Der Klammwirt und die Wildromantik

Die Starzlachklamm. Eines der beliebtesten Ausflugsziele im Allgäu und ein einzigartiges Naturschauspiel. Hier, wo die Starzlach sich den Weg durch die Felsen die Klamm hinunter sucht, fühlen sich Einheimische wie Touristen angezogen von schierer Kraft des Wassers und von der Schönheit der Natur.

Die Starzlachklamm selbst wurde erst 1932 vollständig erschlossen. Wer noch nie dort war, dem versuchen wir kurz einen Eindruck zu verschaffen. Bereits der Weg zur Klamm macht deutlich, dass man sich hier in durchaus anspruchsvollem Gelände befindet. Auch wenn der Weg gut beschildert und grundsätzlich gut zu gehen ist, ist er für Fahrrad, Kinderwagen oder Rollstuhl schlichtweg nicht geeignet.

Markantes Kennzeichen der Starzlachklamm sind die hohe wildromantische Nebenklamm, der imposante Einbruch des torartigen Felsdaches und die trockenen Wassermühlen. Die sogenannten Wassermühlen entstehen durch in Löcher gefallene Steine, die vom Wasser herumgewirbelt werden. Über die Jahrtausende werden so Hohlräume in den Fels geschliffen. Auf etwa halber Höhe befindet sich unter anderem ein Einstieg für die Vielzahl an Canyoning-Touren, welche in der Klamm vonstatten gehen. 

Eine Person, die man als Gast der Klamm quasi mit 100 prozentiger Sicherheit trifft, ist Rudi Löwenhagen. Er ist der Klammwirt. Der Wächter der Wildromantik. Die gute Seele zwischen Ursprung an Grünten und Berghofer Wald bis hinunter zur Starzlachmündung. Die Geschichte dahinter ist kurios und faszinierend zugleich – Rudi erzählt sie mir auf seiner tollen Dachterrasse bei sich zuhause in Sonthofen.

Die Idee einer eigenen Bar oder Kneipe reifte in Rudi Löwenhagen schon vor Jahrzehnten. Der gelernte Maschinenschlosser war irgendwann mit seiner Arbeit bei einem Industriebetrieb im Allgäu nicht mehr zufrieden. Bei seinem Vorgänger in der Starzlachklamm kehrte Rudi Löwenhagen des Öfteren ein und unterrichtete diesen eines Tages, er solle ihm Bescheid geben, sollte er ans Aufhören denken. Irgendwann war es dann soweit: der Platz in der Klammhütte wurde frei. Löwenhagen war einer von 36 Bewerbern und bekam tatsächlich den Zuschlag. Mit 35 Jahren übernahm er 1991 die Klammhütte in einem mehr oder minder maroden Zustand. „Es gab weder Strom noch Abwasser“, so Löwenhagen, der trotz aller Widrigkeiten das Geschäft in der Klamm ankurbelte. Das mag vor allem an seiner Art gelegen haben. Der umgängliche, zuvorkommende Allgäuer kommt schlichtweg gut an bei der Mehrheit – diese dankte es ihm mit Besuchen in der Klamm und der Klammhütte. Einige Jahre später wurden seine Kinder geboren und die private Situation zwang ihn dazu, seine Position wieder aufzugeben. „Mit viel Wehmut, aber es ging damals nicht anders. Ich habe dann zum Souvenirverkäufer respektive Handelsvertreter umgesattelt und erfolgreich Souvenirs verkauft, bis der Ostblock alles abkupferte. Ab da war das Geschäft rückläufig. Ich bin aber ein alter Kämpfer. Die nächste Station war dann der Käseladen in Burgberg. Im Nachhinein aber auch mein größter Fehler. Gut, dass da dann die zweite Chance mit der Klamm kam“, blickt der heute 66-jährige Löwenhagen zurück. 

Die erwähnte zweite Chance kam im Jahr 2006, seither ist der „Rudi“, wie ihn fast alle nur beim Vornamen nennen, wieder in der Klamm anzutreffen. Diese wurde modernisiert, per Lift (anfangs noch mit der Kurbel, heute elektrisch) werden die Waren in die Hütte gebracht und wie jedes Jahr auch dieses Frühjahr trifft man Löwenhagen beim Großputz an. Das sei sehr anstrengend, aber notwendig und eine Freude, wenn er dann den ersten, bezahlenden Gast im Frühjahr – meist mit einem Gläschen Prosecco – begrüßen dürfe. Dann beginnt ein halbes Jahr „Vollgas“. Jeden Tag ist Rudi in der Klamm, kassiert, bewirtet, gibt Auskunft, ist die gute Seele. Wenn er gerade Zeit habe und man höflich frage, gebe er auch gerne Auskunft zu den besten Routen. Da wäre einerseits die klassische Runde über Klamm und Gasthof Alpenblick – und über den Wald wieder zurück. Oder man steuere nach dem Gasthof den Grünten an. 

Egal, welche Route man wählt: bei Rudi kommt jeder vorbei und die Schönheit des wilden Wassers hat bisher nur wenige nicht begeistert. Das weiß auch der Klammwirt Rudi, der Wächter der Wildromantik, den ich an diesem sonnigen Frühjahrstag mit einem herzlichen „Pfiad Di“ verlasse. Gestärkt mit einem regionalen Radler – und im sicheren Vertrauen, dass auch ich den Rudi beim nächsten Besuch in der Starzlachklamm wiedersehen werde. 

Autor: Marcel Reiser

Öffnungszeiten: 1. Mai bis 31. Oktober

Nähere Infos unter: www.tourismus-sonthofen.de

Fotos (bis auf das Portrait): © Tourismusverein Sonthofen | Ralf Lienert

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