Bike-Wirrwarr!

Welches Bike, welches Setup, welcher Style, für welches Terrain?

Radprofi Steffen Thum bringt Licht ins Dunkel des Bikekellers und erklärt uns die Unterschiede der Disziplinen.

Er ist Radprofi seit 15 Jahren, fuhr bereits Weltcups und Weltmeisterschaften auf allen Kontinenten und in den verschiedensten Radsportdisziplinen. Seine Bikegarage ist gut bestückt von dünnen Reifen bis fette Schlappen, dennoch fährt er inzwischen über 80 Prozent seiner großen Rennen auf demselben Racefully. Warum also diese ganzen verschiedenen Räder, wenn man doch am Ende des Tages immer dasselbe im Rennen nutzt? Steffen Thum bringt Licht ins Dunkel und erklärt uns, was den Unterschied macht:


Steffen Thum: „Ich bin kein Fan von Abgrenzung oder gar Ausgrenzung. Jeder kann erreichen und machen, wozu er Lust und Laune hat, solange er dabei die anderen nicht eingrenzt. Wir sind alle Sportler und lieben es an der frischen Luft zu sein, da spielt es erstmal keine Rolle, ob du eine Baggy oder einen engen Zeitfahranzug trägst. Ob du ein neues 10.000€ Straßenrad mit Carbonfelgen und Wattmesser hast oder mit deinem 10 Jahre alten Mountainbike den Wind im Gesicht spürst, du bist Athlet und das ist auch gut so. Dennoch schläft die Industrie nicht und es gibt nunmal für bestimmte Bereiche einfach optimiertes Material. Ausgestattet mit der richtigen Reifenbreite, dem passendem Federweg und guten Klamotten hat man in jedem Bikebereich einfach nochmals mehr Freude am Sport und kann sich voll auf das konzentrieren, was dich vor deinem Laufrad erwartet. Aus diesem Grund blicken wir heute ein wenig in die Diversifizierung meiner Bikegarage und wie man auf welchem Terrain optimal unterwegs ist. Es gibt grundsätzlich hierbei kein „No-Go“, wer draußen ist, hat schonmal das Wichtigste richtig gemacht. Dennoch ist es schön zu sehen, wie man etwas mehr Geschwindigkeit, Freude und Sicherheit herauskitzeln kann, ganz getreu dem Motto: „be better“.


Disziplin: CROSSCOUNTRY

TERRAIN: Es geht hoch und runter, ganz egal ob mehrfach wie in der Olympischen Disziplin auf einer 4-Kilometer-Runde, ob in der Innenstadt auf einem künstlich angelegten Kurs oder auf der großen Marathonstrecke mit den langen Anstiegen. Alles und jedes Hindernis kommt dabei unter die Stollenreifen, die Hauptsache dabei ist, man überwindet all dies möglichst schnell.

Bike: Hardtail oder Fully ist Typsache, das Ganze mit 90-120mm Federweg. Geschaltet wird meist mit 1-Fachsystemen, inzwischen elektrisch. Dasselbe gilt für die versenkbare Sattelstütze, die ist je nach Typ und Strecke am Bike. Grundsätzlich wird abgespeckt wo es nur geht, denn 10kg ist die absolute Obergrenze, welche man nicht überschreiten sollte.

Style:  Auch hier ist schneller und leichter die Devise.
In der Regel kurz/kurz. Trotzdem muss es heutzutage nicht mehr super „tight“ sein. 2in1 Baggies und ein nicht allzu weit geschnittenes atmungsaktives Trikot sind Race-konform. In den Trikottaschen befindet sich nur das Nötigste: Ein Ersatzschlauch, die Kreditkarte und ein Energieriegel. Man bewegt sich eben im Grenzbereich, darum sind Handschuhe ebenfalls ein Muss.


Disziplin: ENDURO

TERRAIN: Der Fokus geht hierbei in Richtung Trail, was nicht zwingend heißen muss, dass die Abfahrten grober oder schwieriger werden. Der Fahrspaß und Genuss am Biken steht im Vordergrund, egal ob auf flowigem Panoramatrail oder steiniger Downhillpassage. Gezählt werden vielmehr Tiefenmeter als Höhenmeter, wenn mal ein Lift zur Hand ist, darf man auch einsteigen. Ansonsten wird hoch pedaliert, ganz egal wie und wo, am Ende hat man ein fettes Grinsen im Gesicht.

Bike: Ganz klar, man braucht eine vollgefederte Maschine. Die Federbereiche variieren je nach Bedarf zwischen 150mm und 170mm und auch die Dropper Seatpost ist hier kein „nice to have“ sondern vielmehr ein „must have“. Geschaltet wird ebenfalls 1-fach, zudem bietet sich eine Kettenführung an, da es ab und zu schon etwas ruppiger werden kann.

Style: Baggy ist Pflicht, Langfingerhandschuhe guter Ton, weiter geschnittene Trikots beliebt und auch Protektoren sind hier immer sinnvoll dabei zu haben. Bei so viel Gepäck schadet auch ein gut sitzender Rucksack oder Bauchgurt nicht.


Disziplin: ROADBIKE

TERRAIN: Der König der Straße, ob es dabei Serpentinen in den Alpen oder Pyrenäen zu erklimmen gibt, eine Kopfsteinpflasterrampe in Flandern ansteht oder man versucht, sein Stundenrekordlimit hochzuschrauben, das spielt keine Rolle. Es ist die klassische Variante des Radsports und dient im Trainingsalltag als absolut wichtiges Grundelement.

BIKE: Die Reifen sind schmal, aufgrund der deutlich besseren Performance wird inzwischen auch auf der Straße mit Scheibe gebremst. Schaltsysteme sind elektrisch und meistens 2-fach, um eine gute Bandbreite abzudecken. Wie hoch die Felge sein darf, hängt vom Fahrertyp ab, jedoch rangieren die Carbonfelgen zwischen 32mm und 60mm.

Style: Klassisch ist nie ein Fehler und so sind Tights hier noch ganz klar die erste Wahl. Was da noch dran kommt, hängt vom Wetter ab. Grundsätzlich jedoch eher die enger sitzende Variante – sprich Armlinge, Beinlinge, Helme ohne Schildchen. Rucksack – Fehlanzeige und Überschuhe sind nicht nur Wärmeschutz, sondern auch stylisches Aero-Accessoire. 


Disziplin: E-MTB

TERRAIN: Warum bitte braucht ein sportlich Ambitionierter oder gar Profi einen Elektromotor? Weil es mega Spaß macht! Und man so auch nach dem eigentlichen Training oder am Ruhetag ebenfalls zu seinem Fahrspaß kommt. Früher haben wir für eine Fahrtechnikeinheit am Nachmittag einen Shuttle benötigt, heute sitzen wir nach den Intervallen am Morgen einfach noch eine easy Runde auf die E-Bikes.

BIKE: Gewicht ist sekundär, da die Motoren stärker und stärker werden. Also her mit dem Federweg, mit allem was Komfort oder Freude bringt wie die Dropper-Seatposts, Fette Plus-Reifen und die großen 200er Bremsscheiben. Der Akku sollte dich dabei nicht im Stich lassen, die alt bewährten Hersteller wie Bosch sind diesbezüglich für mich führend am Markt. 

STYLE: Man ist schneller als mit dem normalen Bike, somit fahre ich gerne mit etwas mehr Schutz in Sachen Bekleidung. Zudem kommt, dass man in kurzer Zeit große Distanzen zurücklegt und dort das Wetter anders sein kann als am Ausgangspunkt. Goretex, Infinium und Windstopper sind bei mir meistens die Begleiter auf einer E-Biketour.


Disziplin: GRAVEL

TERRAIN: Gravel steht für Freiheit. Egal ob schnell zum Büro, über staubige Schotterpisten oder im Cyclocross-style durch den Schlamm. Das Gravelbike lässt dich flexibel agieren und man kann nahezu Alles und Jeden damit begleiten. Im Windschatten der Rennradgruppe nachjagen – kein Problem. Die Abkürzung über die Wiese – kein Problem. Die Serpentinenstraße wird gegen Ende langsam zur Schotterpiste – kein Problem.

Bike: Eine Mischung aus Straßenrad und Cyclocrosser, dabei ist der Radstand eher lang. Die Reifen halten ziemlich was aus und sind deutlich dicker als im Cyclocross, jedoch ist das Gewicht nahezu vergleichbar mit den superleichten Raceboliden. Lediglich kleine Gewindegänge und Schrauben am Rahmen zeigen auf, dass auch Gepäckträger und Schutzbleche hier kein „No-Go“ sind. Schließlich weiß man nie, wohin einen eine Graveltour führt.

Style: Geht nicht, gibt’s nicht. Gravel ist die jüngste und hippste Bikedisziplin und somit kann man hier ruhig etwas ausgeflippt und mutig sein. Zudem verbindet das Rad verschiedene Bereiche, was auch im Style erkennbar sein darf: Roadbike Cap, enges Trikot und Baggy, kein Problem auf dem Gravelbike. Ich persönlich nutze das Gravel oft an Schlechtwettertagen, somit steht es für mich in enger Verbindung zu meiner Paclite und Goretex Ausrüstung. 

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