Bissig waren nur die Trails

Allgäuer-MTB-Meister und MTB-Pro Daniel Gathof beim Carpathian Epic

Biken in Rumänien, ob es ein Geheimtipp ist oder nicht, darüber lässt sich streiten. Eine Szene gibt es dort schon länger und an entsprechender Natur und Wegen für unseren Sport mangelt es bei weitem nicht, allen voran das riesige Ost-Europäische Gebirge der Karpaten. Mit dem Etappenrennen Carpathian Epic ergab sich eine einmalige Möglichkeit, sich die Sache mit dem Geheimtipp einmal genauer anzuschauen. Gesagt, getan für den amtierenden Allgäuer Meister und Mountainbike-Profi Daniel Gathof.

In Memmingen ging es in den Flieger, nur 90 Minuten später in Sibiu wieder raus. Schon der Anflug offenbarte viel Wald, hohe Berge und Natur pur. Das Rennen selbst fand eine dreistündige Autofahrt gen Osten rund um den Berg Fundata in der Region Brasov statt. Einem Teil des früheren Transsilvaniens und da kommt einem doch gleich eine berühmte aber schaurige Persönlichkeit in den Sinn. Graf Dracula. Tatsächlich passiert man auch kurz vor Ankunft im Outdoor Resort Cheile Gradistei das Örtchen Bran mit einem beeindruckenden Schloss, welches Steilvorlage vieler Filme und Bram Stokers bekanntem Roman war. Legenden gibt es viele, aber Vlad III Dracul hat hier tatsächlich wohl nie jemanden in die Kehle gebissen oder jemals überhaupt dort gelebt. Beim Thema Biss kommt eher jemand anderer ins Spiel: die Region ist bekannt für viele wildlebenden Bären, was dem Bikerennen einen zusätzlichen Hauch Abenteuer anheftete.

Cheile Gradistei – Fundata ist erreicht und somit auch der Ausgangspunkt aller vier Etappen des Carpathian Epic Mountainbike Rennes. Das Resort beheimatet auch Rumäniens einzige und Olympiataugliche Biathlon-Anlage. Ein modernes Sportareal wie es auch in Oberstdorf hätte stehen können. Der Blick aus dem Hotelzimmer offenbarte das, was wir uns erwartet haben. Natur pur. 

Man fühlt sich sofort wohl und meint kurzeitig man wäre in den französischen Alpen, oder vielleicht doch in Italien, der Schweiz, … vieles scheint irgendwie vertraut. Aber es ist Ost-Europa und ein interessanter Mix. Es wird also Zeit, die Räder zu satteln, um die Gegend zu erkunden.

Ich konzentriere mich auf das Rennen, meine Begleitung tourt mit dem Bike um den Berg Fundata. Wir beide berichten am Abend euphorisch von coolen Trails, netten Menschen und steilen Anstiegen. Das sind auch die Eindrücke, welche sich in den kommenden Tagen festigen. Bei weniger als 10% Asphalt verbringen wir die meiste Zeit in richtigem Gelände und auch das, was man hier Straße nennt, fährt man lieber mit dem gefederten Bike statt mit Rennrad oder dergleichen.

Die Gegend ist einfach aber doch oft westlich geprägt. Was alle vereint – sowohl Menschen, die hier wohnen als auch hierher kommen – ist die Natur. Alle wollen raus in die Natur und sie selbst erleben. Egal ob zum Wandern oder wie wir mit dem Mountainbike, man bekommt hier Karpaten satt und pur. Die Wege sind vorhanden, egal ob in den Tälern, den Wäldern oder auf den vielen Gipfeln.

Mit GPS kommt man gut klar, auch wenn das der krasse Gegensatz zum freundlich grüßenden Hirten oben am Berg ist, der wahrscheinlich nicht wirklich etwas mit diesem Hightech-Kasten oder dem teuren Rad darunter anfangen kann. Nach dem Gruß achtet er stoisch, vielleicht auch fragend, auf seine Ziegen, Esel und den bunten Tross an Bikern, welche sich an seinem Stall vorbei quälen.

Ja, bergauf ist es teils eine richtige Qual und nicht selten muss man das Rad schieben oder gar tragen. So hat es die Natur aber eben vorgesehen, ebenso steil und anspruchsvoll geht es den Berg oft wieder runter. Fahrttechnik und Federweg sind gefragt, nein gefordert. Wenig ist „angelegt“ oder durch Massen an Radlern und Wanderern geebnet, also doch noch ein Geheimtipp. Je höher man fährt, desto öfters erinnert es auch ab und an ein wenig an die „Dirittissima“ aus dem Alpinismus, dort wo nur der direkte und schwierige Weg zählt. Wieder unter der Baumgrenze und in den vielen Wäldern, wenn das Steinfeld weicht, dann kommen wir aber schnell wieder in den für Biker so wichtigen Flow und rauschen mit Genuss dahin. 

Wild. Rugged. Epic. So das Motto des Rennens und dies auch zu Recht, wenn man auf die Profile der Etappen, Anstiege und Trails zurückblickt. Das suchten wir und ist eine willkommene Abwechslung zu den teils recht einfachen Routen und Marathons in heimischen Gefilden.

Im Ziel, in der Biathlon-Anlage Cheile Gradistei, geht es am Ende doch auch wieder um Sekunden. Die besten Rumänen bekommen die Möglichkeit dort gegen Cracks und die Weltspitze des Marathonsports zu fahren, dabei gibt es auch noch Weltranglistenpunkte zu verdienen.

Raul Sinza, ein Talent Anfang 20, landet am Ende knapp in den Top Ten, für mich wird es Rang sechs. Auch das Carpathian Epic selbst ist Weltspitze in der Organisation. Einem jungen Team mit viel Leidenschaft und einem gewissen Maß Copy&Paste der großen Namen, wie Cape Epic und Co, sei Dank. Dennoch ist die pure Motivation einer engagierten Crew zu spüren.

Menschen so freundlich wie der Hirte am Berg, einfach nur Stolz und sich der Chance bewusst „ihr“ Land in der Welt zu präsentieren, um mehr als nur ein Geheimtipp zu bleiben. Ein bisschen der Gegensatz zum teils eher rauen und unfreundlich anwirkendender Charakter vieler anderer Rumänen im Gastgewerbe. Erstere sind erfrischend, letztere gewöhnungsbedürftig. Der Gesamteindruck lässt dennoch locker darüber hinwegsehen und vielleicht ist das Rugged im Motto ja auch auf Natur und Mensch bezogen.

Ach so, außer „Achtung Bären“ Verkehrsschildern ist uns am Ende weder einer der pelzigen Vierbeiner noch Dracula selbst vor das Rad gekommen, lediglich die Trails und Anstiege haben das Prädikat bissig wirklich mehr als verdient.

Daniel Gathof ist langjähriger, deutscher Mountainbike-Profi und im MTB-Marathon zuhause. Dort hat er national und international in seiner Karriere bereits unzählige Erfolge gefeiert. Mehr unter: www.danielgathof.de

Text: Daniel Gathof | Marcel Reiser


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