Die Bergrettung in Gröden

Über die Catores und die Aiut Alpin Dolomites

Man muss sich das einfach mal vor Augen halten: Heute sind die Alpen – glücklicherweise muss man dazu sagen – das besterschlossene Gebirge der Welt. Dass das noch gar nicht so lange der Fall sein dürfte ist klar, denn erst der Massentourismus gab den Dolomiten ihr heutiges Gesicht. Größtenteils geschah dies gleich nach dem zweiten Weltkrieg. Aber auch schon früher, manchmal sogar mehr als einhundert Jahre zuvor, waren Menschen in den norditalienischen Alpen unterwegs. Und manche von ihnen verunglückten.

Kein Handy. Kein Helikopter. Die Bergspitzen müssen den Menschen vor so langer Zeit noch exponierter vorgekommen sein als ohnehin schon. Ludwig Norman-Neruda fürchtete sich aber wohl kaum vor dieser Ausgesetztheit, gelangen ihm doch schon 1890 einige spektakuläre Erstbegehungen in der Berninagruppe. 1898 stieg Neruda dann in die Schmittkamine der Fünffingerspitze. Dieser kühne Felszahn, gelegen zwischen Lang- und Plattkofel, ist heute von der Toni-Demetz-Hütte schnell erreicht und selbst der Hüttenzustieg kann dank einer Seilbahn übersprungen werden. 

55 Jahre bevor der erste Stein des dortigen Schutzhauses gelegt wurde, kletterte nun Neruda in diesen steilen Wänden. Ohne Gondel und Hüttenjause steckten vermutlich schon die eintausend Höhenmeter von Wolkenstein hier herauf in seinen Knochen. Warum Neruda letztendlich auch hier abstürzte, ist nicht bekannt. Wohl aber wer ihm zu Hilfe kam! Die beiden Grödner Bergführer Fistil und Pescosta bargen den schwer verletzten Alpinisten. Die Geschichte der Bergrettung der Dolomiten ist seitdem geprägt von Fortschritt, Solidarität, Hilfsbereitschaft, von Erfolgen aber auch Tragödien. Doch bevor es die professionellen Bergretter überhaupt gab, halfen die örtlichen Bergführer den verunglückten Kameraden. Wo immer sie konnten. Da war zum Beispiel Ferdinand Glück, der als einer der aktivsten Bergführer der Region mehr als 70 Menschen vom Berg getragen haben soll. Manche lebendig. Manche tot. 

Als aber der Massentourismus endgültig einsetzte und Bergsteigen alltagstauglich wurde, konnten die verhältnismäßig wenigen Bergführer nicht mehr schritthalten. 1954 wurde deswegen der Bergrettungsdienst Gröden gegründet. Viele Dolomitentäler taten es ihnen gleich und schon bald gab es ein gutes Sicherheitsnetz. Ungefähr zu dieser Zeit gruppierten sich einige leistungsstarke Alpinisten zu den sogenannten Catores. Diese Catores, zu Deutsch Steinhühner, bewiesen ihr Klettergeschick auf den wildesten Bergen der Welt und tun dies übrigens auch noch heute voller Stolz. Doch Mitte des 20. Jahrhunderts war es eher die erstklassige Organisation und Leitung komplexer Rettungseinsätze, welche die Catores schnell über die italienischen Grenzen hinweg weltberühmt werden ließ.  

Anfangs stand diesen Bergrettern für ihre Einsätze lediglich ihre eigene Kletterausrüstung zur Verfügung. Mitte der Fünfzigerjahre aber kamen neue Möglichkeiten auf. Stahlseile, die verknüpft und so hunderte Meter lang werden konnten, ließen ganz neue Bergungstaktiken aufkommen. Mit ihnen konnte man selbst in die höchsten Dolomitenwände abseilen, was aber auch ein gut ausgebildetes Team voraussetzte. Wieder war es aber ebendieser Zusammenhalt, der die Rettungsgruppen immer weiter anspornte. 

Der nächste Meilenstein war schließlich der Helikoptereinsatz. Als Ende der Sechziger die Heeresgruppe „Aviazione Leggera Esercito“ ihren Dienst aufnahm, begann man auch sogleich, Rettungseinsätze in Südtirol mittels der nun verfügbaren Militärmaschinen durchzuführen. Meistens jedoch befanden sich die verunglückten Personen in steilen Gelände, weswegen mit den Hubschraubern die Rettungsmannschaft und Ausrüstung oft nur in flaches Gelände unterhalb des Unglücksortes geschafft werden konnte. Von dort erfolgte die Bergung auf klassischem, terrestrischem Wege. Doch die geschickten Piloten schafften es bald, im Schwebeflug Retter selbst auf den abgelegensten Gipfeln abzusetzen. Eine Seilwinde mit Fixseil stellte den nächsten Fortschritt dar. Nun waren direkte und schnelle Bergungen fast überall möglich. Erste Probleme ließen aber nicht lange auf sich warten. Die Nebentätigkeiten des Militärs kollidierten mit deren Dienstvorschriften und oft standen nur in der Rettung ungeübte Piloten, mit nicht vollständig ausgerüsteten Maschinen zur Verfügung. 

Kein tragbarer Zustand, weswegen in den folgenden Jahren verschiedene Helikoptertypen getestet wurden, bis am 17. Juli 1990 und mit neu gewonnenen Erkenntnissen die „Union Aiut Alpin Dolomites“ (abgekürzt AAD) gegründet wurde. Neun Mannschaften schlossen sich sogleich an, ein Hubschrauber wurde angemietet. Außerdem wurden ausschließlich erfahrene Piloten eingesetzt. Schon das erste Jahr zeigte sich besonders einsatz- und erfolgreich. Mehr als einhundert Einsätze, häufig mit Helikopterunterstützung, wurden durchgeführt. Die explodierenden Zahlen der beiden Folgejahre aber zeigten, dass die private Vereinigung ohne freiwillige Beträge nicht weiter bestehen konnte. Glücklicherweise stellte die Provinz Bozen ihre finanzielle Hilfe für die kommende Sommersaison in Aussicht, nicht zuletzt, um den hervorragenden Ruf Südtirols zu bewahren. Schon 1992 konnte die AAD so folgende Zahlen schreiben: 199 Hilferufe mit dem Einsatz von über 800 Personen, 19 unterstützende Rettungsmannschaften, 85 Flugstunden mit einem Durchschnitt von 26 Flugminuten pro Einsatz, 249 gerettete Personen, davon 152 verletzt, 21 tot. 

Seitdem wird die Arbeit des AAD weltweit geschätzt und gewürdigt. Wie perfekt mittlerweile alle Zahnräder ineinandergreifen, ist gut an den heutigen Zahlen zu sehen. Auch, dass sich der erste Unfall seit der risikobehafteten Arbeitsaufnahme des AAD erst im Februar 2001 ereignete, wobei zum Glück nur Blechschaden entstand, spricht für höchste Professionalität. Mit dem weiteren Anstieg der Besucherzahlen in alpinem Gelände rechnet der AAD aber auch mit einem weiteren Anstieg der Rettungseinsätze. Dafür geeignete Menschen und Maschinen zu finden, gestaltet sich dagegen immer schwieriger. 

2019 barg die AAD mehr als 1000 Menschen und 2020 werden es vermutlich noch mehr werden. Piloten, Ärzte, Windenmänner, Flugretter und Hunde waren im Einsatz, um Menschenleben zu retten, wie schon damals, vor mehr als hundert Jahren, als Norman-Neruda vom Berg getragen wurde. Selbstlos, nicht hinterfragend, dafür solidarisch und uneigennützig. 

Danke!

Text: Benni Sauer

Fotos: Archiv Aiut Alpin Dolomites | Catores

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