Der Zugspitztrail

Auf und über die Zugspitze.

Seit drei Jahren war ich quasi nonstop in den heimischen Bergen unterwegs, ausgerechnet der Höchste Deutschlands fehlte mir noch. Das sollte sich heute ändern. Einfach nur hochlaufen und auf demselben Weg wieder runter war meinen Begleitern allerdings zu simpel, auch wenn sie den kürzesten Anstieg auf die Zugspitze wählten. Also hieß es für mich früh raus aus den Federn für diese besondere Tour. 

Um 7 Uhr morgens kamen wir am Parkplatz Obermoos an der Tiroler Zugspitzbahn an. Der Wetterbericht hatte einen echten Sommertag vorausgesagt. Das hieß kurze Hosen, leichte Schuhe und leichtes Gepäck. Bei Gewitterrisiko sollte diese Tour unbedingt vermieden werden. Schnell werden die Anstiege durch Nässe oder Wetterumschwung mit Eis und Schnee gefährlich. Es empfiehlt sich früh zu starten, um den Menschenmassen, die den allerschnellsten Anstieg wählen, nämlich den mit der Bahn, am Gipfel zu entgehen. 

Hinter der Talstation auf 1225 m folgt man zunächst der Skipiste und einem sanft ansteigenden Pfad durch Latschen. Schnell wird der Steig durchs Gamskar ordentlich steil. Auf kurzer Strecke gewinnt man rasch an Höhe und bekommt die Anstrengung zu spüren. Zumindest in dem Tempo, das meine Begleiter vorlegen und mich zum Schwitzen bringt. Die ersten 850 Höhenmeter führen auf steilem Geröll im Zickzack bergan. Immer die massiven Wände rechts von uns im Blickfeld. Schon von unten war der gigantische Pfeiler der Bahn auszumachen, den wir nach einer guten Stunde erreichen. Bis hierhin ein unschwieriger Wanderweg über Wurzeln und Erde durch eher karge Landschaft. 

Vorbei am Pfeiler geht es auf gesichertem Steig ins österreichische Schneekar. Bei schönem Wetter bietet sich nun ein einmaliger Blick auf den Eibsee. Von dort lässt sich die Tour über den Stopselziehersteig ebenfalls starten. Dann kommt sie, versteckt in die felsige Landschaft eingebettet: die Wiener-Neustätter-Hütte. Hier hat man bereits gute 1000 Höhenmeter hinter sich. Die ersten Übernachtungsgäste rüsten sich, ausgestattet mit Klettersteigsets, für den Gipfelsturm. Andere lassen es auf der 2213 Meter hoch gelegenen Terrasse gemütlich angehen. Der Weg von der Hütte bis zum Einstieg ist noch mit reichlich Altschnee bedeckt, allerdings vom Hüttenwirt so gut präpariert, dass er fast zum Winterspazierweg wird. Ohne Schwierigkeiten gelangen wir zum Einstieg. Hier hat eine Gruppe Kinder die Klettergurte angelegt und den ersten steilen Schwung hinter sich gebracht. Wir warten, bis alle sicher unterwegs sind, damit sie nicht durch uns nervös werden, bevor wir ebenfalls einsteigen. Gegenseitige Rücksichtnahme am Berg ist essentiell, ganz gleich, ob Kinder oder Erwachsene. 

Das erste Stück des Steigs ist das anspruchsvollste, auch wenn er die Schwierigkeit B nirgends übersteigt. Nach kurzer Zeit überholen wir an geeigneter Stelle die Kinder. Sie staunen nicht schlecht, wie wir so leichtfüßig in Trailrunning-Schuhen ohne jegliches Hilfsmaterial vorbeikraxeln. „Guck mal, Mama, die klettern wie die Affen!“ Ich muss schmunzeln, ja, so wird es ausgesehen haben, als ich quasi auf allen Vieren vorbei bin. Meine Begleiter geben nun richtig Gas. Durch den schrägen Kamin geht es am Drahtseil entlang empor. Hier ist es oft rutschig, da ständiges Schmelzwasser den Stein in Jahrhunderten glattpoliert hat. 

Bald wechselt der Steig zwischen flachen und steilen Passagen. Immer wieder kommen drahtseilversicherte Stellen, an denen es leichter vorangeht. Von oben steigen bereits die ersten Bergsteiger ab. Spaß macht‘s hier hinauf, vor allem da man weiß, dass der Anstieg bald geschafft ist. Gut markiert führt die Strecke zur Kammstation und zum Grat, wo die meisten Anstiegswege zusammenlaufen. An Drahtseilen und vielen Kabeln der Bahn entlang folgt man dem Weg bis zur Gipfelstation. Jetzt steht man mitten im Getümmel. Wer noch nie hier oben war, muss sich erst die Orientierung zwischen den vielen Stoffschuh-Touristen erkämpfen. Am Gipfelkreuz des höchsten Bergs Deutschlands zu stehen bedeutet, vorher durch den erschreckend großen Gebäudekomplex zu wandern. Über eine Leiter und abermals Drahtseile gelangt man zum Kreuz. Dank der Bahn herrscht eine hohe Frequenz, das bedeutet Wartezeit.

Die sorgt dafür, dass ich nach 2:45 Stunden die Uhr am Gipfelkreuz stoppe. Puh! Das waren knapp 1760 Höhenmeter auf rund 5 km. Für mich eine ordentliche Leistung, die Jungs habe ich aber wohl ein wenig ausgebremst. Das erste Mal am Gipfelkreuz der Zugspitze verspüre ich den Drang, eher früher als später wieder aufzubrechen. Die Sonne ist mittlerweile hinter Wolken versteckt. Mit unseren Shorts wirken wir fast exotisch zwischen den top gestylten Touristen. Nicht wenige Bergbahnfahrer sind unterwegs, deren Wanderstiefel vermutlich noch nie richtig dreckig waren. 

Nach der Anstrengung überkommen mich gemischte Gefühle. Etwas Missmut, versperren mir doch die Wolken die gigantische Aussicht, und Stolz zugleich, so schnell den Gipfel erreicht zu haben. Angegeben wird normal eine Gehzeit um 5 Stunden. Nun folgt der landschaftlich ansprechendere Teil. Zurück am Grat lassen wir unseren Aufstiegsweg rechts liegen. Ein Abstieg durch Schotter, teilweise mit Drahtseilen versichert, an denen mittlerweile Wanderer hängen wie Perlen an einer Kette. Es dauert, bis wir wieder bessere Wege und die Knorr-Hütte erreichen. Jetzt haben wir die Möglichkeit, durchs Reintal abzusteigen oder zum Gatterl zu laufen. Wir wählen den Weg zum Gatterl, vorbei an blühenden Alpenrosen. Wir gehen nicht, wir laufen. Trailrunning macht wirklich Spaß, eine tolle Übung, da der Weg erstmal relativ flach durchs Kar verläuft. 

Am Gatterl erreichen wir die Landesgrenze. Nun geht’s wesentlich grüner auf österreichischer Seite weiter, mit weniger Menschen. Ein vorletztes Mal rund 200 Höhenmeter bergauf, ehe wir über gute Wege schnell an Höhe verlieren. Dennoch ist die Länge nicht zu unterschätzen. Bis zur Ortsmitte von Ehrwald sind es fast 16 km, 2140 Höhenmeter Abstieg liegen dann hinter uns. Das macht sich in den Gelenken bemerkbar. Schonender für die Knie ist es daher tatsächlich zu joggen. Vorbei geht’s an der Ehrwalder Almbahn und ihrem Menschengewimmel. Wer die Augen offen hält, kann links in den mächtigen Felswänden Wasserfälle und auf den grünen Wiesen Lilien ausmachen. 

Müde Wanderer warten unten am Parkplatz auf den Bus, der ins Zentrum und zum Parkplatz nach Obermoos fährt. Ambitionierte laufen weiter, um sich dann doch zu fragen, wann sie endlich wieder am Auto sind. Die letzten 2 Kilometer geht es nochmals schöne 170 Höhenmeter bergauf, das fordert nach der Strecke. 

Am Auto angekommen treffen wir ein Pärchen, das uns beim Abstieg im Schotterfeld entgegenkam. Sie waren von der anderen Seite aufgestiegen und mit der Bahn abgefahren. Zeitgleich stehen wir zusammen in Obermoos. Die beiden schütteln nur ihre Köpfe über uns. Einen etwas verrückten Eindruck haben wir sicher bei einigen auf dieser Tour hinterlassen. Eine richtig tolle Tour! Die wird auf alle Fälle wiederholt und dann hoffentlich mit Sonne am Gipfel belohnt.

Text und Bilder: Chrissie Gleich

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