Ein Alpsommer

Wie fühlt es sich an, auf einer Alpe inmitten der Allgäuer Alpen zu leben und zu arbeiten? Unsere Autorin Susa Schreiner ist für 24 Stunden ins Sennerleben eingetaucht und möchte am liebsten gar nicht mehr auftauchen…

Eine Liebeserklärung an das einfache Leben. 

„Die Fahni ist stur wie ein Panzer“, erklärt mir Lukas Steurer auf dem Weg zum Stall. Hinter ihm trotten gut 30 Milchkühe in gemächlichem Tempo her. Mal wird noch bei einer besonders leckeren Blume gestoppt, um diese als letzten Imbiss für den Heimweg mitzunehmen, mal gucken sich die Mädels nach einer bestimmten Kuhdame um: Fahni. Sie ist die Chefin, eine faire, schwärmt Lukas, weil sie halt nicht nachtragend ist, aber dafür sehr zielstrebig. Und das sieht heute am frühen Abend so aus, dass sie sich besonders viel Zeit lässt mit dem Heimtreiben … Sicher, man könnte Fahni auch als stur bezeichnen, wischt dieses Attribut aber gleich wieder von der inneren Liste, wenn man diesem schönen Tier einmal in die Augen geschaut hat. Klug, sind sie, die Augen, milde und weise. Fahni macht sich nun auch auf den Weg, die Herde ist vollständig. Ich werde Lukas und seine Familie einen Tag lang begleiten – das Heimtreiben der Milchkühe von der Weide in den Stall war meine erste „Amtshandlung“, sozusagen. Der Start in mein Kurzzeit-Alpleben könnte nicht besser sein. Ich sauge die Bergluft in mir auf, genieße das Panorama und die Weitläufigkeit des Hochtales, auf dem sich die Sennalpe Mittelberg befindet. 

Im Frühjahr werden die Kühe im Tal unruhig. Es zieht sie in die Berge, in die Freiheit. Und nach einem langen Alpsommer steigen sie auch wieder gerne in den heimatlichen Stall ab.

Ich beobachte, mit welcher Ruhe und Gelassenheit der großgewachsene Lukas seine Kühe heimführt, die ihm in einigen Huflängen Abstand folgen. Überholen würde ihn hier keine, erklärt der Hirte, und schiebt auch gleich die Begründung hinten nach: „Ich zeige den Mädels die Weiden mit den besten Kräutern. Das wissen sie und vertrauen mir.“  Deswegen laufen ihm alle nach – blind, sozusagen, ich irgendwie auch … 

Freie Platzwahl im Stall
Es ist Punkt 17 Uhr an meinem ersten Alptag, als wir den Stall der Alpe Mittelberg erreichen. Perfekte Zeit zum Melken, findet Lukas und wirft das Notstromaggregat an, das praktischerweise mit einem Radio gekoppelt ist. Die Mädels haben freie Platzwahl und suchen sich jeden Tag eine neue Melknachbarin aus. „Man kann sie auch an einen bestimmten Platz gewöhnen“, erklärt mir Lukas, aber das will er nicht. Denn bei täglich wechselnden Stallnachbarinnen lernt man sich halt besser kennen, und das tut einer Herde gut. Im Radio dudelt Florence and the machine, während Lukas auf 1.370 Metern an der Melkmaschine werkelt.

Berggeburten, Schwangerengymnastik und Kälberkindergarten 
Die ersten Liter Milch schüttet der Hirte in Kälbereimer, ich darf helfen, wenn ich mag. Aber mit dem größten Vergnügen, schnapp mir die Eimer und laufe zur Kälberweide mit samt dem zum Stall umgebauten Pferdehänger. Ganz rechts muss ich den größten Eimer hängen, die beiden anderen dann links davon. Und zack stehen schon drei hungrige Kälbchen vor mir und saugen gierig an den Gummizitzen. Jetzt verstehe ich auch, warum rechts der größte Eimer hängen muss. Das zwei Monate alte Stierkalb hat jetzt schon eine stolze Größe und überragt die beiden anderen bei weitem. Ich schaue fasziniert zu, während auf der anderen Eimerseite mich 3 Kälberaugenpaare neugierig fixieren. Eine weiche Milchschnauze nimmt eine Duftprobe von mir, es scheint, ich rieche in Ordnung und so nuckeln alle fröhlich weiter. Pius gesellt sich zu mir und ich erfahre, dass die beiden Kleinen hier oben zur Welt gekommen sind. Die Geburten auf dem Berg sind einfacher, weil die Kühe sich viel bewegen. Auch nichts anderes als Schwangerschaftsgymnastik, grinst der Bergbauer und dreht weiter seine Runde. 

Auch ich gehe wieder zurück in den Stall – Lukas ist ganz in seine Arbeit vertieft, ich lasse ihn in Ruhe, zu schön ist diese Atmosphäre hier, da will ich nicht stören, nicht mit einem einzigen Wort. Ich entscheide mich Pius, also Lukas´ Vater, Bergbauer und Senner über die Schulter zu schauen. Er füllt gerade die Ziegentränke mit frischer Milch, die beiden schneeweißen Geißen lassen sich nicht zweimal zu Tisch bitten und trinken laut schlürfend die leckere Milch. Wie gut es ihnen schmeckt und wie gut es ihnen hier oben taugt, zeigen die beiden durch ein fröhliches Schwanzwedeln. Ich schaue auf die Uhr – huch, wo sind die letzten Stunden geblieben? Ich husche in die Hütte, Martina die gute Seele der Alpe und Mama von Lukas, ist schon dabei für die Übernachtungsgäste Kässpatzen zu machen – natürlich mit dem Käse aus der eigenen Herstellung. Die Stube duftet nach angerösteten Zwiebeln und geschmolzenem Käse – mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Und nachdem endlich die Melkarbeit abgeschlossen, alle Tiere versorgt sind und die Alpgäste ihre schweren Kässpatzenschüsseln vor sich stehen haben, kommt auch die Familie kurz zum Durchatmen. 

Vom Lebenstraum einer ganzen Familie
Die Familie, das sind Pius, Martina und Sohn Lukas. Tochter Andrea lebt mittlerweile während den Sommermonaten mit ihrem Mann und der gemeinsamen fünf Monate alten Tochter Theresa auf der Alpe Alp, die nur 30 Minuten Fußweg von der elterlichen Hütte entfernt liegt. Das dritte „Steurer-Kind“ bewirtschaftet im Tal den Hof der Familie. Pius hat sich 1999 mit der Pacht der Alpe Mittelberg einen Lebenstraum erfüllt. Lang überlegen, oder es gar mit seiner Frau Martina absprechen, konnte er nicht, zu viele Bewerber gab es für die schöne Alpe. Er musste das Angebot schnell annehmen, ging volles Risiko und hatte Glück, denn seine Familie lebt den gleichen Traum wie er. Auch wenn im ersten Sommer ohne Fernseher und ohne permanenten Strom die Kinder vom Alpleben erst etwas überzeugt werden mussten. Ein Prozess, der aber so erfolgreich abgeschlossen werden konnte, dass Tochter Andrea während ihrer Lehrzeit zur Bankkauffrau jeden Abend mit dem Rad auf die Mittelberg gefahren ist. Bei gut 1,5 Stunden Fahrzeit samt 650 Höhenmetern durchaus eine Liebeserklärung ans einfache Leben.

Lukas ist seit seinem sechsten Lebensjahr hier oben und kann sich kein anderes Leben vorstellen. Einen Bürojob? Niemals! Zu wichtig sind ihm die Natur und die Tiere, die schier endlose Freiheit und ja, auch die schier endlose Arbeit. 

Mittlerweile ist es 20 Uhr geworden und allen ist der lange arbeitsreiche Tag anzusehen. Aber zu Ende ist dieser noch lange nicht, denn die Milchkühe werden mit Einbruch der Dunkelheit wieder auf die Weide getrieben – bis dahin dürfen sie sich im Stall ausruhen, verdauen, wiederkäuen und ein Nickerchen machen. Ich will noch mal gucken, ob es den Mädels gut geht und bin überrascht wie ruhig es im Stall ist. Eine Ruhe, die sich automatisch auf mich überträgt. Mein Herzschlag fährt auf Chillmodus runter, wenn ich hier noch länger stehe, habe ich die Befürchtung, dass auch meine Kiefer anfangen zu mahlen … das will ich dann doch vermeiden und schau beim Nachwuchs auf der Kälberweide vorbei. Die beiden 4 Wochen alten Kälbchen haben ihre Milchmahlzeit so gut verdaut, dass sie wild tobend und buckelnd über die Wiese sausen. Sie necken sich, laufen um die Wette, um wenige Sekunden später wieder friedlich nebeneinander zu stehen. Das ältere Stierkalb schaut dem Treiben der beiden milde zu. Pius ist zu mir rausgekommen und erzählt, dass die beiden jungen Wilden schon mal über den Zaun abhauen. Dann stehe der kleine Stier laut brüllend auf der Weide – so lange, bis die beiden reumütig zurückkommen und wieder brav hinter die Absperrung schlüpfen. 

Es ist frisch geworden hier oben, ich gehe fröstelnd wieder in die Hütte, ein Huhn streift meinen Weg und ein roter Kater schleicht mir um die Beine. Ach, Katzen gibt es auch noch? Und dann hüpft mein Herz ganz hoch, als ich die drei jungen Kätzchen auf dem Hüttenflur entdecke. Wo waren die denn in den letzten Stunden? „Die verstecken sich, schlafen tagsüber und werden erst gegen Abend munter“, erklärt Lukas. Ein graues kleines Wollknäuel nimmt vor dem großen Mann Platz. Er schnappt sich das Bündel und drückt es mir in die Arme – ich bin schockverliebt und trage für den restlichen Abend das kleine Katerchen mit mir umher. Ich kraule ihm den Bauch und werde dafür angehimmelt, mir schmilzt das Herz. 

Wir setzen uns noch einmal in der Küche um den Tisch, die Steurers, der Kater und ich, trinken zur Feier des Tages einen selbstgemachten Holunderschnaps und Lukas spricht mit seinem Vater ab, dass die Kühe heute erst um 24 Uhr auf die Weide getrieben werden sollen. Zwei Stunden später. Ich frage warum? Weil sie dann mehr Zeit zum Verdauen und Wiederkauen im Stall haben, und mehr Ruhe bedeutet mehr Milch. 

Gegen 22 Uhr wünschen wir uns eine gute Nacht. Auch Papa Pius legt sich hin, er muss ohnehin gegen Mitternacht kurz aufstehen, dann geht das mit dem Kühe austreiben gut … 

Ich lege mich ins gemütliche Lagerbett und träume von Ziegen, kleinen Katern und lebenshungrigen Kälbern, die durch mein Bett toben, das Toben stellt sich als Wecker brummen heraus. Uah … 4.30 Uhr. Puh, ich schaffe es nicht und gönne mir noch eine halbe Stunde Schlummern, aber dann treibt mich mein schlechtes Gewissen aus den warmen Daunen und ich stehe auf. Ein bisschen Wasser ins Gesicht, die Mütze wieder auf und 10 Minuten später stehe ich im Stall. Lukas ist um 4.30 Uhr aufgestanden, hat bereits die Mädels von der Weide geholt und alle stehen schon auf ihren selbstgewählten Plätzen. Das Stromaggregat brummelt vor sich hin und im Radio spielen sie nach dem Wetterbericht einen Metallica-Song. Den Kühen ist das wurscht, zumindest so lange es nicht zu laut ist, erklärt Lukas und taucht unter dem nächsten warmen Kuhbauch ab.

Hochbetrieb ab 5 Uhr morgens
In der Sennküche schöpft zur gleichen Zeit Papa Pius bereits den Rahm von der Milch und packt ihn ins Butterfass. Butter machen, erklärt der erfahrene Senner, ist aufwändig. Der Rahm muss die richtige Temperatur haben, bei 9 Grad ist es zu kalt, bei 15 Grad zu warm. Buttern geht am besten bei 12 Grad. Wie er die Temperatur bestimmt, ist so eine Gefühlssache. Pius befindet, dass die Butter nun perfekt sei, das hört er am Klang und lässt die Buttermilch aus dem Trog. Danach kommt kaltes Wasser zur Masse, um die Reste der säuerlichen Buttermilch noch ganz auszuschwemmen. Wenn das Wasser klar ist, schmeckt die Butter süß und rahmig. 

Lukas bringt die eben gemolkene Milch zu seinem Vater, auch die Milch vom Vorabend, die in einer Stahlwanne gekühlt wurde, kommt nun in den großen Kupferkessel. Ein herrlicher Duft aus Holzfeuer liegt in der Luft, der Kessel mit der Milch wird noch althergebracht mit Feuer von unten erhitzt.

Ich schaue auf die Uhr – es ist schon 7 und damit endlich Frühstückszeit, denn die ersten Arbeiten des Tages, klärt mich Lukas auf, werden immer vor dem Frühstück gemacht. Nachdem die Kühe gemolken und alle Tiere versorgt sind, dann erst nehmen sich die Steurers Zeit für einen morgendlichen Kaffee. Ich laufe vom Stall Richtung Hütteneingang und werde fast von zwei laut quiekenden Schweinen überrannt – huch. Die sind aus dem Freiluftstall ausgebüxt und stoben im wilden Schweinsgalopp an mir vorbei Richtung Tal. Pius ruft mir aus der Sennküche zu, ob ich wisse wo die beiden Sauen hinwollen, ich weiß es nicht und folge lieber mal. Und da kommen sie auch schon wieder den Berg hochgeflitzt und wusch an mir vorbei, rein zu den Ziegen. Die sind vom morgendlichen Besuch vollkommen unbeeindruckt und stehen stolz auf ihrem Ausguck und meckern die Sonne an.

So viel Idylle, kennt man sonst nur von romantischen TV-Schmonzetten, wahrscheinlich, orakle ich, waren die Drehbuchautoren alle hier oben, um sich inspirieren zu lassen von dem kleinen Stück heile (Tier-)Welt. Ich gehe in die Stube und freue mich auf einen Kaffee samt Käsebrot. Die Katzenkinder tollen noch ein wenig über den Flur, bevor sie sich für den Rest des Tages in ein kuscheliges Eck zum Schlafen legen. 

Das Alpleben ist nichts für Weicheier
Lukas hat nach dem Frühstück „Zimmerstunde“, sprich er legt sich noch einmal für eine halbe Stunde hin, schließlich hat für ihn der Tag schon vor 4 Stunden begonnen. Weitere 14 folgen noch – rechne ich aus. Alpleben ist nichts für Weicheier, denke ich mir und gähne einmal herzhaft. Pius ist schon wieder in der Sennküche, bei seiner Milch. Er muss sie auf die richtige Temperatur erhitzen, denn jede Käsesorte hat ihre eigene Temperatur für die Herstellung. Außerdem wird für 9 Uhr eine Schulklasse erwartet, die dem Senner beim Käsen über die Schultern schauen darf. Pius macht jeden Tag 2 Laib Käse, dazu Butter und Joghurt. Für ein Kilogramm Käse werden 10 Liter Milch benötigt. Am Anfang eines gut 100 Tage dauernden Alpsommers geben die Kühe noch viel Milch, was damit zusammenhängt, dass das Futter auf den Weiden noch fett und gehaltvoll ist. Ab Mitte des Sommers nimmt die Grasqualität ab, was sich auf die Milchleistung auswirkt. Auch müssen immer mehrere Kühe „trockengestellt“ werden, weil sie ein Kalb erwarten. Ab diesem Zeitpunkt werden die Laibe kleiner, oder es wird gar nur noch ein Laib pro Tag gekäst. Während ich das alles erfahre, ist die Schulklasse auf der Alpe eingetrudelt. Die Kids zeigen keinerlei Scheu vor den Tieren und stehen schnell bei den Ziegen auf der Weide. Das okay dazu gab ihnen Lukas, der schon wieder auf den Beinen ist, noch schnell eine Rechnung geschrieben hat und jetzt seinem Vater hilft. Die Schweine sind heute nicht zu bändigen, in wildem Galopp toben sie über den Hof – Lukas nennt sie „Olga“ – alle. Den Kindern gefällt‘s, und auf die Frage wie die Ziegen heißen, sagt ihnen der Älpler sie sollen sich Namen überlegen. Die Wahl fällt auf Gutschi, oder doch „Gucci“? Ich muss lachen, und vervollständige gedanklich das Duo mit „Prada“. Pius gibt aus seiner Sennküche grünes Licht, die Milch hat die richtige Temperatur, die Kids können sich ihre Überschuhe anziehen und los gehts. 

Drei Generationen, zwei Alpen, eine Familie 
Ich stehe eine Weile dabei und freue mich über das ehrliche Interesse der Viertklässler und mache mich dann auf die Suche nach dem Sohn des Senners. Der wuselt schon wieder um die Hütte – er müsse jetzt die Käselaibe schmieren. Klingt gut, ich würde mitkommen. Aber zunächst erhellt sich sein Gesicht, als seine Schwester Andrea samt Nachwuchs im Tragetuch die Alpe betritt. Lukas nestelt Theresa aus der Trage und nimmt sie auf den Arm, die beiden grinsen sich verschmitzt an. Andrea kommt jeden Tag mit ihrer kleinen Tochter vorbei, nachdem sie bei sich alle morgendlichen Arbeiten auf der Alpe Alp verrichtet hat. Ihr Bruder, den sie „Luggi“ nennt, kommt auch schon mal zu ihr rüber und hilft, wenn es gilt das Jungvieh auf eine andere Weide zu treiben. Mama Martina hat den Besuch aus der Küche vernommen, sie hat schon einen Kuchen im Ofen, der verführerisch duftet. Die Kleine wird zur Oma weitergereicht und die beiden Geschwister verschwinden in den Käsekeller – ich folge ihnen. 

Sennalpen-Tradition: Wie der Vater, so der Sohn 
Die Luft ist schwer, Andrea fragt mich auch prompt, ob ich genügend Sauerstoff bekomme. Bekomme ich, auch wenn die ersten Atemzüge anmuten, wie wenn ich auf einen sehr hohen Berg steigen würde. Meine Lungen gewöhnen sich aber schnell an die etwas andere Sauerstoffzusammensetzung. Lukas wuchtet derweil schon die schweren Laibe einzeln von den Regalen, legt sie auf einen Wagen, wo ihnen Andrea mit Salz und Wasser zu Leibe rückt. Das Schmieren ist wichtig, erklärt Lukas. Zu Beginn des Alpsommers muss er jeden Tag in den Keller und die bis zu 25 Kilogramm schweren Käselaibe mit Salzlake bearbeiten. Der Keller, so Lukas, ist sein Fitnessstudio und lacht dabei. Die Reifezeit für einen guten Alpkäse liegt bei mind. 4 Monaten. Ob er, Lukas auch käsen könnte. Ja, schon, aber so lange es sein Vater noch machen kann, ist er ihm dankbar, denn er habe mit dem Vieh, dem Schmieren, der vielen Weidearbeit und der Bewirtung genug zu tun. Außerdem mache er einen wirklich guten Käse, der Vater, der ihm das Käsen sowie alles andere beigebracht hat. Papa Pius wiederum hat sein Wissen von seiner Mutter und damit Lukas‘ Oma. Jedes Frühjahr müssen die beiden Männer an einem Sennkurs teilnehmen, das sei Pflicht, mache aber auch Spaß. Wie alles, was mit hier oben zu tun hat, erklärt Lukas. Die langen Arbeitstage machen ihm nichts aus. Aber wie sieht es mit den Frauen aus, will ich wissen. Da kamen wohl viele, die dann auch wieder gingen – aber jetzt hätte er die Richtige gefunden, erklärt Andrea, und freut sich mit und für ihren Bruder. Langsam sind alle Laibe geschmiert, die Uhr zeigt auf 11 – wir gehen wieder eine Etage höher. Hier oben hat Mama und Oma Martina schon alle Hände voll mit den ersten Gästen zu tun. Andrea kommt gleich zu Hilfe und auch Lukas scheut sich nicht vor den Bewirtungsarbeiten. So langsam können die Milchkühe wieder auf die Weide gebracht und danach der Stall sauber gemacht werden, bevor sich alle zum Mittagessen wieder am Tisch in der Küche versammeln. Am frühen Nachmittag hat Pius seine Zimmerstunde, Mama Martina und Andrea, samt Baby Theresa kümmern sich derweil um die Gäste und Lukas geht auf die Weide.

Seine Kühe sind Feinschmeckerinnen und fressen nur die besten Kräuter. Als Biobauer muss sich der Alphirt entsprechend intensiv um die Weiden kümmern, dann muss er noch nach den Zäunen schauen etc.. Er kalkuliert mit 4 Stunden Arbeit heute Nachmittag, dann muss er eh schon wieder zurück, die Milchkühe holen, die Melkmaschine samt gekoppeltem Radio anschmeißen und zu Wetterbericht und Co. wieder unter den Bäuchen seiner Kuhdamen verschwinden. Ich mache mich langsam auf, Richtung Tal, eine bleierne Müdigkeit hängt mir in den Knochen, obwohl ich praktisch nichts getan habe. Keine der schweren Kannen getragen, nichts gemolken, geputzt oder geschmiert habe. Aber die kurze Nacht, die vielen Eindrücke und genau, das lange Kraulen des Katerchens müssen mich so erschöpft haben. Martina schiebt mir noch ein Stück Käse zu, für daheim. Ich werde diese Köstlichkeit zelebrieren wie ein Sternemenü. Werde, wie ich es von Pius gehört habe, auf die Schmierigkeit des Käses achten. Ich werde die vielen sonnseitigen Kräuter, die den Käse so würzig machen, versuchen herauszuschmecken und mich gedanklich wieder auf die Alpe Mittelberg zurückversetzen. Ich verstehe, was Lukas meint, wenn er sagt, dass das Alpleben etwas ganz besonderes ist. Wer einen Sommer oben verbracht hat, will nichts mehr anderes, ich auch nicht und das nach gerade mal 24 Stunden. 

Fahni, Chefin der Herde
fair, zielstrebig, ist gerne stur wie ein Panzer
Frida, Herdenmitglied
freiheitsliebend, Trotzkopf, liebt es
ungepflegt über die Weide zu stapfen
Pius, Martina, Andrea mit Tochter Theresa
und Lukas Steurer auf der Alpe Mittelberg

Lage Alpe Mittelberg
Auf einem weitläufigen Hochtal unter der Nagelfluhkette liegt auf 1.370 Metern Höhe die Alpe Mittelberg. Der Blick von hier oben reicht bis in die Schweiz. 

Öffnungszeiten
Sommer: Von Anfang Juni bis Mitte Oktober täglich geöffnet. Donnerstags ist Ruhetag. 
Winter: Von Mitte Oktober bis Ostern ist die Hütte an den Wochenenden geöffnet.
Zwischen Weihnachten und Dreikönigstag hat die Alpe täglich geöffnet.

Übernachtung:
Wer auf der Alpe übernachten möchte, reserviert am Besten vorab telefonisch. Übernachtet wird in gemütlichen Bettenlagern. Es gibt warmes Wasser zum Waschen und sogar eine Dusche. 

Alpe Mittelberg
Tel.: +49(0)8323 4920
info@alpe-mittelberg.de
www.alpe-mittelberg.de

Text: Susa Schreiner | Bilder: Martin Hehle
Expeditionsleitung: Bernd Götz

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