Bergrettung und medizinische Versorgung

Teil I
Wie hoch ist eigentlich der Gipfel der Dreistigkeit?

Was dem Beinahe-Absturz der Empathie folgt.
Zwei Jahre ist es her, da wurde in den sozialen Medien noch heftig diskutiert. Eine verunglückte Person musste damals unter widrigen Umständen im Salzkammergut vom Berg gerettet werden. Ein Großeinsatz – für alle Beteiligten physisch wie psychisch extrem fordernd. Wenige Stunden später erschien der Online-Bericht der Bergrettung. Sachlich. Rational. Nur ein Einsatz von hunderten.

Die (un)sozialen Medien?
Die Kommentare dagegen schlugen größtenteils unterhalb der Gürtellinie ein. Unterhalb der Gürtellinie des Unfallopfers, der Angehörigen und auch der Retter. Das Risiko sei viel zu hoch gewesen. Unverantwortlich und lebensmüde. Selbst schuld! Bergfreunde, die sich online verknüpften, weil sie die gleichen Interessen haben, beschimpften sich plötzlich. Jeder fühlte sich im Recht, dachte über alles Bescheid zu wissen. Wie tragisch sich der Unfall aber abspielte, welch unglückliche Verkettung kleinerer Zwischenfälle dazu führte, dass ein erfahrener und routinierter Alpinist beinahe sein Leben am Berg ließ, darüber wusste niemand etwas.

Um ein Haar ist sie abgestürzt, die Empathie. Wäre da nicht Gabriel Egger gewesen. Er sprach auf seinem Blog „bergaufundbergab“ an, was viele schon vermuteten. Hoch in der Luft, so schrieb er, da hing an einem seidenen Faden die Empathie. Und der Absturz ebendieser stand kurz bevor. Tausende Male wurde der Text geteilt, geliked und gelesen. Zustimmung von allen Seiten. Großes Lob! 

Eggers Plan ging auf. Heute wird viel mehr hinterfragt. Online spüre ich vorsichtige Zurückhaltung und nur noch selten voreilige Verurteilung. Die professionelle Arbeit der Bergwacht wird gelobt. Es wird angeregt über den Unfallhergang diskutiert, vielleicht auch darüber, wie er hätte vermieden werden können. Und dann ist da manchmal auch noch etwas anderes: Kommentare, die man schnell überliest und man muss schon genau hinsehen, um sie in den Massen zu finden, obwohl der neue Umgangston doch gerade auf ihnen basiert: Ein schlichtes „Gute Besserung“. Oder auch stärkende, tröstende Wünsche an die Hinterbliebenen. Kleine Worte mit großer Wirkung. Da ist sie also wieder, die Empathie!

BREAKING NEWS: Noch immer keine Flugtaxis in den Alpen!
Egger schlug also vorlaute, anonyme Schnellstarter mit ihrer eigenen Waffe: dem Internet. Schön, wie in den vergangenen zwei Jahren eine Interessengemeinschaft über die verschiedensten Gruppen und Plattformen fester zusammengewachsen ist. Heute aber stehen wir schon vor dem nächsten Problem. Der Bergsport boomt, worunter gleich eine ganze Aktionskette leidet. Vom Hubschrauberpilot, über den Bergretter bis zum Unfallchirurg. Nicht zuletzt die Versicherung des Alpenvereins hat alle Hände voll zu tun, um das zu ermöglichen, was wir alle mittlerweile für selbstverständlich erachten. 

Denn da wird der Alpine Notruf schon einmal mit der Auskunft verwechselt, nach dem Wetter oder dem Weiterweg gefragt. Anstatt der lebensrettenden Hinweise der Bergwacht Folge zu leisten, werden diese dann auch noch in den Wind geschlagen. So ein junger Bergsteiger, der vergangenes Jahr Deutschlands höchsten Berg besteigen wollte. Als ein Gewitter aufzog verlor er den Weg. Er kontaktierte die Bergwacht, um sich nach dem weiteren Aufstiegsweg zu erkundigen, die aber legte dem Bergsteiger natürlich nahe, sich wegen dem nähernden Unwetter sofort auf den Abstieg zu machen. Eine Stunde später ging wieder ein Anruf bei der Bergwacht ein. Der junge Mann war weitergestiegen, in unmittelbarer Nähe sei jetzt sogar ein Blitz eingeschlagen. Diese Situation wurde provoziert, ja geradezu heraufbeschworen. Zehn Retter, ein Notarzt und ein Helikopter waren stundenlang im Einsatz.

Recht auf Risiko?
Sogar in noch offensichtlicheren Notsituationen wurde die Bergung schon abgelehnt. Und das gleich von einer Seilschaft mehrfach in Folge: Zwei seilfreie Bergsteiger schlugen eine nächtliche Rettung an der großen Zinne zwei Mal aus. Als der Wetterumschwung dann eintraf, ließen sich die beiden dann doch lieber von der AURONZO Hütte ins Tal fliegen. Für das Duo war es der vierte Rettungseinsatz innerhalb weniger Tage. 

Da war auch die Rede von einem 68-jähriger Mann aus Bayern, der sich innerhalb von drei Jahren gleich sechs Mal retten ließ. Immer vom gleichen Berg. Dabei beharrte er darauf, per Helikopter geborgen zu werden. Ob die Versicherung auch einen siebten Talflug begleichen wird?

Der Gipfel der Dreistigkeit aber ist damit noch nicht einmal erreicht. Denn schon so manche gerettete Person weigerte sich nicht nur die Einsatzkosten zu begleichen, sondern hetzte der Bergwacht gleich auch noch eine Klage auf den Hals. „Zu teure Bergungen. Weniger Helfer hätten auch ausgereicht. Der Heli wäre nicht nötig gewesen.“ Was maßen wir uns da nur an? Wir begeben uns wissentlich in mehr oder weniger große Gefahren, während die Bergwacht ehrenamtlich das Sicherungsnetz unter uns spannt. Wir können uns auf sie verlassen. Das ist unser gutes Recht, das Recht auf Risiko. Ganz selbstverständlich.

Recht auf Rettung?
Die Bergwacht ist zum Helfen da. Und sie hilft gerne – ganz ohne zu unterscheiden, warum wer in welche Gefahrensituation geraten ist. Die Retter, genauer der Einsatzleiter entscheidet dann, wie viele Personen auf welchen Wegen zum Unfallort gelangen und nicht etwa der Verunglückte. Die Leitung wird sich also aller Wahrscheinlichkeit nach für die sicherste und beste Rettungsmöglichkeit einsetzen und nicht für die billigste. Die Bergrettung hat auch das Recht, einen Einsatz abzubrechen. Niemand muss lebensgefährliche Risiken auf sich nehmen. Das Recht auf Rettung ist also nicht so selbstverständlich wie das Recht auf Risiko. Auch dann, wenn die meisten Bergsportler über den Alpenverein versichert sind und der Beitrag schon im Jahresbeitrag integriert ist. 

Auf der Alpinmesse Innsbruck wurde genau über diese Problematik diskutiert. Juristen, Einsatzleiter und Profisportler äußerten zunächst ihren Standpunkt und bezogen dann Stellung. Auch Alexander Huber, einer der ganz großen Extrembergsteiger unserer Zeit, stand am Rednerpult. Gedanken über die Risiken beim Bergsport haben wir uns alle schon einmal gemacht. Aber nur die Wenigsten werden dieses Risiko so bewusst ausgereizt haben, wie Alexander Huber bei seinen vielen, haarsträubenden Free-Solo-Touren.Und trotzdem, als er die Bühne betrat, wurde es leise. Er schluckte kräftig und rang mit seinen Emotionen. Verluste von Freunden und Kollegen gehören in der Profiszene leider dazu und umso gespannter war ich auf seine Worte zu diesem Thema. Er sprach von gesundem Menschenverstand und ehrlicher Selbsteinschätzung. Über das Risiko, das er beim Klettern selbst in den Händen hält. Aber auch von der unkalkulierbaren Gefahr. Er selbst sei beispielsweise einer Lawine glücklicherweise noch nie sehr nahegekommen. Doch so sicher kann er sich da gar nicht sein, denn er selbst fügte hinzu, dass niemand genau wissen würde, wie kurz die Schneedecke letztendlich vor dem Anreißen war. Glück und Unglück liegen so nahe beisammen wie Risiko und Rettung. Deutliche Worte fand er auch, als er fahrlässige oder provozierte Rettungseinsätze ansprach. Wer nur ein Flugtaxi ordern wolle, der müsse auch kräftig zur Kasse gebeten werden. Mit einem Blick zu den Juristen stellte er die Frage in den Raum, ob hier schon alle Mittel ausgeschöpft seien. 

„Es nimmt der Augenblick was Jahre geben“
Im Satz Goethes steckt so viel Wahrheit. Und trotzdem, ja sogar gerade deswegen: Die Liste der Profis, die in den letzten Jahren nicht mehr vom Berg runtergekommen sind, sie ist lang. Auch wenn Huber die Extremsportler allesamt als vernünftige Geister beschrieb, die bemüht waren, Risiken immer so niedrig wie möglich zu halten. Keiner war lebensmüde. Wir Normalbergsteiger können aber oftmals nur schwer nachvollziehen, in welchen Routen und Wänden sich die Profis wohl fühlen, wo sie ihre Grenzen ausloten, wo sie ohne Seil fehlerfrei klettern, oder nicht. Dort, wo sie ihr ganz eigenes Recht auf Risiko finden.

Zum Schluss kommt dann Huber auf die Sozialen Medien zu sprechen. Denn diese unsozialen Medien, wie er sie nennt, fördern den Narzissmus. Sie üben Druck aus, mehr noch als Sponsoren. Postings und Selbstvermarktung sind schon fast existenziell. Dabei begeben sich die Profis ins Schlachtfeld der anonymen User. Aber können wir wirklich beurteilen, welches Risiko David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley am Howse Peak eingingen? Oder Alexander Huber, der free-solo im 8. Schwierigkeitsgrad in der Nordwand der großen Zinne kletterte? Die meisten von uns können das sicherlich nicht.

Kehren wir zurück zu unseren vernünftigen Geistern. Wir selbst managen das Risiko für jede einzelne unserer Unternehmungen. Der Bergsport kommt, zum Glück fast überall, ohne Regeln und Verbote aus. Auch das ist kein Zufall, denn solche Verbote gab es schon. Mitte der 30er wurde die Eiger Nordwand gesperrt.

Dort zu klettern, sei ein zu hohes Risiko, war die Begründung. Gehalten haben sich daran aber nur die Wenigsten, denn in den Berge finden wir doch gerade diese wilde Freiheit, die nun mal größtenteils auf Risiko basiert. Wäre alles bis zum Maximum versichert, würde auch die Freiheit darunter leiden. Sie würde verloren gehen und mit ihr das, was uns dorthin zieht. Denn selbst bei einer kurzen Wanderung genießen wir es, der Zivilisation zu entkommen. Die Abgeschiedenheit und Ruhe. Und auch hier findet es sich wieder, das Restrisiko das jeder von uns sucht, auch wenn es nur ein Quäntchen ist. 

Wichtig aber ist dabei, dass wir eine Bergung und den Rettungseinsatz mit vielen Beteiligten, die wiederum selbst in Gefahr geraten könnten, nicht als selbstverständlich erachten. Dankbar gegenüber den ehrenamtlichen Helfern sollten wir uns zeigen. Denn ob wir selbst verunglücken oder nicht: Unfälle passieren. Und oftmals wissen wir nicht einmal, wie knapp wir einem entgangen sind. 


Teil II
Die Rettungskette

Immer auf der Suche nach dem schwächsten Glied.
Ein Unfall in den Bergen, weit weg von schneller Hilfe und einem warmen Krankenhausbett: Der Albtraum eines jeden Bergsportlers. Zum Glück aber naht in den Alpen die Rettung meistens äußerst schnell. Dem Hubschrauber sei Dank – Flugwetter und Handyempfang vorausgesetzt. Die Bergwacht stößt dann zum Verunglückten vor, der Pilot bringt ihn in die Klinik, wo er auf dem Tisch der Unfallchirurgen landet. 

Von der Theorie zur Praxis
Soweit die Theorie. Damit aber alles so glatt läuft, müssen viele Zahnrädchen perfekt ineinandergreifen. Gerade im Alpenraum und über die verschiedenen Landesgrenzen hinweg ist aber gerade das keine leichte Aufgabe. Für uns Bergsportler kann das weitreichende Folgen haben. Folgen, die im schlimmsten Fall zu Verzögerungen führen. Dabei zählt oft jede Sekunde.

Aufgrund ihrer geografischen Lage versorgt die Klinik Immenstadt äußerst viele Patienten, die sich im Gebirge typische Verletzungen zuziehen. Knochenbrüche, Hitzeschäden und Erfrierungen. Mit Chefarzt Dr. Herbert Mayer und Oberarzt Dr. Philipp Krämer, Unfallchirurgen in Immenstadt, unterhalte ich mich deswegen über ihre Arbeit, aber vor allem über Optimierungsmöglichkeiten. In den Alpen ist währenddessen tiefster Winter, oft herrschen eisige Temperaturen. Ein kurzer, unachtsamer Moment, ein falscher Tritt oder Schwung und das rettende Tal rückt in unerreichbare Ferne. Eine Nacht hier oben, ohne spezielle Ausrüstung ist kaum zu überleben und wenn doch, dann nicht ohne starken Erfrierungen und eine lebensbedrohliche Unterkühlung davonzutragen. Das kann ganz schnell jeden treffen, der im Winter gerne in den Bergen unterwegs ist. 

Ungeahnte Hürden
Umso erstaunter war ich, als mir Dr. Krämer erklärte, dass es in den meisten Kliniken keine festen Algorithmen für gebirgsspezifische Notfälle wie beispielsweise Erfrierungen gibt. Auch in der Klinik Immenstadt wurde dies erst nach Gründung des fachübergreifenden „Zentrums für Gebirgsmedizin“ (kurz ZfG) 2016 etabliert. Bis dahin erfolgte die Therapie zwar gemäß den Leitlinien, aber die unterschiedlichen Beteiligten in der Rettungskette und die verschiedenen klinischen Abteilungen mussten in jedem Einzelfall aufs Neue zur gemeinsamen Behandlung zusammengeführt und abgestimmt werden. Eine perfekt organisierte Rettungskette hielt ich bisher immer für gesichert, geradezu obligatorisch. Erst recht im Allgäu, einer der größten Wintersportregionen des Landes. Aber wie ich im weiteren Gesprächsverlauf noch lernen werde, ist im Gebirge überhaupt nichts wirklich gesichert. Rettung ist nicht gleich Rettung, kein Unfall gleicht dem anderen. Die Lawinensituation, Wind und Wetter oder schlicht die einbrechende Nacht, können Einsätze verzögern oder unmöglich machen. Umstände, an denen niemand zu rütteln vermag. Es gibt aber auch Faktoren, die wir sehr wohl in der Hand halten und hier kommt ein weiteres, wichtiges Zahnrad ins Spiel. Unseres – deins und meins! 

Wie jeder einen kleinen Beitrag leistet
Mangelnde Sicherheitsausrüstung, ein Glühwein zu viel, oder schlichte Selbstüberschätzung: Viele Unfälle wären ganz einfach vermeidbar gewesen. Dabei reicht schon oft ein Stolperer mit den klobigen Skischuhen und schon rückt irgendwo die Rettung aus oder hebt irgendwo ein Heli ab. Immenstadts Einzugsradius, immerhin mehr als 50 Kilometer, ist gigantisch. Lech, Zürs, St. Anton am Arlberg, der Tegelberg und natürlich Oberstdorf und das gesamte Kleinwalsertal. An schönen Sonntagen, wenn die Pisten voll sind, fliegt der Heli ununterbrochen. Dr. Mayer fügt hinzu, dass dann meist auch die Helikopter des benachbarten Auslandes kontinuierlich in der Luft sind, was das südliche Allgäu zu einem Ort mit außerordentlich hoher Helikopterdichte werden lässt – vielleicht sogar der höchsten alpenweit! Da werden manchmal nicht mal zum Entladen die Motoren abgestellt, weil der nächste Einsatz schon drängt. Während Dr. Krämer mir versucht zu erklären, wie er eine solche Schicht am OP-Tisch durchhält, wird mir ganz mulmig. 

Aber auch die Bergwachtler in der Region Allgäu hatten in den vergangenen Jahren jede Menge zu tun. Insgesamt 729 Einsätze waren beispielsweiße im Sommer 2018 für die ehrenamtlichen Helfer zu stemmen. Dabei nimmt die Zahl geborgener, aber unverletzter Bergsteiger noch immer weiter zu. Meistens sind das blockierte, überforderte Menschen, die weder weiter auf- noch absteigen können. Oftmals wären diese Einsätze einfach vermeidbar gewesen. 

Die Wintermonate schlagen dann aber mit ganz anderen Zahlen zu, denn für die Bergwacht Allgäu ist der Sommer nur ein Drittel der Jahresarbeit. Einige Fakten: Im Winter 18/19 wurde 1878 Mal Wintersportlern zur Hilfe geeilt. Davon galt es bei 1353 Einsätzen Skifahrer zu versorgen, gefolgt von 361 Snowboardern. Danach kommt lange, sehr lange, nichts. Die 25 Skitourengeher bzw. Schneeschuhwanderer und 21 Langläufer sind da fast schon zu vernachlässigen. Die Hochsaison der Rettungskette ist also ganz deutlich der Winter. Jährlich startet dafür in der Region der Bergwacht Allgäu übrigens ein Helikopter in etwa 600 Mal.

Die Rettung, der Heli, der Chirurg, all das, was auch anderswo dringend benötigt wird, wo jede Sekunde zählt, vielleicht sogar über Leben und Tod entscheidet, wird dabei oft blockiert durch ganz einfach vermeidbare Lappalien. Es liegt also auch zu einem gewissen Teil an uns, wie effizient die Bergrettung ihre Arbeit verrichten kann. Verhalten wir uns in alpinem Gelände angemessen und vergessen nicht, dass der einfache Zugang, Komfort und Luxus nur darüber hinwegtäuschen, wie ausgesetzt die Skigebiete doch tatsächlich gelegen sind: Mundgerecht portioniert und vermeintlich perfekt versichert, und trotzdem kann eine Nacht dort oben, eventuell verletzt und bewegungsunfähig, schnell tödlich enden.

Aber auch im Sommer sollten wir uns alle an die eigene Nase fassen. Das Übel, das die Notaufnahmen der Krankenhäuser nur zu gut kennen, schwappt auf die Bergrettung über. Ein starker Husten, oder der Schnitt mit dem Küchenmesser lässt die Warteschlange länger werden. Die Folge: Blockierte Ressourcen. Erschöpfte Wasserreserven, ein kurzer Schwindelanfall oder im Extremfall auch nur die fehlende Lust auf den Abstieg. In solchen Fällen müssen Retter und Ärzte einen kühlen Kopf bewahren, die Sache schnellstmöglich abhaken, um sich dann wieder den wirklich wichtigen Einsätzen zu widmen. Noch dazu erzählen mir die beiden Ärzte, von Problemen, die die heutige Technik mit sich bringt. Viele Wanderer folgen blind GPS-Tracks, die in Sekundenschnelle aus dem Internet heruntergeladen werden können. So manövrieren sich viele Menschen in Gefahrensituationen, wobei ihnen der Handyempfang eine zusätzliche Sicherheit vermittelt. Eine vernünftige Selbsteinschätzung sei dabei aber oft sinnvoller als die neueste Handy-App. 

Jeder einzelne hilft und entlastet also gleich mehrere Glieder der Rettungskette, wenn er seine Aktivitäten defensiv plant, immer gut ausgerüstet ist und die üblichen Grundregeln befolgt. So mancher Suchflug hätte schon vermieden werden können, wenn Freunde oder Hoteliers über die geplante Dauer der Abwesenheit informiert gewesen wären. Zur Not hilft da auch eine hinterlassene Notiz im geparkten Auto, aber natürlich auch der Eintrag im Hütten-, Wand-, oder Gipfelbuch. Übrigens informiert die Bergwacht, dass sich vermutlich auch dieses Frühjahr wieder die Unfälle auf Altschneefeldern häufen. Das Hochgebirge bleibt noch lange im Winterschlaf, auch wenn schon im Tal sommerliche Temperaturen herrschen. Solche Schneefelder können tagsüber begehbar sein, über die Nacht aber zu unüberwindbaren Hindernissen frieren. Es ist also Vorsicht geboten und auch in Zeiten von Handys noch immer hilfreich, die Grundregeln des Bergsteigens einzuhalten. 

Dr. Mayer, selbst langjähriges Bergwachtmitglied und Dr. Krämer, passionierter Bergfreund und Skifahrer, werden im Laufe des Gespräches noch viele solcher Themenpunkte ansprechen – aber auch einen Lösungsansatz. Denn in Immenstadt wurde im Frühjahr 2016 das Zentrum für Gebirgsmedizin (ZFG) gegründet. 


Teil III
Ein Team

Das Zentrum für Gebirgsmedizin
All die anfangs erwähnten Zahnrädchen, die in Bewegung gesetzt werden, wenn ein Notruf eingeht, bündeln seit 2016 ihre ganze Kompetenz im Zentrum für Gebirgsmedizin der Klinik Immenstadt (ZFG). Eine Vernetzung zwischen der Bergwacht und Medizinischer Versorgung. Zwischen ehrenamtlichen Rettern und der klinischen Patientenversorgung, also Ärzten, sowie Internisten, Anästhesisten und der Pflege. Das ZFG setzt seinen Fokus unter anderem auf Entwicklung und Perfektionierung der Algorithmen. So unterschiedlich die Notfälle im Gebirge auch sind, so wichtig ist es, taktisch richtig vorzugehen. Eine Vernetzung der beiden Parteien schafft also auf beiden Seiten mehr Effizienz. So ist beispielsweise Dr. Christian Nussbickel einer der beiden ärztlichen Leiter der Notaufnahme Immenstadt aktuell Sprecher des ZfG und gleichzeitig Stellvertreter von Dr. Mayer als Regionalarzt der Bergwacht Allgäu. Somit sind die Wege zwischen Klinik und ehrenamtlicher Bergrettung extrem kurz.

Und sogar schon bevor es zum Unglück kommt, will das ZFG aktiv sein. So können sich zum Beispiel Wanderer und Bergsteiger vor langen oder besonders hohen Touren einem ausgiebigen Check unterziehen. Keine schlechte Idee, hätte so doch schon mancher Einsatz von vorne herein vermieden werden können. 

Dann erzählt mir Dr. Krämer vom Bergrettungstag, der alle zwei Jahre vom ZFG veranstaltet wird. Ein Event, das im Jahr 2018 zum zweiten Mal stattfand. Gemeinsam mit der Jahreshauptversammlung der deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin wurde der Bergrettungstag wieder ein großer Erfolg. 350 Zuhörer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien waren angereist. Das Kompetenzzentrum der Gebirgsmedizin trifft sich, tauscht sich aus und bildet sich weiter. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Luftrettung war dabei nur eines von vielen wichtigen Themen, bei denen akuter Gesprächs- und Handlungsbedarf besteht. Denn auch wenn die meisten Wintersportler, wie zum Beispiel im Skigebiet Fellhorn Kanzelwand es nicht glauben: Es macht noch immer einen großen Unterschied, auf welcher Piste man sich den Fuß bricht. Auf der österreichischen Seite, also den Pisten der Kanzelwandbahn oder auf der deutschen Fellhorn-Seite. Ein Skigebiet, ein Liftpass, aber zwei Länder und somit zwei verschiedene Zuständigkeiten, was besonders Versicherungen und etwaige Rückholungen spannend werden lassen kann. Hier sollte man vor dem Urlaub doch auch noch mal überprüfen, ob alle Versicherungen im Fall der Fälle greifen, denn über die vermeintliche Sicherheit, an die viele Bergsportler glauben, muss noch einmal genau nachgedacht werden. 

Dr. Philipp Krämer
Dr. Christian Nußbickel
(Sprecher des ZfG)
Dr. Herbert Mayer

2020 wird der dritte Allgäuer Bergrettungstag stattfinden. Am 19. September werden wieder Redner und Gäste aus der ganzen Welt in Bad Hindelang erwartet. Wieder wird mit Fachwissen und Erfahrung versucht, Abläufe zu optimieren, um noch schneller und besser helfen zu können. Eines der großen Themen dabei, wird die erhöhte Gefahr durch die Klimaerwärmung sein. Vermehrter Stein- und Eisschlag aufgrund schwindendem Permafrost wird zum immer größeren Problem. Aber auch Prävention steht wieder auf dem Programm. So erforscht das ZFG momentan die Entstehung und Vorbeugung von Sprunggelenksverletzungen und beschäftigt sich intensiv mit der Sicherung der Atemwege bei Schwerverletzen im Gelände. Und selbstverständlich hat auch die Digitalisierung schon längst den Einzug in der Gebirgsmedizin gefunden. Die Möglichkeiten Telemedizinischer Betreuung von Bergsteigern in aller Welt ist daher Thema, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Hauptsächlich aber durch Diskussionsrunden und Vorträgen wie dem Bergrettungstag wachsen solche Ziele zu handfesten Werkzeugen heran, die eines Tages Menschenleben retten werden. 

Wieder in Bad Hindelang wird deswegen am 19.9.2020 der Bergrettungstag stattfinden. Eine Veranstaltung, von der direkt jeder Bergfreund profitieren kann, nur durch Spendengelder finanziert wird und zielorientiert Optimierungen anstrebt. Organisiert von Menschen, wie Dr. Nussbickel, Dr. Mayer und Dr. Krämer und vielen weiteren ehrenamtlichen Helfern, die sich dafür einsetzen, den hohen Standard noch weiter zu verbessern. Denn, denken wir an Alexander Hubers Worte, oft wissen wir nicht einmal, wie knapp wir einem Unglück entgangen sind.

Text: Benni Sauer
Bilder: © Bergwacht Allgäu

2 Gedanken zu “Bergrettung und medizinische Versorgung

  1. Ich bin sehr beeindruckt von der journalistischen Qualität dieser Texte. Findet man wirklich selten bei reinen Online-Magazinen. Auch die – dem Thema und seiner Komplexität angemessene -Länge ist außergewöhnlich. Respekt! Werde künftig öfter reinschauen.

    1. Servus Ulli,
      vielen Dank für dein Kompliment. Ich werde das direkt an unseren Redakteur weitergeben.
      Allerdings stellen wir die Onlineartikel nur als Bonus auf unsere Homepage. Wir sind ein ganz reguläres Printmagazin.
      Falls du Interesse an einem Abo hast, findest du alles dazu auf unserer Homepage unter dem Menüpunkt „Magazin“.

      Gruß und schöne Woche,
      Martin von AKTIV in den ALPEN

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