Die Menschen kommen und gehen, aber ewig stehen die Berge!

Als seien die Frontlinien des ersten Weltkrieges nicht schon verwirrend genug, erklärt das bis dato neutrale Italien am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg.

Titelbild: © Danilo Breda

© Guido Pompanin

Im Zuge meiner Berichterstattung besuchte ich diesen Sommer das Gebiet um den Falzarego-Pass in der venetischen Provinz Belluno. Ich stieg auf Berge, kletterte und genoss den Dolomit, nutzte die grandiose Infrastruktur des Talortes Cortina d’Ampezzo und ließ mich von der Schönheit der Berge bezaubern. Ich lernte aber auch, fast schon nebenbei, eine andere Seite der Dolomiten kennen. Die des erbitternden Stollenkrieges am Lagazuoi. Viele der Dolomitenklettersteige waren einst im diesem Weltkrieg angelegt worden.  

Jetzt sitze ich hier, mehr als einhundert Jahre später, schreibe Zeile für Zeile eine Geschichte, die, so unglaublich sie auch klingen mag, eigentlich von tausenden von Soldaten in den italienischen Hochalpen geschrieben wurde. Sie schrieben sie in den Briefen an ihre Familien, an ihre Geliebten, an ihre Frauen, die ihre Männer viel zu oft nie wiedersahen. Sie schrieben sie aber auch in der Ausführung von Befehlen, denen jede Sinnhaftigkeit zu fehlen schien. In einem Chaos aus Fels und Eis, das ich mir schlicht nicht vorzustellen vermag. Wo sich Frontlinien nicht nur von links nach rechts, sondern auch von unten nach oben zogen. Wo man heute die größtmögliche Sicherheit moderner Klettersteige genießt und trotzdem auf den Spuren der Soldaten klettert, die dort in ständiger Lebensgefahr waren. 

Jeder, der heute seinen Fuß auf einen dieser einst umkämpften Berge setzt, soll wissen, was sich hier abspielte. Sicherlich können meine Zeilen nicht widerspiegeln, was sich damals zugetragen hat. Vielleicht aber, so hoffe ich, können sie ein Gespür dafür erwecken und tragen dazu bei, die Dolomiten zumindest zeitweise auch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Um nicht zu vergessen.

– – – – – 1915 – – – – –

Österreich-Ungarn kämpft erbittert an der Ostfront. Große Teile des k.u.k.-Heeres stehen hier den Russen entgegen. Italien, bisher eigentlich durch den Dreibund Verbündeter Österreich-Ungarns, meint eine Chance zu erkennen, um lange umkämpftes Gebiet zu erobern und erklärt der im Norden gelegenen Realunion den Krieg. Österreich-Ungarn sieht in dieser Erklärung einen Verrat, was noch zu einem der erbittertsten Frontlinien aller Zeiten führen soll. 

Sicherlich würde heute kaum jemand den 2778 Meter hohen Lagazuoi kennen, hätten die Menschen ihn nicht zur größten Festung des ersten Weltkrieges gemacht. Taktisch von außerordentlicher Bedeutung, so lag dieses Bergmassiv in direkter Nähe zum Valparolapass. 

Nach anfänglichem Landgewinn der Italiener, fährt sich die Front hier schnell fest. Beiden Seiten wird klar: Wer den Lagazuoi hält, kann auf rasche Verstärkung und Nachschub von Norden hoffen – oder in Windeseile die Front von Süden aus durchstoßen. Letztendlich können die Landstreitkräfte Österreich-Ungarns die Linie halten. Mit erheblich Verlusten. Auf beiden Seiten.

© Paolo Tassi

Ende des Sommers aber durchbrechen die Italiener diese Linie doch noch. Nicht in der Horizontalen, nein, die italienischen Gebirgsjäger um Leutnant Martini, eröffnen kurzerhand die vertikale Front und ersteigen den steilen Lagazuoi von Süden. Auf einem der typischen Felsbänder verschanzen und verbarrikadieren sie sich und sind nun in der Lage, geschützt durch weitere Felsvorsprünge der Lagazuoiwand, ebenso wie die Österreicher auch, den Pass in Beschuss nehmen.

Die Österreicher können der Martini-Stellung zuerst nicht viel entgegensetzen, schmieden aber bald einen teuflischen Plan. Oberhalb der italienischen Stellung sprengen sie kurzerhand eine gigantische Menge Gestein vom Berg, die auf die Italiener niedergeht.
Bis heute ist dieser Minenkrater als große Scharte im Fels zu sehen. Ernsthaft zusetzen konnten die Österreicher den Italienern damit aber nicht. >>>

Bis in den Winter hinein bewegt sich die Front nur unbedeutend. Um dem feindlichen Feuer zu entgehen, fangen beide Seiten an, sich in den Berg hinein zu graben. Ungefähr einen Meter pro Tag kann so ein Stollen vorangetrieben werden. Immer mit dem Ziel, am Ende dem Gegner von oben „auf die Kappe zu spucken“. Schwere Geschütze, Unmengen an Munition, Trinkwasser und mehr Proviant, als eine Armee im Flachland benötigt, müssen nun den Berg hinaufgeschafft werden. 

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– – – – – 1916 – – – – –

Der Winter bringt einen fürchterlichen Tod. Weniger dem feindlichen Feuer als Lawinen und der eisigen Kälte, fielen mehr als die Hälfte der Toten auf beiden Seiten Naturgewalten zum Opfer. Die Stollen allerdings werden in der kalten Jahreszeit kräftig ausgebaut. Mittlerweile werden Höhlen für Motoren gebohrt, Pressluft und Sprengstoff beschleunigen die Arbeiten weiter. Unter freiem Himmel allerdings zeigen sich die Schlachten noch unmenschlicher. Manche Befehle sind reine Selbstmordkommandos. Soldaten, die Berghänge erstürmen sollen, werden vom Gegner nicht einmal mehr erschossen. Um die aufwendig transportierte Munition einzusparen, reicht es schon aus, solch gegnerische Angriffe abzuwehren, indem man Steine hinabwirft.

Die Österreicher graben währenddessen vom belagerten Gipfel hinab zum Martiniband. Die Italiener dagegen, sprengen sich regelrecht dem Feind entgegen, steil bergauf, um ihn aufzuhalten. Ein ganzes Jahr vergeht. Sinnlos werden Menschenleben geopfert. Teilweise sind die feindlichen Fronten nicht einmal 50 Meter voneinander entfernt. Manchmal aber auch viele tausend Meter, was für Verwirrung sorgt. Einmal beschießen sich versehentlich zwei österreichische Flügel. Zwölf Menschen sterben im ungezielten Kugelhagel.

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Vom Lagazuoi in ständiger Sichtweite: Die Marmolada. Höchster Berg der Dolimiten. Gewaltige 3343 Meter hoch. Der Gletscher am Nordhang des Berges liegt 1916 nach wie vor in österreichischer Hand und ist von großer Bedeutung. Um die Stellungen zu halten, graben sich die Soldaten sogar ins Eis hinein. Eine unterirdische Bastion entsteht. Schlafräume, eine Kirche, und sogar eine Bar stehen den Kämpfern im ewigen Eis zur Verfügung. Die sogenannte „Stadt im Eis“ ist ein so grausam treffendes, zugleich faszinierendes Beispiel für diesen Krieg und zeigt gut, wie verbittert an der Front festgehalten wurde. Der vermeintliche Schutz des Eises war aber trügerisch. Die Explosionen der Kampfhandlungen im eingeschneiten Gebirge, lösen ungeheure Lawinen aus. Ende des Jahres 1916 verschüttet eine Lawine große Teile der Eisstadt, wobei 300 Soldaten ihr Leben verlieren. Dieses Ereignis war die größte Lawinentragödie der Alpingeschichte. Was als sicherer Ort vor dem Gegner geschätzt wurde, entpuppte sich als aussichtslose Falle.

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– – – – – 1917 – – – – –

Einem Winter in diesen Höhen weiter standzuhalten erscheint kaum möglich. Mittlerweile hausen die Soldaten aber selbst im Fels in unterirdischen Barracken. In zermürbender Dunkelheit. Was die Österreicher zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Die italienischen Alpini sind kurz davor, durch einen ihrer Schächte den Gipfel des Lagazuoi zu erreichen. Zwar können die Österreicher im letzten Moment die Geräusche des Tunnelbaus genau lokalisieren, doch der beeindruckenden Geschwindigkeit von fast zehn Metern pro Tag, können sie nichts mehr entgegensetzen. Ein halbes Jahr gruben die Italiener schon an dem Stollen, legten so eine Höhendifferenz von 400 Metern zurück. 

In der freigelegten Sprengkammer deponieren die Italiener am 20. Juni mehr als 30 Tonnen Sprengstoff, mit denen sie die Gipfelstellung des Lagazuoi wie Spielzeug vom Berg sprengen. Die Italiener vermelden den großen Durchbruch. In Österreich-Ungarn dagegen, spricht man von einer erfolgreichen Verteidigung der Grenzlinien. Die traurige Wahrheit: Beide Meldungen waren nicht nur blanke Propaganda, sondern Realität. Der Tod von mehr als 100.000 Menschen verlegte die Landesgrenze nur marginal. Allein am Col de Lana, einem verhältnismäßig sanften Hügel, nur wenige Kilometer westlich des Falzaregopasses, fielen mehr als 8.000 Soldaten. 

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– – – – – 2020 – – – – –

Friedlicher könnten die Dolomiten gar nicht sein. Wanderer, Mountainbiker und Kletterer. Italiener, Deutsche, Österreicher und Slowenen. Von überall her kommen die Besucher. Hier und da liegt eine Schuhsohle, oder ein anderes Überbleibsel im Schutt. Stacheldraht. Wer gut hinsieht, findet vielleicht eine Patronenhülse. Die einst umkämpften Gipfel sind Ruheorte geworden. Nicht nur am Monte Grappa, auf dessen Gipfel mehr als 20.000 Soldaten ruhen. Überall! Und so kann es eigentlich keinen passenderen Satz geben, als den von Dimai und Franchini, aus einem Buch Luis Trenkers, der den Krieg am eigenen Leib erfahren musste.  

„Die Menschen kommen und gehen,
aber ewig stehen die Berge!“

Text: Benni Sauer

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