Auf Spurensuche!

Der Winter war lang in Tirol. Wie ausgestorben, eingefroren, völlig reglos, beinahe farb- und geruchlos wirkt da manchmal die Natur. Alles scheint unter der dicken Schneedecke konserviert zu sein. Doch der Schein trügt. Die Natur ist mitsamt ihren Bewohnern zwar im Ruhemodus, aber sie lebt. Sie ist in Bewegung. Und sie schreibt eine Geschichte – mit einer einzigartigen, unverkennbaren Handschrift.

Bergwanderführer aus Leidenschaft: Walter Stoll in seinem Element!

Walter Stoll: gebürtiger Lechtaler, Jäger, Naturfreund und Bergwanderführer mit kräftigem Händedruck. Ihn treffe ich unweit des Lechwegs, am Wanderparkplatz nördlich von Lechaschau. Ob wir die Schneeschuhe wirklich brauchen, frage ich, denn die starke Frühlingssonne hat den Südosthang vor uns schon fast zur Gänze freigeschmolzen. Die Antwort fällt klar aus und so schnallen wir uns schon nach der ersten Kehre die breiten Aufstiegshilfen unter die Füße. 

Vor uns liegt eine schöne Wanderung, eigentlich nicht mehr als ein kurzer Spaziergang. Doch bereits nach wenigen Minuten merke ich, dass mein Wanderführer viel mehr als nur den Weg kennt. Walter will nämlich mit mir auf Spurensuche gehen. Und diese Spuren lassen nicht lange auf sich warten! Keine drei Minuten sind wir unterwegs, da hält der Guide inne und deutet mit seinem Wanderstock in den Schnee neben sich. Die erste Tierspur! Ich selbst bin etwas ratlos, aber Walter hilft mir auf die Sprünge. Das Tier mit dieser Hand-, besser gesagt Fußschrift, ist schlau: Kraftsparend tritt es mit den Hinterläufen in die Fußstapfen (der Jäger nennt das übrigens Trittsiegel) der Vorderläufe. Wie aufgefädelt verläuft diese Fährte. Die einzelnen Abdrücke im Schnee liegen fast direkt in einer Line. Das Tier ist sogar so schlau, dass es selbst in der Nacht, wenn der Mond nur ein ganz sanftes Licht wirft, im Schatten bleibt. Vorsichtig. Immer auf der Hut. Der schlaue Fuchs!

Eine ungefähr 200 Meter entfernte Gams ist nur mit dem geübten Blick eines Jägers zu finden.

Wir stapfen weiter über den Frühlingsschnee. Derweil erklärt mir der Berufsjäger wie komplex seine Aufgabe mit all ihren Regeln und Vorschriften ist. Von unserem Standpunkt können wir gut auf sein früheres Jagdrevier blicken und mit den umliegenden Revieren bildet dieses einen sogenannten Hegering. Innerhalb dieses Hegerings stehen alle Jäger in engem Kontakt und tauschen beispielsweise Informationen über den Tierbestand aus, indem sie gesammelte Stangen (also Geweihe) zusammentragen. Da die Tiere jedes Frühjahr ihre Stangen abwerfen und man an ihnen das Alter des ehemaligen Trägers sehr genau ablesen kann, ist so sogar die Bewegung einzelner Tiere von Revier zu Revier nachvollziehbar. Darüber hinaus dokumentiert ein professioneller Fotograf die Tiere. Alles steht unter strenger Kontrolle und das Wissen über die einzelnen Tiere ist enorm. So ist es beispielsweise keine gute Idee, einen Hirsch zu schießen, von dem man weiß, dass er eigentlich im Nachbarrevier zu Hause ist und nur mal eben die Reviergrenze übertreten hat.

Diesen strengen Regeln ist so einiges zu verdanken: Der Wildbestand bliebt so erstaunlich gut unter Kontrolle und Verbissschäden an jungen Bäumen werden reduziert. Insgesamt ist das alles ein unfassbar sensibles Gleichgewicht, in welches Menschen wie Walter behutsam eingreifen und mit viel Feingefühl und Erfahrung an den Justageschrauben drehen. Apropos Verbissschäden: Nicht jeder Baum wird angeknabbert! Als wir einen kleinen abgestorbenen Baumstamm passieren, erklärt mir Walter, was es damit auf sich hat. Denn eigentlich wäre der Standort des Baumes optimal und er hätte sich wunderbar ausbreiten können. Oh ja, selbst dieser absolut unauffällige tote baum erzählt eine Geschichte: Seine Rinde wurde nämlich ringsum abgeschält. Ein sogenannter Fegebaum. Den Fegeschaden erlitt er, weil ein Rehbock an ihm den sogenannten Bast vom Geweih rieb. So entledigt sich der Bock nicht nur der abgestorbenen Hautschicht, sondern markiert gleich auch noch sein Revier. Der Baum bezahlt das allerdings mit seinem Leben.

Die charakteristische Spur eines Eichhörnchens.

Die nächste Tierspur lässt nicht lange auf sich warten. Zunächst tippe ich wieder auf den Fuchs, doch dann erklärt mir Walter einige kleine, aber feine Unterschiede: Das Trittsiegel ist rundlicher als das des Fuchses. Noch dazu sind die einzelnen Siegel nicht so feinsäuberlich aufgefädelt, sondern leicht zur Seite versetzt. Der Fall ist klar, hier war ein Hund unterwegs! Es ist also bei weitem nicht nur die wilde Natur, die auf der Schneedecke ihre Geschichte schreibt. Es sind auch wir Menschen, mit unseren vierbeinigen Freunden!

Wenig später dann eine völlig andere Fährte: Ein hoppelnder Hase, der seine Hinterläufe noch vor den Vorderläufen in den Schnee gedrückt hat. Auffällig dabei: Die beiden Vorderpfoten liegen nicht nebeneinander, sondern hintereinander. Anders ist es beim Eichhörnchen. Das kleine Fellknäul hoppelt zwar theoretisch auch wie ein Hase, setzt aber die Vorderpfoten nebeneinander auf. 

Walters Wissen scheint unendlich. Zu jeder noch so kleinen Auffälligkeit weiß er etwas zu erzählen. Zum Beispiel über die Fichtentriebe, die wie abgeschnitten massenhaft auf dem Frühlingsschnee liegen. In der Tat sind mir diese Triebspitzen beim Skitourengehen auch schon aufgefallen. Der Naturführer erklärt mir deswegen freudig, dass man dieses Phänomen nur südseitig findet: Wenn nämlich die Sonne tagsüber das Wachstum des Baumes anregt, aber der Nachtfrost deutlich macht, dass es noch lange nicht Sommer ist. Die Fichtenschnipsel sind also nichts anderes als ein Frostschaden. 

Walter scheint zu spüren, wie ich all diese Informationen nur zu gerne aufsauge. Und ich wiederum spüre, dass Walter in seinem Element ist. Wenn seine Gäste auf einer späteren Wanderung auch nur einmal an den heutigen Ausflug zurückdenken müssen, so wird er mir später noch sagen, habe er seinen Job richtig gemacht. 

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die dank des geringen Gewichts ein Stativ unnötig macht:
Das Bresser Pirsch 8×42 ist ein Fernglas fürs Leben!

Spuren über Spuren! Wir finden Wieselspuren, die teilweiße unter der Schneedecke als Tunnel angelegt sind. Wir finden Hirschlosung anhand Stoll sogar das Geschlecht des Tieres erkennen kann. Wir finden Gams- und Rehspuren. Und langgezogene gerade Linien, die von der eigentlichen Skitourenroute ins Gebüsch führen und an einem leicht gelblichen Fleck im Schnee enden: Wieder einmal der Mensch, der seinen Beitrag zur Geschichte leistet. 

Der Wanderführer zeigt mir auch eine Gamsfährte, die außergewöhnlich erscheint. Die einzelnen Trittsiegel sind in Vierergruppen recht weit voneinander entfernt. Das Tier befand sich ganz klar auf der Flucht. Ob die Abfahrtsspur, welche die Gamsfährte durchkreuzt, etwas damit zu tun hat? Ein wenig Interpretationsspielraum lässt uns dieses Kapitel der Schneegeschichte schon zu.

Wir haben bereits den Rückweg eingeschlagen, da bleibt Walter urplötzlich stehen. Langsam setzt er den Rucksack ab und kramt das Fernglas hervor: Volltreffer! Auf den geübten Blick des bereits weit über Siebzigjährigen ist eben Verlass. In etwas mehr als 200 Meter Entfernung hat er eine Gams gesichtet. Was ich mit bloßem Auge kaum erkennen kann, wird im Fernglas deutlich. Eine Gams, nein zwei, drei. Immer mehr! Gut getarnt, bestaune ich die Tiere durch die Sehhilfe und Walter schaut mich strahlend an. „Mehr kann ich nun wirklich nicht bieten“, lacht er und ich stimme zu. Ohne den Wanderführer wäre ich an dem Gamsrudel ganz bestimmt vorbeigelaufen. Ohne Walter hätte ich nicht nur die kleinen Unterschiede der verschiedenen Fährten kennengelernt – vermutlich hätte ich sie nicht einmal wahrgenommen. 

Dank Walter wurde so ein kleiner Spaziergang zu einem überaus spannenden Erlebnis, dass mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Denn er hat seinen Job ganz gewiss gut gemacht. Schon auf der nächsten Wanderung erzähle ich meiner Begleitung über die Spuren links und rechts des Weges. Und natürlich erzähle ich über Walter, den Guide aus dem Naturparkregion Reutte und über ein Kennenlernen, das mir ganz besonders große Freude bereitete.

Autor: Benni Sauer

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