Die Wunderlichkeit des Weltalls

Space Oddity in den Alpen

Schnell noch einen Kaffee, bevor ich mich ins Auto setze. Eine lange Fahrt steht mir bevor, tief in die Alpen, fast bis zum Brennerpass hinauf, wo ich rechts ins ruhige Gschnitztal abdrehe. Dass die kommende Nacht aber noch viel länger sein wird, das weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. 

Am Taleingang angelangt, stoße ich auf Bernd und Nori, zwei mit Stativen und Kameras bewaffnete Mittfünfziger. Ihre vollen Namen, Bernd Willinger und Norbert Span, begegneten mir erstmals, als ich ihren Bildband „Berge unter Sternen“ (ISBN 978-
3-95728-033-6) in den Händen hielt. Und genau da wollen wir jetzt hin. Auf die Berge. Unter den Sternen.

Crew meeting
Kurzes Händeschütteln. Ein kühles Bier unter der Sonne, die noch hoch oben am Himmel steht. Und schon fühlt es sich so an, als würden wir uns seit einer halben Ewigkeit kennen. Humorvoll. Sympathisch. Angenehm durchgeknallt. Und das muss man vielleicht auch sein denke ich mir, während die beiden Freunde mir erzählen, was es wirklich heißt, Sterne zu fotografieren. Eisige Temperaturen. Minus 20° und kälter. Schwere Ausrüstung, die oft weit den Berg hinaufgetragen werden muss, um Dunst und Lichtverschmutzung zu entkommen. Wenig Schlaf, dort oben im engen Zelt. Etwas mulmig kann einem dabei schon werden, weswegen ich meinen ersten Energydrink gleich mit einem zweiten hinunterspüle. Schlaf? Den scheinen die beiden nicht sonderlich dringend zu brauchen.

Währenddessen wird der Plan für die kommende Nacht geschmiedet. Zuerst wollen die Astrofotografen weiter ins Gschnitztal hineinfahren, um von dort die Milchstraße auf den Kamerasensor zu bannen. Später dann geht’s tief ins Weltall hinein. Unfassbar tief! Norbert zeigt auf ein mit Planen abgedecktes Bauwerk in seinem Garten. „Damit!“. Ahnungslos wie ich bin, mache ich mir noch keine Vorstellungen, sondern grüble lieber über die besten Kameraeinstellungen, damit vielleicht auch ich ein nettes Milky-Way-Picture einfangen kann. Immerhin sollen hier die Nächte wirklich dunkel sein. Nicht so wie bei uns. In den Städten des Flachlandes.

Countdown
Wenig später schon stoppt Bernd den Wagen am Wegesrand. Wir sind da. Routiniert wird der Kofferraum entladen, Stative aufgebaut, Kameras in Stellung gebracht. Dann wird gewartet. Geraucht. Und noch ein kühles Bier genossen. Schnell merke ich, dass es den beiden zwar in erster Linie um die Fotos geht, das Team aber eine mindestens gleichgroße Rolle spielt. Viele ihrer Projekte wären allein gar nicht umsetzbar gewesen. So erzählen sie vom ersten gemeinsamen Foto, der partiellen Sonnenfinsternis, mit dem Gipfelkreuz der Marchreisenspitze im Vordergrund. Ein Volltreffer-Foto. Ansporn und Motivation. Seitdem haben sie mehr als 400 gemeinsame Nächte unterm Sternenhimmel verbracht. Seitdem sind sie Freunde.

„18.16 Uhr“, sagt Nori, zieht an seiner Zigarette, nur um danach Bernd ein paar Sätze Fachchinesisch entgegenzuwerfen. Die Antwort folgt prompt. Verstanden habe ich zwar nichts, doch das Lachen steckt an. 

Schnell aber werde ich wieder ruhig. Als ich das Leuchten der Zillertaler Gipfel hinter mir erblicke. Den Talschluss vor mir, steil und schroff, mit nur einer einzigen Straße, die einsam und verlassen zwischen den wenigen Häusern hindurchzieht. Die Brennerautobahn ist auch zu sehen. Oft war ich schon auf ihr unterwegs, habe alles in ihrer Umgebung links und rechts liegen lassen. Was für ein Fehler. Der Blick von so weit oben auf sie herab, er hat etwas intensiv Beruhigendes. So wie alles heute Abend, heute Nacht. Irgendwann verschwindet die Sonne aber doch noch hinter der Hammerspitze. Es wird schlagartig kalt. Ein kurzer Blick auf meine Uhr. Es ist exakt 18.16 Uhr.

Beliebte Fotospots wirken auch nachts – sofern der Himmel klar ist.

3 – 2 – 1 
Der erste Stern blitzt schon früh in der Dämmerung. Jupiter. Kein Stern, sondern ein Planet, korrigiert mich Norbert. Momentan ist er 4,73 Astronomische Einheiten entfernt – also 4,73 mal die Entfernung von der Erde zur Sonne. 700 Milliarden Kilometer. Gleich nebenan können wir wenig später Saturn ausmachen. Der sechste Planet in unserem Sonnensystem, scheint dem Jupiter zwar nahe zu stehen, in Wirklichkeit aber liegen zwischen ihnen momentan ebenso beinahe fünf Astronomische Einheiten. Erstmals beginne ich, das Himmelszelt nicht als flaches, über uns gespanntes Tuch zu sehen, sondern als plastischen Raum, in dem es unfassbar viel zu entdecken gibt. Zu dritt stehen wir auf der langsam feucht werdenden Wiese. Den beiden Freunden entweicht bei dem imposanten Anblick unserer Nachbarplaneten das erste, nicht ganz jugendfreie Wort. Manche Männer treffen sich zum Fußballschauen. Manche zum Pokerspielen. Bernd und Nori treffen sich eben zum Sternegucken. Und das selbstverständlich mit Leib und Seele. Mit vollem Einsatz. 

Dann schwirrt ein helles Licht nur knapp unterhalb der beiden Planeten von West nach Ost. „Da. Die ISS!“, zeigt Bernd auf den Punkt. Die ISS? Die Internationale Raumstation? Ich wusste nicht einmal, dass man sie mit bloßem Auge von unserem Heimatplaneten aus erkennen kann. „Sind doch nur 400 Kilometer.“, wirft Norbert ein. Ein Steinwurf. Wie unbedeutend ich mich plötzlich fühle. Die unendliche Weite über meinem Kopf, sie scheint immer noch weiter zu werden. Dort oben, in dem gleißenden Punkt, dort sitzen in diesem Moment fünf Männer. Sofort kommt mir Chris Hadfield in den Sinn. Der einstige ISS-Kommandant, der zum YouTube-Star wurde, als er ein Video veröffentlichte, wie er mit einer Gitarre dort oben David Bowies „Space Oddity“ performte. Im Weltall. In einem 150 Milliarden US-Dollar teurem Raumschiff. Wir Menschen sind schon ein wunderliches Volk. Nicht weniger wunderlich als die Wunderlichkeiten des Weltalls. Meine Gedanken schweifen ab, während die Profis hinter mir schon die Milchstraße ins Bild rücken. „Die ISS kommt später noch mal vorbei“, höre ich Bernd noch sagen. Trotzdem kann ich den Blick nicht abwenden. Ob Hadfield die Gitarre wohl als Sperrgepäck aufgeben musste?

Ignition
Längst ist es dunkel. Viel dunkler, als es in meiner Heimatstadt je werden kann. Für Bernd und Nori scheint es dagegen noch taghell zu sein. Selbst als schon die Milchstraße gut zu erkennen ist, wird noch ein wenig gewartet, dann gemächlich die Einstellung der Kamera angepasst und schließlich ausgelöst. Schon das erste Foto haut mich aus den Socken. Die lange Belichtungszeit bringt erstaunliche Details ans Licht unserer Stirnlampen. Noch eins. Und noch eins. Und auch ich banne unserer Galaxie auf meine Speicherkarte, allerdings nicht ohne mich zuvor mit den Schwierigkeiten der etwas fummeligen Fokussierung auseinandergesetzt zu haben. Wieder wird geflucht. Über die wolkenlose Nacht. Die optimalen Sichtbedingungen. Das gute Seeing, wie die Profis es nennen. Dann ist alles so schnell aufgeräumt, wie es aufgebaut war. Vorgeplänkel soll das doch bloß gewesen sein, so vernehme ich als wir bergab fahren. Mit der hell leuchtenden Milchstraße am Himmel, die ich sogar durch das Autodach hindurch, weit über mir glaube spüren zu können.

Zwei Espressi holen mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Genaugenommen auf die kreisrunde Holzterrasse in Norberts Garten. Sie ist umringt, von einem ebenso runden Betonfundament, auf das schon bald die Kuppel gesetzt werden soll. Noris private Sternwarte, sie nimmt langsam Gestalt an, auch wenn das Herzstück momentan noch unter der Plastikplane schlummert. Vorsichtig entfernen wir die Gurte, legen frei was darunter liegt: Ein riesiges Newton-Teleskop. Kein Glas wie in den Kameraobjektiven. Nur ein, zugegeben schweineteurer, handgeschliffener Spiegel bringt uns hier die unendliche Schönheit des Weltalls näher. Nori reibt sich schon lachend die Hände, freut sich über meine großen Augen und flüstert: „Jetzt geht´s ab! Deep Sky!“ 3, 2, 1.

Hunderte Nächte haben die zwei Fotografen schon unterm Sternenhimmel verbracht. Langweilig wurde es dabei nie.

Lift off
Bunt leuchtende Lämpchen, Kabel und ein Display mit unverständlichen Zahlenkombinationen. Als plötzlich ein mechanisches Summen zu hören ist und sich das imposante Rohr wie von Geisterhand langsam beginnt zu bewegen, muss ich lachen. Die Männer freuen sich, wie kleine Kinder und visieren den Saturn an. Nori nimmt noch einige Korrekturen vor, bis er beginnt zu fluchen. Ein durchaus gutes Zeichen, wie ich gelernt habe. Dann schaut Bernd durchs Okular. Wieder scheint alles ziemlich eindrucksvoll zu sein, dabei mache ich mir noch immer keine Vorstellungen von dem, was mich erwartet. Schließlich aber bin ich an der Reihe und trete vorsichtig ans Teleskop. Sofort stehe ich dem zweitgrößten Planeten unseres Sonnensystems entgegen. Sogar sein Ringsystem ist gut zu erkennen und ich möchte mich von der Echtheit dieses Anblickes überzeugen, indem ich meinen Blick noch einmal ohne Teleskop in den Nachthimmel richte. Als wäre so von all dem auch nur das Geringste zu erkennen. Jetzt sind es Norbert und Bernd, die große Augen haben. Sie erwarten wohl irgendeine Reaktion von mir, dabei bin ich einfach nur sprachlos, höre schon gar nicht mehr Noris „geil, oder?“. Ich bin schon wieder dort oben. Beim Saturn.

Erst als wir alle genug durch das Rohr gestarrt haben, montiert Bernd seine Kamera und Norbert lässt die Motoren der Montierung surren. Der Gigant dreht sich haargenau unserem nächsten Ziel entgegen: M13. Norbert kontrolliert noch schnell die Ausrichtung des Teleskopes – „Volltreffer“ – und winkt mich zum Okular. Ich sehe hunderte weiß leuchtende Punkte. Aber nicht gleichmäßig verteilt wie am Sternenhimmel, sondern aufgehäuft, je mittiger desto konzentrierter. Das also machen die Fotografen Nacht für Nacht. Sie lassen sich ganz einfach von der Schönheit des Universums verzaubern! „Das ist ein Kugelsternhaufen. Jeder dieser hellen Punkte ist eine Sonne. Die Leuchtkraft von M13 ist 300.000 Mal so stark wie die unserer Sonne!“. Das wenige Licht, das nach 25.000 Lichtjahren noch bei uns ankommt, fällt in den Hauptspiegel am unteren Ende des Teleskops, wird dort gebündelt und über den Fangspiegel auf den Kamerasensor projiziert. Bernd löst aus. Natürlich mit Funkfernbedienung, da jede Berührung der Konstruktion das gesamte Bild zunichtemachen würde. 300.000 Sonnen? Hört sich so an, als wäre es verdammt heiß da oben!

Später stößt noch ein Freund der beiden Fotografen zu uns. Ein wahrer Perfektionist soll er sein, bereiteten mich Nori und Bernd schon vor und als wir zu viert um das Teleskop stehen, verstehe ich sofort was sie meinen. Keine halben Sachen – dafür noch mehr Fachchinesisch. Barlow-Linse. Planetarischer Nebel. Zahlen, scheinbar ohne irgendwelchen Zusammenhang. Dann summt es wieder. Wieder wird beim Blick durch die Spiegel über die Wunderlichkeit des Weltalls geschimpft. Ein buntes Gebilde erkenne ich dann durchs Okular: Der Hantelnebel, mit einem weißen Punkt in der Mitte. Nori erklärt mir, was sich da gerade vor meinen Augen abspielt. Zusammengefasst explodierte hier eine Sonne – genaugenommen tut sie das sogar immer noch. Übrig bleibt der Nebel, der sich noch immer mit bis zu 35 Kilometern pro Sekunde ausdehnt. Und der helle Punkt in seiner Mitte. Ein sogenannter weißer Zwerg. Jetzt kommt auch von mir eine Reaktion. Ich beginne zu fluchen und die Männer lachen mir entgegen: „Jetzt bist infiziert!“ Ja, das bin ich. Wer kann schon von sich behaupten, einmal einer Sonne beim Explodieren zugeschaut zu haben?

Gemeinsam schießen die Freunde etliche Fotos, die später am Computer zusammengefügt werden. Dafür müssen unbedingt alle Stirnlampen ausgeschaltet bleiben, um keine Reflexionen in den Spiegeln zu verursachen. So kommt es, dass ich von unserem Neuzugang nur die Stimme vernehme, sein Gesicht aber nie zu sehen bekomme. Zu allem Überfluss heißt er auch noch Tom, was mich wieder auf die Reise des gleichnamigen Astronauten in Chris Hadfields Performance bringt.

Hier beende ich meine Reise durchs Weltall. Langsam scheinen meine Gedanken sonderbare Züge anzunehmen. Ich bin müde, nach fast sechs Stunden, die wir nun schon in den Nachthimmel schauen. Bernd fährt schon bald mit mir wieder Richtung Norden hinab. Davor aber verabschieden wir uns noch von Nori und Major Tom, die beharrlich weiterarbeiten. Jetzt um den Mars möglichst scharf abzubilden.

The stars look very different today
An der ersten Tankstelle fahre ich raus, um meinen Körper mit noch mehr Kaffee zu quälen. Es schüttelt mich schon beim ersten Schluck. Das ist zu viel. Das kann nicht gesund sein!

Dann geht’s zurück durchs Inntal und den Fernpass hinauf. Oben angekommen beuge ich mich kurz nach vorne, schaue durch die Frontscheibe hinauf und setze sofort den Blinker. Über mir funkeln noch immer die Sterne und ich kann nicht anders, als die Chance zu nutzen. Schnell ist meine Fotoausrüstung montiert und das Sternbild Orion anvisiert. Mit meinem Teleobjektiv hole ich es so nahe wie möglich ran. Und drücke ab. 60 Sekunden später erscheint NGC 1976, der Orionnebel, als heller rosafarbener Schweif auf meinem Kameradisplay. Ich bin sprachlos. Absolut überwältigt, vom ganz neuen Bild, das ich seit heute Nacht vom Sternenhimmel hab. Dass ich mit meiner Anfänger-Astro-Ausrüstung interstellare Emissionsnebel ablichten kann, hätte ich nicht für möglich gehalten. Bis der Morgen graut, stehe ich so in der Kälte. Die Erde hat sich in der Zeit einmal unter der Nacht hindurchgedreht, die Sonne wird bald wieder aufgehen und ein letzter Energydrink soll mich jetzt endlich nach Hause bringen. Hinab ins dunstige, lichtverschmutzte Tal.

Am Computer lege ich die Bilder der Orionnebels übereinander, mache so sichtbar, was fürs menschliche Auge unsichtbar ist. Auch einen Bilderstapel der Andromeda-Galaxie verarbeite ich. Bunte Farben, feine Strukturen im Nebel, sogar die Spiralarme der Galaxie konnte ich einfangen. Da liegt plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. „Hast du überhaupt geschlafen“, flüstert es mir entgegen, ganz leise, um die Kinder nicht zu wecken. „Schau mal“, höre ich mich sagen und zeige auf den Monitor. Keine Antwort. Erst als die Hand von meiner Schulter rutscht. „Ich mach dir erstmal einen starken Kaffee.“

Text: Benni Sauer
Fotos: Nobert Spahn | Bernd Willinger

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