„Es ist eine Frage des Willens“

Mountainbiken boomt im Allgäu – was die Szene freut, ist des Grundbesitzers Leid. Neue Richtlinien und ein ausgeschildertes, geordnetes Routennetz sollen den Radansturm sanft lenken, damit das Markenzeichen des Allgäus »Leben und leben lassen« weiterhin Bestand hat. Ein Gespräch mit Rolf Eberhardt, Geschäftsführer des Naturpark Nagelfluhkette e. V. und Leiter des Projekts »Besucherlenkung Mountainbiken«, über Leistungspakete und intensive Lobbyarbeit für eines der attraktivsten Nebenangebote des Allgäus, wie Eberhardt das Bergradeln im Allgäu selbst bezeichnet.

Rolf Eberhardt
Geschäftsführer des Naturparks Nagelfluhkette e. V. und Leiter des Projekts »Besucherlenkung Mountainbiken«

Der Diplom Geograph war zunächst einige Jahre in der Wildbiologischen Forschung im Nationalpark Berchtesgaden beschäftigt. Danach folgte eine Zeit lang Agenturarbeit, in der Eberhardt sich mit der Förderung des Biosphärenreservats Berchtesgaden befasste. 2003 wurde er Regionalmanager der Lokalen Aktionsgruppe Westallgäu. 2008 wechselte er vom West- ins Oberallgäu und leitet als Geschäftsführer den Naturpark Nagelfluhkette e. V.

Das Allgäu ist ein attraktives Mountainbike-Revier, welches auch entsprechend intensiv genutzt wird. Ist denn die Wegenutzung mit dem Rad grundsätzlich rechtlich geregelt? 
Ganz klar, wir sind ein gutes Bike-Revier, und rein rechtlich gesehen dürfen die Biker auch so gut wie überall fahren. Das ist im Bayerischen Naturschutzgesetz niedergeschrieben und betrifft das freie Betretungsrecht. Allerdings bezieht sich dieses Recht ausschließlich auf gegebene Wege. Querfeldein ist nicht erlaubt, das ist vielleicht schon mal ganz wichtig zu erwähnen. Und dann gibt es auch noch Ausnahmen wie beispielsweise den Naturpark Nagelfluhkette, also den südwestlichen Teil des Allgäus. Hier gibt es zwei große Landschaftsschutzgebiete. In diesen Schutzzonen ist Mountainbiken nur auf Wegen erlaubt, die breiter sind als zwei Meter. Das stellt eine Spezifikation des freien Betretungsrechts dar. Bisher wurden im Landschaftsschutzgebiet auch viele Wege und Trails befahren, die eigentlich rein rechtlich nicht genutzt werden dürften. Letztlich wurde aber auch nicht in Form von Schildern beispielsweise darauf hingewiesen und der Gelegenheitsbiker konnte es auch nicht wissen. Hier kann man also niemandem einen Vorwurf machen. Im Grunde wurde im Oberallgäu – gemeindeübergreifend – nie ein offizielles Mountainbike-Routennetz ausgewiesen und beschildert. Man hat – vereinfacht dargestellt – das Thema laufen lassen, nach dem Motto: die Biker finden ihre Wege und fahren. Nichts zu regeln, war im Oberallgäu lange Zeit die beherrschende Devise. Leben und leben lassen, das ging viele Jahre soweit gut.

… und was ist dann passiert?
Die Nutzungsdichte hat zugenommen. Aktuell sehen wir uns mit dem Problem der Elektrifizierung der Bikes stark konfrontiert. Unserer Meinung nach, auch wenn es dafür keine objektiven Zahlen gibt, hat durch die Einführung der E-Bikes die Zahl der Radler zugenommen – massiv zugenommen. Aber auch ohne E-Antrieb sind Mountainbikes erschwinglicher geworden, im Gegensatz zu früher, das Material ist leichter – alles Faktoren, die es einer breiteren Masse ermöglichen, draußen im Gelände unterwegs zu sein. Was ja grundsätzlich erfreulich ist. Aber durch die genannten Faktoren können eben auch mehr Biker an Orte vordringen, die bisher nicht so einfach mit dem Rad erreicht werden konnten. Heute ist es kein Problem mit einem guten E-Bike eine Feierabendrunde zu absolvieren, die früher schon rein zeitlich gar nicht möglich gewesen wäre. Die Nutzungsdichte hat, wie schon erwähnt, zugenommen und dadurch die Begegnungen mit Grundbesitzern, Landwirten und Jägern. Auch wenn diese Treffen bisher meist völlig harmonisch abgelaufen sind, mit der steigenden Zahl der Biker nimmt das Konfliktpotenzial zu. Man muss hier die Grundbesitzer auch ein Stück weit verstehen, denn es hat ja nicht nur das Biken zugenommen, sondern auch das Wandern, Trailrunning, Geo-Caching und Gleitschirmfliegen – alles wird mehr. Die Nutzungsdichte gerade in den Alpenrandbereichen ist insgesamt extrem hoch und die Grundbesitzer und Älpler sehen sich hier ein wenig überrannt vom Freizeittrend. Zu viele Menschen nutzen deren Raum, befahren Wege, die über ihr Eigentum verlaufen. Viele der Grundbesitzer haben das Gefühl, dass sie gar nicht mehr mitreden können, was mit ihrem Grund und Boden passiert. Daraus hat sich eine Gegenbewegung entwickelt. Die Grundbesitzer haben Dampf gemacht und klar kommuniziert, dass es so nicht weiter geht.

Das klingt nach grauen Wolken am blauen Biker-Himmel. Welche Gegenmaßnahmen wurden daraufhin eingeleitet?
Wir als Naturpark sind schon länger an diesem Thema dran, indem wir versuchen zu kanalisieren, also zu lenken, und lenken geht nur mit guten Angeboten. Gute Angebote für die Biker, sprich attraktive Routen. Denn nur damit kann ich andererseits auch Räume ausweisen, die beispielsweise aus Naturschutzgründen von besonderer Bedeutung sind, sodass diese entsprechend beruhigt werden und für Biker tabu sind. Unser Ziel ist es neue Balancen zu schaffen, die alle Beteiligten zufriedenstellen und das erst einmal auf freiwilliger Basis, denn das freie Betretungsrecht besteht ja weiterhin. Das bedeutet Schilder aufstellen, breit kommunizieren. Positive Lenkungen und »Einschränkungen« formulieren sind hier ganz wichtige Punkte. 

Letztendlich ähnlich wie Sie es mit der Kampagne »Dein Freiraum. Mein Lebensraum« ja schon für den Winter umgesetzt haben. Sie wissen also wie es geht?
Ja, grundsätzlich wissen wir schon gut wie es funktioniert. Indem man gute Angebote schafft, auf Augenhöhe mit allen Partnern kommuniziert und auch erklärt, warum verschiedene Räume ausgeschlossen werden, und der Grund nachvollziehbar ist, dann wird das vom Großteil respektiert und berücksichtigt. Das kann durchaus funktionieren. Und da sind wir auch schon beim momentanen Problem …

… und das wäre?
Nun, wie schaffe ich das Angebot! Im Klartext bedeutet das: Wir müssen definieren, welche Routen als Mountainbike-Routen freigegeben werden. Und diese Routen müssen attraktiv sein, sonst können sie keine Lenkungsfunktion übernehmen. Attraktive Routen bestehen heutzutage nicht mehr nur aus Forst- und Alp-Wegen, sondern vor allem aus Trails. Die jüngere Generation fährt Trails, mit einer »normalen« Biketour kriegen wir die nicht mehr hinterm Ofen hervorgelockt. Aber das hat natürlich zur Konsequenz, klassische Trails als offizielle Mountainbike-Strecken auszuweisen – auch im Landschaftsschutzgebiet. Dazu müssen wir jetzt ein Leistungspaket formulieren. Was wir auch bereits getan haben.

Was kann ich mir unter so einem Angebotspaket denn vorstellen, was ist da alles enthalten?
Wir müssen beispielsweise die Haftung von den Grundbesitzern übernehmen. Wenn etwas passiert, dann sollte die Gemeinde, die wir hier vertreten, nicht der Naturpark, in die Haftung gehen. Weiter muss die Verkehrssicherung geklärt sein, sprich die Kontrolle der atypischen Gefahren wie kleine Brücken oder Zaunübergänge. Deren ordnungsgemäßer Zustand muss regelmäßig überprüft werden. Dann müssen Gefahrenbereiche ausgewiesen sein. Die Wegeinstandsetzung muss geklärt sein, wenn beispielsweise Erosionsrinnen entstehen. Die Zuständigkeit der Instandsetzungen muss geklärt sein. Letztlich muss auch das die Gemeinde, gerne in Zusammenarbeit mit dem Naturpark, übernehmen, denn das kann man dem Grundbesitzer nicht zumuten. 

Das ist jetzt mal ein wesentlicher Bestandteil dieser Angebotspakete, aber die Verhandlungen gehen noch viel tiefer. Sie greifen bis zur Alpwirtschaftlichen Förderung, wenn beispielsweise durch die starke Befahrung von Mountainbikern ein schmaler Fußweg über einer Alpfläche immer breiter wird. Kommt dann die Prüfung zur Alpwirtschaftsförderung vorbei und sieht, dass das keine klassische Alpwirtschaftsfläche mehr ist, sondern ein Verkehrsweg, dann streichen sie dem Älpler diese Fläche aus der Förderung. Der Älpler hat damit einen konkreten finanziellen Nachteil. Auch solche Fälle muss man abklären. Wenn ein Nachteil entsteht, dann muss klar sein, dass die öffentliche Hand, also zum Beispiel die Gemeinde das finanzielle Defizit ausgleicht. 

Ein sehr komplexes Thema… 
Absolut. Die Abklärung geht momentan in zwei Richtungen. Erstens in Richtung der Grundbesitzer: Ihnen müssen wir das Leistungspaket anbieten. Zweitens müssen wir aber auch die Gemeinden und Gemeinderäten vom Angebotspaket überzeugen, damit sie das Paket überhaupt anbieten, denn am Ende des Tages kostet es die Gemeinden Geld. Da sind wir gerade dabei Überzeugungsarbeit in beide Richtungen durchzuführen. 

Und mit wie vielen Gemeinden arbeiten Sie aktuell zusammen? 
Wir arbeiten im Naturparkgebiet erst einmal mit 3 Gemeinden zusammen: Blaichach, Immenstadt und Oberstaufen, pilothaft. Wie viele Bike-Kilometer hier zur Diskussion stehen, kann ich aktuell gar nicht sagen. Das habe ich bisher noch gar nie zusammengerechnet. 

Und wie viele Grundbesitzer gilt es zu überzeugen? Weil, böse Zungen könnten ja jetzt hinterfragen: 3 Gemeinden, wo liegt das Problem?
Stimmt. Eine genaue Zahl liegt mir aktuell nicht vor. Aber wenn ich mir auf der Karte den Trail über die Salmaser Höhe ansehe, dann hat dieser eine Gesamtlänge von etwa 5 Kilometern, laut Rastern teilen sich diese Strecke über 30 Grundbesitzer. Und es gibt noch komplexere Fälle!

Biken zwischen Höllritzer Eck und Siplinger Kopf, Fotoshooting Deine Freiraum Mein Lebensraum, Romina Prestel, Johannes Heinl

Das bedeutet für 5 Kilometer Trail-Vergnügen 30 Verhandlungspartner überzeugen – das ist zeitintensiv…
Absolut. Ich bin ja froh, wenn es einige Großgrundbesitzer gibt, wie die Bayerischen Staatsforsten oder das Fürstenhaus Waldburg-Zeil. Mit ihnen kann man natürlich sehr ergebnisorientiert verhandeln, so nach dem Motto: Wenn wir von euch die Möglichkeit bekommen, einen Trail einzurichten, dann helfen wir, dass eine andere Fläche durch Besucherlenkung weitestgehend beruhigt bleibt. Das geht mit einzelnen Älplern, die teils nur eine kleine Parzelle haben, natürlich nicht. Da können wir kein Gegenangebot aussprechen, weil wir die Ausgleichsfläche nicht haben. Hier muss das direkte Angebot sehr attraktiv sein und auch die Infrastruktur wie Übergänge über Weidezäune etc., müssen wir ihnen liefern. 

Das erklärt die langen Verhandlungszeiten und warum das Projekt noch nicht zur Kampagne mit fertigen Strecken geworden ist… 
Richtig. Alle diese Verhandlungen, die vielen Details auf die wir achten müssen, bewirken, dass wir mit dem Thema nur langsam vorankommen. Aber grundsätzlich kommen wir gut voran, denn wir wollen ein attraktives Streckennetz ausbauen, aber das dauert halt. Mittlerweile sind die Gemeinden weitestgehend willig. Auch die großen Grundbesitzer haben das Thema erkannt und wollen mitmachen. Jetzt ist es Kleinarbeit, mit allen Grundbesitzern die Routen konkret zu vereinbaren. 

Bleiben wir beim Zeitfenster: Wie lange werden die Verhandlungen noch in Anspruch nehmen?
Sicherlich Monate … Aktuell haben wir noch keine mit allen Grundbesitzern abgestimmte Route. Aber im Laufe dieses Jahres wird es konkrete erste ausgewiesene Strecken geben. Wir sind auch dabei die Bike-Szene mit ins Boot zu nehmen, die im Übrigen hier auch absolutes Verständnis zeigt und am gleichen Strang zieht. Es muss einfach ein Miteinander gefunden werden. Das Rechtliche ist lösbar, das Finanzielle ist lösbar. Ich sage aktuell bei den Sitzungen zu allen Beteiligten: Es ist nur noch eine Frage des Willens.

Was würde denn passieren, wenn das Projekt aus welchen Gründen auch immer nicht umsetzbar wäre?
Nun, die Konsequenz, wenn wir nichts machen würden: Dann dürften die Biker nach wie vor überall fahren und dann entscheiden letztlich die sozialen Medien und die Bike-Medien, welche Route attraktiv beworben wird, und welche nicht. Dann kann man nur mehr reagieren. Grundsätzlich hat man im Allgäu immer einen guten Weg miteinander gefunden: Leben und leben lassen ist ein Kernmerkmal des Allgäus. Und genau darum geht es, dieses gute Miteinander aufrechtzuerhalten. So gesehen sind wir hier schon gefordert, eine gute Lösung für alle zu finden. Andernfalls würde sich das negativ auswirken, auch dann auf den Tourismus. Die Biker sind da und gehören dazu. Meine Argumentation zielt auch gar nicht unbedingt rein auf die touristische Wertschöpfung ab, sondern für mich stellt Mountainbiken eine attraktive Freizeitbeschäftigung auch für die Einheimischen dar, nicht nur für unsere Gäste. Schauen Sie, am Alpenrand herrscht kaum Fachkräftemangel, eben weil wir so attraktive Freizeitmöglichkeiten haben. Wir können die Berge nicht für Freizeitaktivitäten schließen. Das stellt für mich eine sehr interessante Wertschöpfung dar, neben dem Tourismus.

Schielt man auch ein wenig in Richtung der großen Bike-Nationen wie Österreich und Schweiz? Hier werden viele Seilbahnen im Sommer von Freeridern, Trailfahrern genutzt – eine »natürliche« Lenkung und der Erfolg gibt den Betreibern Recht, oder nicht?
Nun vereinfacht dargestellt würde ich mich über jeden Bike-Park und Trail direkt an einer Seilbahn freuen. Weil sie einen Teil der Zielgruppe vom Naturpark fern halten würden … Aber eine richtig große Bike-Destination sehe ich im Allgäu nicht, weil wir schon extrem dicht bespielt sind. Wir sind im Südwesten von Deutschland die ersten Berge am Alpenrand. Hier ist das Wandern ganz intensiv, Gleitschirmfliegen etc.  Es sind einfach unheimlich viele Menschen unterwegs, und wir haben schlichtweg nicht den Raum, wie sie zentralalpinen Bereichen wie Tirol oder Schweiz zur Verfügung stehen. Und wo dann große Trail-Zentren aufgebaut werden, in denen sich die Freerider oder Downhiller austoben können. Bei uns stoßen wir da immer gleich wieder an die Grenzen anderer Nutzer. Meiner Meinung nach wird das Mountainbiken im Allgäu immer ein attraktives Nebenangebot bleiben. Und jetzt schauen wir mal, wo es bei uns hingeht. Immerhin kommen wir Millimeterweise voran.

Das Interview führte Susa Schreiner.

Kommentar verfassen