Auf neuen Wegen: Die Erschliessung des Karwendels

Ein erhabenes Gefühl muss das gewesen sein. Vor nun schon mehr als 150 Jahren erforschte und durchstieg ein damals nur 25 Jahre junger Mann das noch unbekannte Karwendel. Als Hermann von Barth vier Jahre später von der „allherrschenden Zinne“ schrieb, so war die Rede von der großen Speckkarspitze. 2621 Meter hoch, liegt sie nördlich von Innsbruck, verdeckt von der Nordkette, inmitten des wirren Felschaos der mächtigen Gleirsch-Halltal-Kette. Selbst heute noch ist dieser Gebirgszug, wenngleich er auch einer der größten der Region ist, relativ selten besucht. Die meisten der dortigen Gipfel sind nur weglos zu erreichen. 1893 wurde im östlichen Teil der Kette die Bettelwurfhütte erbaut. Bis heute ist sie die einzige bewirtschaftete Berghütte in diesem Gebirgskamm.

Der brüchige Wettersteinkalk ließ in den Ketten des Karwendels steile Felsabbrüche entstehen, ganz besonders nordseitig. Manchmal wurden diese Wände viele hundert Meter hoch und als von Barth 1870 euphorisch jauchzend am Gipfel der Speckkarspitze stand, so vernahm er noch immer das Rumpeln und Poltern „der morschen Bollwerke, die durch das unerbittliche, kreischende Einstossen der Eisenklauen eins nach dem anderen zurück in die Tiefe sanken.“ Heute wird die Felsqualität gerne als karwendelig bezeichnet. Kein ungefährlicher Ort für Bergsteiger. Schon von weitem kann man unter den Gipfeln die gigantische Schuttkare sehen, die mancherorts bald täglich von herabstürzenden Gesteinsmasse genährt werden. Tatsachen, die den jungen Barth nicht abhielten. Ganz im Gegenteil: Der junge Naturwissenschaftsstudent drang weiter, tiefer und höher ins Karwendel vor als jeder andere vor ihm. Allein im Jahr 1870 bestieg er 88 Gipfel. Auf zwölf dieser Berge hatte noch nie ein Mensch zuvor einen Fuß gesetzt.

Bei der Speckkarspitze allerdings war das anders: 1843, also stolze 27 Jahre vor Hermann von Barth, betrat Markus Vincent Lipold den Gipfel. Im Zuge der geologischen Aufnahme für die Tiroler geognostische montanistische Gesellschaft, bestieg er mindestens acht Gipfel des Karwendels als erster Mensch – zu einer Zeit, in der von Barth noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt hatte. Unter den Erstbesteigungen Lipolds, findet man zum Beispiel auch die Lamsenspitze, ein von allen Seiten schroffer und abweisender Felsturm, mit teils haarsträubend brüchigem Gestein. 

„Das stolze Felsenhaupt hat sich gebeugt vor seinem Meister; und ein schmetternder Jauchzer fliegt durch die öden Kare und bricht sich hundertfach in den klüftereichen Mauern, und drunten im tiefen Thale knallt noch Pöller und Pöller – als gälte es jetzt mir, auf der allherrschenden Zinne.“
Hermann von Barth, Aus den nördlichen Kalkalpen, 1874

Herrmann von Barth als Bergsteiger. Druck um 1879.
©Archiv DAV

Lipolds Interesse an den Bergen, speziell am Karwendel, schien aber mehr beruflicher Natur gewesen zu sein. Zwei Jahre nach der Besteigung der Lamsenspitze, wurde er Schachtmeister und kümmerte sich fortan um die Salzbergwerke der Alpen. Von Barth aber war Forscher und Entdecker mit Leib und Seele. Dass sein Name bis heute nicht in Vergessenheit geriet, während die Menschen von Lipold meist noch nie ein Wort gehört haben, liegt aber sicherlich an einer weiteren Eigenschaft des umtriebigen Münchners. Er war nicht nur ein geschickter, ausdauernder Bergsteiger, sondern auch ein begnadeter Schriftsteller, der allein durch die Kraft seiner Worte in der Lage war, den Leser in eine detaillierte Bergwelt zu zaubern. 

Kaltwasserkarspitze, Lalidererspitze, Große Seekarspitze, selbst die Birkkarspitze, den höchsten Gipfel des Karwendels bestieg der Pionier in diesem einen, seinem Karwendel-Jahr 1870. Dabei waren die Alpen für Herman von Barth keineswegs Neuland. Bereits 1868 zog er durch die Berchtesgadener Alpen, nur ein Jahr später bestieg er 44 Gipfel in den Allgäuer Alpen, drei davon als Erster. 

Die Legende von Barth steht also auf einem soliden, alpinistischen Fundament, das, untermauert von seinem poetischen Talent, auch von der Tatsache gestützt wird, dass er hauptsächlich als Alleingänger unterwegs war. Auf derart hohe Gipfel zu steigen, war in der damaligen Zeit ohnehin schon ein gefährliches Spiel mit dem Teufel. Sich diesem auch noch allein zu stellen, schien den begabten Pfadfinder nur noch einsamer werden zu lassen. Nur sechs Jahre später trieb ihn der Wahn einer Fiebererkrankung während einer Afrika-Expedition in den Suizid.

Wer sich heute auf die Spuren Barths und Lipolds begeben möchte, hat dazu glücklicherweise gleich eine große Auswahl, für die aber meist eine gute Kondition und Trittsicherheit von Nöten ist. Die Speckkarspitze ist auch heute noch ein echtes Bergsteigerziel, genau wie die Kaltwasserkarspitze, über deren Besteigung in dieser Ausgabe ein gesonderter Artikel zu lesen ist. Der Barthgrat am großen Katzenkopf. Der Barthkamin am Risser Falk. Oder die Bartspitze, die ihm zu Ehren benannt wurde. Im zauberhaft schönen Kleinen Ahornboden, wurde von Barth sogar ein kleines Denkmal errichtet. Aber auch außerhalb des Karwendels gibt es Spuren: In den Allgäuer Alpen, genauer der Hornbachkette, kann man die Hermann-von-Barth-Hütte besuchen. Die dortige schroffe, karge Bergwelt scheint noch immer dem Pionier von damals auf den Leib geschneidert zu sein. Weglose, anspruchsvolle und ursprüngliche Gipfelziele, wohin man auch blickt. 

Hier steht auch der scharfe Hermannskarturm mit der wuchtigen Hermannskarspitze, unter welcher der Hermannskarsee glitzert. Ob diese Namen auf von Barth zurückgehen? Daran würde niemand zweifeln, hätte von Barth nicht selbstlos in seinem Buch geschrieben: „Den vom Kataster gebrauchten Namen Hermannskarspitz bekam ich, solange ich Bergtouren im Allgäuer Gebirge machte, niemals zu hören, was mich veranlaßte, ihn aufzugeben; […]“

Text: Benni Sauer

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