Der Sonne entgegen

Was gibt es atemberaubenderes, als unserer Sonne beim Auf- oder Untergehen zuzusehen? Genau! Dies auf einem Berggipfel zu tun. Viele schöne Berggipfel eignen sich besonders um eine der beiden faszinierenden Tageszeiten zu genießen. 

Draußen ist es »kuahranzanacht« (stockdunkel), wie man bei uns im Allgäu sagt. Der Rucksack für die Tour wurde bereits vor dem zu Bettgehen gepackt, einzig und allein die Brotzeit und das Trinken muss noch gerichtet werden, und dann beginnt das Abenteuer. Am Parkplatz werden die Schuhe geschnürt und die »Hierabiera« (Stirnlampe) aufgesetzt. Ein kleiner Drücker, und schon ist der Weg vor einem hell erleuchtet. Es empfiehlt sich bei Sonnenaufgangstouren natürlich nicht die allerlängsten Wege rauszusuchen, denn durch die Anfahrt und – gerade im Sommer – durch das frühe Aufgehen der Sonne muss man schon extrem zeitig starten, sprich mitten in der Nacht. Zudem sollte man sich für Touren entscheiden, die auch im Dunkeln mit nur mäßigem Lampenlicht ungefährlich zu gehen sind, und Berggipfel, die möglichst frei stehen. Hier hat man eine schöne Rundumsicht hat kann die Sonne am besten beim Aufgehen hinter einem wunderschönen Bergpanorama betrachten. 

Ein solcher Berg ist zum Beispiel der Mittag in Immenstadt. Von unten bis nahezu ganz oben führen zum normalen Wanderweg, der etwas steiler ist und bei Nässe auch sehr rutschig sein kann, ebenfalls eine breitere Teerstraße beziehungsweise ein Forstweg. Sollte man wenig geübt sein, empfiehlt er sich bestens als Alternative. Auch im Winter zeichnet sich dieser Weg vor allem dadurch aus, dass man leicht die Orientierung behält. Oben angekommen ist das Kreuz des Bärenkopfs zwar nicht der eigentliche Gipfel des Mittags, dennoch hat man von dort eine wunderschöne Aussicht sowohl auf Immenstadt, den Grünten, als auch auf die Hörnergruppe oder die Walser und Oberstdorfer Berge. Bei aufgehender Sonne schmeckt hier die Frühstücksbrotzeit optimal. Das Schöne, selbst an einem eher stark frequentierten Berg wie dem Mittag, ist, dass man bei einer Sonnenaufgangstour in der Regel eher alleine unterwegs ist und selten auf andere Wanderer trifft. Wer es allerdings gerne etwas spektakulärer mag, der kann noch weiter zum Steineberg aufsteigen, entweder über eine wirklich lange Leiter oder rechts in schmalen Felsbändern immer weiter dem Gipfel entgegen. 

Wie der Name einem schon fast suggeriert, eignen sich auch die Sonnenköpfe ideal als Sonnenaufgangstour. Hier startet man an der Sonnenklause in Hinang und geht zunächst ein Stück Wirtschaftsweg entlang, bevor man dann auf eine Wiese trifft. Ab dieser geht es in steilen Serpentinen immer weiter bergauf. Dann ein kleines kurzes Stückchen durch einen Wald, hier ist Vorsicht geboten bei den Wurzeln, bis man an einer kleinen Hütte vorbeikommt, und wieder weiter bergauf. Oben zweigt der Weg nach rechts ab, und schon bald hat man den ersten der Gipfel, den Schnippenkopf, erreicht. Da dieser aber der niedrigste ist, lohnt es sich noch weiter bis zum Sonnenkopf zu laufen, um dort dann einen noch besseren Rundumblick zu haben. Zurück geht es über Wald- und Wiesenwege bis zum Parkplatz der Sonnenklause. 

Ein weiterer wunderschöner Berg für einen Sonnenaufgang ist das Ofterschwanger Horn. Der Weg hinauf wieder völlig unkompliziert und für jeden machbar. Oben angelangt hat man einfach eine traumhafte Aussicht auf die zu Füßen liegenden Ortschaften und die Allgäuer Bergkette. Magisch zu sehen, wie die Sonne ganz langsam auch die letzten Ecken und Schlupfwinkel der Täler erreicht und alles in ihrem Glanze badet. 

Auch die Krinnenspitze im Tannheimer Tal ist ein Muss für jeden, der den Sonnenaufgang auf dem Berg genießen möchte! Bis zur Krinnenalpe verläuft ein breiter Forstweg. Ab da geht man nachts geschickter Weise den Normalweg, also den Enziansteig statt des Gamsbocksteiges. Der Enziansteig führt auf schmalen Wegen durch zahlreiche Latschen und zum Schluss den langen Grat flach entlang bis zum Gipfelkreuz. Hier kann man wunderschön betrachten, wie die Sonne hinter den Lechtaler Alpen aufgeht. Und auch wie sich die Umgebung um einen herum, die hohen Berge des Tannheimer Tals auf der gegenüberliegenden Seite, in morgendliches Rot kleiden. Der dazwischenliegende, völlig starre Haldensee ändert seine Farbe im Glanz der Sonne von einem tiefen Dunkelblau in ein glitzerndes Azur. Einfach ein atemberaubend schönes Gefühl, denn man hat von hier bei gutem Wetter freie Sicht von der Zugspitze bis zum Säntis. Da der Gipfel der Krinnenspitze ein flaches, größeres Plateau bietet, eignet sich der Berg gleichzeitig auch, um den Sonnenuntergang zu genießen, und es sich dabei so richtig bequem zu machen. 

Für Langschläfer sind die Abendtouren die angenehmere Alternative. Einen wunderschönen Vorteil bietet die Variante des Sonnenuntergangtourens zudem: 
Verweilt man ein wenig länger, darf man erst der Dämmerung dabei zusehen, wie sie den Himmel in zart pastellige, violette Nuancen einfärbt. Bis sie dann in die dunkle Nacht übergeht und einem funkelnden Sternenhimmel weicht. Besonders schön ist ein Sternenhimmel in den Bergen vor allem Anfang bis Mitte August, wenn die Perseiden fallen und man in der Stunde bis zu 200 Sternschnuppen zählen kann. Da gehen einem wahrscheinlich zuerst die Wünsche aus oder es fallen einem die Augen zu, bevor die Sternschnuppen verschwinden. 

Ein echtes Highlight ist es, spät nachmittags auf den Tegelberg zu steigen. Der Weg hinauf zählt anfangs eher zu den unscheinbaren Wanderwegen in unserer Gegend. Vom Parkplatz der Tegelbergbahn führt links parallel zur Sommerrodelbahn eine steile Teerstraße schnell bergan. Hat man diese hinter sich gelassen, kommt man zum schönsten Teil des Weges. Man durchwandert ein Wäldchen, bis man zur Rohrkopfhütte gelangt. Von dort geht es über freies Gelände wieder steil bergauf über die Skipiste, bis man am Tegelberghaus ankommt.  Bereits von hier aus hat man eine sagenhafte Aussicht, dennoch bietet sich die Möglichkeit an, weiterzusteigen, um das Gipfelkreuz des Branderschrofens zu erreichen. Von hier oben kann man nicht nur den Ausblick auf die Seen und das Tal tief zu Füßen genießen, sondern hat auch einen schier unendlich weiten Blick in die Ammergauer und Tiroler Berge. Steigt man nach dem Sonnenuntergang wieder ab, präsentieren sich die beleuchteten Schlösser König Ludwigs II. als einzigartiges Fotomotiv. 


Kein schwerer, aber ein langer Weg führt auf die Große Schlicke in den Tannheimer Bergen. In Musau am Waldparkplatz des Gasthauses Bärenfalle wird über einen breiten Forstweg gestartet. Dieser zieht sich vorbei an der Musauer Alm. Ab hier steigt man jedoch rechter Hand durch Wiesen und abgeholzte sowie bereits neu angepflanzte Bäume stetig in Serpentinen bergauf. Bald schon kann man das Gipfelkreuz der Großen Schlicke erkennen. Im Sommer kann es an diesem steilen Hang doch sehr heiß werden. Oben auf dem langen, flachen Gipfelgrat angelangt, werden alle Aufstiegsmühen mit einer überragenden Rundumsicht mehr als nur belohnt. Zur nördlichen Seite erblicken wir zunächst den Aggenstein und das Brentenjoch mit seinem langgezogenen Grat bis zum Rossberg und weit dahinter liegend das Tal und den Forggensee. Im Westen liegen die Allgäuer Alpen in ihrer ganzen Pracht vor einem dar.  Wendet man sich um, zeigen sich der Gimpel, die Köllenspitze und die Gehrenspitze mit ihren schroffen, steilen Wänden in voller Größe. Ein mehr als nur überragender Anblick, wenn diese imposanten Wände in warmes Rot tauchen und die Sonne hinter dem Aggenstein so langsam der Nacht weicht. Zu überlegen wäre bei dieser Tour allerdings, ob man sich auf der Otto-Mayr-Hütte oder der nebenan liegenden Füssener Hütte eine Übernachtungsmöglichkeit organisiert oder den ganzen langen Weg im Dunkeln wieder zurück zum Auto geht. Wem so lange Touren zu Fuß zuwider sind, der kann sich den Anstieg bis zur Otto-Mayr-Hütte mit dem Bike verkürzen und dann beim Abstieg einfach rollen lassen. Für noch bequemere Wanderer gibt es auch die Möglichkeit die Tour vom Tannheimer Tal mit Hilfe der Füssener Jöchle Bahn anzugehen. 

Ein All-Time Klassiker ist und bleibt natürlich der Grünten. Er eignet sich auf Grund seiner kurzen und unschwierigen Anstiegswege für beide Tageszeiten bestens. Von Kranzegg gelangt man am schnellsten zum Jägerdenkmal, hier kann man am Feierabend zusehen, wie die Sonne hinter dem Sendeturm untergeht. Bald verschwindet sie hinter der Hörnerkette ganz. Allerdings wird man hier meist nicht alleine auf ein spektakuläres Fotomotiv warten, auch andere Naturliebhaber stellen sich ein. Da sind die Chancen, den Abend alleine ausklingen zu lassen, am benachbarten Burgberger Hörnle ein wenig höher. Von hier sieht man dann auch, wie Burgberg und Sonthofen in der Dämmerung zu leuchten beginnen. 

Die Möglichkeiten sind nahezu unendlich. Wichtig bei der Planung ist allerdings immer ein gutes Zeitmanagement, denn was wäre ärgerlicher, als die Sonne knapp zu verpassen und womöglich genau an einer Stelle »festzuhängen« an der man so gar nichts von ihrem Tatenwerk zu sehen bekommt? Und für jedes Vorhaben dieser Art ist es stets empfehlenswert, die Tour bereits einmal bei Tag gegangen zu sein. So lassen sich nicht nur eventuelle Schwierigkeiten besser einschätzen, sondern auch wieviel Zeit man für die Strecke benötigt. Für alle, denen das Planen und Wandern im Dunkeln zu aufwändig oder gefährlich erscheint, gibt es immer wieder Angebote verschiedener Bergbahnen. Die Hochgratbahn in Oberstaufen oder auch die Tegelbergbahn in Hohenschwangau haben – neben vielen anderen Bahnen – immer wieder Sonnenauf- und untergangsfahrten im Programm. Meist wird einem sogar ein Buffet mitangeboten. Wer richtig hoch hinaus will, der kann, wenn er zeitig reserviert, sogar ein solches Angebot der Zugspitzbahn wahrnehmen. Top of Germany zum Sonnenuntergang und anschließendes Käsefondue mit Wein oder einem kühlen Bier. Das ist doch (fast) jeden Preis wert, oder?

Text & Bilder: Chrissie Gleich

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