Auszeitdorf Gramais

Berge, Luft und Heimat für die Seele

Dunkel und finster türmen sich die Wolken am Himmel an diesem Tag im späten Oktober. Feucht und lehmig sind die steilen Wiesenwege von Gramais hinauf zum Seitekopf (2344 m). Doch ich liebe diese Herbststimmung mit der klaren, kalten Luft und den bunt gefärbten Bäumen, wenn die gefallenen Blätter unter den Wanderstiefeln rascheln und die schwache Sonne allmählich Nebelschwaden aus den Latschen aufsteigen lässt. Wenn es einsam und ruhig ist am Berg, man keine Stimme zu vernehmen vermag, weder von Mensch noch Tier, und die Gedanken im Kopf auf Reise gehen und sich eine Auszeit nehmen.

Aufstieg zum Seitekopf über den lang gezogenen Gipfelrücken.

Gut 1000 Höhenmeter stapfen wir völlig allein am kühlen Morgen das schmale Steiglein hinauf. Es schlängelt sich zwischen vielen Reihen von Lawinenverbauungen die steile Waldflanke empor. Wer in den Bergen den Adrenalin-Kick sucht, ist auf dieser Tour völlig verkehrt. Ihr Reiz liegt in der ursprünglichen Bergnatur, der Ruhe und Einsamkeit. Dank seiner Südausrichtung lässt sich der Seitekopf zeitig im Frühsommer und eben auch noch spät im Herbst besteigen.

Am herbstlich frischen Gipfel des Seitekopfs.

Wir gewinnen schnell an Höhe, erst auf knapp 2000 Meter geht die ausgedehnte Bergwald- und Krummholzstufe in freies Wiesengelände über. Die Steilheit nimmt ab, die Sonne spitzt zaghaft hinter den Wolken hervor und wärmt unsere Gesichter. Zeit für eine kurze Trinkpause, Zeit zum Innehalten. Wir genießen den Blick auf die bunten Farbtupfer der Dächer von Gramais zu unseren Füßen und die changierenden Grüntöne der Vegetation des gegenüberliegenden, urwüchsigen Roßkars.

Blick vom Seitekopf auf Gramais und das gegenüber liegende Roßkar.

Wie aus einem Bilderbuch liegt das romantische Bergbauerndorf Gramais inmitten von grünen Wiesen und der steil aufragenden Bergflanken der Lechtaler Alpen. Zahlreiche Wildbäche und Wasserfälle, sowie fünf Gebirgsseen verleihen der umliegenden Landschaft einen ganz besonderen Charme. Im Volksmund wird Gramais „Gramoas“ ausgesprochen, das vom lateinischen „graminosa“ (grasreiche Gegend) herrührt und die landschaftliche Umgebung des Dorfes treffend in einem Wort auszudrücken vermag. Das idyllische Dorf ist die kleinste selbstverwaltete Gemeinde Österreichs. Mit 48 Einwohnern liegt das Dorf auf 1328 Meter Höhe und ist neben Kaisers, Pfafflar und Hinterhornbach eines der vier „Lechtaler Auszeitdörfer“.

Märchenhafter Wasserfall im Roßkar.

Die Lechtaler Auszeitdörfer sind etwas Einzigartiges. Schmale, aber gut ausgebaute Straßen schlängeln sich in ungezählten Kurven und Kehren in die Kleingemeinden hinauf, die einsam und allein am Talschluss liegen, wie am Ende der Welt. Die Wege nach Gramais, Hinterhornbach und Kaisers sind in der Tat Sackgassen, nur zu Fuß kommt man hier weiter. Mit Pfafflar, genauso wie den beiden Siedlungen Bschlabs und Boden, verhält es sich etwas anders. Hier kann man weiter über das Hahntennjoch, eine gut ausgebaute Passstraße, ins Inntal gelangen. In den kleinen Gemeinden der Seitentäler leben jeweils nicht einmal 100 Einwohner. So klein diese Dörfer auch sein mögen, in punkto Erholung, Natur- und Landschaftserlebnis sind sie ganz groß. Die Zeit scheint hier förmlich stehen geblieben zu sein. Lifte, Pisten und große Hotels sucht man vergebens. Seitens der Infrastruktur gibt man sich mit dem Nötigsten zufrieden, Autos und Busse verkehren nur gelegentlich. Dennoch – beziehungsweise, genau deshalb – gehören die vier kleinen Dörfer zu den modernen Sehnsuchtsorten unserer Gesellschaft, weil sie ihren ursprünglichen Bergdorfcharakter beibehalten haben. 

2019 wurde damit begonnen, in jeder Gemeinde einen „Auszeitplatz“ zu schaffen. Dafür wurden besondere Orte ausgewählt, die sich durch ihre Ausblicke, ihre Ruhe oder ihre spezielle Stimmung hervorheben. Die Kraftorte sind mit Bänken, Tischen und teils mit Liegen ausgestattet, alles ausschließlich aus Naturmaterialien gefertigt. Ideale Plätze, um sich eine Tiefenentspannung zu gönnen, Schlupflöcher für die Seele. Darüber werden auch angeleitete Auszeit-Veranstaltungen wie Kräuterwanderungen oder Waldbaden angeboten.

Altes Bauernhaus in Gramais.

Entlang eines breiten, langgezogenen Wiesenrückens wandern wir über mehrere Kuppen hinweg zur sanften Erhebung des unscheinbaren Gipfels und genießen nach rund zweieinhalb Stunden und 1000 Höhenmeter Aufstieg das überraschend weitläufige Gipfel-Panorama: Im Nordwesten erstreckt sich beherrschend der langgezogene Hauptkamm der Allgäuer Hochalpen und der Hornbachkette. Ganz im Nordosten stechen das Bollwerk des massigen Zugspitzmassivs und die langgezogene Heiterwand hervor. Im Süden erkennt man die charakteristisch schroffen Zacken von Leiterspitze, Kogelseespitze und Schlenkerspitze inmitten der Lechtaler Alpen, zwischen ihnen blicken schon vereinzelte, schneebedeckte Gipfel der Ötztaler Alpen hindurch.

Liebevoll gepflanzter Blumenschmuck in Gramais.

Windgeschützt, knapp unterhalb des Gipfelkreuzes, lassen wir uns unsere Gipfel-Brotzeit aus dem Gramaiser Hofladen schmecken: Frisch gebackenes Brot, Kaminwurzen und Bergkäse aus dem Lechtal. Hier werden selbstgemachte, regionale Produkte und Spezialitäten liebevoll zubereitet und verkauft. Wiederum fällt unser Blick auf das Bergdorf Gramais, so weit unter uns. Diesen Blick liebte auch der Münchner Kunstmaler und Bergsteiger Adalbert Holzer so sehr, der als Bergmaler neben Reschreiter und Compton zu den großen Künstlern seiner Zeit zählte, aber etwas in Vergessenheit geriet. Hier in Gramais fand er nach dem 1. Weltkrieg einen Platz, wo er in Ruhe und Besinnlichkeit die Motive malen konnte, die ihn faszinierten: Die Berge mit ihren bizarren Gipfeln und die Menschen des Dorfes in ihrer kargen Umgebung. Gramais wurde zu Holzers Wahlheimat. Mehr als 30 Jahre lang lebte er im schönsten und stattlichsten Gramaiser Bauernhaus, dem „Augustin-Haus“, einem traditionellen Holzhaus aus dem 16. Jahrhundert, das mit seiner stabilen Konstruktionsweise Wind und Wetter über Jahrhunderte standhielt. 

Tiefer Einblick ins Roßkar.

Auch für uns endet mit dem Abstieg zurück nach Gramais ein Bergtag, an dem wir die vielfältigen Eindrücke dieser urwüchsigen Berglandschaft und Natur, der Stille und Einsamkeit, in uns aufsaugen konnten – eine „Auszeit“, die uns in der anbrechenden neuen Woche noch viel Kraft schenken wird!

Text und Bilder: Alix von Melle

INFORMATIONEN

Das Bergdorf Gramais liegt auf 1321 m inmitten der Lechtaler Alpen. In Häselgehr zweigt die Fahrstraße nach Gramais ab und führt ca. 8 Kilometer entlang des Otterbachtales direkt in die kleine Gemeinde mit seinen Ortsteilen Dörfl, Gschwendt und Riefen. 

Lechtal Tourismus: http://www.lechtal.at
Gramais: http://www.gramais.com
Karten: Kompass-Karte 1:50.000
„Lechtaler Alpen, Hornbachkette“ Nr. 24
AV-Karte 1:25.000, Blatt 3/3 „Lechtaler Alpen – Parseierspitze“

TOURENVORSCHLÄGE

Seitekopf (2344 m)

Schwierigkeit: mittel
Gehzeit: 4:30 Stunden
Höhenmeter: 1000 hm

Die sonnige Bergwanderung zum Gipfelkreuz des Seitekopf schlängelt sich über steile, grasbewachsene Berghänge. Unterwegs schaut man immer wieder über das Meer aus grauen Zacken und grünen Rücken der Lechtaler Alpen ringsum. Zunächst auf schmalem Pfad zwischen einigen Reihen von Lawinenverbauungen hindurch, auf knapp 2000 m lehnt sich das nunmehr freie Wiesengelände etwas zurück, man wandert – mal mehr, mal weniger steil – immer entlang eines ausgeprägten Rückens hinauf bis zum Gipfelkreuz.



Roßkarsee, Hirschleskopf (2047 m)

Schwierigkeit: mittel
Gehzeit: 5:30 Stunden
Höhenmeter: 1050 hm 

Die Wanderung zum Roßkarsee gehört wohl zu den landschaftlich schönsten Wanderungen im Lechtal. Vom einsamen Bergdorf Gramais wandert man durch das urtümliche Roßkartal an Wasserfällen vorbei zum idyllisch gelegenen See mit seinem glasklaren Wasser. Über den schmalen, ungesicherten Heinzensprossensteig (Trittsicherheit unbedingt erforderlich) erreicht man den Hirschleskopf (2047m). Über den Hirschhals geht abwärts zurück nach Gramais. 



Kogelseespitze (2647 m)

Schwierigkeit: schwer
Gehzeit: 7:00 Stunden
Höhenmeter: 1400 hm

Das Gebiet um die Kogelseespitze ist für die zahlreichen Gebirgsseen wie den Gufelsee, Kogelsee und Parzinnsee bekannt. Von Gramais aus wandert man ins Kogelkartal. Vorbei am spiegelnden Kogelsee geht es über die Kogelseescharte zum Parzinnsee und weiter auf das Gufelseejöchl. Von hier gelangt man entlang des Südrücken bis auf den Gipfel der Kogelseespitze.

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