Die Kraft des Lichtes

Eben hatte ich noch festen Boden unter den Füßen. Jetzt sitze ich in einem dröhnenden Helikopter, bekomme eine immer grandiosere Aussicht geboten, während mich die flache Morgensonne blendet. 
Warme Farben, ein wolkenloser Himmel, schneebedeckte Gipfel. Mein Versuch der Orientierung scheitert anfangs, bis ich Lang- und Plattkofel erblicke, wir direkt auf sie zusteuern. Die Felstürme ragen so hoch in den Himmel, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss. Lege ich dagegen das Kinn auf die Brust, so spüre ich plötzlich tausende Meter Luft unter den Sohlen. So hält die Helikoptercrew immer auf die Bergspitzen zu, bis wir schließlich durch die Felstürme hindurchdonnern, so nahe an ihnen vorbei, dass mich ihre volle Wucht trifft. Die Gipfel über mir. Der Abgrund unter mir. Alles dreht sich. Mir wird so schwindelig, dass ich die Virtual-Reality-Brille abziehen muss. 

Der Boden der Realität
Da sitze ich. Allein. In der Stille, wie sie nur in einem Museum herrscht. Etwas wackelig fühlen sich die ersten Schritte nach dem Hubschrauber-Erlebnis an, dann schlendere ich weiter. Durch das LUMEN Museum – dem Bergfotografie Museum auf dem Kronplatz in Südtirol. 

Der moderne Bau befindet sich auf dem Gipfelplateau, auf 2275 Metern. Rundherum türmen sich die Dolomiten auf. Unendliche Bergketten, mit die schönsten der Welt, umzingeln den Kronplatz, immer mit gebührendem Abstand, der den Ort zum perfekten Aussichtsberg werden lässt. Im vierten Stock des modernen Baus beginne ich meine Rundtour durchs Museum. Mir begegnen die Pioniere der alpinen Fotografie: Entdecker, Forscher, Abenteurer. Auguste-Rosalie Bisson und Joseph Tairrez. Noch nie gehört? 

Photogeologie – der Anfang
Fotografie war damals kein Hobby – mal eben ein Erinnerungsfoto zu schießen unmöglich. Die Ausrüstung wog bisweilen eine viertel Tonne, kostete ein Vermögen. Erste Photographien der Alpen waren also wissenschaftlicher Natur – die sogenannte Photogeologie. 1861 dann die erste Fotodokumentation einer Abenteuerreise. Die Bisson-Brüder erreichten den Gipfel des Mont Blanc. Nicht als erste Menschen, wohl aber als Erste, die ihn fotografierten. Schnell verbreiteten sich die Bilder. Auguste-Rosalie eröffnete sogar in Chamonix ein Atelier und verkaufte seine Fotografien gewinnbringend an Touristen.  

Joseph Tairrez, seinerseits Bergführer, ließ sich von den Arbeiten Bissons inspirieren. Auf seinen vielen Touren im Mont Blanc-Massiv, fotografierte er die Berge aus noch nie gesehenen Perspektiven. Als seien die Geschichten der beiden Männer nicht schon spektakulär genug, so sprengen ihre Bilder den Rahmen meines Vorstellungsvermögens. Es fällt mir erstaunlich einfach, mich in ihnen zu verlieren. 

Der Shutter
Auf einer großen Stufe sitze ich. Unter mir befinden sich noch einige abgetreppte Sitzmöglichkeiten. Vor mir: ein riesiges, quadratisches Fenster, das einen uneingeschränkten Blick ins Freie ermöglicht. Früher fuhren durch diese Öffnung die Gondeln ein und aus, dieser Teil des Gebäudes ist eine ehemalige Seilbahn-Gipfelstation. Wieder erblicke ich die Bergketten, in weiter Ferne, mit ihren schneebedeckten Häuptern. Plötzlich ertönt ein leises Surren. Das Fenster, es schließt sich. Kreisförmig schieben sich Lamellen ins Bild. Eine Irisblende! Ich befinde mich ganz offensichtlich im Inneren einer gigantischen Kamera. 

Wenige Augenblicke später öffnet sich die Blende wieder. Grelles Licht fällt ein, meine Pupillen verengen sich. Die Adaption meines Körpers, als Gegensatz, als Ausgleich der mechanischen Blende und trotzdem Ein und Dasselbe. Fotografie, das Festhalten des Lichts. Langsam ändert sich mein Blick auf die Welt, in der ich lebe. Alles besteht nur noch aus Licht.

Und Action
Mein Weiterweg führt mich vorbei an Bildern, die zum Nachdenken anregen. Denn die Geschichte zeigt, wie noch vor einigen Jahrzehnten die Berge aussahen. Wo sich Gletscher erstreckten, der Schnee das ganze Jahr über liegen blieb. Da, wo heute nur triste, heiße Geröllhalden einen schmutzigen Schneerest dulden.

Doch die Bilder an den Wänden des verwinkelten Museums werden bunt, ihre Bildqualität steigt. Die Geschichten dahinter ändern sich. Aus Wissenschaft wird Tourismus. Der Zahn der Zeit nagt an ihnen. Die Alpen werden vermarktet. Werbefotografie, damals und heute. Der Weg durch die Stockwerke fliegt geradezu an mir vorbei, während ein dreidimensionales Hologramm Reinhold Messners zu mir spricht. Ein Spiegelraum, der mir mein Verständnis der Räumlichkeit raubt, mit grellbunten Bildern, die von allen Seiten auf mich einprasseln. 

Dann treffe ich auf die Dauerausstellung Red Bull Illume. Sie ist der weltweit größte Wettbewerb für Abenteuer- und Actionfotografie und zieht mich wahnsinnig stark in ihren Bann. Denn hier geht es nicht um die Profisportler vor der Kamera, sondern die Helden hinter der Linse! Digitale Projektionen, an den Wänden, der Decke und sogar unter meinen Füßen. Emotionen. Bergsport, der lebt. Oft am Limit. Meine Handflächen beginnen zu schwitzen. Ein solches Foto, genau genommen nur eine wirre Ansammlung bunter Pixel, unterschiedlichen Farben, die an der richtigen Stelle gelegen zusammen plötzlich Sinn ergeben. Ein Bild, das Gefühl, Stimmung und Atmosphäre übermittelt. Allein das ist die Kraft des Lichtes. 

Auch auf dem Kronplatz gelegen und nicht weniger interessant:
Das Messner Mountain Museum Corones erzählt die Geschichte des traditionellen Alpinismus.

Kein Museum
Mit Red Bull hat das LUMEN einen von zwei internationalen Partnern gewinnen können. Während sich der Energydrink um Adrenalin und Extremsport kümmert, investiert die Non-Profit-Organisation National Geographic in mutige Menschen und Ideen, liefert so Storys und hochmoderne Naturfotografie. 

Wer aber meint, das Lumen wäre nur eine Schlechtwetterlösung für einen verregneten Tag in Südtirol, der täuscht sich. Das LUMEN ist für mich weniger Museum als Emotionsraum. Ein Ort zum Träumen, zum Aussteigen, auf dem sonst so turbulenten Kronplatz. 1800 Quadratmeter zum Versinken. In der Geschichte, in der Fotografie, in den Bergen. Ein Ort, der mein Verständnis von Licht und Farbe grundlegend geändert hat. Der mich die Welt in einem völlig neuen Licht sehen lässt: Dem Licht der Berge.

Autor: Benni Sauer

Infos:
www.lumenmuseum.it
Tel.: +39 0474 431090
Kronplatz – Plan de Corones
Mountain Station 2275m
Italien, Südtirol, Bruneck-Brunico

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