Familienwanderungen im Berchtesgadener Land

Wanderspaß für Groß und Klein

Die Eltern unter uns wissen wie herausfordernd sich die Tourenplanung gestaltet, wenn der Nachwuchs mit an Bord ist. Ist die Tour körperlich zumutbar? Gibt es unterwegs ausreichend Verpflegungsmöglichkeiten? Bietet die Tour genügend Abwechslung, um dem gefürchteten „Wie weit ist es noch“ entgegen zu wirken? Das Berchtesgadener Land in Bayern bietet alle Zutaten für einen abwechslungsreichen und spannenden Wanderurlaub mit Kindern: idyllische Badeseen, imposante Tiefblicke, eindrucksvolle Gipfel, einen kleinen Gletscher, urige Almen und sogar einen geheimnisvollen »Zauberwald«.

Bei unserer Ankunft auf der urigen Schärtenalm ist die Verwunderung groß. „Wie, hier gibt es keinen Fernseher? Aber Internet für das Tablet, oder?“ Unser 8-jähriger Sohn Diego versteht die Welt nicht mehr. Die kleine Alm, auf 1.359 Metern im Hochkaltermassiv gelegen, wird von Annemarie Graßl und ihrer Familie bereits in 4. Generation bewirtschaftet. Viele der leckeren Familienrezepte sind sicher noch älter, vor allem der Kaiserschmarrn aus der alten, gusseisernen Pfanne ist in der gesamten Ramsau berühmt. Die meisten Wanderer auf dem Weg zur Blaueishütte, oder zu den schroffen Gipfeln in deren Umgebung, nutzen diese hölzerne Oase in der Felswüste für eine willkommene Erfrischung. Auch wir machen uns hervorragend gestärkt auf zu unserem Tagesziel, dem nördlichsten Gletscher der Alpen. Nach einigen Minuten auf einem sanft ansteigenden Forstweg, biegen wir links auf einen schmaleren Steig, welcher uns in circa 45 Minuten durch einen schönen Lärchenwald hinauf zur Blaueishütte führt. Der Ausblick ist spektakulär: weit unten im Tal schimmert der idyllische Hintersee in verschiedensten Türkistönen, in die andere Richtung können wir bereits den kleinen Blaueisgletscher erkennen. Der Weg dorthin verläuft zwischen unzähligen, riesigen Felsbrocken hindurch. Die 1½ Stunden bis zum Toteisfeld, welches dem eigentlichen Gletscher vorgelagert ist, vergehen überraschend schnell. Dies liegt vor allem an den zahlreichen Klettermöglichkeiten und den kleinen, unproblematischen Schneefeldern, die wir unterwegs passieren. Diese bergsteigerischen Herausforderungen lassen unseren Diego gar nicht erst in den Nörgel-Modus umschalten.

Am nächsten Morgen steht der lange Abstieg nach Ramsau auf dem Programm. Dieser verläuft zunächst über den Aufstiegsweg. An der Bushaltestelle am Hintersee beginnt der Weg in den verwunschenen Zauberwald. Wir lassen einige Restaurants und Bootsvermieter am Seeufer hinter uns und erreichen kurz darauf die Waldgrenze. Wenige Schritte weiter offenbart sich das berühmte »Postkartenmotiv«: zwei riesige Felsbrocken liegen einige Meter vom Ufer entfernt im See, auf ihnen stehen zierliche Bäume und spiegeln sich im glasklaren Wasser. Im Hintergrund erhebt sich das mächtige Hochkaltermassiv über dem grünen Bergwald. Dort oben hat vor knapp 5.000 Jahren alles begonnen. Zwischen den Gipfeln der Schärtenspitze und des Steinbergs brachen etwa 17 Millionen Kubikmeter Gestein heraus und bahnten sich unaufhaltsam und mit zerstörerischer Kraft ihren Weg hinunter in das Tal, bevor sie 1.250 Höhenmeter tiefer und fast 4 Kilometer Luftlinie entfernt endlich zum Stillstand kamen. Der See wurde dadurch zwei Dritteln seiner ursprünglichen Fläche beraubt. Unserem Sohn Diego gefällt das »neue Gesicht« des Hintersees und er nutzt das flach abfallende Ufer für eine kleine Badepause. Eine halbe Stunde später, hinter dem Kiosk am Ostufer, erreichen wir die Stelle an der sich der Abfluss des Hintersees und der Klausbach vereinen. Hier wird die Ramsauer Ache geboren und gleichzeitig beginnt der schönste Abschnitt der Wanderung. Der dichte Fichtenwald entstand auf der Felssturzmasse und so verwundert es nicht, dass der schmale Pfad sich immer wieder zwischen riesigen Felsbrocken hindurchschlängelt. Diese wirken wie steinerne Mahnmale, die uns die unbändige Kraft und Unberechenbarkeit der Natur vor Augen führen. Natürlich sieht Diego diese mit seinen kindlichen Augen eher als Herausforderung und stellt seine Kletterfähigkeiten gleich an mehreren Felsen eindrucksvoll unter Beweis. Der Zauberwald wirkt auf ihn wie ein großer, grüner Abenteuerspielplatz. Der Weg verläuft nun überwiegend in Flussnähe. Das Wasser ist glasklar und schimmert türkisfarben im Sonnenlicht, welches durch eine dichte, grüne Baumdecke fällt. Das Wandern wird hier zum reinen Genuss. Der Name »Zauberwald« ist übrigens keine moderne Erfindung eines pfiffigen Touristikers, sondern wurde bereits zwischen 1920 und 1930 erstmals urkundlich erwähnt. Kurz darauf endet der Weg durch den Zauberwald und findet seine Fortsetzung im Ramsauer Mühlsteinweg. Wir passieren eine alte Mühle auf einer kleinen Lichtung und erreichen bald darauf die sogenannten Gletscherquellen. Es handelt sich hierbei um einen steilen Hang mitten im Wald, dicht gespickt mit moosbewachsenen Felsbrocken, aus denen ein kleines Rinnsal entspringt. Das Schmelzwasser des Blaueisgletschers tritt hier an die Oberfläche. 

Bekanntes „Postkartenmotiv“ am Hintersee, mit dem Hochkaltermassiv im Hintergrund

Zuvor hat es bereits 1.500 Höhenmeter im Fels zurückgelegt, unsichtbar für unsere Augen. Das Schmelzwasser mündet weiter unten am Hang in die Ramsauer Ache, welche uns bis zur Pfarrkirche St. Sebastian im Zentrum von Ramsau begleitet. Zwei Tage später, an einem sonnigen Nachmittag, stehen wir an der Wimbachbrücke am Ortseingang von Ramsau bei Berchtesgaden. Das Ziel dieses kurzweiligen Spaziergangs ist ein wildromantisches Naturschauspiel: die Wimbachklamm. Wir folgen der kleinen Straße einige Minuten steil hinauf, bis wir den Automaten erreichen. Hier lösen wir die Eintrittskarten, welche uns 300 Meter weiter am Drehkreuz den Einlass in eine faszinierende Welt aus Fels und Wasser gewähren. Der liebevoll angelegte Wanderweg schlängelt sich auf einer Gesamtlänge von etwa 200 Metern über Brücken und Stege durch die steile Schlucht. Immer wieder laden kleine Aussichtsplattformen dazu ein innezuhalten und dem Rauschen des Wimbachs zu lauschen. Viel zu schnell ist der Weg durch die Wimbachklamm zu Ende, auch wenn wir aufgrund der landschaftlichen Schönheit länger unterwegs waren, als es die eigentliche Strecke vermuten lässt. 

Ausblick von der Archenkanzel über den Königssee und die umliegende Bergwelt

Wer am Ausgang der Klamm noch weitergeht, der kann im Wimbachschloss einkehren, dem ehemaligen Jagdschloss von Prinzregent Luitpold. Wir entscheiden uns allerdings für den Rückweg durch die Klamm und genießen im Wirtshaus Hocheck, kurz vor dem Parkplatz an der Wimbachbrücke, ein leckeres Abendessen.

Unsere letzte Tour dieser Familienwanderwoche beginnt tags darauf an gleicher Stelle. Heute erwartet uns allerdings ein ausgedehnteres Programm. Zu Beginn geht es über eine breite Forststraße bis zu den Schappachalmen. Dort gönnen wir uns eine kühle Erfrischung aus dem »Almkühlschrank«, einem mit kaltem Wasser gefüllten Holzbrunnen. Auf den Weideflächen ringsherum liegen die Kühe in der Sonne. Die Sennerin stellt unserem Diego die neugeborenen Kälber vor, erst wenige Tage alt und daher noch getrennt untergebracht. Wir wandern weiter über Almwiesen und später auf einem schmaleren Pfad durch den dichter werdenden Bergwald. Nach knapp 3 Stunden entdecken wir die Kührointalm auf einer weiten Hochebene in 1.420 Metern Höhe, im Herzen des Nationalparks Berchtesgaden. Wir gönnen uns je ein Stück aus der leckeren Kuchenauswahl und beziehen anschließend unser gemütliches Zimmer. Zum Abendessen wird auf der Kührointalm ein 3-Gang-Menü serviert, welches jedem Bergsteiger das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Nach einer erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück, machen wir vor dem Abstieg noch einen Abstecher zur 20 Minuten entfernten Archenkanzel. Der Ausblick über den Königssee auf die umliegende Bergwelt ist atemberaubend.

Eine wunderschöne Wanderwoche geht zu Ende. Das abwechslungsreiche Tourenangebot im Berchtesgadener Land hat unseren Sohn Diego die Existenz elektronischer Unterhaltungsgeräte nahezu vergessen lassen. Ein geheimnisvoller Zauberwald oder ein reißender Wildbach zwischen steilen Felswänden können diese spielerisch ersetzen. Diese Erkenntnis nehmen wir gerne mit nach Hause und sind ehrlich gesagt sehr froh darüber.

Text und Bilder: Timm Humpfer

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