Die Flucht nach vorn?

Ja, unser blauer Planet ist schon immer starken Klimaschwankungen ausgesetzt gewesen. Nach der letzten Eiszeit schmolz das Eis großflächig. Vor vielen Millionen Jahren war es sogar so heiß, dass es auf der Erde überhaupt nichts mehr vom sogenannten ewigen Eis gab. Erderwärmung ist nichts Neues. Besorgniserregend heute ist aber die Geschwindigkeit. Was früher mehrere tausend Jahre gedauert hat, geschieht nun in einem Bruchteil davon. Mit beispiellosen Mengen an Treibhausgasen, gießt die Menschheit Öl in das lichterloh brennende Feuer und heizt die Beschleunigung weiter an. 

Die Jahresdurchschnittstemperaturen steigen an. Der Schnee, der besonders früh im Winter benötigt wird, muss künstlich erstellt werden. Nur so können Skigebietsbetreiber gute Einnahmen in der Weihnachts- und Neujahrszeit einfahren. Schneesicherheit ist kein Naturphänomen mehr. Heute ist sie gleichzusetzen mit einer lückenlos abgedeckten Beschneiungsanlage. 

Während aber Millionen von Wintersportlern über das weiße Gold rutschen, tun die Lift- und Seilbahnbetriebe weiter so, als würden sie mit den Schneekanonen nur auf Spatzen schießen.

Doch was passiert wirklich? 
Die Reaktion der Wintersportdestinationen war anfangs nachvollziehbar. Als der Klimawandel erste Spuren hinterließ, sollten einzelne Pistenabschnitte, die schnell ausapern, mit Kunstschnee ausgebessert werden. Das sicherte den Winterspaß und schützte nicht nur die Skibeläge vor Beschädigungen, sondern auch die nackte Fauna vor den Stahlkanten.

Mittlerweile hat die Klimaerwärmung alle Skigebiete erreicht. Und trotzdem, oder gerade deswegen, schießen Schneekanonen wie Pilze aus dem Boden. Tiefe Seen, die das ganze Jahr über Wasser speichern, müssen dafür gegraben werden. 

Doch der Blick in die Zukunft verheißt nichts Gutes. Prognosen erwarten den Rückzug des Winters. Ob der Ausbau der Kunstschneeanlagen, vor allem für die niedrigliegenden Skigebiete, die richtige Anpassungsstrategie ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.

Der Verband Deutscher Seilbahnen ist sich sicher. In einer Infobroschüre wird der technische Schnee, wie der Kunstschnee hier genannt wird, als wesentlicher Bestandteil einer zeitgemäßen Infrastruktur von Wintersportgebieten beschrieben. Er bilde die Grundlage für ein qualitativ gutes Angebot, wie es der Gast erwartet. Der Winter wird buchbar. Es ist die Rede von „Jahr zu Jahr stark schwankenden Witterungsbedingungen“ und nicht vom stetigen Rückzug des Winters. Denn das schnelle Abschmelzen der Gletscher wird angeblich nur durch die langen und heißen Sommermonate begünstigt und nicht durch fehlende Minusgrade. Außerdem: 80% der CO2-Emission eines Skitages werden durch An- und Abreise verursacht. 

Was beispielsweise nicht angesprochen wird, ist die Tatsache, dass sich planierte Pisten besser beschneien lassen, als das natürliche Relief des Hanges. Oftmals zieht eine Beschneiung Planierungen mit schwerem Gerät nach sich. Zu den Speicherseen werden in der Broschüre ebenfalls keine genauen Angaben gemacht. Naturschützer kritisieren immer wieder, dass dadurch große Mengen des kostbaren Wassers verdunsten. 

Georg Eisath sieht das anders. Der gebürtige Südtiroler und Gründer des Schneekanonen-Herstellers Technoalpin, ist der Kunstschnee-Pionier schlechthin. Bis 2007 war er Technoalpin-Präsident. 2008 stieg er jedoch aus und erwarb das „Klimaskigebiet Carezza“. Dort strebt er seitdem nach der nachhaltigsten und effizientesten Art der Beschneiung. Das fängt mit dem richtigen Zeitpunkt der Beschneiung an und endet mit GPS-unterstützten Pistenraupen, die ununterbrochen die Schneedicke messen. So liegt mit minimalem Aufwand überall die richtige Menge Schnee. Die Beschneiungsanlage ist so konzipiert, dass in wenigen kalten November- und Dezembertagen der Schnee für den ganzen Winter produziert werden kann. Völlig unabhängig von natürlichen Niederschlägen. Dabei ist die Rede von 600.000 Kubikmetern technischen Schnees, der aus etwa einer viertel Million Kubikmetern Wasser gewonnen wird. Das komplette Skigebiet wird dabei bis ins kleinste Detail überwacht, der Beschneiungsapparat weiter ausgebaut. So kann der Skiurlaub weiterhin gesichert werden. Dass Skifahren bald nur noch ein Sport für Superreiche ist, glaubt Eisath nicht. Der Ticketpreis steige seit Jahren mit dem Verbraucherindex. Für modernste Skigebiete muss man allerdings tiefer in die Tasche greifen, ähnlich wie beispielsweise bei einem Hotel. Dabei gibt sich der Erfinder des Kunstschnees, wie er auch genannt wird, optimistisch: „Ohne die technische Beschneiung gäbe es kein Skilaufen mehr! Mit der heutigen Technik wird das Beschneien immer einfacher, die Schneequalität immer besser und die Gäste immer zufriedener! Dazu sichern wir unzählige Arbeitsplätze. Wir freuen uns auf den nächsten Winter!“ Eisaths Einsatz hat aber noch weitreichendere Folgen: Fast alle Einwohner, ganz besonders die Almbauern im Tal, sind auf winterliche Nebentätigkeiten im Skitourismus angewiesen. Andernfalls könnten sie dort nicht weiter existieren. Die Almen und ihre Wiesen würden aus dem Alpenpanorama verschwinden, große Flächen verbuschen und verwildern. Die Lebensgrundlage würde vielen Menschen kurzerhand entzogen werden. Der technische Schnee hat aber bis heute eine Abwanderung in die Städte erfolgreich verhindern können und auch dank Eisaths ökonomischen sowie ökologischen Innovationen, wird er es auch noch in Zukunft lange tun. 

Dem Kunstschnee-Boom steht auf ablehnende Art und Weise eine Veröffentlichung des Bund Naturschutz in Bayern e.V und der Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. gegenüber. Unter dem Titel „Der gekaufte Winter“ wurden Studien- und Forschungsergebnisse, sowie Meinungen und Prognosen von Wissenschaftlern aus aller Welt veröffentlicht. Ihr Ergebnis: Voraussichtlich sind selbst bei einem massiven Ausbau der Beschneiungsanlagen, in ungefähr 20 Jahren nur noch etwas mehr als 50 Prozent der Skigebiete schneesicher. Da ist zum Beispiel die Rede von einem Energieverbrauch für eine Beschneiungssaison im Alpenraum von über 2 GWh. Das entspricht dem jährlichen Energieverbrauch einer halben Million Haushalte. Nach der Bilanz werden außerdem jährlich 280 Milliarden Liter Wasser durch die Kanonen geschossen. Der dreifache Jahresverbrauch Münchens. Dazu kommt, dass der Betrieb der Skigebiete durch die massive Beschneiung so teuer geworden ist, dass der alleinige Lift-Betrieb oft nur noch rote Zahlen schreiben kann. Immer häufiger wird mit Steuermitteln nachgeholfen. Als könne man damit den Klimawandel aufhalten, werden jährlich große Summen durch die Kanonen geschossen. Energie- und Ressourcenkosten werden in Zukunft aber signifikant ansteigen. Das Wort Pulverschnee bekommt da eine ganz neue Bedeutung. 

Die Konzerne stehen dabei mit dem Rücken zur Wand. Der Skitourismus wird weiter und weiter erzwungen, damit die ganze Wertschöpfungskette intakt bleibt. Das gesamte Tourismusgeschäft mit Hotels und Restaurants wird also künstlich am Leben gehalten. Nicht zuletzt um konkurrenzfähig zu bleiben, investieren Skigebiete deswegen massiv in Beschneiungsanlagen. Kritiker sehen hier eine Art Wettrüsten. Ganze Gebirgstäler sehen aber darin den Erhalt ihrer Existenz. 

Kunstschnee ist ein Winterspaß nicht ganz ohne Nebenwirkungen, das ist mittlerweile gut bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass der menschengemachte Klimawandel das größte Problem unserer Zeit darstellt. Die Menschen werden achtsamer und hinterfragen. Mitte Oktober warb ein großer österreichischer Skigebietsbetreiber mit einem weißen Band auf grünem Graß. Ansonsten ist weit und breit kein Schnee zu sehen. Das erste Skiopening abseits der Gletscher wird aber nur zum Gespött in den sozialen Medien. Über 20°C hat es, als Pistenraupen den Schnee auf dem Gras ausbringen. Auch wenn es konservierter Altschnee aus dem Vorjahr ist, müssen wir uns fragen, ob wir auf einem weißen Strich in der Landschaft und bei sommerlichen Temperaturen wirklich Skifahren wollen.

Ein anderer Blickwinkel zeigt wiederum, dass viele Betreiber durchaus sehr an einer nachhaltigen Lösung interessiert sind. So zieren vielerorts Photovoltaikanlagen die Dächer der Bahnstationen. Wasserkraftwerke liefern Energie und Speicherseen wurden schon auf so schonende Art und Weise gebaut, dass sie kaum mehr von einem natürlichen See zu unterscheiden sind. Weitere Argumente sind, dass das Wasser dem natürlichen Kreislauf der Natur nicht dauerhaft entzogen werde, da es ihm nach dem Winter durch Abschmelzen wieder zugeführt wird. Wie bei Eisaths Klimaskigebiet auch, wird vielerorts der Schnee so einheitlich auf der Piste verteilt, dass er im Frühjahr auch überall gleichzeitig schmilzt. So werden weiße Flecken im Frühjahr vermieden und noch wichtiger: Die Vegetation kann sich zu ihrer natürlichen Zeit einwickeln und muss nicht verspätet in einen verkürzten Bergsommer starten. Der Strom, der die Kanonen antreibt, ist 100% grün und dem Kunstschnee werden keine Zusätze beigemischt. Alles ist clean! 

Aber auch wenn der Winterurlaub gesichert ist, sinkt die Zahl der Skifahrer. Riesige Bauvorhaben, die massive Eingriffe in die sensible Bergwelt bedeuten, geraten mehr und mehr in Verruf. Erst nach starkem Protest, wurde beispielsweise vom Bau der Skischaukel am Allgäuer Riedberger Horn abgesehen. Die vorherige, eigens hierfür eingefädelte Änderung des Alpenplans wurde zurückgenommen. Währenddessen läuft die Entwicklung deutlich sparsamerer Schneekanonen sowie vorbildlichen Modernisierungen wie bei Georg Eisath auf Hochtouren. Es tut sich was, im Konfliktthema „Winter auf Knopfdruck“.

Pitztal, Mai 2018. Ein aufmerksamer deutscher Urlauber meldet den Tiroler Behörden fragwürdige Bauarbeiten am Brunnenkogelferner. Am Grat des Hinteren Brunnenkogels wurden 8.000 Kubikmeter Gestein kurzerhand abgesprengt. Ein ganzer Bergkamm, der größtenteils ins Tal abrutschte. Dieser nichtgenehmigte Eingriff auf über 3400 Metern Höhe und innerhalb eines Natura 2000-Schutzgebietes, zieht ein behördliches Verbot des dortigen Skiweges nach sich. Erst im Februar wird 2019 dieses Verbot wieder aufgehoben. 

Die nicht bewilligte „Instandhaltung“ des Skiweges hängt indirekt mit dem Gletscherrückgang zusammen. Der Weg wurde 1988 ursprünglich auf dickem Gletschereis errichtet. Weil sich dieses Eis aber mittlerweile weitgehend zurückgezogen hat, trat der darunterliegende Felsgrat immer stärker hervor, weshalb man ihn einfach ohne Bewilligung absprengen und einebnen ließ.

Mittlerweile sind viele kritische Augen auf das Skigebiet gerichtet. Ihnen entging auch nicht, wie zwei Bagger auf dem Gletscher gigantische Massen Eis bewegten. Auch hier der Versuch, die Wogen zu glätten: Was zu sehen ist, seien lediglich Sicherheitsmaßnahmen, die jedes Jahr durchgeführt werden müssen. Gletscherspalten werden in Skigebieten oft mit schwerem Gerät zugeschüttet.

Ebendies ist Grund genug für DAV und WWF, der die Bilder veröffentlichte, weitere Skigebietserschließungen auf Gletschern kategorisch abzulehnen. Hierbei steht besonders der sogenannte Zusammenschluss der Ötztaler und Pitztaler Skigebiete im Fokus. Das höchstumstrittene Projekt würde das vergletscherte Hochtourengebiet um die Braunschweiger Hütte regelrecht verschandeln. Schon während der Bauphase werden aller Wahrscheinlichkeit nach die Gletscher großteils abschmelzen, so der WWF. Langfristig wird es nachhaltiger und zukunftsfähiger Tourismuskonzepte bedürfen. Denn die wertvollste Grundlage des Tourismus in Österreich seien nicht Pistenkilometer und Seilbahnstützen, sondern die einzigartige Landschaft und Vielfalt der Alpennatur. 

Die Komplexität des Klimaproblems lässt sich wunderbar auf dessen kleinen Aspekte übertragen. Auf Flugreisen, Fleischkonsum und eben auch auf das Skifahren. Was muss sich ändern? Was soll sich ändern und wer dafür bezahlen? Als die Menschheit Mitte der Siebziger erkannte, dass FCKW das Ozonloch entstehen lassen haben, wurden sie schnell weltweit verboten. Eine globale Katastrophe wurde erfolgreich abgewendet. Tun wir also nicht weiter so, als hätten wir die Wahl zwischen einer fleischlosen Mahlzeit in der Woche und dem Klimaarmageddon. Ein bewusster Umgang mit der Natur und nachhaltiges, energie- und ressourcenschonendes Handeln ist von Nöten. Einige Skigebiete sind hierbei mit beispielhafter Technik und Taktik anderen weit voraus. Denn wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann dürfen wir nicht weitermachen wie bisher. 

Text: Benni Sauer

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