Der Neoklassiker

Auf gar nicht ganz so neuen Wegen Deutschlands höchstem Gipfel entgegen: Die Route Eisenzeit.

Auf die Zugspitze führen viele Routen. Die langen Wanderungen, deren Pfade in den niedrigeren Regionen schon seit hunderten Jahren in Benutzung sind. Die Klettersteige, wie beispielsweise der durchs wilde Höllental, der heute zu einem der beliebtesten Zugstiege geworden ist. Oder aber der Stöpselzieher-Klettersteig, dem schnellsten Weg zum Gipfel. Er führt durch die Westwand, ist nie wirklich schwierig und deswegen ein immer gern genommener Abstiegsweg. Neben all diesen Wegen stehen unzählige Kletterrouten durch sämtliche Wände des Massives. Sie enden zwar nicht direkt am Gipfel, sollen hier aber nicht unerwähnt bleiben. Seit einigen Jahren aber gibt es einen neuen Weg, eine neue Route und das sogar in einem Schwierigkeitsgrad, dem so mancher guter Bergsteiger gewachsen ist. In Wirklichkeit ist die Route aber gar nicht neu, erklärt mir ein Bergführer, der die Zugspitze kennt, wie seine Westentasche.

Der Zugstieg führt durch ruhigen Wald und über angenehme Wanderwege. 

Die Nordwand der Zugspitze. Eine mehr als eintausend Meter hohe Felsflanke. Schnee und Eis halten sich ihn ihr besonders lange und schon von weiter Ferne ist schnell klar: Hier kommt man nicht so einfach durch! Doch waren es kühne Männer, die bereits 1928 genau hier ihren Arbeitsplatz hatten. Sicherlich waren sie handwerklich begabt, konnten anpacken. Doch wichtigste Voraussetzung für ihre Arbeit war es, ein guter Bergsteiger zu sein. Zwei Jahre lang bohrten sie einen Tunnel durch den Fels der Zugspitze. Zwei Jahre, in denen ein abenteuerlicher Steig entstand, viele Meter die Nordwand hinauf, von wo aus immer wieder Tunnelfenster ins Innere des Berges gebohrt wurden. So konnte mit den Arbeiten an mehreren Stellen gleichzeitig begonnen werden, denn zu den Passionsfestspielen sollte der Bau unbedingt abgeschlossen sein.

Bei guten Verhältnissen können manche Schneefelder gut überquert werden.

1930 konnte der Tunnel schließlich pünktlich eingeweiht werden. Dank der unerschrockenen Männer, die selbst im strengen Winter 1929 unentwegt mit Sprengarbeiten beschäftigt waren, die auf 2400 Metern Höhe in Holzbarrikaden nächtigten. Und von denen zehn nie wieder vom Berg herunterkommen sollten. 

Die Zahnradbahn aber fährt bis heute, über vier Kilometer durch das Gestein der Zugspitze, bis hinauf zum Zugspitzplatt. Der Steig jedoch verfiel. 86 Jahre lang schlief dort alles. Jeder Stein, die Werkzeuge, die Stahlseile, -träger und -leitern. Sogar Bierflaschen, die den Bauarbeitern zur täglichen Verpflegung vertraglich zustanden: alles blieb über Jahrzehnte unberührt. „Bis Michael Gebhardt kam.“ 

Auch wenn viel Eisen den Weg entschärft: Die Route ist kein Klettersteig!

Ludwig Karrasch, Bergführer und Local der Zugspitz Region, erklärt mir, wie die Eisenzeit wiederentdeckt wurde. Sein Bergführerkollege Gebhardt hatte seinen Arbeitsplatz nämlich auch in der Umweltforschungsstation auf der gegenüberliegenden Bergseite. Sein Weg zur Arbeit: Mit der Seilbahn Zugspitze täglich die Nordwand hinauf, über die Überbleibsel längst vergangener Tage hinüber und zum Gipfel hinauf. Aus der Seilbahnkabine schuf er sich mit der Zeit einen Überblick, suchte nach einer möglichen Route, schmiedete einen Plan. Schließlich probierte er es einfach aus, stieg 2014 mit Genehmigung des Betriebsleiters der Zahnradbahn von oben in den Zahnradbahntunnel und erreichte das sogenannte Tunnelfenster IV. Von hier aus verlief der Weiterweg außerhalb des Berges. Nicht etwa weiter bergab, sondern bergauf! 

Gebhardt suchte eine mögliche Fortsetzung des verfallenen Steiges, der auch schon früher nur bis Fenster IV reichte. Am Ende fand er tatsächlich eine Möglichkeit, einen Weiterweg, und so gelang ihm am 28.8.2014 etwas Einmaliges: Die Erstbegehung einer uralten Route. 

Die Stollenlöcher können auch als geschützte Biwakplätze dienen.

In den Folgejahren sicherten Gebhardt und seine Kollegen die Route weiter ab. „Wir räumten auf und brachten die Route in einen begehbaren Zustand.“ Dabei war anfangs nicht einmal klar, dass die Route dauerhaft bestehen bleibt. Heute allerdings stellt sie einen äußerst interessanten Aufstieg dar, nicht nur der Historie wegen. Sogar schon als Eiger Nordwand light wurde sie bezeichnet. Und in der Tat: Eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden! Fels von fest bis brüchig, Schneefelder, die sich oft lange in den Sommer hinein halten und natürlich die Felsenfenster, die ins Innere des Berges führen, ganz ähnlich wie die Stollenlöcher am Eiger. 

Die „Harakiri-Leiter“. Augen zu und durch!

Ja, die Heckmairroute am Eiger ist drei Mal so lange, ungleich schwieriger und gefährlicher. Wer aber einmal Nordwandluft schnuppern will, der ist hier gut aufgehoben – und im besten Falle mit einem Bergführer unterwegs. Denn auch wenn die Route anfangs einfach ist, sogar die ersten 600 Meter kaum Kletterkönnen gefragt ist, führt der Weg verzwickt durch den Fels. Ludwig Karrasch erzählt mir auch, dass bei geführten Touren die technische Schlüsselstelle im unteren vierten Grat oft gar nicht das größte Hindernis darstelle. Wackelige Eisensprossen dagegen schon! Die sogenannte Harakiri-Leiter im unteren Teil ist eine erste psychische Schlüsselstelle, genauso wie eine abschüssige Querung im oberen Wandteil, mit imposantem Tiefblick, wo der ein oder andere Aspirant gerne mal etwas langsamer wird. 

500 Höhenmeter sind es von der Harakiri-Leiter noch hinauf bis zum Riffelgratrat, dem Ende der Route. Durch Tunnels und Stollen, entlang an uralten Stahlseilen und Leitern, bis der Steig der Bauarbeiter endet und die Kletterei beginnt. Hier wird zwar „nur“ noch der Schwierigkeitsgrad IV erreicht, doch die Route ist auf eine Begehung mit Bergführer ausgelegt und auch so abgesichert. Das bedeutet: Ausgesetzte Passagen müssen im Vorstieg oft seilfrei begangen werden, bevor ein Bohrhaken erreicht wird. Und dieser möchte im unübersichtlichen Gelände auch erst gefunden werden. Keine leichte Aufgabe auf einer so langen und schwierigen Bergtour! Karrasch berichtet außerdem, dass ein Verhauer in der unübersichtlichen Nordwand der Zugspitze oft in brüchigem und ausgesetztem Gelände endet. Eine weitere Gefahr lauert im Sommer: Der Ausstieg der Route befindet sich noch 300 Höhenmeter unterhalb des Gipfel. „Nach der langen Eisenzeit muss also genügend Zeit für einen weiteren Aufstieg eingeplant werden. Gerade in der gewittrigen Hochsommerzeit, wird das oft ein Rennen mit „Hochspannung.“

Nach der Eisenzeit erreicht man den Höllentalkettersteig. Besonders wenn viel Schnee liegt, ist auch dieser Abschnitt anspruchsvoll!

Die Tour endet am Riffelgrat, etwa 40 Meter über dem Höllentalklettersteig. Hier seilt man sich vorsichtig, ohne Steinschlag auszulösen, aus der Vergangenheit, Ruhe und Einsamkeit wieder in die Gegenwart, in den Trubel und Stau, der hier nicht selten herrscht. Ludwig Karrasch durchstieg nun schon mehr als 20 Mal die Eisenzeit. Auch drei Winterbegehungen gehen auf sein Konto. „Und das werden nicht die letzten Male gewesen sein“, so Karrasch. Die Kombination aus lebendiger Geschichte und lässiger Linienführung durch eine – von der Gondel aus betrachtet – eher unnahbare Wand, versichert mir der junge und sympathische Bergführer, werden mich bald schon wieder zurückversetzen. In die Eisenzeit der Zugspitze.

Autor: Benni Sauer
Fotos: Tobias Kupek – adventureblog.eu


Ludwig Karrasch
staatlich geprüfter Berg- und Skiführer
Rautweg 4 | D-82441 Ohlstadt
Tel.: +49(0)8841 4961664
Mobil: +49(0)173 8148983
info@ludwig-karrasch.de


MEHR INFORMATIONEN
Michael Gebhardt, der Erschließer der Eisenzeit, hat sich auf Führungen mit historischem Bezug im Zugspitzmassiv spezialisiert. Auf seiner Homepage www.eisenzeit-zugspitze.de berichtet er von der Wiederentdeckung der Route, sowie über die historische Hintergründe am höchsten Berg Deutschlands.

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