Die Güntlespitze mit 360° Traumausblick

Frühlingsskitour im Kleinwalsertal

Klick, klick. Schon rastet die Bindung ein. Und dann folgt das vertraute Geräusch der Skifelle, die auf dem Schnee gleiten. Es ist irrsinnig früh und noch ordentlich frisch, als wir zwischen den unteren Häusern in Baad den Parkplatz auf 1220 Metern verlassen. Wir gehen auf die Brücke zu, an der der Durabach und der Derrenbach zusammentreffen. Wieder einmal auf den Brettern, der Winter hatte es heuer wirklich gut mit uns gemeint. 

Wir gehen links Richtung untere Derra-Alpe. Unser Weg führt uns dabei stetig am Derrenbach entlang. Das angenehme Rauschen des Wassers ist das einzige Geräusch außer dem knarzenden Schnee unter unseren Skiern, das wir dabei wahrnehmen. Die Stille tut gut. Um uns herum glitzert alles, wir genießen die Morgenstunde. Noch ist es gefroren, aber lange wird das nicht mehr anhalten. Immerhin zeigt das Kalenderblatt bereits den vierten Monat in diesem Jahr an. Später am Tag werden wir uns nur noch in der Sonne befinden. Das war der Grund für unseren frühen Start, und veranlasst uns nun, ein wenig beschleunigt voranzugehen. Wir wollen ja die Abfahrt noch genießen können und nicht in zu sulzigem Schnee steckenbleiben. 

Zunächst führt uns der Weg tief ins Derrental. Links wie rechts hohe Bergwände, die selbst um diese Jahresszeit noch über und über mit Schnee bedeckt sind. In weiter Ferne sehen wir drei andere Tourengänger. Sonst scheint trotz des vorhergesagten Traumwetters niemand unterwegs zu sein. Der flache Weg bis zum Ende des Tals ist ideal, um sich gemächlich aufzuwärmen und den Puls an den bevorstehenden Anstieg anzupassen. Als der Weg endet, müssen wir erst einmal die Skier wieder abschnallen. Jetzt gilt es, den Derrenbach zu überqueren. Äußerste Vorsicht ist geboten beim eisigen Abstieg ins Bachbett. Schließlich wollen wir nicht vorzeitig die Tour beenden müssen. Ein falscher Schritt, und wir landen im Wasser. Pitschnass geworden müssten wir abbrechen, weil Nässe und Kälte kein guter Partner für einen anstrengenden Aufstieg und erst recht nicht für die Abfahrt sind. Mit den Skistiefeln auf den nassen Steinen ist es ebenfalls rutschig, doch mit ein paar herzhaften Schritten in voller Konzentration ist der Übertritt fast gemeistert. Auf der anderen Seite ist der Schnee am Ausstieg um diese Jahreszeit natürlich schon recht festgetreten, was die Angelegenheit ein wenig steil und anstrengend macht. 

Ich habe jedes Mal ein bisschen Herzklopfen bei solchen Aktionen. Wie schnell ist ein Ausrutscher passiert, und wie unfassbar ärgerlich wären eine solche Unvorsichtigkeit und das daraus resultierende Missgeschick. Doch geschafft, die »kritische« Stelle ist überwunden. Hier haben wir auch die drei Tourengänger hinter uns gelassen, von nun an geht es erstmal in vielen steilen Serpentinen den ersten Aufschwung hinauf. Spitzkehre um Spitzkehre gewinnen wir an Höhenmetern. Hier und da ragen kahle Äste aus den verschneiten Hängen empor. Und im Schnee sind einige Tierspuren auszumachen, doch zu sehen sind nur ein paar Vögel weit am Himmel droben. Durch den ersten steileren Anstieg kann ich bei jedem Zug meinen Atem sehen. Und auch die ersten Schweißtropfen perlen an meinen Schläfen hinab, obwohl uns die Sonne dank der hohen Bergschultern um uns herum noch nicht erreicht. Es wird noch dauern, bis die frühen Strahlen hier auf den Schnee Reflexe zaubern. 

Bald darauf passieren wir die Mittlere Spitalalpe auf 1580 Metern. Doch von ihr ist nicht viel zu sehen. Zu gewaltig sind noch die Schneemassen. Kaum vorstellbar, dass hier im Sommer ein nettes junges Wirtspaar mit Tochter, Hühnern und Hund ihre Gäste so herzensgut bewirten. Auf deren Terrasse habe ich nach gelungener Bergtour schon mein wohlverdientes Weißbier genossen. Dieses wird’s heute wohl erst wieder unten zurück in Baad geben. Denn selbst vom dort stehenden Kreuz sieht man gerade so die Spitze, und auch den Rest der Alpe kann man wirklich nur erahnen. Wie in einer anderen Welt kommt man sich bei so viel Schnee vor, und auch die vertrauten Berge zeigen im Winter ein anderes Gesicht. Bei all dem Schnee hier kann man sich aktuell nicht vorstellen, dass bereits 3 Monate später der Gipfel ohne weiteres wieder in Bergstiefeln begehbar sein wird. 

Die Steigung mildert sich zunächst, und der weitere Anstieg verläuft erst einmal flacher. Wie in einer Mulde steigen wir zwischen den auslaufenden Rücken der rechts liegenden Unspitze und des links liegenden Derraköpfle an. An der wenig höher gelegenen oberen Spitalalpe angekommen, wird mir richtig warm. Also wird pausiert, die warme Weste und der Powerstretchfleece sind schnell ausgezogen und in den Rucksack gestopft. Die Belüftungsreißverschlüsse an der Softshellhose werden geöffnet. Die kühle Luft fühlt sich wohltuend erfrischend an. Ein großer Schluck Kräutertee tut ebenfalls gut. 

Nur in der Skiwäsche und mit dem LVS-Gerät darüber geschnallt geht es nun weiter. Wir queren nach links und laufen parallel zum Hochstarzelgrat Richtung Obere Derra-Alpe. Einer der drei Jungs hinter uns gibt Gas und schließt immer wieder dicht zu uns auf, während seine beiden Begleiter das Tempo konditionell nicht mithalten können. Nach dem Aufstieg durch das Derrajoch kann ich mich schon wieder einkleiden. Hier oben sind wir zwar phasenweise endlich in der wärmenden Frühjahrssonne, aber dafür auch nicht mehr vor dem starken Wind geschützt. Trotz unserer drei Verfolger umgibt uns eine angenehme Stille. Nach dem anstrengenden Aufstieg halten wir nun gerne inne.

Das erste Mal auf der heutigen Tour können wir nun den Blick in aller Ruhe um uns schweifen lassen und unsere Umgebung bewusst und genießerisch wahrnehmen. Majestätisch ragt der Große Widderstein gegenüber von uns empor. Auch er wäre ein schönes Ziel für eine Skitour. Ein andermal bestimmt, vorerst kommt er aber nur auf die To-Do-Liste. 

Das meiste ist jetzt bereits geschafft, aber der steilste Anstieg steht uns dennoch bevor. Im totalen Einklang mit unserer Umgebung lassen wir Meter für Meter hinter uns. Rechts von uns liegt nun der Abzweig zum Hochstarzel, doch wir halten uns abermals links. Nun steuern wir direkt auf unser Ziel zu. 

Vor uns liegt die Güntlespitze. Die uns zugewandte Seite liegt im Schatten. In vielen steilen Serpentinen steigen wir die Nordseite auf. Einige Stellen der schon vorhandenen Aufstiegsspuren sind sehr vereist und mit Vorsicht zu genießen. Am Grat angekommen würden wir im Sommer einfach direkt ansteigen. Bei diesen Verhältnissen ist diese Route allerdings nicht ratsam. Deshalb nehmen wir den Weg über die Südseite des Berges und folgen dort den Spuren. Von dieser Seite ist es ein wenig flacher, direkt am Grat ist es zu verwechtet und riskant. Ein paar letzte steile Meter und es ist geschafft. Wir sind am Gipfel. Dieser ist leider nur mit einem Wegweiser anstelle eines Kreuzes versehen. Aber das trübt die Freude über die Errungenschaft nicht, Gipfel ist Gipfel! 

Dieser Rundumblick von der Güntlespitze aus ist gigantisch. 360 Grad wundervolle Winterlandschaft, die bald wieder verschwunden sein wird. Schatten und Licht wechseln sich ab, ein atemberaubender Anblick. In Richtung Schoppernau steht der Diedamskopf, und auf ihm ist die Bergbahn im Gange. Links von ihm die fast 2400 Meter hohe Hochkünzelspitze mit ihrer markanten Form. In unmittelbarer Nähe ragt die Üntschenspitze nur ganz wenige Meter höher empor als wir gerade stehen. Viele, viele Gipfel mehr erblickt man hier, winterliche Berge, soweit das Auge reicht. Vom Hohen Ifen, Grünhorn und den Ochsenhofer Köpfen bis zum Walmendinger Horn kann man den Blick schweifen lassen. Am imposantesten jedoch schiebt sich nach wie vor der Große Widderstein ins Blickfeld. Überragend! Das einmalige Panorama wird umrahmt von einem endlos blauen Himmel und glitzerndem Schnee. Dazu kommen unser Stolz, es wieder einmal geschafft zu haben, und unsere Vorfreude auf die bevorstehende Abfahrt. Was will man mehr?!

Nun sind auch unsere drei Verfolger bei uns oben angelangt. Und von Schoppernau kommt eine geführte Truppe auf uns zu. Viel Platz ist nicht auf dem schmalen Grat. Da er stark verwechtet ist, muss man schon Obacht geben, um nicht zu weit hinauszutreten, beim Platz machen für die anderen Sportler. Gegenseitige Rücksichtnahme ist hier oberstes Gebot.

Mit eins der besten Gefühle auf der Skitour neben der Abfahrt: Das Umziehen. Raus aus den nassen Sachen und rein in die trockenen, warmen Gewänder. Das gibt neue Energie. Wir gönnen uns noch ein paar Schluck warmen Tee und einen Müsliriegel. Eine allzu lange Pause machen
wir nun aber nicht mehr, denn sonst wird es zu warm. Das würde allzu rasch das Abfahrvergnügen schmälern. Durch den sulzigen Schnee wäre es dann zu mühsam, mehr Arbeit als Vergnügen. Deshalb wird Ruck Zuck abgefellt. 


Startklar stehe ich am Grat. Der erste Schwung ringt mir heute ein wenig Mut ab. Doch schnell kann ich mich überwinden und schon gleite ich durch den Schnee. Schwung um Schwung um Schwung den Hang hinab. Vorbei an weiteren Tourengehern, die ihr heutiges Ziel noch nicht erreicht haben. Viel zu schnell ist das erste Abfahrtsvergnügen auf diesem lohnenswerten Streckenabschnitt schon vorbei. An der Mittleren Spitalalpe angekommen überlegen wir noch kurz, ob wir nochmal zur Unspitze ansteigen sollen. Aber der Schnee ist bereits zu warm, wie es halt im April nicht anders zu erwarten ist. Wir verwerfen deshalb mit ein wenig Bedauern die Idee und fahren stattdessen genussvoll weiter ab. Bis zum Bachbett lassen wir es laufen. Dann müssen wir erneut abschnallen, denn noch einmal heißt es den Derrenbach zu überqueren. Auf der anderen Seite angelangt, gleiten wir gemütlich zurück nach Baad. 

Was wir in knapp zweieinhalb Stunden aufgestiegen sind, waren wir in 18 Minuten wieder abgefahren. Und doch war jede Minute bergauf die Mühe wert. Am Parkplatz angekommen, verstauen wir unser Equipment im Auto. Jetzt genau war die Zeit für eine letzte Pause, wir genehmigen uns erstmal noch das verdiente Weißbier. Einfach herrlich so ein isotonisches Getränk in der Frühlingssonne. Trotz aller Wehmut, dass die Saison nun langsam ihr Ende findet, ein durchaus gelungener Aprilsonntag.

Text und Bilder: Chrissie Gleich

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