Familienzeit im winterlichen Wallis

Kleine Abenteuer vor großer Kulisse

Das Kanton Wallis, im Südwesten der Schweiz, lässt seit jeher die Herzen ambitionierter Bergsteiger höherschlagen. Hier warten klangvolle Namen wie Bishorn, Weisshorn, Aletschhorn und natürlich das legendäre Matterhorn, allesamt jenseits der magischen Marke von 4.000 m. In Vergessenheit gerät dabei oftmals die Tatsache, dass auch zwei Etagen tiefer zahlreiche Abenteuer warten.

Es dämmert bereits, als wir endlich das kleine Bergdorf Grächen erreichen. Der frische Schnee stapelt sich am Rand der engen Gassen und steigert unsere Vorfreude auf die kommenden Tage. Gut erholt von der langen Anreise starten wir am nächsten Morgen endlich in den wohlverdienten Urlaub. In einer der insgesamt zehn „Märchengondeln“ geht es von Grächen hinauf in das Skigebiet Hannigalp. Jede der Gondeln entführt die kleinen Gäste in eine andere spannende Welt: Rotkäppchen, Rapunzel und wie sie nicht alle heißen. Dabei ist die Gondel nicht nur mit den passenden Motiven dekoriert, sondern wird während der Fahrt auch von einer erzählenden Stimme begleitet. Oben angekommen wartet dann ein Märchen der anderen Art: ein völlig reales Wintermärchen! Am Bergrestaurant wartet bereits unser Guide Paul. Nach einer kurzen Begrüßung führt er uns an der Skipiste entlang zu seinem kleinen Schuppen. Während er die passende Ausrüstung zusammensucht, genießen wir den Blick auf das sagenumwobene Matterhorn, das nur 40 km entfernt in den blauen Himmel ragt. Kurz darauf haben meine Frau, unser Sohn Diego und ich die Mini-Ski unter den Füßen. Wir lassen uns auf den Snowbikes nieder und sind ein wenig aufgeregt, denn keiner von uns hat jemals zuvor auf Skiern gestanden. Grächen hingegen ist eine der Hochburgen in diesem Sport und hat unter anderem den mehrfachen Weltmeister Björn Walter hervorgebracht. Wenn das mal kein gutes Vorzeichen ist für unsere Snowbike-Premiere. Nach einer kurzen Einweisung geht es auch schon los. Learning by doing lautet die Devise. Wie zu erwarten stürzt sich Diego zuerst den kleinen Hügel hinunter, gefolgt von uns Erwachsenen. Nach dem bestandenen Probedurchlauf wird es ernst. Mit dem Schlepplift soll es nun höher hinaus gehen, aber die Betonung liegt hier vorerst auf „soll“. Wie bereits erwähnt, sind wir keine Skifahrer und die Tücken des Schlepplifts erfordern ein wenig Geduld und Durchhaltevermögen. Die Erleichterung ist groß, als wir schließlich nach einigen Versuchen mit verkrampften Beinen oben ankommen. Die Abfahrt hingegen macht einen Riesenspaß und so entscheiden wir einstimmig auf eine zweite Runde. 

Schlittenabfahrt von Belalp nach Blatten mit traumhaften Aussichten

Nach dem wohlverdienten Mittagessen auf der sonnigen Terrasse, erkundet Diego das SiSu-Wolkenland, welches Kinderherzen höherschlagen lässt. Auf 200 m² warten Parcours, Kletterwand, Sonnenkino, Wolkenexperimente und Donnerkammer auf die neugierigen Kinder. Das Indoor-Spieleparadies ist eine großartige Alternative bei schlechtem Wetter. Heute haben wir allerdings reichlich Schnee und strahlend blauen Himmel, und so ist es keine Überraschung, dass Diego bald darauf wieder nach draußen stürmt. Wenige Minuten später steht er bereits am Einstieg zum Tube-Kanal. Einige Schritte Anlauf, ein beherzter Sprung auf den großen Luftreifen und los geht die wilde Fahrt. Zahlreiche Steilkurven testen die Grenzen der Erdanziehungskraft aus, während Diego vor Begeisterung jubelt. Das Tubing war für ihn von vornherein einer der Höhepunkte gewesen und an seinen leuchtenden Augen lässt sich leicht ablesen, dass seine Erwartungen voll erfüllt wurden. Ein letztes Abenteuer für heute steht allerdings noch bevor. Besser ausgedrückt: Es steht noch in der Garage. Mit 420 PS werden die 9 Tonnen Gewicht in Bewegung gesetzt und wir sitzen aufgereiht neben Ewald, dem Fahrer der gewaltigen Pistenraupe. Als das Gelände steil wird, steigt er aus und hängt uns mit einem massiven Stahlseil in die Sicherung ein. Dann sieht es für einen kurzen Augenblick so aus, als würden wir direkt auf den Abgrund zufahren, doch im letzten Moment rückt der Hang unter uns in das Sichtfeld und wir kippen ein wenig vorne über. Wir Mitfahrer halten kurz den Atem an, bevor die Pistenraupe Halt findet und Ewald beginnt die Skipiste für den nächsten Tag zu präparieren. Währenddessen färbt sich der Himmel lila und taucht das spektakuläre Bergpanorama in ein sanftes Licht. Aufregende 30 min später sind wir zurück an der Bergstation, denn die letzte Gondel hinunter ins Tal wartet nicht auf Pistenbully-Fahrschüler. Während sich unser Tag so langsam dem Ende neigt, haben Ewald und seine Kollegen noch viele Tonnen Schnee und eine lange Nacht vor sich. 

Hamilton Lodge

Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück, steht uns ein Umzug bevor. Über Visp und Brig fahren wir nach Blatten, auf 1.300 m unweit des Aletschgletschers gelegen. Die Seilbahn bringt uns auf die Belalp, ein kleines Skigebiet im Schatten der mächtigen Gipfel Unterbächhorn, Hohstock und Sparrhorn, die bereits zu den Berner Alpen gehören. Malerisch schmiegen sich die traditionellen Holzhäuser an den schneebedeckten Hang. Obwohl wir uns vorkommen wie in einem Wintertraum, müssen wir diesen, zumindest kurzfristig, wieder verlassen. Und zwar in rasanter Geschwindigkeit. Die Schlittenabfahrt von der Belalp hinunter nach Blatten ist 10 km lang und bietet unterwegs traumhaft schöne Ausblicke auf die Bergwelt rund um den bekannten Simplonpass, an der Grenze zu Italien. In zahlreichen Kurven schlittern wir bei Kaiserwetter über den funkelnden Schnee, und wie immer ist Diego nicht zu bremsen. Da wir in Baden-Württemberg nicht gerade mit Schnee zugeschüttet werden, ist seine Begeisterung umso größer, wenn wir einige Tage in „richtigem Winter“ verbringen dürfen. Das Panorama ist dann nur noch das i-Tüpfelchen. Im Bergdorf Blatten bei Naters angekommen, geben wir die Schlitten ab und machen uns auf, das urige Dorf zu entdecken. Der Höhepunkt ist der alte Ortskern, mit seinen traditionellen Holzhäusern und Stadeln. In letzteren wird überwiegend Schinken getrocknet, eine Walliser Spezialität. Der Spaziergang durch Blatten ist eine Reise in längst vergangene Zeiten, die allerdings abrupt endet als wir wieder die moderne Talstation erreichen. Mit der Seilbahn gelangen wir zurück auf die Belalp, wo wir den Abend in der zauberhaften Hamilton Lodge verbringen. Das rustikale und liebevoll gestaltete Interieur ist eine gelungene Mischung aus Luxus und Gemütlichkeit, die Lage einfach nur traumhaft. Das tief verschneite Hochplateau ist von imposanten Dreitausendern eingerahmt, während der Blick nach vorne auf den Gebirgskamm fällt, der die Schweiz von Italien trennt. Tief unten im Tal leuchten die Lichter der Ortschaften Brig und Visp. 

Abendstimmung in Grächen

Der letzte Urlaubstag begrüßt uns mit einem wolkenlosen Himmel und Sonnenschein. Vor der Heimreise haben wir noch eine Wanderung zum Aletschbord geplant. Der Winterwanderweg ist bestens präpariert und auch für Kinder problemlos machbar. Vorbei an den urigen Ferienhäusern, die der Belalp ihr charakteristisches Erscheinungsbild verleihen, führt die Wanderung in leichtem Auf und Ab durch die atemberaubende Landschaft des Unesco Weltnaturerbes Jungfrau-Aletsch. Der Aussichtspunkt, direkt hinter dem traditionsreichen Hotel Belalp versteckt, ist in nur 30 min erreicht und bietet einen großartigen Blick auf den Aletschgletscher, den größten seiner Art im gesamten Alpenraum. Mit 22,6 km Länge und einer Fläche von 78,49 km² ist er wahrlich gewaltig, auch wenn vom Aussichtspunkt nur die vorderste Spitze der langen Zunge zu sehen ist. Sein ganzes Ausmaß ist tatsächlich nur schwer vorstellbar. Auf dem Rückweg zeigt Diego uns einmal mehr, dass wahre Freude oftmals in den kleinen Dingen liegt: Gletscher, Viertausender-Panorama, Matterhorn, alles schön und gut. Auf dem Bauch und mit weit ausgebreiteten Armen den verschneiten Wanderweg hinunterzurutschen, das sind die wahren Glücksmomente. Selbst vor großer Kulisse sind eben die kleinen Abenteuer entscheidend, und davon gibt es im Wallis mehr als genug.

Text: Timm Humpfer

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