Erste Hilfe 2.0

Ein kurzer unachtsamer Moment. Nur eine unkonzentrierte Sekunde und schon zerschneidet ein greller Schrei die ruhige Morgenluft. Thomas kniet auf dem Boden und hält sich schmerzverzerrt die Hand. Sein Finger ist gebrochen, das Blut fließt und die letzten Glieder des Ringfingers hängen haltlos herab. Eine schmerzhafte Verletzung. Wenn auch nicht lebensgefährlich, wird die Situation schon wenig später für Thomas zu viel. Er kippt zur Seite und bleibt regungslos liegen.

Schnell eilt Hilfe herbei. Denn was aussieht wie ein Unfall, ist von langer Hand geplant. Die Teilnehmer des Erste-Hilfe-Kurses waren in diesem Moment eigentlich damit beschäftigt gebrochene Beine zu schienen. Und auch als Thomas stürzte beherrschte das Überraschungsmoment für einige Sekunden die Kursteilnehmer. Doch dann wurde, ohne zu zögern, gehandelt und Thomas geholfen. Seine Wunde wurde verbunden, aber auch seine psychische Verfassung beobachtet. Alles lief wie am Schnürchen. „Man kann in einer solchen Situation kaum etwas falsch machen. Hauptsache ist, man tut überhaupt etwas!“

Das sagt Manfred „Manni“ Leiter, der immer wieder Überraschungs-Unfälle in seine Kurse einbaut. Was uns der aktive Bergretter erzählt hat Hand und Fuß. Er ist Inhaber der Outdoor-Adventure-Erste-Hilfe-Schule, hat über 15 Jahre Erfahrung bei der Luftrettung gesammelt. Aus dem schönen Ötztal besucht er uns heute in Sonthofen im Allgäu. Mit der Unterstützung des VAO (Verband Allgäuer Outdoor Unternehmen) treffen wir uns in den Räumen des hiesigen Canyoningveranstalters purelements®.

In Manni´s Kursen dreht es sich nicht um die richtige Anzahl oder den Rhythmus der Pumpstöße bei der Herz-Druck-Massage. Vielmehr wird uns erklärt, wie zum Beispiel Menschen in Unfallsituationen reagieren. Denn nur wer im Schockmoment die Ruhe behält, ist in der Lage zu helfen. Ein überaus wichtiges Thema, welches in Standard-Kursen kaum besprochen wird.

Dabei unterstützen Manni einige Videoclips und Fotos aus seiner Laufbahn. Keine leichte Kost. Seine Erzählungen und Schilderungen hätten mir eigentlich schon ausgereicht. Doch wer die Augen vor den möglichen Folgen des Bergsports verschließt, blendet sich selbst. Wir müssen immer aufmerksam sein. Achtsam und stets bereit zu handeln, sollte es nötig sein. Der herbe Theorie-Teil am Vortag war aber trotzdem angenehm erfrischend. Kein Monolog, vielmehr eine Gesprächsrunde, in der keine Fragen offen blieben.

Der heutige Kurs ist speziell für Canyoning- und Rafting-Guides ausgelegt. Manni, selbstverständlich auch selbst  Canyoning- und Rafting-Guide, kennt die üblichen Unfallhergänge bestens. Ein unschätzbarer Vorteil, nicht nur was seine Glaubhaftigkeit anbelangt. Manni´s Tipps sind erlebte Erfahrungen und zu jeder gibt es eine Geschichte. Wir hören gespannt zu. Knallharte Realität, gepaart mit Wissen und einem ab und an etwas derben Humor. Manni´s Kurse machen Spaß! Für jede Sportart werden die Veranstaltungen von ihm exakt zugeschnitten. Der Theorieteil wird angepasst ebenso wie der darauf folgende Praxistag. Ob Mountainbiker, Sportkletterer oder Skitourengeher. Wer Hilfe will, bekommt sie von Manni.

Thomas steht wieder, seinen künstlichen Fingerbruch hat er abgenommen. Mittlerweile haben sich alle Kursteilnehmer in ihre Neoprenanzüge geschmissen und am Ufer der Iller versammelt. Was ihnen genau bevorsteht wissen sie nicht. Aber nur so lassen sich die plötzlichen Unfälle, wenn auch nur ansatzweise, trainieren. Wenig später sitzen wir alle in den Rafts und treiben die Iller hinunter, als das Chaos seinen Lauf nimmt.

Stefans Zustand verschlechtert sich in sekundenschnelle. Kreislaufprobleme – keine Seltenheit an heißen Sommertagen. Er verliert das Gleichgewicht, kippt aus dem Boot und treibt im wilden Wasser. Als er wenig später wieder zu sich kommt, ist schon eine Gruppe bei ihm. Starke Schmerzen deuten auf eine Rückenverletzung hin. Stefan wird professionell geborgen, an Land und in Sicherheit gebracht. In diesem Moment trillert eine Signalpfeife. Julian hat seinen Kameraden für einen Moment aus den Augen verloren. Der steckt in einer misslichen Lage, mit einem verklemmten Bein in einer Stromschnelle. Jetzt ist gut zu erkennen, wie langsam Stress und Hektik um sich schlagen. Die verzweifelten Hilferufe gehen mir durch Mark und Bein. Das Chaos ist perfekt, jeder der helfen kann hilft. Sogar die hysterisch kreischende Ehefrau des Verunglückten will versorgt werden. Als der Patient auf dem Kiesbett liegt und sein Neoprenanzug aufgeschnitten wird, strömt das Blut. Ein offener Bruch. Trotzdem: die Organisation ist im Großen und Ganzen gut, die Situation schnell unter Kontrolle. Manni beobachtet, greift kaum ein und wird später jede Handlung noch einmal durchleuchten.

Ich bin nicht bei einem Erste-Hilfe-Kurs. Ich befinde mich inmitten einer detailgetreu nachgeahmten Unglückssituation, in der an alles gedacht wurde. Manni erklärte uns aus seiner langjährigen Erfahrung wie Unfälle entstehen, wie man sie vermeiden kann und was im Ernstfall zu tun ist. Wir übten und trainierten auf eine Art und Weise, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Manni und sein Team nahmen mir die Angst vor einer möglichen falschen Handlung und davor, vor Schreck zu erstarren. Das war kein Erste-Hilfe-Kurs, sondern eine direkte Vorbereitung auf den Ernstfall, der hoffentlich nie eintritt.

Text und Bilder: Benni Sauer

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