Echt jetzt? Kaiser hoch 6

Titelbild: © Felbert Reiter

Es wird schon bald dämmern, als wir die stillstehende, kühle Abendluft genießen. Die Felswände des Wilden Kaisers aber sind sicher noch warm. Direkt vor unseren Nasen ragen sie empor, viele hundert Meter hoch, unten schon grau und schattig, an den Gipfeln aber noch sanft orangerot glühend. Tolle, nicht allzu schwere Kletterrouten gäbe es dort, sinniert Thomas plötzlich in die Luft. 

In der Tat sehen die Grate und Wände nach hervorragendem Klettergelände aus. Ob er sie alle kennt, frage ich den Bergführer, mit dem ich den Tag über die Klettersteige der Region kennenlernen durfte. „Klar!“, schmunzelt er, den Blick nicht vom Glühen der Felsen abwendend. Kurz ist es wieder ruhig, da holt Tom aus. „Unser Plan, bei Sonnenaufgang in die Lärchegg Ostwand zu starten, vom Gipfel wieder ins Kaiserbachtal abzusteigen und über die Nordkante auf den Predigtstuhl zu klettern, in die Predigtstuhlscharte abzuseilen und über den Nordgrat auf die Hintere Goinger Halt zu klettern, ins Ellmauer Tor abzusteigen und über den Herrweg die Fleischbank zu besteigen, von dieser über den Nordgrat in den Wildanger abzuklettern und zum Stripsenjochhaus aufzusteigen, dort noch etwas Zeit zu haben um uns zu stärken und unsere Trinkflaschen aufzufüllen, über den Führerweg aufs Totenkirchl zu klettern und über dessen Südostgrat in die Winklerscharte abzuklettern und -seilen, die beiden Karlspitzen zu überschreiten und vom Kopftörl über den berühmten Kopftörlgrat auf den höchsten Kaisergipfel, die Ellmauer Halt zu klettern und dort noch die letzten Sonnenstrahlen genießen zu können, ist voll aufgegangen.“ Dann ist es wieder ruhig. Diesmal etwas länger. Bis ich meinen Blick doch vom Kaiser abwenden muss, um in Toms Augen zu blicken. „Echt jetzt?“

Seilschaft am Fleischbankpfeiler, ein kurzer Abstecher mit Tiefblick in die Steinerne Rinne, Fleischbank Nordgrat.
© Hannes Pancheri | http://www.kitzfoto.com

5000 Meter Klettergeschichte
„War ein langer Tag!“, antwortet er. Ja, das glaube ich ihm, auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie man an einem Tag 5000 Höhenmeter aufsteigen und 5000 Höhenmeter absteigen kann. Kaiser hoch 6 ist dabei eigentlich nur ein Produkt, welches die Kitzbüheler Bergführer geschaffen haben, eine Idee. Sechs geschichtsträchtige, relativ einfache Kletterrouten, im fürs Alpinklettern wohl bedeutendsten Gebirgsstock der Welt. Und natürlich nehmen sich die Bergführer im Normalfall auch sechs Tage Zeit, genießen mit ihren Kunden den kompakten Fels, die Plaisir-Routen im „Koasa“. Der Kraftakt aber, den Tom Rabl mit seinem Kollegen Andi Gastl vollbrachte, war dagegen einfach ein kühnes Vorhaben. Ein gesetztes Ziel, ein Hussarenstück. Und vielleicht auch eine gar nicht mal so unclevere Marketing-Kampagne für ein grandioses Produkt. Irgendwie muss man ja ins Gespräch kommen…

Zusammengesetzt ergibt sich so eine gigantische Kletterlänge von etwas mehr als fünf Kilometern – natürlich totaler Wahnsinn. Eine andere spannende Art der Verknüpfung, ist die der verstrichenen Zeit seit der Erstbegehung. Denn auch wenn Kaiser hoch 6 erst vergangenes Jahr das Licht der Kletterwelt erblickte, so ist die Erstbegehung schon mehr als 700 Jahre her. 

Nein, natürlich kletterte im Mittelalter noch niemand auf den Kaiser, erst recht nicht über derartige Routen. Aber selbst wenn man die 700 Jahre auf die einzelnen Routen aufteilt, erkennt man schnell, dass hier schon früh Klettergeschichte geschrieben wurde. Sehr früh!

Allein 140 Jahre ist die Erstbegehung am Totenkirchl her. Bis weit ins 19. Jahrhundert galt der sagenumwobene Felsturm als unbesteigbar. Erst Gottfried Merzbacher aus München bewies 1881 unter der Führung des Tirolers Michael Soyer, genannt Steinackerer, das Gegenteil. 

1912 läutet dann Hans Dülfer eine neue Epoche ein. An der Fleischbank Ostwand gelang ihm ein Jahr später und dank neuartiger Karabinerhaken die bis dahin weltweit schwerste Solobegehung. Die Route im 6. Schwierigkeitsgrad ist zwar weit schwieriger als die des Kaiser hoch 6, sie ist aber auch bis heute einer der ganz großen Klassiker – alpenweit!

Seilschaft am Goinger Halt Nordgrat, im Hintergrund die Silhuette des Fleischbank Nordgrates, ganz hinten Spitzelt auch noch
das Totenkirchl hervor.
© Hannes Mair | http://www.alpsolut.com

Nach Dülfer ist auch die Führe aufs Lärchenegg benannt, genaugenommen sogar gleich eine ganze Reihe wunderbarer Routen im Kaisergebirge. Ein echter Pionier eben. Nicht weniger erwähnenswert: der Name Georg Leuchs. Auch er lebt heute noch im Kaiser weiter, beispielsweise am Leuchskamin am Totenkirchl, dem Leuchsturm am Kopftörlgrat, oder den vielen Leuchswegen, die in diesem Gebirge zu finden sind. Leuchs war es außerdem auch, der einen ersten, alpinen Kletterführer vom Wilden Kaiser verfasste. Dieses Werk diente ganzen Generationen als Richtlinie, kaum jemand, der nicht im Leuchs das nächste Ziel auserkor. 

Alpinismus, Historik und Onomatologie
Wie ich mit Thomas auf den Kaiser schaue, wird mir schnell klar, dass man dort weit mehr unternehmen kann, als nur schöne Routen zu klettern. Alpinismus im Kaiser bedeutet auch, auf den Spuren der Pioniere zu klettern. Eine wunderbare Art sich mit der Vergangenheit zu befassen. Ich beginne die Routen mit ganz anderen Augen zu sehen, bekomme größten Respekt vor den Erstbegehern und somit ein insgesamt viel intensiveres Bergerlebnis. Die Hintergrundinfos, die Rabl mir immer gerade im richtigen Moment rüberzuschieben weiß, unterstreichen das nur noch mehr.

Da geht es aber nicht nur um Namen wie Dülfer und Leuchs. Totenkirchl, Fleischbank und Predigtstuhl sind nun wirklich keine alltäglichen Bergnamen und die Erklärung selbiger manchmal gar nicht so einfach. Am Totenkirchl ist vermutlich eine besondere Felsformation namensgebend. Der Sage nach legte sich einst eine weiße Wolke auf die Felsspitze und als sie wieder verflog, lag eine riesige schneeweiße Frau, die Wände umklammernd auf ihrer Spitze. Eine Erscheinung die – man kann es sich schon fast denken – häufig nach Neuschneefällen zu beobachten gewesen sein soll.

Ebenso wie das Totenkirchl, ist die Fleischbank untrennbar mit dem Wilden Kaiser verbunden. Ein listiger Hirte soll sich hier sein Gamsfleisch erbeutet haben, indem er feuchte Baumrinde auf die horizontalen Felsbänder legte und mit Sand bedeckte. Die wilden Tiere verloren auf der Rinde den Halt und stürzten ab, worauf der Hirte seine Beute nur noch einzusammeln brauchte. Eines Tages aber geriet eines seiner eigenen Schafe auf das Felsband, trat auf die Rinde und fiel in die Tiefe. Die gesamte Herde folgte dem Tier in den Tod, was den Berg wie eine gigantische Fleischbank, also den Verkaufsstand eines Fleischers aussehen ließ. Soweit die Sagen und Legenden.

Predigtstuhl dagegen ist gar kein so ungewöhnlicher Name für einen Berg. Es gibt ein ganzes Dutzend schroffer Felsnadeln, die diesen Namen tragen und allesamt sind sie hohe Kanzeln, von denen man einen ausgesprochen guten Überblick hat – wie eben der Priester in der Kirche. 

Seilschaft in einer der schönsten Kletterpassagen am Nordgrat der Hint. Goinger Halt.
© Hannes Mair | http://www.alpsolut.com

Und der Kaiser selbst? Woher hat er seinen Namen? Eine mögliche Antwort finde ich in einem großartigen Buch. Demnach soll ein Hof in der Region dem Kaiser persönlich gehört haben, weswegen die ganze Region den Namen Kaiser trug. Und letztendlich werden es auch die Bergspitzen selbst sein, die wie eine Krone erscheinen, ganz egal von welcher Seite man das Massiv betrachtet. Wer also in den Genuss des Kaiser hoch 6 kommt und nach Kletter- und Geschichtsstunde mit Bergführer noch eine Abendlektüre wünscht, dem sei Gebhard Bendlers Wilder Kaiser empfohlen. Der junge Autor und Bergführer begibt sich einmal mehr auf eine Reise in die Alpingeschichte, die am Kaiser zwar schon vor 200 Jahren geschrieben wurde, aber noch lange nicht zu Ende geschrieben ist. 

Irgendwo zwischen damals und heute
Heute sind die Grate und Gipfel zwar schon längst bestiegen, für weltberühmte Kletterhighlight-Überraschungen ist der Wilder Kaiser aber immer noch gut! In den letzten Jahrzehnten ist hier besonders der Schleierwasserfall ins Rampenlicht gerückt. Alexander Huber kletterte die Route Kommunist (8b+) 2004 free solo. Acht Jahre zuvor eröffnete er hier die Route Open Air. Mit 9a+ die damals weltweit schwerste Kletterroute. Zwölf Jahre schlugen alle Wiederholungsversuche fehl – bis der Tscheche Adam Ondra sich der Sache annahm. Klettergröße Stefan Glowacz eröffnete 1994 am Fleischbankpfeiler eine wahnwitzige Route mit dem Namen „Des Kaisers neue Kleider“. 1995 dann die erste Wiederholung: Georg Kronthaler kletterte die neun Seillängen zwar technisch, dafür aber solo. Nicht übel für eine der schwersten Routen der Welt, im oberen zehnten Schwierigkeitsgrad. Nachwuchstalent Alex Megos, Extremkletterin Barbara „Babsi“ Zangerl und unzählige weitere Profis schrieben und schreiben hier Klettergeschichte.

Als Thomas Rabl und Andi Gastl nach ihrer 17 Stunden langen Tour am Gipfel der Ellmauer Halt, dem höchsten Punkt des Wilden Kaisers überhaupt standen, schien ihnen sogar noch die Abendsonne ins Gesicht. Noch ein Highlight im Kaiser! 5000 Höhenmeter hatten sie da schon in ihren Knochen. Und dementsprechend unwirklich muss für die beiden Bergführer der Blick auf die zurückgelegte Strecke gewesen sein. Lediglich drei Kilometer ist ihr erster Tagesgipfel entfernt. Was die beiden aber zwischen dem Lärchegg und dem höchsten Punkt des Gebirges zum Kaiser hoch 6 zusammenfassten, sind sechs eigenständige, höchst genussvolle Routen. Jede mit ihrem ganz eigenen Charakter. 

Die Felsqualität, die Ausblicke und Erlebnisse sind meist derart überwältigend, dass man sich unbedingt auch die Zeit zum Genießen nehmen sollte. Dann dreht man sich einmal mehr am Standplatz um, spürt wo man sich gerade befindet und denkt an die Geschichten. Man fängt an über beide Ohren zu strahlen, schaut in die Tiefe und wird unweigerlich in die Weite hinausfragen. „Echt jetzt?!“

Tom Rabl unterwegs mit einem Gast am Totenkirchl.
© Daniel Gollner | http://www.danielgollner.com

Die einzelnen Routen im Überblick
Mit der Lärchegg Ostwand am Beginn des Unternehmens wartete auch gleich die anspruchsvollste Route auf Tom und Andi. Am nordöstlichen Eckpfeiler des Kaisers ist der Einstieg jedoch schwer zu finden, die Orientierung schnell verloren. Die Wand selbst ist fast 700 Meter hoch. 1912 war es natürlich Dülfer, der diese Route als erster Mensch kletterte. Noch heute ist die Route ein eindrucksvolles Erlebnis in einer gewaltigen und zumeist einsamen Landschaft. Eine Stelle 4+, überwiegend 3, meist leichter. Hier hilft ein lokaler Bergführer nicht nur geschichtlich auf die Sprünge, sondern auch bei der Wegfindung!

Ein wenig leichter, dafür aber umso eindrucksvoller, ist die ausgesetzte Nordkante am Predigtstuhl. Schon beim Zustieg durch die Steinerne Rinne wird einem unmissverständlich klargemacht, was einen auf den kommenden 750 Klettermetern erwartet: Viel Luft unter den Sohlen! Sogar als die ausgesetzteste Kletterei der gesamten Nordalpen gilt die Route, die spannenderweise von verschiedenen Kletterern stückweise erstbegangen wurde. Hervorzuheben ist hier Otto Oppel. Nach dem Münchner Bildhauer ist das ausgesetzte Felsband benannt, das es im oberen Teil der Route zu queren gilt. Nur kriechend kam er hier im Jahre 1906 über das abdrängende Felsband. Eine denkwürdige Leistung! Eine Stelle 4, zwei Mal 4-, sonst leichter. Sehr alpines Erlebnis mit steiler Abseilpiste. Wer fit ist, der hängt noch den Hauptgipfel dran.

Der Nordgrat auf die Hintere Goinger Halt zählt als einfachste der sechs Touren. 300 Klettermeter, die nie über den dritten Schwierigkeitsgrad hinausgehen, sind zu bewältigen. Und auch wenn die Absicherung alpin ist, hin und wieder auch mal abgeklettert werden muss, kommen auch Kletteranfänger hier gut zurecht. Bereits 1899 gelang Georg Leuchs der erste Durchstieg. Eine Stelle 3+, sonst leichter. Nicht allzu lange, luftige Einstiegstour, mit tollem Fels und verhältnismäßig einfachem Abstieg.

Jetzt wird’s etwas kompliziert: Die Fleischbank bestiegen Tom und Andi an ihrem langen Tag über den einfachen Herrweg. Die eigentliche Route im Kaiser hoch 6 Programm aber ist die über den Nordgrat, den die die beiden für den Abstieg nutzten. Diese kleine „Weganpassung“ sei den beiden Bergführern natürlich gegönnt, wir konzentrieren uns hier aber natürlich auf den Nordgrat. Dieser Klassiker zieht zwischen Totenkirchl und Predigtstuhl in imposanter Landschaft nach oben, streift dabei nur an einigen kurzen Stellen den dritten Grad und wurde bereits 1898 von den drei Münchener Akademikern Karl Herr, Wilhelm Wunder und Hans Pfann erstbestiegen. 1400 Meter Kletterlänge, zwei Mal 3+, sonst deutlich leichter. Langer Klassiker an dem wohl geschichtsträchtigsten Kletterberg der Alpen. Diese Geschichten würden hier den Rahmen sprengen. Die Kitzbüheler Bergführer finden aber auf dieser ausgedehnten Tagestour sicher genug Zeit für den ein oder anderen Blick in die Vergangenheit!

Kurz vor dem Gipfel der Fleischbank am Nordgrat.
© Tom Rabl | http://www.kitzbuehelerberg-fuehrer.at

Das Stripsenjochhaus liegt direkt am Fuße des Totenkirchl. Hier kann man sich noch einmal stärken, bevor es los geht! Der Führerweg auf der Nordseite des Kirchls gehört zu den beliebten Routen im Kaiser. Die Route schlängelt sich hin und her, über drei Terrassen, bis zum Gipfel auf 2190 Metern. Lange Zeit galt dieser schroffe Felszahn als unbesteigbar – heute führen mehr als 60 Routen auf seinen Gipfel. Wie zur damaligen Zeit üblich, trugen die Erstbegeher auch am Totenkirchl Steigeisen und Pickel mit sich. Aber schon am Einstieg wurde ihnen klar, dass dieses Equipment in den trockenen Felsen des Kaisers eher hinderlich war. Sie ließen das nicht benötigte Material am Beginn der Route zurück. In einem Wurfanker, ähnlich dem eines Schiffes, allerdings, sahen sie noch einen eventuellen Verwendungszweck. Aber auch dieser stellte sich auf der weiteren Durchsteigung als nicht besonders hilfreich heraus. Eine Stelle 3, sonst deutlich leichter. Insgesamt mit 1240 Metern recht lange Route, die aber auch gerne als Abstieg genutzt wird. Wem die Tour zu leicht erscheint, findet spannende, alternative Wegabschnitte, wie zum Beispiel den Stöger-Gschwentner-Kamin.

Der letzte Streich an diesem Tag waren für Rabl und Gastl der berühmte Kopftörlgrat. 1400 wunderbare Klettermeter, die kurz unter dem Gipfel den vierten Grad erreichen. Der Gipfel ist einer der schönsten Aussichtsgipfel und natürlich wartet auch er mit einer kuriosen Hintergrundgeschichte. Der mit 2344 Metern höchste Punkt des Kaisers wurde schon im frühen 19. Jahrhundert bestiegen, sogar ein winziges Hüttchen stand auf dem Gipfel. Thomas Widauer, Erstbegeher der Fleischbank, war eines nachmittags des Jahres 1900 mit Reparaturarbeiten am Gipfelhäuschen beschäftigt, da traute er seinen Augen kaum. Vom im Osten gelegenen Kopftörl kam ihm ein Mensch entgegen, auf einer Route, die noch nie ein Mensch davor erstieg. Es war der Alleingänger Georg Leuchs, der sich mit der Solo-Erstbegehung in die Bücher der Alpingeschichte eintrug. Kurz 4-, sonst leichter. Alpines und langes Auf und Ab mit hervorragender Felsqualität – beeindruckende Aus- und Tiefblicke sind garantiert.

Autor: Benni Sauer

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