Die Vielfalt des Lebens

Andreas Dengel ist Landwirt. Gemeinsam mit seiner Frau und den drei Kindern betreibt er einen Bio-Bauernhof in Rettenberg im Allgäu. Am Fuße des Grünten kümmert er sich in den Wintermonaten um die Kühe, Ziegen, Ponys und das Pferd Alexis. Im Sommer dagegen ziehen sie gemeinsam mit den Tieren hinauf auf die Alpe Stockach. Und dann, wenn die Tiere auf der Weide stehen, geschieht ein kleines Wunder. Jedes Jahr aufs Neue.

Die Alp- und Almwiesen, wie wir sie heute kennen, sind grüne Oasen. Lebensraum für unzählige, teils seltene und streng geschützte Pflanzen und Tiere. Und doch sind sie nicht natürlichen Ursprungs. Der Mensch hat vor mehreren tausend Jahren mit der Abholzung der Wälder das Fundament für einen komplexen und weit verzweigten Lebensraum geschaffen. Die geschlagenen Stämme wurden als Baumaterial für Hütten und Ställe genutzt. Die gewonnenen Freiflächen jedoch als Weidefläche für das Vieh. So werden bis heute die Betriebe im Tal entlastet.

Das Roden der Wälder, dieser massive Eingriff in die Natur, blieb aber nicht ohne Folgen. Die schattenliebenden Pflanzen, die unter den dunklen Nadelwäldern wuchsen, verschwanden. Stattdessen etablierten sich Gräser, Kräuter und Stauden. Die sanfte Blumenwiese, wie wir sie kennen und lieben, war entstanden.

Doch das wirklich Entscheidende war nicht die Rodung, sondern die Bewirtschaftung dieser Gebiete. Nur Pflanzen, die ein regelmäßiges Abweiden und Viehtritt verkraften, konnten dauerhaft bestehen. Die Weidetiere trugen außerdem dazu bei, dass die Freiflächen nicht wieder verbuschten. So konnten sich immer mehr Pflanzen auf den Wiesen ansiedeln. Heute bestechen diese Weiden durch eine enorme Biodiversität. Der Großteil der Wiesen in unseren Bergen ist also ein Paradies aus Menschenhand.

Andreas Dengel muss seine Wiesen um die Alpe hin und wieder mähen. So gewinnt er nicht nur Heu, das die Tiere durch die kalten Wintermonate bringt. So geht er vor allem gegen Brombeeren vor. Diese breiten sich ansonsten schnell aus, nehmen im Handumdrehen große Flächen ein. Ein Knochenjob auf den steilen Hängen. 

Es gibt aber auch Wiesen, die nur abgeweidet werden. Einzig und allein die Tiere übernehmen hier die Arbeit. Das schon ist an der Sortenvielfalt zu erkennen. Der tiefe Verbiss der Tiere schlägt sich anders auf die Pflanzen aus, als das Mähen. Deswegen sind alle Almwiesen reiche, vielfältige Lebensräume, eng miteinander verknüpft aber trotzdem ungleich und mannigfaltig.
Die Kühe, die im Sommer auf den Alpen und Almen weiden und im Winter von deren Heu leben, liefern außerdem wertvolle Heumilch. Sie ist besonders geschätzt und reich im Geschmack. So entsteht auch leckerer Käse, mit ganz natürlichem und unverfälschtem Aroma. 

Biodiversität bedeutet so viel wie „Die Vielfalt des Lebens“. Ein Wort, das diese Weiden nicht treffender beschreiben könnte.

Doch diese Vielfalt ist in Gefahr. Die Seiser Alm in Südtirol. Weltberühmt, Hotspot für Touristen und Fotografen. Weiche Grasmatten überziehen schon seit dem Mittelalter die sanfte Hügellandschaft, auf der davor noch dichter Wald wuchs. Eine friedliche, archaische Atmosphäre. Alles scheint in bester Ordnung. Doch der Schein trügt. Was früher von Alpenblumen übersät war, fällt heute mehr und mehr der Intensivierung der Landwirtschaft zum Opfer.  

Denn die Landwirtschaft von heute hat nicht mehr viel von der ursprünglichen Romantik. Unter knallharten Kalkulationen und manchmal auch der blanken Profitgier, leiden unsere grünen Oasen. Wird eine Almwiese beispielsweise zu intensiv beweidet, wird diese auch zwangsweise überdüngt. Zur Folge setzen sich stickstoffliebende Pflanzen durch, die von den Tieren oftmals verschmäht werden. Eine solche Wiese ist als Weide unbrauchbar.

Sogar das Gewicht der Kühe spielt im empfindlichen Ökosystem Almwiese eine Rolle. Denn Weidetiere sind heute schwerer als noch vor einhundert Jahren. Seltene und empfindliche Lebensräume überstehen diese Belastung nicht und gehen zu Grunde. Die Seiser Alm, die größte Hochalm Europas, kann vielerorts noch mit einem beeindruckenden Artenreichtum prunken. Doch wo Almwiesen gedüngt werden, geht die Diversität mehr und mehr verloren. Schmetterlinge, deren Populationsdichten sinken, sind dabei gute Indikatoren. 

Die Uhr tickt.

Diese Uhr tickt auch bei Andreas Dengel. Kleine Betriebe wie seiner, haben oft mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen. Die Almwirtschaft wirft einfach nicht mehr genügend ab. Viele sind dazu gezwungen, die Türen für immer zu schließen. Innerhalb kürzester Zeit gewinnen dann erste Pionierpflanzen Überhand, im weiteren Verlauf kommen Zwergsträucher auf. Die bekannte Alpenrose beispielsweise, oder die Heidelbeere, die vom Vieh zumindest hin und wieder angeknabbert wird. Hat sich aber erst einmal der Zwergwachholder eingenistet, ist es schon zu spät. Er wird von den Tieren gänzlich gemieden. Danach setzen sich Latschen und Erlen fest, bis schließlich ein Jungwald mit Fichten und Lärchen entsteht. Wenn die Natur sich ihre Weide erfolgreich zurückerobert hat, ist sie verloren.

Wenn erste Sträucher die Weiden bedecken, werfen Landwirte aber noch nicht die Flinte ins Korn. Beim sogenannten Schwenden werden Gehölze entfernt, die Wiesen ausgeputzt. Eine aufwändige Arbeit, an der sich glücklicherweise immer wieder viele Freiwillige beteiligen. Die Kosten hierfür wären für manche Bauern sonst untragbar. 

Gute Erfolge lassen sich auch mit Ziegen erbringen. Manche Rassen knabbern unerschrocken auch dickes Geäst an, das so dauerhaft und erfolgreich verdrängt wird. Eine ausgeklügelte Beweidungstaktik, mit unterschiedlichen Tieren zu verschiedenen Jahreszeiten, kann also ein Schlüssel zum Erfolg sein.

In der Schweiz gibt es sogar eine Biodiversitätsprämie. Wenn auf einer bestimmten Anzahl Quadratmeter besonders viele Pflanzensorten wachsen, wird der Betrieb finanziell unterstützt. So versucht die Schweiz ihre Landschaft, die Touristen aus aller Welt anzieht, zu erhalten.

Auch auf der Alpe Stockach kämpft man für den Erhalt der Almwiesen. Da der Bauernhof im Tal zum Leben allein nicht ausreicht, ist die Alpe auch für Gäste geöffnet. Kuchen, deftige Brotzeiten und frische Bio-Milch locken Wanderer und Tagesgäste. Außerdem gibt es auf der Alpe Übernachtungsmöglichkeiten für bis zu sechs Personen. Hüttenromantik, tolle Bergsicht und Bauernhofatmosphäre. Die Alpe ist schon seit 1409 in Familienbesitz.
Doch hinter der Kulisse kämpft Andreas mit Motorsäge und Freischneider gegen die Verbuschung an. Ein Kampf gegen Windmühlen, der nie ganz gewonnen, aber schnell verloren gehen kann. So aufwändig halten Almbauern schon seit Jahrhunderten die Betriebe über Wasser.
Und ihre Almwiese am Leben. 

Text: Benni Sauer
Bilder: Eren Karaman und Alpe Stockach

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