Die Venediger-Krone

Für Jäger und Sammler

Auf einer Runde über den Großvenediger lassen sich fünf Dreitausender sammeln. Als Zugabe winken grandiose Einblicke in eine faszinierende Gletscherlandschaft.

Träge liegt das Eis des Zettalunitzkees im Schutze der Felswand der Weißspitz im Talschluss und streckt seine Zunge aus. Aus seinem Mund strömt eiskaltes Wasser, das sich in der Geröllwüste seinen Weg talwärts sucht. Beeindruckend, vor allem wenn man erfährt, dass der Gletscher einst den kompletten Talboden ausgefüllt hat. „Wir steigen hier direkt am Kamm der 1850er Moräne auf“ erzählt Sigi Hatzer, „und die ist ein Überbleibsel des letzten großen Vorstoßes unserer Gletscher“. 

Mittlerweile ist Gras über die kleine Eiszeit gewachsen, zumindest zeigt sich die Moräne auf der Sonnenseite des Tales von ihrer grünen Seite. Rund hundert Meter tiefer und auf der gegenüberliegenden Schattenseite überwiegt dagegen karges Blockwerk. Doch wer in den Talschluss und auf den von der Weißspitz nach Norden ziehenden Kamm schaut, der schon bald unter einer dicken Schicht Eis verschwindet, der ist immer noch beeindruckt. Denn das kleine Zettalunitzkees, das seit Jahren den Rückzug angetreten hat und allein im Sommer 2019 rund 24 Meter Länge eingebüßt hat, geht nahtlos in die Eiskappe des Äußeren Mullwitzkees über, das sich über das Innere Mullwitzkees bis zum Großvenediger zieht – und der bildet das Zentrum einer der größten zusammenhängenden Gletscherflächen der Ostalpen. 

Der 3662 Meter hohe Großvenediger ist zudem der vierthöchste Berg Österreichs und gilt mit Anstieg von Osttirol über die Johannishütte als technisch leichter Dreitausender. Doch aufgrund der Gletscher mit ihren heimtückischen Spalten benötigt man entsprechende Ausrüstung und Erfahrung – oder vertraut sich einem Bergführer wie Sigi Hatzer an. Die Tour begeistert ab dem ersten Meter: Mit jedem Schritt nach oben weitet sich das Panorama, immer neue Gipfel und Gletscher rücken ins Blickfeld. Der gut angelegte Weg folgt kurz der ehemaligen Seitenmoräne des Zettalunitzkees, schlängelt sich zwischen vom Gletscher einst blank polierte Felsrücken hindurch und erreicht schließlich das Defreggerhaus. Nur ein paar Meter entfernt von der mit Holzschindeln verkleideten Hütte knapp unterhalb der 3000-Meter-Höhenlinie verdeckt der Geröllwall der 1850er-Moräne den Blick auf das Äußere Mullwitzkees. Dessen Eisfelder erinnern eher an Grönland und legen sich wie eine Decke über den kompletten Bergrücken – doch die wird immer dünner und löchriger. Jedes Jahr zieht sich der Eisrand um ein paar Meter zurück und inmitten der Gletscherflächen tauchen immer neue Felsinseln auf, die wie Heizstrahler wirken und den Abschmelzprozess weiter beschleunigen. Auswirkungen hat dies auch auf den Normalweg zum Großvenediger. „Früher konnten wir vom Felskamm des Mullwitz-Aderls nahezu eben auf den Gletscher wechseln“ erzählt Sigi Hatzer, „mittlerweile muss man mehrere Meter absteigen.“ 

Dennoch ist die Ausdehnung der Gletscher noch beeindruckend. Das Äußere und Innere Mullwitzkees kommen zusammen auf eine Fläche von rund 6,5 Quadratkilometer. Und die Eisdicke soll an einigen Stellen noch zwischen 80 und über hundert Meter betragen. Faszinierend ist auch der Blick auf die weiten Schneehänge des Inneren Mullwitzkees, die nur auf den ersten Blick harmlos ausschauen. „Wir haben jedes Jahr Spaltenstürze“ warnt der Bergführer, „dennoch gibt es immer wieder Bergsteiger, die ohne Seil unterwegs sind.“ Und wundert sich: „Manche haben ein Glück, das glaubt man gar nicht. Die kommen auf die Hütte und erzählen, sie wären im weichen Schnee eingesunken – dabei waren sie mit einem Fuß schon in der Spalte.“

Sigi Hatzer kennt den Großvenediger wie seine Westentasche – vor zwei Jahren stand er zum 1000. Mal auf dem Gipfel – und er weiß, wo gefährliche Spalten lauern. Und so wählt er oft eine Linie abseits des Hauptweges und führt seine Gäste ganz nah an imposanten Klüften vorbei. Manche sind mehr als 30 Meter tief und so groß, dass man eine ganze Garage darin versenken könnte. Und manche verstecken sich unter einer trügerischen Schneedecke, wie kleine Löcher in der Spur verraten. Doch am Seil des Bergführers ist man sicher und kann sich voll und ganz auf die Gletscherlandschaft konzentrieren.

Venedigergruppe / „Venediger-Krone“ Anstieg von der Johannishütte auf den Großvenediger Abstieg von der Schwarzen Wand und Anstieg zum Hohen Zaun

Wie stark die Klimaerwärmung an den Gletschern nagt, zeigt sich selbst am höchsten Punkt des Großvenedigers. Der einst schmale und luftige Firngrat zwischen Vor- und Hauptgipfel schmilzt immer mehr ab und das sieben Meter hohe, früher im Eis stehende Gipfelkreuz musste immer wieder versetzt werden. Auch eine Einfriedung aus Holzstämmen, die mit Schnee befüllt wurde, stoppte die Abschmelzung nicht – mittlerweile steht das Kreuz am Rand der Schneekuppe auf festem Fels. 

Mit der Besteigung des Großvenedigers geht für viele ein Traum in Erfüllung. Eine Steigerung ist dennoch möglich. Die „Venediger-Krone“ ist eine Hochtour, bei der man an einem Tag insgesamt fünf Dreitausender sammelt – und dabei einen guten Überblick über die Gletscherwelt der Venedigergruppe bekommt. Ein Höhepunkt der Runde über die einsamen Nachbarn des Großvenedigers – Hoher Zaun (3457 m), Schwarze Wand (3511 m), Rainerhorn (3560 m) und Hohes Aderl (3504 m) – ist der Blick auf das Schlatenkees. Der gut fünf Kilometer lange und mit rund neun Quadratkilometer flächenmäßig größte Gletscher der Venedigergruppe ist beeindruckend – vor allem der Tiefblick auf seine imposanten Gletscherbrüche mit Spalten und Seracs.

Die Venediger-Krone ist eine grandiose Gipfelüberschreitung inmitten riesiger Gletscher mit einer Fülle an Landschaftseindrücken, die man sonst in einer ganzen Bergwoche nicht sammelt. Und eine Tour, bei der man hautnah den Rückzug der Eismassen beobachten kann. Die Klimaerwärmung zeigt sich hier Schritt für Schritt und ist geschichtlich betrachtet doch nur eine Momentaufnahme. Beim Blick auf die großen Blöcke, die beim Abstieg im einst vergletscherten Gelände herumliegen, könnte man auch sagen: „Der Gletscher ist nur zurückgegangen, um neue Steine zu holen.“

Text & Bilder: Stefan Herbke

F A C T S

Über fünf Dreitausender
Im Virgental in Osttirol startet der kürzeste Anstieg auf den vierthöchsten Gipfel Österreichs – der aufgrund seiner Gletscherspalten und der Höhe nicht zu unterschätzen ist.

Anreise
Über Kitzbühel, Pass Thurn, den Felbertauerntunnel und Matrei in Osttirol ins Virgental. Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln umständlich, am ehesten noch mit dem Zug nach Lienz und mit Bussen über Matrei ins Virgental.

Beste Zeit
Juli bis Oktober

Karte
Alpenvereinskarte Blatt 36, Venedigergruppe (1:25.000)

Bergführer
Venediger Bergführer, www.venediger-bergfuehrer.at 

Tipp
Auffahrt zur Johannishütte mit dem Venedigertaxi
(www.huettentaxi.at)

Auskunft
Osttirol Werbung
A-9900 Lienz
Tel.: +43(0)4852 65333
www.osttirol.com 

Hütten
Johannishütte (2121 m), www.johannishuette.at
Defreggerhaus (2962 m), www.virgentaler-huetten.at

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