Familienurlaub in Österreich: Die Wildschönau

Über den Dingen stehen

Es raschelt sanft unter unseren Füßen. Trocken ist das Gras, hat längst schon seinen Zenit überschritten, verliert von Tag zu Tag vom saftigen Grün, bis es bald kupferfarben und flach auf den Berghängen der Wildschönau liegen wird. Mit großen Schritten nähert sich der Herbst.

Wildschönau Panorama

Dagegen eher klein sind die Schritte, mit welchen wir uns über das Markbachjoch bewegen. So sanft und lieblich die Wildschönau auch ist, der Blick vom nur 1496 Meter hohen Markbachjoch wird urplötzlich überwältigend. Unten im Tal, da war man meist noch umringt von Schatzberg, Lämpersberg, Schwaigberg und Feldalphorn. Hier oben aber ist das anders. Hier kann man die Blicke schier endlos schweifen lassen. Über den Wilden Kaiser, das Karwendel und im Süden sogar bis auf den Gipfel des Großvenedigers.

Familienurlaub in Österreich

Die Kinderschritte werden da plötzlich schneller. In Windeseile wird jetzt nach einem geeigneten Aussichtspunkt gesucht. Wirklich besser ist sie nicht, die Aussicht vom nur wenige Zentimeter hohen Felsen. Doch die Kinder staunen, zwängen sich auf den höchsten Punkt und lassen sich vom gleißenden Gletscher beeindrucken. Natürlich kann ich in diesem Moment nachempfinden, was die Kinderherzen spüren. Sie sind oben. Ganz oben angekommen. Und sie stehen über den Dingen.

Urlaub mit Kindern auf dem Haflingerhof

Zugegeben: Der Großvenediger ist fast 50 Kilometer entfernt und hat (bis auf den Ausblick) herzlich wenig mit der Wildschönau zu tun. Imposant ist aber letztendlich die Erkenntnis, sich so plötzlich inmitten der Alpen, im Herzen Tirols wiederzufinden. Vorgestern erst begann unser Familienurlaub in Österreich in der Wildschönau. Aus dem Inntal, genauer bei Wörgl, führte uns das Sträßchen nach Süden – steil bergauf. 300 verwunschene Höhenmeter später trafen wir in Niederau für unseren Familienurlaub ein. Gemeinsam mit Oberau, Thierbach und Auffach bildet dieses Örtchen das urbane Herzstück der Wildschönau. Die vier Kirchdörfer liegen allerdings ebenso verstreut in der Alpenlandschaft, wie ihre 4000 Einwohner. Geprägt ist diese Bergregion vor allen Dingen von einer intakten Landwirtschaft, aber auch von einem sanften Tourismus, der wie gemacht ist für einen Urlaub mit Kindern.

Zwischen Oberau und Auffach fanden wir nach unserer Ankunft bald schon den Haflingerhof. Das Reit- und Familienhotel diente uns nicht nur als Basislager für allerlei Unternehmungen, es hielt uns auch ein maßgeschneidertes Reitangebot für Groß und Klein parat. Die große Tochter, schon etwas geübter im Sattel, durfte beim Fortgeschrittenen-Kurs teilnehmen. Die Kleine dagegen fühlte sich noch unsicher, saß mit ihren sechs Jahren noch nie auf einem Pferd. „Dann wirst du viel Spaß mit den anderen Kindern beim Einsteiger-Kurs haben!“ Reitlehrerin Dani teilte behutsam die Kurse ein, bereitete alles vor und hatte sogar für unseren Kleinsten eine Idee.

Drei strahlende Kinder sprangen uns nur 60, angeblich viel zu schnell vergangene Minuten später entgegen. Gemeinsam mit Haflingerhengst Fritz tastete man sich an den Galopp heran. Mit Stute Mona wurden die ersten Grundlagen geübt – und mit einem Trab durch die Reithalle ein Vorgeschmack für die nächsten Kurseinheiten geliefert. Der Jüngste durfte Pony Trixie ausreiten. Bis in die Nacht hinein wurden uns ganz aufgeregt die Geschichten, die Erlebnisse und Eindrücke geschildert. Nicht ohne versprechen zu müssen, gleich am nächsten Morgen einen Besuch im Reitstall abzuhalten.

Familienurlaub in Österreich: In der Speckbacherstube

Am späten Vormittag, Fritz, Trixie und Mona waren da längst schon besucht, schnürten wir die Schuhe und schulterten die Rucksäcke. Thierbach ist das kleinste und höchstgelegene der vier Kirchdörfer. Und wenn man meint, bereits in Niederau das Hochtal erklommen zu haben: In Thierbach liegt das Tal noch ein wenig höher. Auf fast 1200 Metern fanden wir hier einige verstreute Höfe, die Pfarrkirche und den Sollererwirt. Dem über 300 Jahre alten Gasthof ist die Geschichte anzusehen. In der Speckbacherstube hatte der gleichnamige Freiheitskämpfer Major Josef Speckbacher zum Kampf gegen Napoleon aufgerufen. Mit Mistgabeln sollten die Bauern damals „ihr Möglichstes tun“ – so schwor Speckbacher die Landwirte Thierbachs auf sich ein.

Heute noch liegen die Holzdielen dieser Zeit im Eingangsbereich des prächtigen Hauses. Tief ausgetreten sind sie, uneben und laut stöhnend, wenn man auf sie tritt. Den Charme des Hauses allerdings halte diese Bretter beisammen – ebenso wie der erstklassige Apfelstrudel und die Alpakas auf der Weide gegenüber. Wer früh genug dran ist (am besten reservieren), der darf sich mit den flauschigen Tieren sogar auf Wanderschaft begeben.

Wandern mit Kindern in Thierbach

Die Kogelrunde hatten wir uns vorgenommen. Ein fünf Kilometer langer Spazierweg um den Thierbacher Kogel herum, mit jeder Menge Details am Wegesrand. Ins Totholz geschnitzte Figuren säumen den P fad ebenso wie kleine Fabelwesen mitsamt deren liebevoll gestalteten Unterschlupfe und Tafeln, auf welchen die Mythen und Märchen der Wildschönau nachzulesen sind. Denn einst hauste hier ein mächtiger Drache, der im Todeskampf den Berg zerbiss und das Wasser, das bis dahin das Hochtal füllte, ins Tal abfließen ließ. Während ich die Zeilen von der Tafel ließ, fuhren zwei Kinderhände behutsam über den in einen Holzstumpf geschnitzten Drachen. Ein wenig ehrfürchtig. Ein wenig interessiert. Und ganz gehörig in die Märchenwelt der Wildschönau versetzt.

Am Nachmittag ließen wir Thierbach wieder hinter uns. Ihre 160 Einwohner, die winzige, aber wunderschöne Schule, in der lediglich neun Kinder unterrichtet werden, die Wiesen und Wege dieses Dorfes hatten es uns jedoch angetan. Fast schon kitschig, dabei aber immer authentisch, echt, verträumt romantisch. Und so blickten wir noch einmal zurück, auf das idyllische Örtchen, bevor wir uns auf der geschwungenen Straße wieder bergab bewegten.

Wild, schön, und ausgesprochen lecker

Nach unserem Besuch in Thierbach besuchten wir das letzte Ende der Wildschönau. Dieses Hochtal, diese gigantische Sackgasse, führt von Wörgl immerhin stolze 20 Kilometer in die Wälder, Wiesen und Berge Tirols hinein. Schon auf der Fahrt auf die Schönangeralm zeigte allerdings die Natur, wie wild sie hier oben sein kann. Schwere Wolken drückten vom Alpbachtal herein, hüllten alles und jeden in einen beinahe undurchsichtigen Schleier. Den dicken Tropfen entkamen wir gerade noch so in Johann Schönauers Käserei. Schon der Eingangsbereich zeigt unmissverständlich, was hier geboten wird: „Kas, Kas und wieder Kas“. So beschrieb der Käser seine Sommer, hier oben auf über 1000 Metern.

Und selbst im Winter kommt der bärtige, zufriedene, im Herzen glückliche Bergmensch ab und an herauf. Eben um nach dem Rechten zu sehen. Natürlich waren wir nicht allein bei Johanns kleiner Käseführung durch seine Schaukäserei. Bis weit über die Grenzen hinaus ist er nämlich bekannt, gewann für sein Handwerk Preise, Medaillen, Pokale und Urkunden. Schnell wurden hier auch die Kinderhände mit Käsewürfeln und Wurst gefüllt – probieren ist auf der Schönangeralm nämlich Pflicht.

Familienurlaub in Österreich: Genuss für die Eltern in der Wildschönau

Und beim Johann gehört dazu natürlich auch ein ordentlicher Schnaps für die Eltern. So war das, erst gestern auf der Schönangeralm. Jetzt liege ich auf dem Markbachjoch in der Sonne. Schmecke den zwei Jahre auf der Alm gereiften Käse. Höre Glockengeläut von irgendwo unter mir. Sehe Gletschereis, weit entfernt von mir. Und fühle das knisternde Gras direkt unter mir. Wie ich aber in mich hineinhorche, so spüre ich noch etwas: eine Zufriedenheit, die tief in mir aufkommt. Und plötzlich verstehe ich auch warum. Ich fühle mich so weit oben. Ganz oben angekommen. Gemeinsam mit meiner Familie stehen wir fest und unerschütterlich über den Dingen. Vielleicht, weil wir in diesem Moment überzeugt davon sind, dass die Welt hier oben noch in Ordnung ist. Dass die Uhren hier anders ticken. Und natürlich, auch einfach, weil es hier so wunderschön ist. In der Wildschönau.

Weitere Infos: www.wildschoenau.com

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