Ass ist Trumpf

Villgratental: Das Skitourenparadies

Im Villgratental gibt es bis heute kein Skigebiet. Dafür naturverträglichen Winterurlaub und viele Gipfel, die jedes Jahr mehr Skitourengeher anziehen. (Titelbild: Bilderbuchtag: Vom Thurntaler über die Hochrast auf das Marchkinkele.)

Der alte, massive Herd gibt sein bestes – doch das ist nicht genug. Nur direkt am Ofen spüren wir die Wärme des Feuers, im Rest des Raumes und in der kompletten Hütte ist es bitterkalt. Wobei das relativ ist. Denn in der Mittergutnigg-Hütte, eine der fotogenen Holzhütten der Alfenalm gleich oberhalb von Kalkstein, ist es deutlich wärmer als draußen, wo das Thermometer in der langen Januarnacht in den Keller rauscht und sich langsam der 20 Grad-Marke nähert – minus. Im Haus hat es dagegen knapp über null Grad, das fühlt sich beim Betreten fast schon warm an. Am kuschligsten ist es in der Stube, ganz nah am Herd, in dem das Feuer prasselt und langsam die Kälte vertreibt.

Die Mittergutnigg-Hütte ist eine urige Unterkunft und passt perfekt zum Villgratental. Denn das Seitental des Osttiroler Pustertals mit den Bergsteigerdörfern Außervillgraten und Innervillgraten sowie dem Weiler Kalkstein zählt zu den ursprünglichsten Natur- und Kulturlandschaften der Alpen und wurde daher schon öfters als Kulisse für diverse Filme genutzt. Während anderswo tälerüber-greifende Skischaukeln und riesige Hotels die Gäste anziehen, punktet das Villgratental mit familiären, teils eher einfachen Unterkünften, unberührter Natur und skifreundlichen Bergen im Überfluss. Entsprechend beliebt ist das Tal daher bei Skitourengehern, die im Winter 80 Prozent der Gäste ausmachen. 

Augen auf: In der Ferne reicht der Blick bis zur Rieserfernergruppe, im Nahbereich entdeckt man viele verlockende Abfahrtshänge.

„Allein von Kalkstein aus kannst du über eine Woche auf Skitour gehen und täglich neue Gipfel sammeln“, schwärmt Christof Schett beim Anstieg zum Marchkinkele, einem der schönsten Skitourengipfel im Villgratental. Als Profi-Snowboarder war der 50-Jährige weltweit unterwegs, doch die Heimat hat ihn nicht losgelassen. Mit der viertägigen Herz-Ass-Tour hat er eine neue Skitourenrunde kreiert, bei der man abseits der bekannten Modetouren das Villgratener Skitourenangebot entdeckt. Übernachtet wird dabei im Tal in einem Quartier nach Wahl, ein Shuttle bringt die Tourengeher zu den Ausgangspunkten – und holt sie anschließend beim Endpunkt wieder ab. Die Runde lässt sich sogar als Komplettpaket mit Guide buchen. „Einige Abschnitte sind kaum begangen und lawinengefährdet“ weiß Christof Schett und empfiehlt daher für die Tour einen lokalen Bergführer, „der kennt die sicheren Varianten – und erzählt spannende Geschichten aus dem Villgratental“.

Das aussichtsreiche Marchkinkele am Grenzkamm zu Südtirol ist der letzte Gipfel auf der ersten Etappe der Herz-Ass-Runde und begeistert mit einem Traumblick – besonders schön anzuschauen sind die Felszacken der Sextner Dolomiten vis-a-vis. „Unsere Berge punkten mit weiten Hängen“, zählt Christof die weiteren Vorzüge der Villgrater Skiberge auf, „das Gelände ist eher einfach und überschaubar, leicht zu befahren – und es gibt viele Varianten“. Bester Beweis dafür ist die lange Abfahrt über offene, perfekte Skihänge, die im beliebtesten Skitouren-Ausgangspunkt des Villgratentals endet. Zählungen am LVS-Checkpoint Kalkstein haben ergeben, dass allein hier rund 6000 Tourengeher während eines Winters starten. „Im Großen und Ganzen leben wir von den Skitourensportlern ganz gut und können damit die Betten füllen“, freut sich Christof Schett. Natürlich haben auch im Villgratental einst einige von einem eigenen Skigebiet geträumt, von einem Anschluss an die Lifte am Thurntaler, doch die Bahn wäre zu teuer gekommen. Und so verzichtete man bewusst auf Bettenburgen und freut sich heute über das Alleinstellungsmerkmal »Natur pur«, um das andere Talschaften das Villgratental längst beneiden.

Auf der zweiten Etappe der Herz-Ass-Runde entdecken wir die einsame Seite des Villgrater Skitourenangebots – und werden mit einer großartigen Abfahrt zur Unterstalleralm belohnt. Von dort aus geht es am nächsten Tag weiter Richtung Arntaler Lenke. Eine lange Tour mit der Oberstalleralm als erstem Höhepunkt. Ein Almdorf wie aus dem Bilderbuch, mit einer Kapelle und 18 wunderschönen Almhütten, deren dunkles Holz von der Sonne regelrecht verbrannt ist. Die malerischen Almdörfer mit den stattlichen, oft zweistöckigen Holzhütten sind ein Aushängeschild des Villgratentals und ein beliebtes Fotomotiv. Für Christof Schett ist die dritte Etappe die schönste der Herz-Ass-Tour. „Die Abfahrt führt durch ein sehr ursprüngliches Tal, da sind den ganzen Winter über kaum Skitourengeher unterwegs“, verrät er. 

Wer das Villgratental als Urlaubsziel wählt, der sucht und findet Ruhe. Und genießt beim Langlaufen, Schneeschuhwandern und auf Skitouren neben der unberührten Natur die familiäre Atmosphäre in den Quartieren. Etwa im Gannerhof in Innervillgraten. Dort hat Alois Mühlmann neben dem von seinem Großvater übernommenen Hof fünf alte Holzhäuser neu aufgebaut. Herausgekommen ist ein malerisches Ensemble mit dem Gannerhof als Mittelpunkt. Alois Mühlmann setzt auf Regionalität: Auf der Weinkarte stehen österreichische Weine, das Brot wird selbst gebacken, und das Fleisch – wie vieles andere auch – stammt von Bauern aus dem Tal. Der Gannerhof ist wohl das komfortabelste Quartier im Villgratental, wer es dagegen etwas ursprünglicher mag und auch gerne selbst kocht, der wählt wie wir als Unterkunft die Mittergutnigg-Hütte. Die wurde nach unserem Besuch allerdings Schritt für Schritt umgebaut und verfügt mittlerweile über eine Heizung und einen Waschraum mit Dusche. Frieren muss hier also keiner mehr, doch das Flair der auf 1700 Meter Höhe inmitten der verschneiten Berge gelegenen Holzhütte ist geblieben. Der schönste Platz ist dabei immer noch der große Tisch in der Stube, direkt gegenüber vom großen Holzherd, in dem das wärmende Feuer brennt.


Facts

Skitouren-Trümpfe im Villgratental
Neben vielen Tourenklassikern gibt es mit der Herz-Ass-Skitour eine großartige Mehrtagestour, bei der die Bergsteigerdörfer Inner- und Außervillgraten umrundet werden. 

Anreise:
Mit der Bahn nach Lienz bzw. Sillian und mit dem Bus ins Villgratental. Mit dem Auto über Kitzbühel, Pass Thurn, Felbertauerntunnel, Lienz und Sillian ins Villgratental.

Beste Zeit:
Januar bis April.

Karten:
freytag&berndt WK123/Matrei – Defereggen – Virgental und WKS3/ Pustertal – Bruneck – Drei Zinnen (jeweils 1:50.000).

Bergführer:
YellowSPORTS
A-9932 Innervillgraten
Tel.: +43(0)512 307196
www.leisespuren.at 

Tipp:
Transfers zu den Ausgangs- und Endpunkten der Touren können beim Busunternehmen Schmidhofer (www.schmidhofer-reisen.at) gebucht werden. Die Herz-Ass-Runde wird auch als Komplettpaket inkl. Quartier (5 Übernachtungen), Shuttle und Bergführer (4 Tourentage) angeboten.
Anbieter: www.leisespuren.at

Auskunft:
Tourismusinformation Innervillgraten
Gasse 7
A-9932 Innervillgraten
Tel.: +43(0)50 212340
www.villgratental.com

Kommentar verfassen