Berge kennt. Weil sie weiß, wie man sicher hoch und sicher wieder runter kommt. Und bestimmt auch einfach nur, weil sie es so gut kann.

Steil und anspruchsvoll geht’s über den Klettersteig am Knorren.

Ihr Pendant – wobei, so unterschiedlich sind sich die beiden eigentlich gar nicht – ist Matthias, der staatlich geprüfte Bergführer. Es ist die Liebe zu den Bergen, die wohl größte Verbindung der zwei jungen Sportskanonen. Ebenso wie Nina, nimmt auch Matthias seine Hausgäste mit raus in die Berge, immerhin ist ja gerade das sein Job. Ein Job, den er sehr gut, also wirklich extrem gut ausübt. Bergführer-Weltmeister ist immerhin ein Titel, den nicht jeder trägt – und das sogar gleich dreifach. Unter den 20 besten Sportkletterern durfte sich Matthias sogar schon einmal zählen. Gemeint sind nicht die 20 Besten des Zillertals, oder Tirols, nein, natürlich der Welt. Das sind Zahlen, Fakten, Titel, die man dem jungen Bergfex nicht anmerkt. Er strahlt vielmehr eine eiserne Ruhe aus und selbst wer noch nie echten Fels in der Hand hielt, wer noch nie echtes Gletschereis unter den Füßen hatte, der wird sich mit Matthias in den Zillertaler Bergen wunderbar aufgehoben fühlen. Die beiden jungen Bergprofis sind also nicht nur für gesundes Essen und echte Bergerlebnisse verantwortlich, sie gaben erst den Anstoß für Joggl und Maria, die nicht in Wochen, Monaten oder Jahreszeiten, sondern in Generationen denken. Und so steht das neue Sport-Konzept des Tiroler Hofes, welches wir schon am kommenden Tag mit Nina voll auskosten möchten. 

Früh am morgen richten wir deswegen schon die hauseigenen E-Bikes, schwingen uns auf die Sättel und kurbeln uns bergauf. Durch den schönen Ortsteil Schöneben, vorbei an der toll gelegenen Geiselalm und hindurch durch die urromantische Hobalm. Einige Kehren und Kühe später stehen wir an der Vallruckalm, 900 Höhenmeter über dem Tirolerhof und Nina geht quasi nahtlos zur zweiten Disziplin ihres Tirolerhof Triathlon über: Ein knapp einstündiger Fußmarsch zum Eiskarsee. Oben angekommen stünde eigentlich noch das Schwimmen auf dem Programm, doch wir überlassen das lieber weiterhin den Eisschollen, die hier oben manchmal selbst noch im Sommer herumtreiben. Stattdessen genießen wir den Ausblick, die Ruhe und das Glitzern des Wasserspiegels. Noch ein Juwel! Und schon am nächsten Tag werden wir feststellen, dass es noch unzählige weitere Zillertaler Juwelen gibt!

Der Zirbenweg am Penkenjoch.

Wieder sind die Bike-Akkus geladen und wieder schieben wir uns früh morgens vom Hof weg, bin zum Penkenjoch hinauf. Dort oben rollen wir gemächlich den Panoramaweg entlang, mit Blick auf die prächtige Ahornspitze. Auf den schillernden Stillup Speicher. Und auf die kecke Zsigmondyspitze, die ihren ausgesetzten Felsgipfel mehr als 3000 Meter in den Himmel streckt. Unser geplanter Gipfel ist derweil weit weniger aufsehenerregend, doch ist er dank seiner schnellen Erreichbarkeit heute genau das richtige Ziel: Der Knorren! Dieser unscheinbare Felsen, erhebt sich nur wenige Meter über die Wiesen des Penkenjoch, wartet aber mit spannenden Klettersteigpassagen auf uns. Sogar eine Seilbrücke und mehrere C-Stellen überklettern wir, bis der Blick zum Speichersee und die dahinterliegende Penkenalm sichtbar wird. Einmal mehr zücken wir die Kameras, denn das Stahlseil windet sich höchst ansehnlich den Fels hinauf. Also noch ein Juwel. Der Auslöser klickt. Einmal. Zweimal. Fünfmal. Dann sind es nur noch wenige Sprossen und Stufen, bis wir am Gipfel des Knorren stehen. Hoch über Mayrhofen. Hoch über dem Tuxer Tal, mit einem atemberaubenden Blick auf die Zillertaler Alpen, wo sich Gipfel an Gipfel aneinanderreihen. Jeder dieser Berge steht für ein eigenes Abenteuer. Juwel für Juwel. 

Text: Benni Sauer

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