CAMPING: Draussen sein!

Dieser Artikel ist Teil 1 unseres THEMEN-SPEZIAL: CAMPING der Sommerausgabe 2021.

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Draußen sein, das kann man auf dem Weg zum Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder bei der Gartenarbeit. Aber um wirklich ganz bewusst draußen zu sein, dazu muss man schon zum Camping gehen!

Es ist Sommer. Und es ist heiß. Mir persönlich ist es sogar viel zu heiß. In den Städten strahlt mir die Hitze von asphaltierten Straßen, von betonierten Wänden entgegen. Staubige, glühende Luft. Nichts wie raus!

Aussteigen! Aufsteigen!
Am nächsten Tag stehe ich in Pettneu am Arlberg. Hier im Stanzer Tal, auf 1200 Metern, ist die Luft nach dem kräftigen Sommergewitter angenehm abgekühlt. Die Böden unter meinen Füßen sind nass, vom Staub der Stadt ist weit und breit nichts zu sehen. Irgendwo über mir, gänzlich schneefrei, da ragt der Hohe Riffler seinen Gipfel in den stahlblauen Nachmittagshimmel. Sehen kann ich ihn noch nicht. Und auch nicht, dass dort oben kein Schnee mehr liegt. So schultere ich sorglos meinen schweren Rucksack, verriegle den Wagen, flüstere ihm „bis morgen!“ zu und gehe langsam bergan. 

Obwohl ich bei der Planung sorgsam und minimalistisch vorging, lastet das viele Gepäck schwer auf meinen Schultern. Ein gewisses Teilgewicht geht auf die Sicherheit: Ein Seil für die Schlüsselstelle, ein Gurt, drei Karabiner und einige Sicherungsmittel. Ein, oder zwei Kilo kostet auch die Wetter- und Kälteschutzbekleidung. Der Großteil des Volumens und Gewichts aber, geht auf die Übernachtung. Die dünne, federleichte, dafür aber sperrige Schaumstoff-Isomatte. Ein dicker Daunenschlafsack, da ich eine klare, durchaus kühle Nacht erwarte. Und dann ist da noch ein kleiner Kocher samt Gaskartusche und Topf. Um Schnee zu schmelzen. Um zu trinken.

Zeige mir, wie du campst und ich sage dir, wer du bist!
Während meines einsamen Aufstieges sinniere ich über die vielen Nächte, die ich schon draußen verbracht habe. In Kanada, wo ich am nächsten Morgen keine 30 Meter von meinem Zelt entfernt Wolfsspuren gefunden habe. In der dünnen Luft Nepals, jenseits der 6000-Meter-Marke. In den USA, wo ich die wohl kälteste Nacht meines Lebens hinter mich brachte: Einige Stunden unterhalb des Gipfels des Mount Rainier, bei -30C° – so bitterkalt, dass die von uns ausgeatmete Feuchtigkeit an den Zeltwänden festfror, von wo der Wind feinste Eiskristalle wieder abschüttelte und sie wie Schnee auf uns niederrieseln ließ. 

Ich habe aber auch wunderbar laue Nächte unter dem Sternenhimmel der Provence verbracht. Mit den Kindern war ich nun schon öfters in Südfrankreich zum Campen, in den südlichsten Alpenausläufern, ganz einfach, weil das dortige Sommerklima trocken und warm genug ist. So schlief selbst die Kleinste wie ein Stein, damals gerade mal sechs Monate alt, wunderbar kuschelig in ihrem Baby-Schlafsack eingemummelt. 

Um aber auch die Übergangszeit, vielleicht sogar den Winter draußen verbringen zu können, kauften wir uns erst vor wenigen Jahren einen alten Wohnwagen. Sicher, er ist kein Schmuckstück, aber dafür ist er ein Dauerprojekt, zum Basteln, zum Schrauben und Werkeln, denn ist es nicht das, worum es beim Campen eigentlich geht?

Später Abend an der Mittagspitze
Nach gemütlichen Stunden des stillen Wanderns, gelange ich plötzlich auf eine freie Lichtung. Zuvor bin ich durch den tiefgrünen Wald gestiegen, vorbei an beinahe mannshohem Adlerfarn, moosbehangenen Fichten und kleinen, bunten Farbtupfern, den Schattenblühern der Alpenwälder.

Jetzt verschnaufe ich vor der Ganatschalpe, fast eintausend Meter über dem Talboden. Vordersee-, Sams- und Eisenspitze stehen vor mir, leuchten warm im Abendlicht. Hinter meinem Rücken aber, da überragt mich die Mittagspitze, mein Etappenziel. Noch immer sind es 800 Höhenmeter. Etwa zwei Stunden werde ich bis zu ihrem Gipfel unterwegs sein. Dann wird es schon dämmern. Mein Problem aber ist ein anderes: Nicht das kleinste Schneefeld ist von hier unten auszumachen. Wenn ich aber dort oben kein Wasser finden kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als am nächsten Morgen wieder abzusteigen. Plötzlich steht mein ganzer Plan auf der Kippe. Nun dreht sich alles nur noch um die einfachsten Dinge: Wasser. Der Sonnenstand. Die Wegfindung. Ich werde eins mit der Natur, der Bergwelt und der immer kühler werdenden Abendluft. Schritt für Schritt.

Als ich den Gipfel der Mittagspitze erreiche, blitzt gerade noch der letzte Sonnenstrahl hinter den Lechtaler Alpen hervor. Es ist ein zauberhafter Moment, dem ich leider nicht die angemessene Aufmerksamkeit schenke. Denn hier oben, nur einen Steinwurf vom Gipfelkreuz entfernt, finde ich ein etwa zwei auf fünf Meter kleines Schneefeld. Die Rettung! Schnell ist der Kocher aufgebaut, der Schnee in den Topf gedrückt und das fauchende Gas entzündet. 

Draußen sein – kann doch jeder!
Auf einem meiner vielen Familien-Campingausflüge mit dem neuen Wohnwagen, machten wir einmal eine spektakuläre Entdeckung. Neben all den VW-Bussen, Familienkutschen und tuckernden Diesel-Wohnmobilien, stand auf der grünen Wiese gegenüber plötzlich ein riesiger schwarzer Kasten. Seine glänzenden, verspiegelten Seitenwände fuhren wie von Geisterhand nach außen, die Satellitenschüssel richtete sich vollautomatisch aus und vor diesem Ungetüm parkte schließlich auch der Sportwagen – natürlich im passenden Farb-look. „Glamping“ war uns ja schon damals ein Begriff, aber das war noch einmal eine ganz andere Liga. 

Die Kinder staunten natürlich über dieses Luxus-Wohnmobil, genauso wie über den Sportwagen. Meine Art von Camping sieht dagegen ganz anders aus. Also drehte ich noch einmal die Würstchen auf dem heißen Grill, lachte ein „why not“ zu meiner Freundin herüber und ließ mich genüsslich auf einer Bierkiste nieder. Camping bedeutet nämlich immer auch Leben und leben lassen.

Höhepunkt des draußen Seins
Die Nacht am Gipfel der Mittagspitze war erholsam. Kühl und sternenklar. Immer wieder schlug ich nachts die Augen auf, sah in den funkelnden Himmel, atmete die kalte Luft und schlief zufrieden wieder ein. Das erste Licht weckte mich schließlich sanft auf, wie eigentlich immer beim Biwakieren oder Camping. 

Jetzt flutet es mich und die unzähligen Gipfel mit warmer Energie. Als ich meine, der perfekte Moment sei gekommen, richte ich mich auf und steige festen Schrittes dem Nordgrat des Hohen Rifflers entgegen. Aber schon nach wenigen Metern halte ich Inne und drehe mich noch einmal meinem Übernachtungsplatz entgegen.

Nichts deutet jetzt noch darauf hin, dass genau hier vor wenigen Minuten noch ein Bergsteiger biwakierte. Wo meine Isomatte lag, reckt sich das Gras der Morgensonne entgegen. Der flache Fels, auf dem mein Kocher stand, liegt auch jetzt noch genau so, wie er vermutlich schon seit 1000 Jahren liegt. Nicht der kleinste Papierschnipsel blieb liegen. Was die vergangene Nacht über noch mein Schlafgemach war, ist jetzt wieder zur ursprünglichen, unberührten Natur geworden. Das ist für mich der schönste Moment beim Draußensein. Wenn alles genau so ist, als wäre ich nie dagewesen.

Mit frisch aufgefüllten Wasservorräten ersteige ich den scharfen Grat rüber zum Gauderkopf, der sich nur knapp unter der 3000er-Marke hinwegduckt. Dann folgen einige Gehpassagen, bevor der Gipfelgrat noch einmal seine Zähne zeigt. Hier kommt die schwere Sicherheitsausrüstung zum Einsatz und wenig später kann ich die ersten Menschen erspähen, die den Gipfel auf dem Normalweg erstiegen haben. 

Etwas ungläubig starren sie mir entgegen, denn meine gewählte Route ist unmarkiert, unbekannt und anspruchsvoll. Fast 2500 Höhenmeter habe ich so mit schwerem Gepäck überwunden. Kletterstellen im III. Grad bezwungen. Und eine wundervolle Nacht in den Hochalpen verbracht. Als ich sechs Sunden nach Erreichen des Gipfels wieder das Auto erreiche, fühle ich mich so, als sei ich auf einer wochenlangen Expedition gewesen. Meine Hand lege ich aufs warme Autodach. „Hi. Da bin ich wieder.“ Und hätte mich mein Auto gefragt, wo ich die ganze Zeit über war, dann hätte ich vermutlich geantwortet: „Draußen!“
Text: Benni Sauer

4 Gedanken zu “CAMPING: Draussen sein!

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