Das Bürgermeisterstück

Titelfoto: Der Guide zeigt mir die kecke Hochkünzelspitze.
Mit 2397 Metern bildet sie den östlichen Abschluss der Zitterklapfengruppe.

Eigentlich fährt man hier Ski, was der Region auch unschwer anzusehen ist: Kein Hang ist unbefahren am Hochtannbergpass, zwischen den Gemeinden Schröcken und Warth. Links ziehen die Abfahrtsspuren der Freerider vom Saloberkopf herunter. Rechts haben heute schon die Skitourengeher die Hänge von Widderstein und Höferspitze durchflochten – dabei ist die angespannte Lawinenlage gerade erst abgeklungen.

„Früher war ich auch einer der ersten am Gipfel. Für einen unverspurten Hang musste man damals schon früh aufstehen!“ Heute aber geht es Herbert Schwarzmann eher um die ruhige Seite des Winters, weswegen sich der über sechzigjährige Naturfreund erst kürzlich zum Bergwanderführer ausbilden hat lassen. Das, so sagt er, während wir mit den Schneeschuhen durch den Pulver stapfen, sei ein wunderbarer Ausgleich zu seiner Hauptaufgabe. Denn Schwarzmann war in seinem früheren Leben nicht nur Versicherungsmakler, sondern amtiert momentan auch in seiner bereits dritten Periode als Bürgermeister Schröckens! 

Einen Bürgermeister als Wanderführer. Das dürfte selbst alpenweit eine Rarität sein, und so freue ich mich, als mir der Winterfreund das Du anbietet. „Über 1500 Meter da gibt’s kein Sie. Bürgermeister hin oder her!“ 

Bürgermeister und Wanderführer mit Leib und Seele: Herbert Schwarzmann.

Stapf, stapf, stapf.
Vom Parkplatz an der Saloberbahn bewegen wir uns nach Westen, wo wir schon bald einen wunderbaren Blick geboten bekommen. Dominiert wird das Bild von der Hochkünzelspitze, über die mein erfahrener Guide genau weiß, dass sie auch gerne als Skitourengipfel herhalten muss. Von unserem Standpunkt aus aber, finde ich zwischen den steilen Felsflanken keine einzige fahrbare Rinne. Herbert jedoch erklärt mir, dass der Gipfel über die Südseite relativ gut zu erreichen ist. Außerdem merkt er an, dass es ja meistens ohnehin nur halb so schlimm ist, wen man erstmal vor Ort ist…

Einige Stapfer weiter hält Herbert wieder Inne. Er zeigt mit seinem Wanderstock von rechts nach links. „Die Höferspitze. Juppenspitze. Mohnenfluh. Braunarlspitze und Hochberg. Rothorn und schließlich die Hochkünzelspitze.“ Den vielen Namen kann ich anfangs nur einen fragenden Blick entgegenwerfen. Aber der Bürgermeister, dessen Gemeinde übrigens genau inmitten der genannten Gipfel liegt, klärt mich auf. „Das sind die Seven Summits Schröcken. Einmal im Jahr starten wir ein großes Event, bei dem konditionsstarke Bergläufer all die Berge in einem einzigen Lauf überschreiten.“

Sieben Gipfel an einem Tag? Ich überschlage, bekomme große Augen und Herbert nickt mir zu. „Ganz richtig! Das sind genau genommen 4300 Höhenmeter und 48 Kilometer Wegstrecke. In aller Regel sind die limitierten Teilnehmerplätze in wenigen Minuten ausgebucht!“ Noch dazu ist das alles bei Weitem nicht nur eine clevere Marketingstrategie – obwohl sich die sieben Gipfel allemal auch für Normalbergwanderer lohnen. Die Seven Summits Tour Schröcken ist mehr! Der komplette Erlös des Events, dessen Organisation ein Amtskollege des Bürgermeisters durchführt, kommt eins zu eins der Hilfsorganisation ROKPA zugute. So helfen die Bergläufer – ganz nebenbei aber dennoch direkt – Menschen in Nepal, Tibet und anderswo, wo Hilfe gebraucht wird. 

Auf dem Weg zum Körbersee durchqueren wir eine malerisch schöne Landschaft.

Stapf, stapf. Wir umgehen eine Wildruhezone, während der Pulverschnee unter unseren Schneeschuhen staubt. Nur einige hundert Meter später blicken wir hinab auf ein wahres Kleinod: Der berühmte Körbersee liegt verschlafen und zugefroren vor der Nordwand der Juppenspitze und strahlt uns eine magische Ruhe entgegen. „Ein Geheimtipp ist der Ort sicher nicht mehr“, wirft Herbert in diese Stille und fügt hinzufügt, dass dieser Ort sogar schon zum schönsten ganz Österreichs gekürt wurde. Doch im Gegensatz zu dem Trubel im Skigebiet Arlberg, sei hier noch immer eine traumhafte Alpenidylle zu finden. Direkt am See, von uns aus hinter einigen Fichten versteckt, da steht das Hotel Körbersee. 1930 wurde es eröffnet – und ist seitdem nur zu Fuß erreichbar. Eine noch vor dem Hotelbau geplante Straße, wurde nie gebaut. Zum Glück! So ist das Haus bis heute ein Hotel, um abzuschalten. Um zu genießen. Um Ruhe zu finden. 

Wir verlassen aber schon bald dieses Juwel, dieses Bürgermeisterstück an Alpenlandschaft, und machen uns auf den Rückweg. Die Sonne geht bereits unter und es wird schlagartig schattig und kalt. Herbert erzählt mir derweil stapfend über seine Amtszeiten. Über die Bettenzahl, welche die Gemeinde in den zwölf Jahren nun fast schon verdoppeln konnte. Über die Lawinenverbauung an der Höferspitze, die seit einer Beinahekatastrophe Häuser und Einwohner Schröckens schützt. Und wir sprechen über die Wildtiere, von denen Herbert Schwarzmann genau weiß, wo sie zu finden sind. Und in der Tat: An einem Gleitschneemaul, also einem Riss in der Schneedecke, finden wir eine Gams. Sie nutzt dieses markante Lawinengefahrenmuster, um an der darunterliegenden Grasnarbe zu knabbern. Hoch oben steht das Tier noch im letzten Sonnenlicht. Ein wunderbar ruhiger Moment!

Herbert war während der gesamten Wanderführung anzumerken, wie sehr er mit der Region verbunden ist. Das Licht der Welt hat er in Schröcken erblickt. Drei Mal wurde er hier zum Bürgermeister gewählt. Und auch die Ausbildung zum Wanderführer stellt unmissverständlich klar, dass er auch nach seiner dritten und letzten Amtszeit für sein Schröcken tätig sein möchte. Dann aber nicht mehr am Schreibtisch, sondern draußen in der Natur, durch die wir gerade mit unseren Schneeschuhen der Nacht entgegen stapfen. Am Schreibtisch, so lacht er, seien dann die Jüngeren dran.

Autor: Benni Sauer

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