Zur Audienz beim König der Alpen

Mit Fotograf Eren Karaman auf Steinbocksuche

Es ist heiß. Weit mehr als 30°C hat es im Südhang, den wir uns hinaufkämpfen. Steil bergauf, über Felsblöcke und vorbei an tosenden Wasserfällen. Wir schwitzen, trinken, bleiben nur im Schatten stehen. Diese Momente nutzen wir, um unsere Schultern für einen Moment zu entlasten. Schmerzhaft merke ich, wie viel Glas Fotografen den Berg hinaufschleifen. Und all das nur für ein Foto. Dieses eine Foto, von dem Eren mir schon den ganzen Aufstieg über vorschwärmt. Ein Steinbock, im Morgenlicht. Mit der Weite der Bergwelt im Hintergrund. 

Wir beide wissen, dieses Foto existiert nicht. Noch ist es nur Fantasie. Eine Erfindung. Ein Ziel. Und genau deswegen schultern wir auch wieder unsere schweren Rucksäcke und steigen weiter auf. Wir sind motiviert!

Eren Karaman ist nicht unbekannt. In den Sozialen Medien werden seine Fotos tausendfach gesehen und geteilt. Fernsehauftritte, Preise und Interviewanfragen sind für ihn nichts Neues. Und trotzdem: Wie wir beide den steinigen Pfad hinaufhecheln erklärt mir Eren, wieso er sich beim Fotografieren jedes Mal aufs Neue wie beim ersten Mal fühlt. 

„Wir werden schon einen finden.“ Und wenn nicht? „Das gehört dazu! Mal stimmt das Wetter nicht, mal verstecken sich die Motive. So ist das in den Bergen doch irgendwie mit allem!“
Ich versuche mir krampfhaft eine nur hauchdünne Scheibe seiner Gelassenheit abzuschneiden. Dabei verliere ich aber Eren fast aus den Augen. Mit seiner bleiernen Gläsersammlung auf dem Rücken rennt er mir fast davon. Der Junge läuft nicht das erste Mal den Berg hinauf.

Die wenigen warmen Tage haben den Schnee um die Mindelheimer Hütte noch lange nicht bezwungen. Knietief liegt er auf 2000 Metern Höhe. Beide stillen wir zuerst unseren Durst, bevor Eren seine Ausrüstung inspiziert. Alles ist bestens durchdacht und organisiert. Er zeigt mir die unterschiedlichen Objektive und seine Kamera. Hightech und beste Qualität. Für Eren unbedingt nötig, denn er hat noch ein weiteres Foto erfunden. „Die Milchstraße mit der Hütte im Vordergrund! Das müsste ein tolles Motiv abgeben. Wir sind zur richtigen Jahreszeit hier und der Mond geht auch erst spät auf!“ Ich weiß in diesem Augenblick zwar nicht, wann der Mond aufgeht, was ich aber weiß ist, dass wir verdammt früh aus den Federn müssen, wenn wir bis zum frühen Sonnenaufgang Steinböcke gefunden haben wollen. Denn der ist um 5.10 Uhr. Ich schaue ihn fragend an und möchte gerade den Mund öffnen. „Ach, komm schon! Schlafen können wir auch noch im Tal genug!“ All die Mühen für ein Foto, dessen Entstehung ich an diesem Abend mehr als bezweifle. Fotografen sind manchmal echt anstrengend.

Steinböcke waren in den Alpen beinahe ausgerottet. Anfang des 19. Jahrhunderts verblieben nur etwa einhundert Tiere im Gebiet des heutigen Nationalparks Gran Paradiso in Italien. Zwar zählt der Steinbock heute nicht mehr als gefährdet, betrachtet man aber die Tatsache, dass alle Alpensteinböcke von diesen einhundert Tieren abstammen, erkennt man, wie sorgsam wir mit unserer Natur umzugehen haben. Heute sind es Geschichten wie diese, die den Mythos Steinbock leben lassen. Zum Glück! Denn das beinahe Aussterben der Tiere ist auf die angebliche Heilkraft ihres Blutes zurückzuführen.  Jetzt leben wieder über 40.000 Tiere in den Alpen. Und eines davon wollen wir vor die Linse bekommen.

Ich frage den Wirt der Hütte, ob er in letzter Zeit nicht zufällig einige Steinböcke gesehen hat. Und tatsächlich! Erst gestern Abend hat er einige Tiere unweit von der Hütte gesehen. Sogar noch ganz kleine Jungtiere sollen dabei gewesen sein.

Wir ziehen unsere Gläser leer, stopfen alles hektisch in den Rucksack und verlassen die Hütte in angegebener Richtung. Es ist noch 2 Stunden hell. „Dann wird aus dem Sonnenaufgang eben ein Untergang! Flexibilität ist alles!“

Der Sonnenuntergang ist umwerfend schön. Eren knipst immer wieder und fängt die Stimmung ein. Doch die erwarteten Steinböcke finden wir nicht. Die Enttäuschung ist groß und wie wir durch den tiefen Schnee zurück zur Hütte stapfen, verliere ich beinahe gänzlich meine Hoffnung. Morgen früh haben wir noch eine letzte Chance.

Eren aber verschwendet keine Gedanken an den missglückten Versuch. Er streunt um die Hütte, checkt verschiedene Blickwinkel und hebt immer wieder sein Handy in die Luft, als würde er vergeblich ein Mobilfunknetz suchen. Was ulkig aussieht, ist penibel genaue Vorarbeit für sein Nachtprojekt. Die App stellt auf seinem Display die momentane Position aller Sterne inklusive der Milchstraße dar. Dabei ist diese in Wirklichkeit noch gar nicht zu sehen. Erst einige Stunden später, gegen Mitternacht, steht Eren plötzlich vom Tisch auf. „Wir können jetzt los!“

Ein Stativ, ein lichtstarkes Objektiv und eine Kamera, die trotz hoher ISO-Werte kaum Bildrauschen verursacht, wird in Position gebracht. Die Belichtungszeit wird in die Länge gezogen, aber nur so sehr, dass in Verbindung mit der Brennweite des Objektivs die Sterne immer noch als Punkte und nicht als Streifen abgebildet werden. 15 Sekunden sollen es sein. Noch einige Feinheiten und Eren betätigt per Fernbedienung die Kamera. So werden selbst die kleinsten Wackler ausgeschlossen. Klick: Die Kamera belichtet. 15 Sekunden später stehe ich mit offenem Mund vor dem Display. Hunderte Sterne, tausende müssen das sein! Die Milchstraße, ein heller Streif der direkt hinter dem Hüttendach in die Höhe zieht. Ich bin erstaunt, dass die Kamera so viel mehr sieht als wir. Eren belichtet das gleiche Bild jetzt noch länger und legt später am Computer die verschiedenen Bilder übereinander. So entstehen also die nächtlichen Kunstwerke. Ich bin beeindruckt. Von seinem Foto, aber auch vom skurrilen Bild, das wir beide mitten in der Nacht auf einem Schneefeld abgeben müssen. Ein ganz neues Bergerlebnis für mich.

Zwei Stunden später. Der Wecker klingelt. Nur zwei mickrige Stunden später! Draußen ist es stockfinster, aber wenigstens noch immer sternenklar. Vorsichtig schleichen wir uns aus der Hütte, schlüpfen in die Stiefel und laufen in die Nacht hinein. Vor zehn Minuten lag ich noch im Tiefschlaf im Lager. Jetzt trete ich mit meinen schweren Stiefeln Stufen in den Schnee, was einem Kaltstart für meinen Kreislauf gleichkommt. Wir haben uns dazu entschlossen, nicht noch einmal in dieselbe Richtung zu laufen. Stattdessen gehen wir nach Osten, wo sich nach wenigen Minuten das dunkle Blau türkis verfärbt. Mit dem ersten Licht haben wir zum ersten Mal die Chance überhaupt Steinböcke zu finden. Doch so sehr wir uns auch bemühen durch unsere Teleobjektive etwas zu entdecken, so finden wir immer wieder aufs Neue Felsblöcke und Latschenkiefern. Nichts regt sich. Aus türkis wird orange.

Langsam wird der Weg steiniger und steiler. Um uns herum ausgesetztes Gelände. In der großen felsdurchsetzten Grasflanke liegt kein Schnee mehr, saftiges Gras bestimmt das Bild. Eigentlich optimales Steinbockgelände. Eren träumt wieder laut vor sich hin. „Wenn jetzt, in diesem Licht, genau hier hinter diesem Grat ein Steinbock stehen würde… Das wär´s!“

Ich lege meinen Kopf in den Nacken und versuche mir Erens erfundenes Bild vorzustellen. Der Himmel leuchtet in allen Farben. Der bewachsene Grat dagegen ist pechschwarz. Nur die Silhouetten einzelner Steine und Sträucher sind zu erkennen. Und dann ist da noch etwas. Etwas, was sofort unsere Blicke auf sich lenkt. Bewegung! Wir schauen uns kurz ungläubig an und danach sofort wieder nach oben. Zwei Spitzen. In absolut synchroner Bewegung schwingen sie leicht nach links und rechts, etwas nach unten und schließlich nach oben. Immer größer werden die beiden Hörner, die jetzt ein wenig auf uns zukommen. Einige Sekunden später stehen wir Auge in Auge mit dem König der Alpen im ersten Sonnenlicht. 

Aus Angst das Tier zu verjagen, habe ich sofort jede Bewegung eingestellt. Ich bin wie versteinert.  Eren ist zwar genau so überrascht wie ich, doch er kann sich schneller aus der Starre lösen. Er legt seinen Rucksack ab, vermeidet schnelle Bewegungen. Mit einem geschickten Handgriff ist das Objektiv gewechselt, sind die Einstellungen dem Licht angepasst und schon ist das erste Foto im Kasten. Mit jedem Klick fällt die Anspannung der letzten Tage mehr und mehr von mir. Wir sind also am Ziel, auch wenn für Eren die Arbeit jetzt erst richtig losgeht.

Um den Bock noch besser ins Licht zu rücken, gehen wir noch einige Meter bergauf. Dabei verlieren wir das Tier nie aus den Augen und kommen deswegen ganz unerwartet ans Gipfelkreuz. Uns eröffnet sich ein grandioser Rundumblick. Im Osten steht ein gleißender Feuerball nur einen Finger breit über den Gipfeln. Im Westen scheint die Nacht noch schwer in den Tälern zu liegen. Doch man kann dabei zusehen, wie das Licht die Dunkelheit selbst aus den kleinsten Senken spült. Es ist absolut windstill.

Wir versuchen das Tier aus unterschiedlichen Richtungen zu fotografieren, was nicht einfach ist, da Eren auf keinen Fall den Wanderweg verlassen will. Er ist sich seiner großen Reichweite bewusst und will auf keinen Fall Nachahmer dazu animieren den Tieren im freien Gelände nachzugehen. Glücklicherweise ändert der Bock nach einigen Minuten von ganz allein seine Position und bewegt sich langsam im Uhrzeigersinn um das Gipfelkreuz herum. Bis es im Schatten verschwindet. In steilstem Gelände verlieren wir es aus den Augen. Das war´s dann wohl. Eren hat tolle Fotos geschossen und auch wenn sie nicht ganz seiner Phantasie entsprechen sind wir überglücklich. Gemeinsam genießen wir noch diesen tollen Morgen. Ich schließe ein wenig meine müden Augen, konzentriere mich auf die wärmenden Sonnenstrahlen. Es ist kurz vor Sechs. Als ich einnicke und mich der Schlaf fast überkommt schrecke ich auf.

„Ich hab´s! Benni, ich hab´s!“  Ich schaue mich um. Eren ist verschwunden, niemand ist zu sehen. Bis plötzlich neben mir eine Hand den Fels ergreift. Eren! Ich stehe sofort auf, helfe ihm den letzten Schritt nach oben und schaue ihn fragend an. Er grinst nur über beide Ohren und hebt mir das Kameradisplay unter die Nase. Was ich sehe, ist wie aus unserer Phantasie geschnitten. Der Steinbock hat seinen Weg um den Gipfel fortgesetzt und ist auf der gegenüberliegenden Seite wieder ins Morgenlicht gekommen. Eren war im richtigen Moment am richtigen Ort und aus Fiktion wurde Realität. Seine Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt. Ich frage ihn total überwältigt wie er das nur immer macht. Eren aber packt nur seine Ausrüstung zusammen, zuckt mit den Schulten und sagt glücklich: „Komm! Wir machen Feierabend!“

Text: Benni Sauer, Bilder: Benni Sauer, Eren Karaman

Weitere Bilder von Eren Karaman:
www.erenkaraman.de
www.instagram.com/karamanschi
www.facebook.com/erenkaramanphoto

Zusätzlich zum Artikel hat unser Redakteur Benni Sauer noch ein Video ihrer gemeinsamen Aktion geschnitten:

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