Andy aus Anton

Der Arlberg gilt zu Recht als Mekka der „Freireiter“: Doch wer auf den bekannten Runs auch nur ein
bisschen zu spät kommt, findet nur noch selten unverspurtes Gelände. Es sei denn, man ist mit
Andy Thurner unterwegs. Der Berg- und Skiführer hat schon Caroline von Monaco und vielen anderen „very important skiers“ die geheimen Powder-Spots zwischen „Stanton“ und Lech gezeigt.

(Titelfoto: © TVB St. Anton am Arlberg | Patrick Bätz)

Er ist eben nicht der Anton aus Tirol, sondern der Andy aus Anton: Und der ist ein bisschen nachdenklich an diesem Morgen. Am Berg herrschen Bedingungen, die seinen Job nicht unbedingt leichter machen. Seit Tagen ist die Lawinengefahr in ganz Österreich „erheblich“, es gab bereits mehrere Unfälle mit Toten und Verletzten. Eine instabile Gleitschicht, ähnlich einem Kugellager, ist schuld an dem ungünstigen Aufbau der Schneedecke. Gleichzeitig hat es seit Tagen nicht mehr geschneit. Bei der Fahrt von St. Anton hinüber nach Lech sehen wir wild zerfurchte Hänge, auf denen kein einziger Quadratmeter Powder von den dicken Brettern der Freeride-Gangs aus aller Herren Länder verschont geblieben ist.

„Neulich hat’s sogar einen Steinbock erwischt“, erzählt Andy. Der habe ein Schneebrett ausgelöst und sei mitsamt der Lawine abgestürzt, mitten auf die Piste. Weil niemand den Abgang beobachtete, habe die Bergwacht nicht gewusst, ob auch Skifahrer verschüttet wurden. Also rückten sie in voller Mannschaftsstärke an und suchten den Lawinenkegel mit Sonden nach Opfern ab. Sie fanden den toten Steinbock, aber zum Glück keine Skifahrer. „Okay, aber warum erzählst Du uns die Geschichte jetzt?“, wollen wir wissen. Wir seien erstens keine Steinböcke, und zweitens immer mit Schaufel, Sonde und VS-Gerät unterwegs, meist auch mit Lawinen-Airbag. – Jetzt muss auch Andy schmunzeln. Na ja, eigentlich sei heute ja ein prächtiger Tag. Er habe in jüngster Zeit nur zu viele Freerider getroffen, deren Motto „Erst schaufeln, dann denken“ zu lauten schien.

Jungfräulichen Powder wünschen sich natürlich alle Freerider.
© TVB St. Anton am Arlberg | Patrick Bätz

Schon wenig später zeigt uns Andy, dass sich Sicherheit und Spaß keineswegs ausschließen müssen. Arlberg-Novizen würden jetzt vielleicht die Route vom 2.450 Meter hohen Madloch-Joch hinunter nach Zug in Angriff nehmen – und sich hinterher fragen, ob sie versehentlich einen Truppenübungsplatz besucht haben. Andy dagegen peilt zum Einfahren die weiten Hänge unterhalb des Rüfikopfes an. Die meisten Powder-Süchtigen haben die südseitigen, mittelsteilen Hänge links liegen gelassen, weil sie hier bestenfalls „Platten-Pulver“ erwarteten. Ein Fehler, denn bei den eisigen Temperaturen der vergangenen Tage hat sich der Schnee zwischen Monzabon- und Pazielmähder trotz der Süd-Lage super gehalten. Wir werden frecher, probieren steilere Runs wie Guggis-Sattel, Hasenfluhscharte und Flexenmähder. Bei der nächsten Auffahrt mit der Madlochbahn queren wir gleich unterhalb der Bergstation zu einem markanten Sattel unterhalb der Mittagsspitze hinaus. Von dort sehen wir die Gamsroute ein. Wir sind zwar nicht die ersten, die sich die anspruchsvollen 940 Höhenmeter hinunter zur Straße Lech-Zürs vornehmen, aber es ist noch genügend Platz für First Tracks vorhanden.

Wir trampen zurück nach Lech. Ein letzter Ride ist noch drin vor der Mittagspause. Wieder geht’s mit der Madlochbahn hoch, dann kurz die 33er-Piste hinab, bis wir diese nach rechts verlassen und unterhalb des Omeshorns traversieren. Bei den Hornplätzen checken wir die Lage. Der Schnee ist noch pulvrig dank der nordostseitigen Hangausrichtung. Und wir entdecken jungfräuliche Rinnen zwischen den Latschen. Das Beste aber: Ganz Lech kann uns zusehen, wenn wir jetzt gleich lospowdern. Denn die Pelzmäntel-Trägerinnen auf den Sonnenterrassen der Nobelherbergen in Lech haben uns direkt im Blickfeld.

© TVB St. Anton am Arlberg | Patrick Bätz

Unten angekommen, haben wir alle dieses für Freireiter so typische, breite Grinsen im Gesicht, das es im Dauer-Abo zu geben scheint, aber jetzt mal wirklich angebracht ist. Auch Andy ist entspannt. An Tagen wie diesem kann er sein Insiderwissen voll ausspielen. Er kennt hier jeden Baum, jeden Felskopf, jede Rinne. Drei Jahrzehnte führt der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer schon am Arlberg, lange Zeit für die Skischulen Arlberg und Zürs, seit einigen Jahren als selbstständiger Guide mit eigenem Bergführerbüro. Auch in Kanada, Neuseeland und Russland hat er schon Heliski-Gruppen durch den Tiefschnee begleitet. Apropos Heliskiing: Am Arlberg gibt’s am Mehlsack noch immer einen Landeplatz für Heli-Gruppen, sehr zum Ärger von Naturschützern wie Mountain Wilderness. Natürlich hat auch Andy Gäste, die sich den 220-Euro-Spaß pro Lift mehrmals am Tag gönnen. „Cool ist das schon“, sagt er. „Besonders dann, wenn man First Tracks am Mehlsack erwarten darf. Die Chancen dafür stehen an einem Montag am besten. Denn an Wochenenden und Feiertagen dürfen die Chopper nicht fliegen.“ Heliskiing sei aber wirklich nur Freeridern zu empfehlen, die ihre Euros nicht zweimal umdrehen müssen.

Überhaupt, das liebe Geld. Umsonst ist am Arlberg nur der Schnee. Und er wisse ja, dass viele junge Freerider vor den Ausgaben für einen Profi-Guide zurückschrecken, sagt Andy. Aber er sehe eben auch die vielen Arlberg-Neulinge, die mit riesengroßen Erwartungen anreisen und dann mit der Komplexität und Weitläufigkeit des Gebiets restlos überfordert sind. Andy hat deshalb schon vor vielen Jahren einen Varianten-Führer für die Arlberg-Region geschrieben, mit 47 ausgesuchten Freerides von Lech bis Zürs und von St. Anton bis Stuben. Episch lange Abfahrten, die auch ohne Felle und Tourenbindung zu packen sind. „Als Bergführer darf man das eigentlich nicht machen“, lacht Andy. „Ich kannibalisiere damit ja mein Kerngeschäft.“ Aber er sei selbst mal jung und knapp bei Kasse gewesen. Und außerdem wolle er sein Wissen auch weitergeben. Trotzdem rät er, zumindest für den ersten und zweiten Tag einer Arlberg-Woche, einen Guide zu buchen: „Wenn vier Freerider zusammenlegen, ist das durchaus finanzierbar.“ Und verlängere eindeutig das Leben. Was für einen auch nicht gerade günstigen Pitcher Caipirinha am Abend im „Crazy Kangoroo“ noch nicht endgültig bewiesen ist.

Für eine lohnende Abfahrt nimmt Andy auch kurze Aufstiege mit den Ski am Rucksack in Kauf.

Für uns gibt’s jetzt ohnehin noch keinen Alkohol. Zwar shuttelt uns die Albonagratbahn entspannt nach oben – aber eben nicht ganz nach oben. Die restlichen Höhenmeter zum schicken Gipfelkreuz des Maroikopfes müssen wir die breiten Bretter auf den Rucksack packen. Wir reihen uns ein in die Schlange und schauen etwas missmutig. Der 1.300-Höhenmeter-Run vom Maroikopf hinunter nach Langen mag ja einer der „best of“ am Arlberg sein. Aber wo soll man bei dem Gedränge noch fluffigen Powder finden? Doch Andy weiß, dass viele einfach den anderen Spuren hinterherfahren, wo doch die riesige Mulde des „Krachel“ so viel mehr zu bieten hat. Der Pulvertraum findet erst ein Ende, als wir halb rutschend, halb hüpfend den „Wasserfall“, die enge Schlüsselstelle der Abfahrt, hinter uns bringen.

„Habt ihr noch Power?“, will Andy wissen, als uns das Taxi zurück zur Talstation der Albonagratbahn bringt. Wir nicken. Und das ist nicht mal gelogen. Schließlich hat uns Andy mit seiner Routenwahl kräftezehrenden Bruchharsch erspart. Also noch einmal hinauf zum Albonagrat, kurz die Piste hinunter, dann rechts ab und über mittelsteile, gewaltige Hänge hinab bis in den Talgrund der Maroi. Ganz still ist es hier, jetzt am späten Nachmittag. Wir können uns Zeit lassen, müssen nur noch das idyllische, enge Tal hinaus gleiten zum Gasthaus Verwall, dem Taxi-Pickup. Als wir dort abschwingen, rufen wir fast zeitgleich: „What a perfect day!“ Und zu Andy: „Gar nicht mal so schlecht für nicht ganz schwindelfreie Steinböcke, oder?“

Hoch das Bein – mit Andy kommt der Spaß nicht zu kurz.

Autor: Günter Kast
Fotos: TVB St. Anton, Andy Thurner

PRAKTISCHE INFOS

Revier & Wohnen: www.stantonamarlberg.com

Bücher: Andy Thurner: „Abseits der Piste – Rund um den Arlberg“ & „Arlberger Skitourenführer“ Eigenverlag Andy Thurner, beide Bücher sind direkt beim Autor zu beziehen. Kontakt: siehe unten

Guide: Andy Thurner, Arlberg Guides
Tel.: +43(0)664 2335010
E-Mail: andyski@aon.at
https://arlberg-guides.at

Kommentar verfassen