Dead ends & cake

Was haben eigentlich Sackgassen und Kuchen gemeinsam?

Das Kutscherhaus im schweizerischen St. Gallen, etwa zehn Kilometer vom Bodensee entfernt. Radeln kann man hier wunderbar. Mit dem Mountainbike über die Berge, mit dem Rennrad über die Pässe und Straßen. Es gibt hier aber auch die anfangs eher unlohnend erscheinenden Sträßchen, die einfach nur in die Berge hinein- und wieder hinausführen: Sackgassen! Wer möchte schon in eines dieser „toten Enden“ fahren, wenn er genauso gut einen Roundtrip planen kann? Schließlich ist da oben meistens nicht viel zu finden. Der St. Gallener Dominik Bokstaller wollte das nicht einfach so stehen lassen. Schnell wurde ihm klar, dass man den Menschen, sprich dem radelnden Volk, etwas bieten muss. Etwas was jeder mag. Etwas worauf alle abfahren. Etwas, von dem die Menschen nie genug haben werden. Logisch: Kuchen!

Eine simple Idee und wie wir wissen, sind gerade diese die besten. Ganz neu ist das Konzept dabei nicht: Der leidenschaftliche Radler und Ultracyclist Bokstaller nahm 2020 an einem Rennen in der Schweiz teil, wobei es darum ging, so schnell wie möglich eine Postkarte aus allen 26 Kantonen der Schweiz zu versenden. Welche ist die beste Taktik? Welche die beste Route? Welche Verpflegung und welche Ausrüstung wird nötig sein? Letztendlich konnten Zuschauer aus aller Welt das Rennen dank GPS-Sender live verfolgen. Bokstaller fuhr 918 km und 7800 Höhenmeter in unter 39 Stunden! Beeindruckender dritter Platz!

In den Sackgassen um St. Gallen sind es keine Postämter, die man anfahren muss, sondern (Kuchen-)Checkpoints, die zusammengerechnet eine Bewältigung von ungefähr 500 Kilometern und 8000 Höhenmetern erfordern. Und oben gibt’s dann natürlich das wohlverdiente Süßgebäck. Wobei: Genauso wenig wie es Bokstaller um Postkarten ging, so wenig geht’s bei Dead Ends & Cake um den Kuchen. Der ist strenggenommen eigentlich eine Ausrede, um die Radler endlich mal in die einsamen Täler zu locken. Denn so unlohnend, wie deren Ruf manchmal ist, sind sie gar nicht! Kleine, in den Felsen geschlagene Sträßlein, steile Alpwege und rustikal gesprengte Tunnels, führen praktisch verkehrsfrei bis hoch auf die Alp oder ans Ende des Tals. Der Kuchen ist dabei nur das Tüpfelchen auf dem i, quasi die leckerste Ausrede überhaupt. Weil Radfahren ohne Kuchen weder Spaß noch Sinn macht – so steht es immerhin auf der Internetpräsenz geschrieben. Und das klingt doch ziemlich gut, oder?

Don’t hurry – be happy!  Sicher, es gibt auch die Profis, welche alle fünf Sackgassen, alle fünf Kuchen in einer Fahrt abradeln. Grundsätzlich geht’s aber auch gemütlicher – sehr viel gemütlicher! Ob nun jedes Wochenende ein Kuchen, oder Monat für Monat eine Etappe, das spielt keine Rolle. Melina Borgmann stellte sich der Herausforderung während der offiziellen Challenge, wobei alle Teilnehmer von Freitag bis Sonntag Zeit zum Kuchenessen haben. Die Regeln waren streng: „Keine Hilfe von außen! Keine Materialdepots! Windschattenfahren ist nur den Zweierteams erlaubt!“ Wer dann aber genauer ins Regelbuch schaute, fand dann doch noch die ein oder andere, durchaus erwünschte Auslegung: „Route und Reihenfolge der Checkpoints sind frei wählbar. Unterstützung darf nur angenommen werden, wenn öffentlich zugänglich oder von netten Leuten ungefragt angeboten. Spontanes Fahren, Essen, Campieren in Gruppen ist erwünscht.“ Ob im Zelt, dem Biwaksack, oder eben auch ganz ohne Nachtruhe. Jeder gestaltet seine Kuchensackgassen wie er möchte. Don’t hurry – be happy! Melina fuhr so stolze 8800 Höhenmeter und 480 Kilometer in knapp 50 Stunden!

Zwar ist die leidenschaftliche Radlerin nicht die Ultrabikerin wie Ideenhaber Dominik Bokstaller, aber dennoch sportlich äußerst aktiv. Die Challenge, egal ob im Event oder solo, ist also keineswegs nur für Radprofis gedacht. Minimalistisch war sie unterwegs, mit Schlafsack und Isomatte. „Ein Hotel wäre für mich nicht in Frage gekommen, weil ich an diesem Wochenende so viel Freiheit wie möglich genießen wollte.“ Und so verlief gleich ihre erste Nacht ganz unverhofft gemütlich am Lagerfeuer. Einem Lagerfeuer mit Erdbeerkuchen! Die zweite Nacht stand, aufgrund einer spontanen Routenänderung, wortwörtlich in den Sternen, doch ein leeres Festzelt – irgendwo im nirgendwo – war dann doch zu verlockend. Der Brunnen gleich nebenan versorgte sie sogar mit fließend Wasser. Dead Ends & Cake ist eben nicht nur Radeln und Kuchen, sondern auch Bikepacking für Fortgeschrittene. Wenn man es so möchte. 

Als Melina nach mehr als 50 Stunden auf dem Sattel ins Ziel fuhr, berichtete sie von einem überwältigenden Erlebnis. „Die eindrucksvollen Orte, die Checkpoints, dem per se riesigen Fahrspaß und dem Gefühl, dass die Route funktioniert, die man sich da Zuhause im Winter lediglich mit Hilfe der Satellitenbilder zusammengebastelt hat, das hat mich fasziniert.“ Die junge Sportlerin fügte aber noch hinzu: „Die besonders schönen Momente für mich waren geprägt von kurzen, spontanen Begegnungen mit anderen Fahrern, den tollen Supportern an den jeweiligen Checkpoints und vor allem aber den Gesprächen mit fremden Menschen. Diese haben mich wirklich begeistert.“ Es geht also in Wirklichkeit um mehr als nur Radeln und Kuchen. Vielleicht nämlich darum, dass Radeln und Kuchen verbindet!

Das Juni-Event war innerhalb weniger Minuten ausgebucht. „Macht aber nix“, sagt Veranstalter Bokstaller! Die Checkpoints sind so schön gelegen, dass es sich unbedingt lohnt, diese auch außerhalb des Events zu besuchen! Selbstverständlich ist auch dann für Kuchen gesorgt. 25 Schweizer Franken kostet die Anmeldung zur Challenge, um die offizielle Stempelkarte zu erhalten. An allen Checkpoints finden dann Teilnehmer eine Holzbox mit deponiertem Stempel – und es kommt noch besser: Wer im Checkpoint-Restaurant seine Stempelkarte vorzeigt, der bekommt den Kuchen gratis! 

Zurück zum Event: „Ich habe in diesen drei Tagen mehr erlebt als in so manchem Kurzurlaub!“, da ist sich Melina Borgmann sicher. Zwar hat sie während der langen, steilen Route durchaus mit ernsthaften Tiefpunkten gerechnet. „Aber um ehrlich zu sein, egal wo ich war, ich hatte einfach nur Spaß. Unterwegs einen Brunnen voller Limonade zu finden, klingt schon echt nach einem Traum. Aber kombiniert mit dem Erreichen jedes einzelnen Checkpoints wurde es einfach immer noch ein (Kuchen)stückchen besser!“

Welcher der Kuchen nun der beste gewesen sei? Keine einfache Frage, doch Melina ist der Maroni-Kuchen im Sernftal besonders gut in Erinnerung geblieben. Das, so sagt die sympathische Ausdauerradlerin, sei aber vielleicht auch dem langen Anstieg geschuldet, oder auch einfach der Tatsache, dass Maroni im Sommer einfach nichts Alltägliches sind.

Weitere Infos zur Challenge, den Checkpoints und der Idee unter:
www.deadendsandcake.ch

Infos zu den Kuchen gibt’s dagegen nur auf der Route selbst! Denn nur gut bekuchte Bikepacker sind glückliche Bikepacker!

Text: Benni Sauer

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