CAMPING: Wildcampen in den Alpen

Was ist unterm Sternenzelt erlaubt?

Titelfoto: © Dominik Jirovsky

Dieser Artikel ist Teil 3 unseres THEMEN-SPEZIAL: CAMPING der Sommerausgabe 2021.

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Wir steuern einmal mehr auf einen außergewöhnlichen Sommer zu. Viele Menschen planen ihren Urlaub
im eigenen Land, quasi vor der Haustür. Schließlich kann man einfach das Zelt in den Rucksack stecken und los in die Berge wandern. Oder etwa nicht?

In Skandinavien und der Schweiz, gilt ein mittlerweile berühmt gewordenes Gewohnheitsrecht mit klingendem Namen: Das Jedermannsrecht. Es geht weit über das Betretungsrecht hinaus, erlaubt sogar mancherorts nicht nur das Aufstellen eines Zeltes, sondern auch noch ein Lagerfeuer – eben echte Outdoor-Romantik. In den deutschen, österreichischen und italienischen Alpen dagegen, greifen vielerorts strenge Regeln. Wer sich nicht informiert und folgeleistet, verhält sich nicht nur verantwortungslos, sondern riskiert auch empfindliche Busgelder. Dabei gibt es Möglichkeiten, ganz legal eine Nacht in den Bergen zu verbringen. Wir klären auf!

Auf die Wortwahl achten!  
Nein, wir wollen nicht dazu aufrufen Gesetzeslücken zu suchen und gezielt auszunutzen. Die rechtliche Lage ist sehr streng und das ist durchaus auch gut so. Doch die Reglementierungen schwanken stark – selbst von Bundesland zu Bundesland. Um die unterschiedlichen Gesetzestexte zu verstehen, muss man genau hinsehen und ihre Bedeutung verstehen. Wichtigster Punkt: Es muss immer zwischen Zelten und Biwakieren unterschieden werden. Das Zelten, respektive das Camping, beschreibt eine geplante Übernachtung. Ob die Nacht im Zelt, oder nur auf der Isomatte verbracht wird, ist dabei unerheblich. Als Biwakieren dagegen, wird im Allgemeinen (aber nicht überall!) eine ungeplante, nicht zu vermeinende Übernachtung im alpinen Raum bezeichnet. Beispielsweise aufgrund einer Notsituation, einer Verletzung, Orientierungslosigkeit, schlechter Sicht oder falscher Zeitplanung. Wer es für sicherer hält, die Nacht an Ort und Stelle zu verbringen, der darf das!

Übrigens: Wer auf Touren in den Alpen – und seien sie noch so kurz – eine Stirnlampe und einen Biwaksack mit sich führt, der plant nicht eine unerlaubte Camping-Nacht, sondern ist schlichtweg vorsichtig und gut ausgerüstet!

Eine unerwartete Biwaknacht ist in jedem Fall erlaubt. Wer aber geplant in den Bergen übernachten will, sollte sich gut vorbereiten.

Camping in freier Natur?
Aber auch geplant darf man eine Nacht in den Alpen verbringen – zumindest mancherorts. Da diese Orte eher rar gesät sind, geht man am besten mit dem Ausschlussverfahren vor und unterscheidet zwischen den verschiedenen Regionen. Naturschutzgebiete und erst recht Nationalparks sind (fast) ausnahmslos tabu, auch wenn diese meistens am reizvollsten wären.

Auch eine Trennung der Vegetationsstufen macht Sinn: Nahezu überall im deutschsprachigen Alpenraum ist das Zelten im Waldbereich verboten. Oberhalb der Waldgrenze sieht das kaum anders aus. Eine geplante Übernachtung ist in Deutschland und Italien streng genommen auch hier verboten. In Österreich ist eine legale Zeltnacht stark vom jeweiligen Bundesland abhängig. Tirol sticht hier als besonders restriktiv hervor: Das Campieren außerhalb von markierten Zeltplätzen ist grundsätzlich verboten. Weniger streng ist die Lage in Vorarlberg und Oberösterreich, wo eine Übernachtung in freier Natur unter Umständen toleriert wird. 

Auch in Südtirol sollten Campingfreunde gut informiert sein. Geplante Zeltnächte sind in freier Wildbahn nahezu überall verboten, was auch streng kontrolliert wird. Wer aber außerhalb der Schutzgebiete bleibt und eine Erlaubnis des Grundstückseigentümers hat, der hat, wie auch in Deutschland und Österreich auch, nichts zu befürchten.

Ausnahme: Schweiz!
Auch in der Schweiz ist die Lage keineswegs einheitlich. Doch sie ist weniger streng als in Deutschland oder beispielsweise Südtirol. Grundsätzlich sind hier laut Zivilgesetzbuch Wald und Weide jedermann zugänglich. Doch auch hier können je nach Kanton und Gemeinde Einschränkungen gelten. Selbstverständlich sind auch hier Schutzgebiete tabu. Der SAC setzt dabei weniger auf Verbote als auf Aufklärung: In einer Broschüre heißt es beispielsweise: […] Ansonsten ist eine einzelne Übernachtung einer kleinen Anzahl Personen im Gebirge oberhalb der Waldgrenze in der Regel unproblematisch – wenn sie rücksichtsvoll erfolgt. Zudem ist ein Notbiwak grundsätzlich erlaubt.

Nicht unwichtig ist hier ein kleines Detail: In der Broschüre wird ausdrücklich erwähnt: Biwakieren: Übernachten ohne Zelt unter freiem Himmel, in einem Iglu oder in einer Schneehöhle. Campieren: Übernachten in einem kleinen Zelt außerhalb von offiziellen Campingplätzen. In der Schweiz scheint es demnach also keine Rolle zu spielen, ob die Übernachtung von langer Hand geplant, oder spontan nicht zu vermeiden war. Stattdessen wird vielmehr betont, dass der Übernachtungsgast in der Natur nichts beschädigen, oder zurücklassen soll.

Darüber hinaus werden in der Broschüre unproblematische Gebiete empfohlen, weitere Verhaltensregeln nahegelegt und über Regionen informiert, die gemieden werden sollten. Ein ähnliches Konzept findet man übrigens in den französischen Alpen, wo selbst in Nationalparks das Zelten auf markierten Flächen erlaubt ist. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Herangehensweise nachhaltiger und effizienter ist, was immer wieder aus den französischen und schweizerischen Alpen bestätigt wird.

Lichterspiel: Ob eine Übernachtung mit oder ohne Zelt stattfindet, ist übrigens in den meisten Fällen
nicht entscheidend.

Wild-Camping vor der Haustür? In Bayern kaum möglich:
Zuallererst: Die Bayerischen Alpen stehen nahezu vollständig unter Naturschutz, womit der Traum vom Träumen unterm Himmelszelt erstmal vom Tisch ist. Zwar erlaubt das Betretungsrecht (nicht Jedermannsrecht) grundsätzlich jedem: „Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer und die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang ist jedermann gestattet.“ (Art. 141 Abs. 3 Satz 1 der Bayerischen Verfassung)“ Von Zelten ist hier zwar nicht die Rede. Aber von Erholung in der freien Natur! Fällt da vielleicht nicht auch ein Nickerchen darunter?

Schaut man in die jeweiligen Naturschutzgebietsverordnungen, findet man interessante Punkte. Hierbei ist immer zuerst zu nennen: Grundsätzlich ist alles verboten, was in irgendeiner Art und Weise „zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Gebietes oder seiner Bestandteile oder zu einer nachhaltigen Störung führen kann.“ Ein Grundsatz, dem sich sowieso jeder anständige Bergfreund verpflichtet fühlen sollte!

In der Naturschutzgebietsverordnung der Allgäuer Hochalpen beispielsweise, heißt es da aber weiter: „[…] Es ist verboten zu zelten oder außerhalb felsiger oder felsnaher Bereiche zu biwakieren.“

Vergleicht man nun diese Wortwahl mit jener der Schweizer, und bedenkt darüber hinaus, dass 1992, als die Verordnung der Allgäuer Hochalpen in Kraft trat, vielleicht noch den einzelnen Bergriffen eine ganz andere Bedeutung zugeschrieben wurde, so ist man nach dem Durchforsten der Verordnungstexte vor allem eines: nicht schlauer als davor. Was ist nun ein Biwak? Was ist ein felsnaher Bereich? Gemeinhin fährt man also auch hier am besten, wenn man die Erlaubnis des Grundstückseigentümers hat.

Kleiner Tipp: Häufig erlauben Hüttenwirte eine Übernachtung unweit ihres Hauses. So kann man nicht nur den Sternenhimmel genießen, sondern auch ein gutes Abendessen, Gesellschaft und eine Toilette. Anstandshalber empfiehlt es sich aber beim Einholen der Erlaubnis, gleich auch anzumerken, dass man für diesen Service selbstverständlich auch den ganz normalen Übernachtungspreis zahlen möchte. 

Wer zum Sonnenaufgang am Gipfel sein möchte, kann in einer der viele AV-Hütten übernachten – oder dort fragen, ob in
Hüttennähe ein Biwak aufgeschlagen werden darf.

Gesunder Menschenverstand!
In den letzten Jahren litten bestimmte Hotspots unter gehörigem Druck. Die Corona-Pandemie wird nun noch mehr Menschen in die freie Natur locken – was man ja eigentlich nur gutheißen kann. Vorfälle der vergangenen Sommer aber legten auch ein respektloses und verantwortungsloses Verhalten an den Tag. Mancherorts scheinen die strengen Regeln also schlichtweg nötig zu sein, um die Schönheit der Natur zu schützen. 

Denken wir einmal genauer über die Schutzregeln nach: Als Comici und die beiden Dimai-Brüder schließlich die ersten Menschen waren, die durch die Nordwand der großen Zinne stiegen, lagen zwei Nächte hinter ihnen. Auch die Seilschaften um Heckmair und Harrer waren drei Tage und Nächte in der Eiger Nordwand unterwegs. Kaum jemand hätte ihnen geglaubt, hätten sie später behauptet, ihnen sei einfach nur ein kleiner Fehler im Zeitmanagement unterlaufen. Heute sind diese Gebiete glücklicherweise UNESCO-Weltnaturerben. Und glücklicherweise werden dort auch heute noch große Touren unternommen – auch mehrtägige.

Natürlich sind das Extrembeispiele. Doch sie lassen sich auch gut auf alltäglichere Touren projizieren. Genaugenommen ist zum Beispiel auch das Verlassen der Wege in Naturschutzgebieten verboten. Somit ist eine Besteigung der Höfats im Allgäu, der Gumpenkarspitze in den Ammergauer Alpen und gleich einer ganzen Hand voll Gipfel im Naturschutzgebiet Schochen und Reintal faktisch verboten. Trotzdem sind diese Berge teils begehrte Ziele, wenn auch manche nur für Individualbergsteiger. Teilweise werden die weglosen Anstiege sogar in AV-Führern beschrieben. Und vielleicht liegt gerade hier der Hund begraben: Wer die Berge liebt und schätzt, der geht sorgsam mit ihnen um. Die weglosen Gipfel sind naturbelassene Schönheiten, die uns Menschen echte Wildnis näher bringen. Was man kennt, das schützt man. Die Zeltplätze in den französischen Nationalparks sind sauber – niemand lässt hier auch nur eine Kleinigkeit zurück. Aufklärung und Sensibilisierung können ganz offensichtlich mehr bewirken als strikte Verbote. Selbst in Corona-Zeiten.

Text: Benni Sauer

2 Gedanken zu “CAMPING: Wildcampen in den Alpen

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