Das kleine Eis mal Eis

Einfach mal in einen echten Extremsport reinschnuppern? Kein Problem!

Ein Eiskletter-Schnupperkurs ist ein kurzweiliger Ausflug für Freunde der Vertikalen, der nur einen halben Tag in Anspruch nimmt und bei fast jedem Winterwetter durchgeführt werden kann. Vorkenntnisse werden keine vorausgesetzt, Equipment wird gestellt. In der Region um Warth gibt es unzählige kleine, aber auch einige mehrere hundert Meter hohe Routen. Christian Fritz bietet mit seiner Alpinschule Widderstein individuell gestaltete Kurse für Einsteiger, Fortgeschrittene und Gruppen an. 

Fährt man aus dem spätwinterlichen Lechtal nach Warth hinauf, bekommt man eigentlich nicht sonderlich viel Eis zu sehen. Gletscher gibt es hier zwischen 1000 bis 1500 Meter keine und der kräftige Lech strömt rauschend im tief eingeschnittenen Tal. Noch dazu klettert das Thermometer in der Sonne gerne auch mal auf zehn Grad – plus! Bergführer Christian Fritz, der mich in Warth empfängt, ist aber guter Dinge: „Optimales Wetter, um ins Eisklettern einzusteigen!“

Im kleinen Krabachtal, nur wenige Minuten westlich von Steeg. Es ist schon später Nachmittag und die Sonne schafft es in den Wintertagen überhaupt nicht in diese enge Schlucht. Wochenlang regiert hier der Schatten – und blankes Eis. Direkt hinter der kleinen Brücke, die uns über den Krabach führt, erreichen wir schon unser Ziel: Vor unserer Nase hängen unzählige Eiszapfen. Meterhoch, teils grazil und dünn, teils mächtig und zu wahren Giganten zusammengewachsen. Lektion 1: Helm aufziehen! Das Eis ist schwer berechenbar. Erst recht an Tagen wie diesen, wenn große Temperaturschwankungen für Spannungen im Eis sorgen. Der Helm lohnt sich auch, wenn der Bergführer die kleine Wand umgeht, um plötzlich an ihrem oberen Ende wieder aufzutauchen und das Toprope mitsamt einigen Schneebällen zu mir herunterzuwerfen. 

Christian Fritz zeigt mir, worauf es ankommt: Lektion Nummer 3! Die Eisgeräte in aller Härte ins Eis zu dreschen, sieht vielleicht cool aus, ist aber keineswegs zielführend. Gehauen wird fast ausschließlich aus dem Handgelenk mit kleinen, knackigen Schlägen. Gründe hierfür: Mit ausladenden Hieben aus der Schulter, knallt die Spitze der Pickelhaue in einem ungünstigen Winkel auf das Eis, prallt ab, oder dringt nicht tief genug ins Eis ein. Außerdem darf, wenn das Eisgerät einmal sitzt, nicht daran gerüttelt werden. Hat man nämlich die Haue im falschen Winkel in das Eis gehämmert und möchte sich daran emporziehen, hebelt man sich nur selbst aus. Die Folge ist ein Sturz und der, so Lektion 4, ist beim Eisklettern tabu – zumindest als Vorsteiger. Die Gefahr sich selbst oder den Nachsteiger bei einem Sturz zu verletzen, ist schlicht hoch. 

Selbst große Eisfälle, die über mehrere Seillängen gehen, sind in der Region zu finden.

Einen kurzen Abseiler später steht Christian schon wieder neben mir auf dem Wanderweg. Der Eiskletterprofi geht gleich zu Lektion 2 über: Wir haben Steigeisen an den Füßen und Eisgeräte in den Händen, da ist Vorsicht angesagt. So tritt man mit den Eisen im besten Fall ungefähr eine Schulterbreite voneinander entfernt ins Eis. So schont man effektiv Hose und darunterliegende Wade. Was die Eisgeräte angeht, so greift man diese bei zeitweißem Nichtgebrauchen direkt unterhalb der Haue. Die „Waffe“ wird so aus dem Anschlag genommen, die Gefahr von Verletzungen minimiert. Und dann geht’s auch schon ans Eis!

Grund genug, mich auf das anfangs gelegte Toprope und die Sicherungstechnik des Bergführerweltmeisters zu verlassen. Richtig gehört! Christian hat tatsächlich einen Weltmeistertitel inne – und ganz nebenbei hat er natürlich viele der hiesigen Eisfälle erstbestiegen. 

Selbst als mäßig erfahrener Bergsteiger, kommt mir aber der kurze Eisaufschwung, trotz dass er annähernd senkrecht ist, anfangs noch relativ mickrig vor. Doch schon nach dem dritten Zug spüre ich, was Sache ist: Eisklettern ist unfassbar anstrengend! Die ungewohnte Griffhaltung kostet viel Kraft aus den Unterarmen. Kraft, die mir gleich darauf ausgeht. Lektion Nummer 5: Ein nur wenige Meter hoher Eiszapfen reicht als erste Trainingseinheit mehr als aus!

Ich versuche mich direkt am Wegesrand erstmals in einem nur wenige Meter hohen Eisschild.  

Lektion Nummer 6 lässt nicht lange auf sich warten. Meine Eisgeräte sind schon etwas in die Jahre gekommen und ihre Hauen litten jahrelang unter gefrorenen Allgäuer Graspolstern. Die Steigeisen sehen sogar noch schlimmer aus. Mit stumpfem Werkzeug ist aber im glitzernden Blankeis nichts zu holen, weshalb mir Christian natürlich gerne mit seinem Equipment aushilft. Außerdem rät er mir, mit einer feinen Metallfeile die Eisen zu schärfen. „Wenn man sich damit den Daumen aufschneiden kann, sind sie scharf genug“, grinst er mir entgegen und reicht mir seine Eisgeräte hinauf.

So komme ich tatsächlich schon wesentlich besser vom Fleck. Doch schon bald scheitere ich an Lektion Nummer 7: Für die ins Eis getretenen Steigeisen gilt dasselbe wie für die Eisgeräte. Einmal platziert, dürfen sie nicht mehr bewegt werden. Doch intuitiv macht man sich beim Klettern gerne lang. Man hebt die Ferse, stellt sich auf die Zehenspitzen. Und hängt blitzartig im Seil. Das Aufrichten der Steigeisen lässt ebendiese fast zwangsläufig aus dem Eis springen – eigentlich logisch. Trotzdem wird mir diese intuitive Bewegung noch einige Stürze bescheren. Dem Bergführer sei Dank, verlaufen sie allesamt harmlos.

Unser nachmittäglicher Ausflug neigt sich dem Ende entgegen. Nicht nur, weil der Biberkopf schon das letzte, orangerote Abendlicht reflektiert, sondern auch, weil mir schlicht die Kraft ausgeht. Lektionen gäbe es aber noch viele zu lernen. Zum Beispiel Lektion Nummer 8: der Klang des Eises, welcher dem Könner verrät, ob der Eiszapfen nun stabil genug ist, oder eben nicht. Lektion Nummer 9: Wie nah kann ich die Eisgeräte nebeneinander platzieren, ohne in Gefahr zu laufen, dass sich die Hauen gegenseitig aus dem Eis schlagen? Oder Lektion Nummer 10: Wie und wo setzt man richtig Eisschrauben in einem Eisfall, der trotz dass er starr gefroren scheint, tatsächlich ständig in Bewegung ist?

Es gibt viel zu lernen. Und ich beschließe, noch diesen Winter einen weiteren Schnupperkurs beim Weltmeister zu buchen. Dann aber mit geschliffenen Eisgeräten – und hoffentlich ein wenig kräftigeren Unterarmen! 

Autor: Benni Sauer

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