Sie ist die Eine, die immer lacht

Wirtin in der schönsten Sackgasse der Welt

Sabine Ott managt ganz ohne männlichen Anhang die Bärgunthütte am Fuß des Großen Widdersteins im Kleinwalsertal. Dafür braucht es Selbstbewusstsein – und klare Ansagen.

Man sagt das so dahin: „Sie ist mit Leib und Seele Hüttenwirtin.“ Wer Sabine Ott beschreiben will, kommt an dieser Plattitüde jedoch nicht vorbei: Die Frau ist es nämlich wirklich. Im Juni 2019 stolpert ein Wanderer in ihre Bärgunthütte und meldet einen schweren Bergunfall. Sabine alarmiert sofort die Retter, ihr schwant Schlimmes. Eine der größten und schwierigsten Suchaktionen seit Jahren läuft an. Sabine kann nichts tun, außer zu warten. Oder etwa doch? Sie nimmt den verzweifelten, erschöpften Mann in ihre mächtigen Arme, tröstet ihn, redet ihm gut zu, beruhigt ihn. Am Ende kommt für seine Begleiter jede Hilfe zu spät. Aber Sabine war bei ihm in diesen schrecklichen Stunden. Darauf kommt es an.

Ernst blicken ihre wachen, braunen Augen, wenn sie von solchen Tragödien berichtet. Die meiste Zeit lacht sie jedoch. Herzhaft. Lauthals. Für ein Späßle und einen Schwatz ist sie immer zu haben. Auch deshalb pilgern so viele Wanderer zu ihrer 1.400 Meter hoch gelegenen Bärgunthütte im hintersten Kleinwalsertal, dieser Enklave innerhalb Vorarlbergs. Von hohen Bergen eingekesselt, gehört das Sackgassen-Tal zwar zu Österreich, ist jedoch nur von Deutschland aus erreichbar. Die Menschen hier fühlen sich weder als Österreicher noch als Deutsche, sondern als stolze Walser. Über der Hütte baut sich der Widderstein, das Wahrzeichen des Tals, als mächtig Eindruck schindende Felsbastion auf: der Bulle vom Bärgunttal, welch ein Ungetüm! Nach Süden führen hohe Übergänge ins Lechtal. „Wege sind sehr wichtig für die Walser“, weiß Sabine. „Unsere Vorfahren zogen auf ihren alten Handelswegen bis nach Genua. Sie brachten ihren Frauen Korallen aus den Ozeanen als Andenken mit, weshalb noch heute eine Korallenkette Teil der Walser Tracht ist.“

Für sich selbst findet sie Trachten verzichtbar: „Ich lauf‘ nicht im Dirndl rum. Ist mir zu unpraktisch für meine langen Arbeitstage.“ Sie hat’s gern rustikal, aber nicht so sehr mit Heidi-Folklore. Schließlich hat sie ja auch keiner so richtig gefragt, ob sie mal Hüttenwirtin werden will: „Ich bin da so reingeschlittert.“

Ihre Großeltern – der Opa stammt aus dem Lechtal – wachsen noch zu einer Zeit auf, als hungerleidende Mädchen und Buben als »Schwabenkinder« zur Fronarbeit ins Flachland verschickt werden. Sie selbst hat sechs Geschwister. Die Mutter führte eine Milchstube in Baad, wo der Aufstieg zur Bärgunthütte beginnt. Der Vater betrieb im Winter einen Skilift und arbeitete das ganze Jahr zusätzlich als Hausmeister, um die Familie zu ernähren. Viel Arbeit, nicht so viel Geld. Trotzdem kommt Sabine raus aus dem Tal. Sie besucht die Handelsschule Oberstdorf. Im renommierten Almhof Rupp in Riezlern wird sie zur Hotel- und Gastgewerbe-Assistentin ausgebildet. Sie spielt für den TSV Sonthofen Volleyball und schafft es bis in die Bayernauswahl. Sie geht für ein Jahr als Au-Pair-Mädchen in die USA nach Utah, „wo es den besten Pulverschnee des Planeten gibt.“ Als sie 1992 zurückkommt, will die 24-Jährige eigentlich Tourismuswirtschaft studieren. Doch Sabine entscheidet sich für die Arbeit als Hüttenwirtin.

Ihr jüngster Bruder Wolfgang hatte die Bärguntalpe übernommen, die größte und älteste von neun Genossenschafts-Alpen im Kleinwalsertal mit mehr als 230 Hektar Weideland und dreimal so viel Wald samt Jagdrecht. Neben 20 Stück eigenem Vieh ist er verantwortlich für viele Pensions-Kühe, die früher bis aus Kempten mit der Bahn nach Oberstdorf gefahren wurden, um sie dann an einem schier endlos langen Tag zu Fuß auf die Almen im Kleinwalsertal zu treiben, wo sie den Sommer verbringen. Der Älpler bekommt für seine harte Arbeit und das Melken die ersten 600 Liter Milch pro Pensionskuh. Zum Deal gehört aber auch, dass der Älpler die dazugehörige Hütte bewirtschaftet. Als Wolfgangs Ehefrau wenige Jahre später erkrankt und dazu nicht mehr in der Lage ist, muss Sabine die Hütte alleine weiterführen. Und sie kümmert sich als gute Seele auch um die Kinder des Paares.

So kommt sie wie die Jungfrau zum Kind – samt Hütte. Eine Hütte, die 40 Wochen im Jahr geöffnet ist, auch die meiste Zeit im Winter. „Ich hab‘ das ja nicht gelernt“, sagt sie. Um als Wirtin loslegen zu dürfen, büffelt sie ein Vierteljahr lang für die Konzessionsprüfung, von BWL bis Lebensmitteltechnik. Ihre »Mitschüler« schauen sie fragend an: Allein als Frau eine Hütte führen? Geht das überhaupt?

© TVB Kleinwalsertal | Frank Drechsel

Natürlich geht es. Aber es ist eben nicht so, dass ihr Bruder sich um das Vieh und sie sich um die Gäste kümmert, und jeder einfach sein Ding macht. Beide Bereiche sind eng miteinander verzahnt. Wenn sich zum Beispiel eine Kuh in schwierigem Gelände verläuft, dann müssen alle anpacken. Sabine kann sich deshalb keine Extravaganzen in der Küche leisten: „Zur Not muss einer allein in der Lage sein, die Hütte zu schmeißen, wenn die anderen zum Helfen ausrücken.“ Kaiserschmarrn gibt es bei ihr deshalb nicht. Weil der zu arbeitsintensiv ist und sie außerdem keinen Fettabscheider hat. Beschwert hat sich darüber noch niemand. Denn ihre selbstgebackenen Kuchen und der Joghurt mit frischen Früchten schmecken zum Niederknien gut. „Ich habe viele Rezepte von meiner Mama“, sagt Sabine. „Einfach muss es sein. Und natürlich selbstgemacht.“ Viele Lebensmittel bestellt sie beim regionalen Verbund der „Walser Buura“. Für Berghütten, die versuchen, Gourmet-Lokalen Konkurrenz zu machen, kann sie sich nicht begeistern: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Dass es bei ihr vegane Erbsensuppe gibt, ist weniger dem Zeitgeist geschuldet, als einer eigenen Unverträglichkeit.

Tatsächlich ist das Kochen nur ein kleiner Teil ihres Stellenprofils. Eine Hütte managen – das ist Schwerstarbeit. „Als Wirtin musst Du sehr viel selbst anpacken: Wasserhähne reparieren, Schnee räumen. Wissen, wie die Bio-Kläranlage funktioniert, die Haustechnik richtig bedienen.“ Vermutlich ist das einer der Hauptgründe, warum Hüttenwirtinnen bei den Alpenvereinen so dünn gesät sind. Die Zahl der Frauen, die bei DAV und ÖAV ohne Mann an der Seite Schutzhäuser führen, lässt sich an einer Hand abzählen. „Man muss schon robust sein“, meint Sabine. „Mir hat natürlich geholfen, dass mein Vater Hausmeister war.“ Sie sieht sich als Vorreiterin, aber nicht als Emanze: „Ich tue, was gemacht werden muss. Aber wenn Männer da sind, sollen sie auch die Männerarbeiten erledigen. Zum Glück ist mein Koch Martin auch Anlagentechniker.“ Überhaupt ist sie auf ein eingespieltes Team angewiesen. Junge Städterinnen auf Selbsterfahrungstrip, die ein bisschen Bergluft schnuppern wollen, kann sie da eher nicht gebrauchen. Im Sommer kann sie auf die Kinder ihrer Geschwister zählen, denen sie eine wichtige Vertraute ist. Genauso wie den drei Hirtenbuben, die ihrem Bruder mit dem Vieh helfen.

Sabine hat jetzt Stammgäste entdeckt. Die muss sie natürlich mit einem freundlichen Wort begrüßen. Weil sie nur im Winter unten im Dorf schläft, im Sommer aber hier oben, sind die Besucher ihr Nabel zur Welt, denn der Laptop bleibt im Tal. „Das Smartphone muss jedoch mit, denn es kann in den Bergen Leben retten.“ Langweilig wird ihr dennoch nicht. Wenn sie sich amüsieren will, erschreckt sie arglose Wanderer schon mal mit der lammfrommen Stute »Flocke«. Oder sie beobachtet ihre Gäste beim mehr oder minder erfolgreichen Aufbauen der Liegestühle auf ihrer Terrasse: „Ist besser als jedes Kabarett“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Menschen zusammenbringen – das sei eigentlich ihr Hauptjob. „Ich mache gern meine Runde von Tisch zu Tisch. Wenn etwas nicht passt, erfahre ich es so aus erster Hand und nicht erst von meinem Team.“ Die persönliche Ansprache kommt gut an bei den Gästen, aber es raubt auch Zeit und manchmal Energie. Zum Nachdenken, zum Innehalten kommt Sabine nur selten. „Nie hätte ich gedacht, dass ich solange hier oben bleibe“, sagt sie dann. „Irgendwie habe ich die Zeit und auch ein bisschen mich selbst dabei vergessen.“ Ihre Familie sind jetzt die Gäste. Und die Hütte ist ihr energetischer Traumplatz zum Auftanken, die Natur rundherum ihr Wohnzimmer. „Bärgunt“, sagt sie, „ist mehr als Broterwerb und schützendes Dach über dem Kopf. Die Hütte ist längst zu meiner Partnerin geworden.“

Text: Günter Kast | Fotos: Günter Kast

Allgemeine Auskünfte
www.kleinwalsertal.com
www.baergunthuette.de
Ruhetag und Öffnungszeiten beachten!

Anfahrt & Parken
Mit dem Pkw von Oberstdorf kommend über die B19 und B201 via Mittelberg nach Baad, gebührenpflichtiger Parkplatz (3 EUR pro Tag); oder mit der Bahn bis Oberstdorf und weiter mit dem Walser-Bus bis Baad.

Anstieg/Gipfel
45 Minuten ab Baad auf breitem Güterweg – die Paradetour der Region führt von der Bärgunthütte in knapp vier Stunden auf den Großen Widderstein (2.533 m, Stellen I).

Medien
KOMPASS Wanderkarte „Oberstdorf,
Kleinwalsertal“, Maßstab 1:25.000

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