Das Beste kommt zum Schluss

Das Jahr 2020 endete für viele Skitourengeher anders als erwartet. Kein Grund aber den Kopf in den Schnee zu stecken: Halten wir noch etwas die Skischuhe still, träumen von der ersten Firntour und planen schon jetzt ein fulminantes Saisonfinale, das den derzeitigen Verzicht mehr als wettmachen wird. 
(Titelbild: Osttirol Skitour Defereggental | ©
Christian Weiermann)

Nationalpark Hohe Tauern Naturverträgliche Skitouren © Marcel_Brunnthaler

Was wir suchen und was wir finden
Es war ja nun wirklich mehr als vorhersehbar. Die ersten eingeschneiten Gipfel zogen Scharen an Skitourengehern an – so viele, wie kaum ein vorheriger Saisonstart. Dabei stehen doch gerade wir Wintersportler mehr als ungern in der Schlange. Wer die Einsamkeit und Stille der verschneiten Bergwelt suchte, der hatte in den letzten Wochen aber eher schlechte Karten. Fast überall wo Skitouren möglich waren, sah man kettenweise Menschen den Berg hinaufziehen.

Das alles wird sich entspannen, sicher. Doch erst im Frühjahr, wenn weiter unten der Schnee schon dahinschmilzt, ermöglichen sich die wirklich eindrucksvollsten Touren. Sichere Verhältnisse und stabile Wetterfenster laden dann zu den schönsten, den weitesten, den einsamsten, aber auch zu den höchsten Touren ein. Überall! Vor allem aber in Osttirol.

© Willi Seebacher

Riesenferner- und Schobergruppe: Ruhepol und Kraftplatz
Der Rummel, der große Ansturm findet meistens weiter nördlich statt. Der Hochschober braucht sich aber keineswegs vor dem Großglockner verstecken. 3242 Meter ragt der Schober zwischen Kals am Großglockner und Lienz in die Höhe. Der lange Anstieg durchs wilde Lesach- und Ralftal lässt Vorfreude aufkommen, denn die wuchtige Pyramide bietet auf dieser, der Nordseite, meist besonders lange den wohlverdienten, traumhaften Pulverschnee. Absolut sichere Verhältnisse und perfekte Beherrschung der Ski sind dort oben allerdings obligatorisch. In der Schobergruppe lassen sich zusätzlich auch noch einige schöne Durchquerungen realisieren: Über die Mirnitzscharte, das 2800 Meter hohe Kalser Törl oder vorbei am Alkuser See. Hier stehen ganz klar keine Gipfelerfolge im Vordergrund, sondern das Wintererlebnis, auf das wir dann schon so lange gewartet haben.

Etwas sanftere Ziele kann man sich im westlich gelegenen Defereggental suchen. Auch hier scheinen die Wintersportuhren noch weitestgehend stillzustehen. Ganz besonders am Talschluss, dem Staller Sattel, der mit etwas mehr als 2000 Metern Höhe einen optimalen Startplatz für wunderschöne, einsame Frühjahrstouren bietet. Wer kennt schon Almerhorn, Hinterbergkofel oder Innerrodelgungge? Schon von weitem erkennt man, wie perfekt geneigt die offenen, freien Hänge daliegen. Auf der italienischen Seite des Sattels findet sich dagegen die Croda Rossa, die Rote Wand. Ihren Gipfel erreicht man zwar relativ einfach und schnell über das Agsttal, wahlweiße auch das Hintermontal. Doch auch ohne sportliche Extremleistung wird die Rote Wand zum Höhepunkt des Frühlings: Wild, romantisch, mit schon beim Aufstieg grandiosem Ausblick und mit ziemlicher Sicherheit ganz ohne Schlangestehen! Kleiner Muntermacher nach der Tour: Wer sich traut, darf die Badesaison gleich neben dem Parkplatz am hübschen Obersee einläuten.

© Willi Seebacher

Noch höher, noch schöner?
Unten im Tal blühen die ersten gelben Farbtupfer auf saftigen Wiesen, während hoch oben noch das lockere weiße Gold strahlt. Zweifelsfrei ist der Frühling für die meisten Skitourengeher die beliebteste Jahreszeit. Eisige Hochtouren mit pulvrigen Abfahrten enden dann am besten mit einem Kaffee in der Sonne und Vogelgezwitscher im Ohr. Das ist auch am Großglockner nicht anders. Denn auch wenn die Einsamkeit hier sicher nicht ihm Fokus steht, ist eine Skitour auf Österreichs höchsten Gipfel nur im sicheren Frühjahr möglich. Zwei Tage, gute Kondition, perfekte Bedingungen. Wer in dieser Zeit den Glockner besteigen will, muss wissen was er tut, die Verhältnisse genau einschätzen können und alle Techniken des hochalpinen Bergsports sicher beherrschen. Hierfür ist sicherlich ein örtlicher Bergführer ratsam, der nicht nur die aktuellen Bedingungen bestens einschätzen kann, sondern auch eine besondere Ortskenntnis hat. Alle Zustiege führen über Gletscher, deren Spalten je nach Winter mehr oder weniger überdeckt sind. Wer das Gebiet aus dem Sommer kennt, ist klar im Vorteil.

Die etwas harmlosere, aber nicht weniger beliebte Variante: Eine Skitour auf den Großvenediger. Die Möglichkeiten diesen Gipfel zu erreichen sind vielfältig, gerade jetzt im Frühjahr. Übers Defregger Haus, die Kürsingerhütte, die neue Prager Hütte. Manchmal lassen die Bedingungen sogar eine Kraxelei über die Felsgrate zu, was allerdings meistens nur Profis vorenthalten bleibt, die so aber selbst am Venediger eine einsame Route finden. Letztendlich aber führen alle Wege nach Rom: Am Gipfel angekommen, bieten die beiden Großen imposante 360°-Panoramen, die in kaum einer anderen Jahreszeit eindrücklicher sein könnten.

Großvenediger © Christina Wurzacher

Frühjahrsvielfalt 
Osttirol, mit seinen angrenzenden Tälern und Gipfeln, ist eine wahre Schatzkammer für Tourenfreunde. Oft reicht schon ein Talort, um wochenlang Skitouren gehen zu können. Die Entzerrung des Skitouren-Ansturms wird dort aber dennoch weitestgehend möglich, Einsamkeit und Ruhe erlebbar sein. Dafür sorgen nicht zuletzt Klassiker wie Glockner und Venediger, die (zurecht) einen großen Teil der Wintersportler fast schon magisch anziehen. Skitourengeher in Osttirol aber suchen eben nicht nur die kleine Feierabendrunde. Sie wollen sich nicht nur mal eben auspowern. Sie suchen das Erlebnis. Skitourengehen bedeutet hier Berge zu besteigen. Das Erlebnis steht im Vordergrund. Lange Hatscher, Gegenanstiege, anspruchsvolle Schlüsselstellen oder Abseiler, ja, die gibt es. Zum Glück! Denn allein ein solches Merkmale dünnt den Ansturm meist deutlich aus. Und ein solches Merkmal lässt Bergtouren noch immer zu echten Abenteuern werden. Man kann sich also sicher sein: In Osttirol finden Skitourengeher was sie suchen. 

Text: Benni Sauer

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