Ein langer Tag am Anhalter Höhenweg

Der Anhalter Höhenweg im Lechtal, ein Höhenweg der besonderen Art. In diversen Foren wird er aufgrund seiner Länge als Zwei-Tages-Tour beschrieben, wobei eine Übernachtung auf der Anhalter Hütte mit eingeplant wird. Konditionsstarke Bergsteiger schaffen ihn aber auch an einem Tag. Wir planten keine Übernachtung ein, dafür einen frühen Start unserer Tour. Um 6 Uhr morgens trafen wir uns und fuhren mit zwei Autos ins Lechtal los. Zwei Autos deshalb, da Start und Endpunkt der Tour nicht identisch sind und der Bus erst Ende Juni die Strecke von Elmen zum Hahntennjoch anfährt. Nach etwas mehr als einer Stunde erreichten wir Elmen und stellten dort das erste Auto ab, luden die Sachen um und fuhren weiter zum Hahntennjoch. Einem insgesamt 28 km langen Pass, der Elmen im Lechtal und Imst über dem Inntal miteinander verbindet. Am höchsten Punkt auf 1894 hm parkten wir, und dann ging es um 7:30 Uhr los. Über gut ausgeprägtem Pfad kurz nach Erreichen des Steinjöchls auf 2198 Höhenmeter bogen wir links zum Aufstieg des Falschen Kogels ab, ein 2388 Meter hoher formschöner Berg, dessen Gipfel man bereits vom Parkplatz am Hahntennjoch aus bewundern kann. Hier wurden wir auch gleich das erste Mal für unser frühes Aufstehen belohnt, denn eine große Herde Steinböcke kreuzte unseren Weg. In solchen Momenten bleibt mir immer vor Freude und Faszination erstmal kurz der Atem weg – wohl auch aus Angst, sie mit jeglichem Geräusch vertreiben zu können. Doch wir standen günstig, gegen den Wind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Steinböcke weitaus weniger scheu sind als Gämsen. Gleich hatte ich mich aber wieder gefasst und die Kamera gezückt, um vor allem die vielen Jungtiere in dieser pompösen Kulisse bildlich festhalten zu können. Kurz darauf befanden wir uns nach steinigem Aufstieg auch schon am Gipfel des ersten Berges für heute, 5 weitere sollten noch folgen. 

Wir verharrten nicht lange, hatten wir doch noch einen weiten Weg vor uns. Zurück am Steinjöchl angelangt, hieß es erstmal die bereits gewonnenen Höhenmeter bis zur Anhalter Hütte und etwas darüber hinaus wieder abzusteigen. Auf diesem kurzen Stück des Weges trafen wir die einzigen Menschen auf der gesamten Tour. Es waren alles ausschließlich Übernachtungsgäste der Hütte. Auf dem Weg zu ihr liefen wir immer parallel zur gewaltigen Heiterwand. Mächtig zieht sie sich vorbei, in ihrem großen Schatten befand sich noch einiges an Altschnee. Vorbei an der Hütte ging es noch einige Höhenmeter über teils verschlammte und rutschige Wege hinab ins Imster Grubisjöchl auf 1831 m. Von dort führte uns unser Weg auf gut gefestigten und nicht verfehlbaren Pfaden hinauf auf den Gipfel des kreuzlosen Grubisjochs, mit 2185 m der niedrigste unser heutigen Gipfel. Im Schatten der so viel höheren und insgesamt größeren Namloser Wetterspitze verliert er deutlich an Bedeutung. Hier könnte man nun auch, bei beständigem Wetter und wirklich ausreichender Kondition über den Grat auf die Namloser Wetterspitze aufsteigen. Wir aber folgten den Wegweisern des Anhalter Höhenwegs weiter, schließlich wussten wir ja nicht, was uns auf unserem Wege noch erwarten würde. Und immerhin hätte es sich um zusätzliche 370 Höhenmeter gehandelt, somit ließen wir die Namloser Wetterspitze links (bzw. rechts von uns) liegen. Glücklicherweise, wie sich später noch herausstellen sollte. 

Durch zunächst üppige Latschen und bunte Blumenwiesen auf guten Pfaden ging es abermals etliche Höhenmeter bergab. Und bald schon stellten wir, wie auch schon bei früheren Besuchen im Lechtal fest, dass hier nicht alle Wege gut gepflegt werden. Erdrutsche vom Frühjahr erschwerten erstmals das zügige Weiterkommen. 


Insgesamt verloren wir ab dem Grubigjoch gute 300 Höhenmeter. Wir stiegen durch saftige Wiesen entlang eines Baches, welchen es dann auch zu queren galt. Am Fuß des Ortkopfes querten wir einige Schneefelder, und ab hier wurde es bis zum Gipfel des Egger Muttekopfs dann wirklich kurios. Markierungen wurden zu einer großen Seltenheit, wahrscheinlich hier und da auch noch von Altschneefeldern verdeckt, aber teilweise auch durch den kompletten Wegerutsch verschollen. Wäre der Weg hier gut gepflegt und gewartet gewesen, so sprächen wir von einer Schwierigkeit von T5 in steilerem Gelände. So aber waren Orientierung und Weiterkommen deutlich erschwert. Über loses Material und große Brocken, über Schnee und Schmelzwasser, über Stock und über Stein ging es mal links, mal rechts sehr steil empor. Bald war es mehr Kraxeln als Bergsteigen, denn ohne Handanlegen war hier nichts mehr zu machen. Allein die Passage nahm extrem viel Zeit in Anspruch. Einige Male mussten wir vom eigentlichen “Weg“ abweichen und diesen links oder rechts umkraxeln. 

Endlich auf dem Grasplateau angekommen, waren wir zunächst froh, doch recht schnell ratlos. Keine einzige Markierung. Kein Schild, kein Pfahl, kein Pfad, nichts. Nicht einmal zu erahnende Trittspuren signalisierten uns wie und wo es weitergehen würde. Also Rucksack abgesetzt und auf der Kompasskarte nachgeschaut. Wesentlich schlauer wurden wir dadurch zunächst aber auch nicht. Also umgingen wir den Berg links durch oberschenkelhohes Gras und versuchten auf der Westflanke durch ebendieses hohe Gras und ein Meer von bunten Blumen anzusteigen. Und nochmals hielten wir inne, zückten die Karte und entschieden daraufhin parallel zum Plateau zu queren, um den direkten Anstieg zu starten. In der Hoffnung, nun aus dieser Höhe Pfadspuren auszumachen, die wir von unten aus nicht gesehen hatten. Zunächst allerdings leider Fehlanzeige, und so kämpften wir uns im Zick Zack den steilen Grasberg hinauf, um im oberen Drittel tatsächlich doch noch auf schwache, steile Steigspuren zu stoßen. Gott sei Dank, dachten wir uns, denn mittlerweile fühlten wir uns auch vom Wetter gejagt. Die Prognosen für diesen anfangs heißen, sonnigen Sonntag waren eigentlich gut, und doch sahen wir bereits einige Wolkentürme, die uns Probleme bereiten könnten. Noch nicht oben am Grat, den ein Holzpfahl kennzeichnet, angekommen, fing es auch schon zu tröpfeln an und der Wind nahm zu. Na super, auf dem langen Grasgrat ins Gewitter zu kommen wäre wirklich nicht gerade ideal. Am Holzpfahl angelangt sahen wir die Wetterlage rings um uns herum. Klar war, mancherorts regnete es bereits. Der Wind könnte es nun entweder bringen oder nehmen. Wir hofften auf Letzteres. 

Orientierungsprobleme gab es allerdings nun keine mehr. Immer genau am Grat entlang und das zügig hieß die Devise. Am höchstem Punkt des Grates, dem Gipfel des Egger Muttekopfs, 2311 m, angelangt hielten wir kurz inne. Zeit für ein Foto und einen Müsliriegel musste schon drin sein. Zudem war die Sicht auf unserem bereits zurückgelegten Weg inklusive des Falschen Kogels, sowie auch auf den uns noch bevorstehenden Weg einfach fantastisch. Doch um uns herum sah der Himmel eher nach Weltuntergang aus. Kritisch behielten wir also das Wetter beim erneuten Abstieg im Blick, sollte es sich zusehends verschlechtern, so hätten wir nur noch die Möglichkeit an der Bortigscharte auf 2089 m zwischen Egger Muttekopf und der Bschlaber Kreuzspitze ins Tal nach Bschlabs abzusteigen. Doch das Wetter meinte es gut mit uns! Es hörte auf zu tröpfeln, und sogar die Sonne ließ sich wieder blicken. Und so ignorierten wir unseren letzten möglichen Notabstieg und hielten uns direkt am Grat auf schmalen Spuren extrem steil bergauf direkt auf das Kreuz der Bschlaber Kreuzspitze. Dort angekommen nach etwas weniger als viereinhalb Stunden gönnten wir uns zum ersten Mal eine richtige Pause. Die Brotzeit schmeckte bei diesem herrlichen Ausblick und dem Wissen, dass nun nichts mehr schiefgehen konnte, einfach nur verdient hervorragend. Der weitere Wegverlauf am Grat war weniger grasig denn nun mehr steinig. Und bis auf die drahtseilversicherte Stelle, die kurz unterhalb der Mittleren Kreuzspitze kommt, auch kein Problem mehr. Besagte Stelle mussten wir allerdings überklettern, da die Drahtseile im Schnee lagen und uns dieses steile Schneefeld alles andre als vertrauenswürdig erschien. Es wäre einfach zu riskant gewesen. So kletterten wir oberhalb des Weges am Fels entlang und bis auf einen kurzen Schreckmoment, als mir meine Kamera aus dem Seitenfach meines Rucksacks fiel und ich sie in den Tiefen schon als verloren sah, war auch diese etwas heikle Stelle gut gemeistert. Glücklich und froh standen wir bald darauf an der Elmer Kreuzspitze und hatten somit den Anhalter Höhenweg erfolgreich begangen. Ein einzigartiger Blick ins Lechtal wurde uns hier zuteil. Weit konnte unser Blick dem sich wild schlängelten Lech Richtung seines Ursprungs folgen. Und auch die Pfeilspitze, ein richtig markanter Berg wie aus dem Bilderbuch, stand in voller Größe direkt vor uns. Nun kam also der eigentlich unangenehmste Teil der Tour. Ein schier endlos scheinender Abstieg. Dieser machte sich auch schon nach nicht mal der Hälfte in den Knien deutlich bemerkbar. An einer kleinen Jägerhütte in der Scharte zwischen Elmer Kreuzspitze und der Pfeilspitze rasteten wir noch ein letztes Mal und schwenkten unseren Blick auf den bereits zurück gelegten Weg hoch über uns am Grat. Nach 2000 Höhenmetern im Aufstieg, fast 3000 Höhenmetern im Abstieg und guten 23 Kilometern in achteinhalb Stunden standen wir wieder am ersten Auto. In Elmen selbst ließen wir uns auf der Terrasse des Landgasthofes Kaiserkrone nieder. Absolut verdient genossen wir unser Bier. Und kaum zugeprostet öffnete der Himmel seine Schleusen und es „kiabelte it schlecht“ wie ma bei eis so schea said. Perfektes Timing – und nach dem erfrischenden Bier holten wir das zweite Auto am Hahntennjoch und traten die Heimreise an. Eine lange, teils verrückte Tour mit großartigen Weitblicken in die umliegenden Gebirge. Wen Orientierungsprobleme und ungefestigte Wege nicht abschrecken, der dürfte einfach nur begeistert sein von diesem charakterstarken Höhenweg. 

Text und Bilder: Chrissie Gleich

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