Einer für alle! Natur bewusst erleben

Eine Kampagne geht neue Wege, folgt erfolgreichen Pilotprojekten und ist dabei noch viel mehr: Nämlich ein runder Tisch für alle.

Das Kleinwalsertal ist nicht ohne Grund eine der beliebtesten Anlaufstellen für Bergfreunde aus ganz Deutschland. Die funktionale Enklave ist schnell und einfach vom angrenzenden bayerischen Landkreis Oberallgäu zu erreichen und bietet in jeder Saison alles, was sich Freizeitsportler, Familien und Naturliebhaber wünschen. 
Titelfoto: © Basti Heckl

So vielfältig die Möglichkeiten aber auch sind: Der Raum im nur ungefähr 15 Kilometer langen Kleinwalsertal ist begrenzt. Und er muss geteilt werden. Tourismus und Landwirtschaft benötigen gleichermaßen Platz. Am wichtigsten aber ist die Natur selbst, die zwar fundamentaler Baustein nahezu aller Interessen ist, aber unter ebendiesen nur so wenig wie möglich leiden sollte. Wie das geht? Das weiß Ole Ipsen. Er arbeitet schon seit 2013 für das Kleinwalsertal im Produktmanagement und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Projekt „Natur bewusst erleben“. Im Interview erzählt er, was es damit auf sich hat.

Weitere Infos zu „Natur bewusst erleben“ gibt es unter: 
www.kleinwalsertal.com/natur-bewusst-erleben

Im Gespräch mit…

Ole Ipsen

Hallo Ole. Du warst von Anfang an bei der Planung von „Natur bewusst erleben“ involviert. Wie kam es dazu und was ist deine Aufgabe?

Ich war schon immer für die aktiven Themen im Produktmanagement verantwortlich und habe vor allem die sportlichen Bereiche betreut. Als die Idee der Kampagne aufkam, hat es sich natürlich angeboten, dass ich auch dort mitarbeite. Mit Vermittlung im Naturraum und Freizeitlenkung in der Region kannte ich mich schließlich schon aus.

Wie kam es denn überhaupt zu „Natur bewusst erleben“?

Es war schon länger klar, dass wir ein genaues Konzept zur Besucherlenkung benötigen. Auf der anderen Seite stand aber auch die Naturvermittlung auf dem Programm, die wir ebenso anstreben wollten. Wir sind uns über den Naturschatz vor unserer Haustür sehr wohl bewusst und wollen ihn nutzen, um Einheimische und Gäste zu sensibilisieren, um ihnen den Wert dieser Natur zu vermitteln.  

Der Bedarf einer optimierten Freizeitlenkung wurde in der Vergangenheit hauptsächlich an die Gemeinde herangetragen. Wir, also der Tourismus, sahen das Potenzial insbesondere im Bereich der Naturvermittlung. Eine Zeit lang gab es da Einzellösungen für bestimmte Bereiche. Schnell wurde aber klar, dass wir das Thema gemeinsam angehen wollen, da sich die Bereiche ohnehin oft überschneiden. Gemeinsam luden wir dann zum Beispiel 2017 Rolf Eberhart, den Leiter  des Naturparks Nagelfluhkette ein. Er berichtete vor einer großen Gruppe an Interessen-, und Politikvertretern vom Naturpark, der ja unserer Idee schon recht nahe kam. So haben wir von Anfang an alle Parteien an einen runden Tisch gesetzt. Wirklich gestartet haben wir das Projekt gemeinsam mit der Gemeinde nach einiger Vorarbeit im Jahr 2018. 

Wie wurde die Kampagne aufgenommen?

Insgesamt ist das schon ein Thema, wo auch heute noch teilweise starke Emotionen mitspielen. Mit dem Projekt hatten wir aber endlich eine Grundlage für Entscheidungen. Die externe Begleitung durch Fachexperten hat wesentlich zur objektiven Herangehensweise an die Herausforderungen beigetragen. Mithilfe der fachlichen Begleitung gelang ein durchaus positiver Einstieg. Wir saßen im Projektverlauf mit mehr als 200 Menschen an einem Tisch und haben alle zusammengearbeitet. Die Inhalte des Konzepts kommen ganz klar nicht allein von uns oder der Gemeinde, sondern wurden von allen Involvierten gemeinsam ausgearbeitet. 

© Basti Heckl

Das klingt ja nach einem reibungslosen Start. Sicher gab es aber auch zeitweise steinige Wege zu begehen, oder?

Wir hatten ja das große Glück, 2018 vor der Corona-Pandemie zu starten. So konnten wir uns wirklich mit allen relevanten Gruppen intensiv und persönlich beschäftigen. Das hat die Arbeit ausgemacht! Grundstückseigentümer, Bergbahnenbetreiber, Alpenvereine, Bergschulen und Hoteliers – alle arbeiteten zusammen. Persönlich aber können wir nicht jede einzelne Person miteinbeziehen und die Pandemie hat dieses Thema noch verschärft, was es nicht immer einfacher gemacht hat.

Auf der anderen Seite ist das Projekt schon jetzt ein Erfolg, oder?

Ja! Sicherlich ist der größte Erfolg die entstandene Gemeinschaft selbst. Von Anfang an war es uns wichtig, auf Augenhöhe zu agieren und haben so eine produktive Gruppe geschaffen. Es wurde auch positiv wahrgenommen, dass wir uns mit dem Thema ernsthaft beschäftigt haben und auch weiterhin beschäftigen möchten. Wir haben ehemalige Skeptiker überzeugen können. Das Projekt hat sich sogar teilweise verselbstständigt, was sehr interessant und natürlich positiv ist. 

Das österreichische Kleinwalsertal ist teilweise umgeben von deutschem Naturschutzgebiet. Unterscheiden sich die dortigen Herangehensweisen von euren?

Ein klein wenig, ja. Grundsätzlich aber verfolgen wir ja das gleiche Ziel. Wir stehen in engem Kontakt z.B. mit dem Naturpark Nagelfluhkette oder mit der Vorarlberger Kampagne „Respektiere deine Grenzen“. Alle wollen wir zunächst lenken und vermitteln. Verbote stehen für alle immer nur an letzter Stelle und sind eine Notlösung. Konflikte gibt es da keine – ganz im Gegenteil. Beispielsweise gibt es ja auch bei uns im Kleinwalsertal die Initiative vom Deutschen Alpenverein „Natürlich auf Tour“. Das ist eine enge, grenzübergreifende Zusammenarbeit. 

Du bist von Anfang an eng mit dem Projekt verbunden. Was liegt dir daran besonders am Herzen?

Das ist die Zusammenarbeit mit den Menschen. Wie bereits angesprochen, hat sich eine gewisse Eigendynamik entwickelt, die ich sehr begrüße. Wir freuen uns, dass nicht nur die Tourismusgenossenschaft oder die Gemeinde das Thema anschieben. Da ist zum Beispiel die Rede von Freiwilligenaktionen. Naturführer betreuen Schulprojekte und bei der Beschilderung bekommen wir Hilfe von Menschen vor Ort. 

© Basti Heckl

Das klingt ja wunderbar. Gibt es auf der anderen Seite aber auch noch Bereiche, an denen gefeilt werden muss?

Schwierig war es am Anfang, die Dinge sichtbar zu machen. Viel wird im Hintergrund erarbeitet und mit den Projektpartnern abgestimmt. Lange Zeit waren wir aber nicht sichtbar. Das ist erst in diesem Winter durch Beschilderung und ein Ranger-Team passiert – was aber auch nur einen kleinen Teil von dem darstellt, was wir erreichen wollen. Das ist momentan noch eine Herausforderung, ebenso wie das persönliche Pflegen der Kontakte zu den Interessensgruppen, was teilweise durch Corona erschwert wurde. 

Wie wird das Thema der besseren Sichtbarkeit in Zukunft von euch angegangen?

Die Beschilderung soll weiter ausgebaut werden. Das Ranger-Team leistet sehr gute Arbeit. Auf lange Sicht brauchen wir ein Team, das ständig draußen vor Ort ist. Die Ranger zeigen nämlich nicht nur Präsenz, sondern versorgen uns auch mit wertvollen Berichten und Fakten aus erster Hand. Das sind unverfälschte, stichfeste Informationen für die Vermittlung. Außerdem wollen wir eine dauerhaft besetzte Koordinationsstelle schaffen.

Was können nun wir Bergsportler tun, um ganz im Sinne der Kampagne am Berg unterwegs zu sein?

Wir sind ja selbst Bergsportler und sehen unsere Aufgabe in erster Linie darin zu informieren, was wir beispielsweise über Kartenwerke und Internetportale versuchen. Letztendlich liegt es also an jedem einzelnen, dass er sich vor der Bergtour informiert. Nicht nur über Wetter und Route, sondern eben auch über empfindliche Lebensräume, oder Tageszeiten, an denen man bestimmte Gebiete meiden sollte. Unterm Strich ist da schon eine gewisse Offenheit gegenüber dem Thema und der Natur nötig. Wir wollen schließlich erreichen, dass selbst jemand der seit vielen Jahren eine bestimmte Tour geht, auch versteht, warum er das in Zukunft vielleicht besser lassen sollte. Unsere Ranger berichten aber erfreulicherweise, dass nahezu alle Bergsportler diese Offenheit mitbringen und sehr am Thema interessiert sind!

Du hast bereits den Naturpark Nagelfluhkette angesprochen. Gibt es vielleicht bald auch einen Naturpark Kleinwalsertal?

Das wurde tatsächlich sogar einmal kurz angesprochen, ist aber momentan kein Thema. In naher Zukunft wollen wir erstmal unsere Kräfte bündeln und die Koordinationsstelle aufbauen. Am Anfang des Projekts haben wir außerdem das Tal in elf Teilräume aufgeteilt. In sechs dieser Teilräume haben wir bereits anfangen können, das Lenkungskonzept umzusetzen. Was nun folgen soll, sind natürlich die übrigen fünf Teilräume. 

Zum Thema Naturpark: Wir haben es geschafft, dass „Natur bewusst erleben“ als ernstes und für alle vorteilhaftes Projekt wahrgenommen wird. Es ist also mehr als eine bloße Kampagne mit wohlklingendem Namen. Touristiker, Gemeinde, Landwirte, Anwohner und Besucher: Alle ziehen wir an einem Strang. Wir sind auf einem guten Weg ähnliche Ziele zu erreichen, wie die eines Naturparks. Da macht es keinen großen Unterschied, ob da nun Naturpark drübersteht, oder nicht. 

Darüber hinaus glaube ich, dass es bald in jeder Region sinnvoll sein wird, gewisse Maßnahmen wie zum Beispiel ein Ranger-Team umzusetzen. Früher oder später wird es überall notwendig sein, draußen vor Ort Personen zu haben die vermitteln, wenn man den Tourismus vernünftig lenken und die Natur erhalten will. Ich glaube daher, dass wir auf einem sehr guten Weg sind und hoffe, dass sich dieses Konzept weiter ausbreiten wird.

Danke und weiterhin viel Erfolg mit „Natur bewusst erleben“!

Herzlichen Dank!

Interview: Benni Sauer

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