E-Bike: Fluch und Segen

Teil I
Das für und wider

Der E-Bike-Boom mit all seinen Folgen

Einfach mal in die Pedale treten. Auf zwei Rädern die Natur erkunden, sich sportlich betätigen und die Bergwelt genießen: Mountainbiken ist schon lange eine Trendsportart.

Vom Rennrad zum Mountainbike
Kalifornien, 1973. Der Rennradfahrer und Zweiradmechaniker Gary Fisher baut sich mit seinen Freunden geländetaugliche Fahrräder, um damit den Mount Tamalpais abzufahren. 20 Kilogramm schwere Kolosse sind das Ergebnis der Tüftelei. Damit den Berg hinaufzufahren war unmöglich und so schoben die jungen Männer ihre Räder bis zum Gipfel. Einige Jahre und viele Prototypen später, ließ Fisher die ersten Offroad-Radrahmen in Serie gehen. Stolze zehn Stück wurden produziert. Seine Firma nannte er „Mountainbike“.

Heute, 46 Jahre später: 250 Watt starke Motoren, angetrieben von Akkus mit erstaunlicher Kapazität. Nur ein leises Surren ist zu hören. Das E-Mountainbike – ich könnte es auf den ersten Blick kaum von einem normalen Drahtesel unterscheiden, wäre da nicht der Fahrer, der sichtlich entspannt die steile Schotterpiste hinauffährt. Ich dagegen muss kräftig reintreten, um nicht vom Rad zu fallen. Ja, so ein E-Bike ist schon eine feine Sache. Aber ist es wirklich das, was ich suche? Was ist mit der anfangs erwähnten sportlichen Betätigung? Mit dicken Schweißperlen auf der Stirn mache ich mir da so meine Gedanken, als mir wenig später der E-Radler wieder entgegenrauscht – vermutlich nicht ohne in der Zwischenzeit ein Mittagessen auf der Hütte genossen zu haben. 

Gute Gründe für die Elektroräder gibt es viele, denn der erweiterte Aktionsradius lässt ganz neue Möglichkeiten zu. Die Zeitersparnis ist enorm. Lange Zustiege werden kräfteschonend abgekürzt. Bergsteiger können topfit am Einstieg ihrer Route stehen und davor trotzdem schon eintausend Höhenmeter zurückgelegt haben. Und auch für alle, die körperlich zurückstecken mussten, beispielsweise nach langen Verletzungspausen, oder ganz einfach altersbedingt, ist das E-Bike ein wahrer Segen. Die meisten E-Biker sind dabei überhaupt keine Sportmuffel, die zu faul für den Aufstieg sind. Vielmehr werden mit der neu erlangten Reichweite die Touren deutlich ausgedehnt, was aber natürlich nicht ohne Folgen bleibt. Selbstverständlich gelangen nun auch Radler in Gefilde, die für sie bisher völlig unerreichbar waren. Zusätzlich kann das hohe Gewicht der Bikes einen ungeübten Fahrer überfordern. E-Bike ist nicht gleich Mountainbike!

Vom Radsport zum Streitpunkt
Kein Platz ist mehr frei. Wo ich früher noch mein Rad einfach an den Zaun vor der Hütte lehnen konnte, steht jetzt ein Rad neben dem anderen. Selbstverständlich größtenteils E-Mountainbikes. Darüber könnte ich mich jetzt aufregen, würde ich mich nicht auch selbst hin und wieder vom Akku hier hochschieben lassen. Trotzdem aber ist das eine Entwicklung, die viele äußerst kritisch sehen. Der BUND Naturschutz erstellte Ende des Jahres 2019 ein Forderungspapier mit einer klaren Stellungnahme. Auf der Homepage des Vereins findet man dieses Papier unter der Schlagzeile „Bergsport darf kein Motorsport werden“. Kontroverse Diskussionen sind also vorprogrammiert. Beim Durchlesen des Textes allerdings frage ich mich, wer damit wirklich angesprochen werden soll und ob ein Dialog nicht den teils hohlen Phrasen vorzuziehen gewesen wäre. 

Im Papier gibt es teils erstaunliche Rechenbeispiele, auf die später noch näher eingegangen werden soll. Auch ist da die Rede vom „Berg-SUV“. Dabei hat ein E-Mountainbike so rein gar nichts mit den übergroßen Innenstadtpanzern zu tun. Kein Lärm, keine Abgase. Der BUND Naturschutz schießt völlig bewusst über das Ziel, um die Diskussion nur noch weiter anzufachen. Verbote werden gefordert. Der Verein verlangt sogar, die E-Bikes nicht länger mit klassischen Rädern gleichzustellen. Demnach wäre das E-Biken kurzerhand beinahe überall verboten. Dabei erschließt sich mir nicht, wie genau der Natur geholfen sein soll, wenn man die Nutzung der öffentlichen Wege nur einer kleine Randgruppe der riesigen Touristenströme verbietet. Die Elektromotoren sind nahezu geräuschlos und ein E-Bike schadet der Natur nicht mehr oder weniger, als jedes andere Bike, auch hierüber gibt es Studien. Ein E-Bike auf einem Forstweg, auf dem klassische Fahrräder und sogar Traktoren fahren? Das ist nicht das Problem. Einen Punkt, in dem die E-Bikes aber dann doch den SUVs ähneln, finde ich schließlich doch. Denn ähnlich selten wie die Geländelimousinen die asphaltierten Fahrwege der Stadt verlassen, dürften E-Bikes auf den Naturtrails der Alpen unterwegs sein. Reine E-Bike-Verkaufszahlen sind demnach hier sicherlich nicht sehr aussagekräftig, weshalb niemand der geschürten Panik verfallen muss.

Vom Hundertsten ins Tausendste
E-Bike-Sport ist und bleibt kein Motorsport. Denn die E-Mountainbikes sind streng genommen nur Pedelecs, bei denen die Pedalunterstützung ausschließlich greift, wenn aktiv gekurbelt wird und selbst dann auch nur bis maximal 25 Kilometer pro Stunde. Fahren auf Knopfdruck ist also nur mit den wirklichen E-Bikes möglich, die größtenteils zulassungspflichtig sind und somit überhaupt keine Berechtigung zum Befahren von beispielsweise Forst- und Wanderwegen haben. Der Gesetzesgeber hat reagiert: In Naturschutzgebieten sah bisher das BayNatSchG Art. 28 Abs. 1 Satz 1 den Ausschluss von „Fahrzeugen mit Motorkraft“ vor. Nach der Auffassung des Bayerischen Umweltministeriums von 2012, wurden Pedelecs aber nichtmotorisierten Fahrrädern gleichgestellt. Diese Rechtsauffassung sieht jetzt wiederum die Naturschutzorganisation BUND als überholt an. Längst schon wurde ein Streit entfacht, der nicht einfach zu schlichten ist. Es gibt eben kein reines Schwarz und Weiß, die Welt ist nun mal kompliziert. 

Auch der DAV bezieht Stellung und erfreut sich zunächst über die neuen Perspektiven, die das Radeln mit Akku ermöglichen. Dabei schwingt aber eine ordentliche Portion Kritik mit, der auch ich mich gerne anschließe. Denn aus alpinistischer Sicht sei laut dem Alpenverein grundsätzlich das Bewegen aus eigener Kraft anzustreben. Die Nutzung von E-Mountainbikes, die ohne eigene körperliche Betätigung bewegt werden können, unterstützt der DAV überhaupt nicht. Das geht so weit, dass E-Bikern auf manchen AV-Hütten sogar das Laden der Akkus untersagt wird. Doch wettert damit jetzt nicht jener Verein, der den Tourismus in den Bergen erst massentauglich gemacht gegen die Geister, die er selbst rief? Auch beim AV scheiden sich da die Geister. Hier und da werden E-Biker als gern gesehene, durstige und hungrige Hüttengäste gesehen. Anderswo verbietet man ihnen dagegen das Aufladen der Akkus am Hüttennetz, was wiederum die Touristiker verärgert, die auf zahlungsfreudige Gäste hoffen. Und mancherorts wurde aus einem angedachten E-Bike-Verbot kurzerhand die Forderung nach einer regelrechten Rad-Prohibition, nur weil die E-Bikes heute so schwer von den klassischen Rädern zu unterscheiden seien. Aber nicht alle Probleme lassen sich schnell und zielorientiert mit Verboten lösen. 

Die Deutsche Initiative Mountainbike (DIMB) versucht derweil ordentlich Wind aus dem Naturschutzsegel zu nehmen. Sie hinterfragt und widerlegt viele der Kritikpunkte des BUND Naturschutz und möchte sich somit für ein gemeinschaftliches Miteinander am Berg stark machen. Keine schlechte Idee, denn wie immer, wenn ein neuer Trend boomt, wird vieles heißer gekocht als gegessen. Am Berg beobachtete ich nämlich überwiegend einen ausgesprochen guten Umgang zwischen Bikern und Wanderern, sowie Radsportler, die Schutzgebiete und Verbotszonen respektieren. Und gab es eine ähnliche Diskussion nicht auch, als Fisher und seine Freunde anfingen, die Berge mit Rädern ganz ohne Motor zu erobern? Hören wir uns deshalb an, was eines der E-Bike-Urgesteine zu diesem Thema zu sagen hat.

Teil II
Der richtige Riecher

Martin Pirhofer glaubte von Anfang an an das Potential der E-Bikes – und sollte recht behalten.

Um den E-Bike-Boom besser zu verstehen und richtig darauf reagieren zu können, bietet sich ein Blick in die Vergangenheit an. Dafür sind wir im Untervinschgau, im Westen Südtirols. Hier, eingeschlossen zwischen den Eisriesen der Ortleralpen und dem Grenzkamm des österreichischen Ötztals, liegt Latsch. Der Ort ist unter Bikern schon längst kein Geheimtipp mehr. Denn die Berggruppen in der direkten Umgebung des Städtchens sind gemäßigter, weniger schroff und vergletschert als Ortler und Weißkugel. Das zog schon früh die ersten Mountainbiker in die Region (damals noch ganz ohne Akku) und Martin Pirhofer – kurz Piri – ist schon lange einer von ihnen. Vor mehr als zwanzig Jahren wurde aus dem Hotelier einer von Südtirols Mountainbike-Vorreitern. Und somit gleichzeitig vielen ein Dorn im Auge. Er und seine Einstellung aber setzten sich durch und so wurde ein eigener Tourismuszweig geschaffen. Pirhofer eröffnete ein Hotel (Hotel Jagdhof – BikeHotels Südtirol) und führt seitdem mit viel Herzblut Mountainbike-Touren in der Region. 

Martin Pirhofer

Südtirol mutierte schnell für deutsche Aktivurlauber zum Mountainbike-Mekka der Alpen. Verhärtete Fronten zwischen Wanderern und Bikern: heute augenscheinlich Fehlanzeige! Dabei, so erklärt mir Pirhofer, profitierte anfangs das Vinschgau noch von einem unheimlich großen Wanderwegnetz und Sportler, welcher Art auch immer, verteilten sich gut im Gelände. Lediglich auf den gängigen Spazierwegen, wo Ärger vorprogrammiert gewesen wäre, stellten Pirhofer und andere Vordenker

sogar selbst Verbotsschilder für Mountainbiker auf. Alle anderen Regionen wurden dabei aber bewusst frei zugänglich gelassen. Einigen glücklichen Zufällen zu danken, rückte das Vinschgau dann über Nacht ins Rampenlicht. Anderswo wurden Trails geschlossen, das Biken verboten und auch wenn Latsch nicht mit mediterranem Klima punkten kann, so war die Bike-Infrastruktur im Vinschgau so weit vorangeschritten, dass es einen gigantischen Anschub bekam. Events, die sonst nur am weit entfernten Gardasee stattfanden, könnten nach Südtirol

gebracht werden und so wuchs der Mountainbiketourismus Jahr für Jahr. Bis in manchen Bereichen ein Maximum erreicht war. Eine Zeit, in der kritische Stimmen laut wurden. Die ersten Verbote wurden gefordert und in vielen Punkten ist die damalige Situation mit der heutigen vergleichbar. Damals wollte aber nicht jeder auf den einfachsten, den Verbotszug, aufspringen. Pirhofer und die Gemeinschaft, die sich um das Mountainbike entwickelt hatte, sie wollten lenken!

So setzten sie sich mit dem Land Südtirol in Verbindung, denn im gesamten Land gab es kein spezielles Beschilderungskonzept für Mountainbiker. Auf Pirhofers Anfrage hin, hätte man sogar ganz simpel das Beschilderungssystem des österreichischen Tirols übernehmen können. Doch die Landesregierung Südtirol stellte sich dagegen. Ein eigenes Konzept sollte her und so entwickelten die Südtiroler mit hohem finanziellen Aufwand in Eigenregie das heutige System. Strikte Verbote waren auch diesmal weitestgehend nicht vorgesehen, sondern eher eine geschickte Entzerrung der Situation. Eine Lösung, die ich heute sogar mehr noch als damals, als ausgesprochen zielorientiert und effektiv erachte. Mountainbiker, ausgestattet mit GPS und Karten, lassen sich laut Pirhofer effektiv lenken. Der Plan ging auf und schnell dehnte man das Beschilderungskonzept auf ganz Südtirol aus. Es wächst heute noch immer und wird kontinuierlich weiterentwickelt, perfektioniert und darf von jedem Land gerne zum Nulltarif übernommen werden. 

Doch das bedeutet noch längst nicht, dass alles in bester Ordnung ist, so Pirhofer. Denn der Mountainbike-Urlauber ist noch immer auf dem Vormarsch. Die Zahlen steigen rasant, während z.B. die der Wellness-, Golf-, oder Wanderurlauber eher stagnieren. Und deswegen will jede Region, jedes Hotel und jeder andere Betrieb, der in der Tourismusbranche tätig ist, etwas vom MTB-Kuchen abhaben. Diese Kompensation ist wirtschaftlich natürlich nachvollziehbar, aber eben nicht ohne weiteres umsetzbar. Denn so werden auch Regionen beworben, die für Biker gänzlich ungeeignet sind, lediglich um die Betten zu füllen. Dabei reicht es noch lange nicht, den Mountainbiker mit Lockangeboten ins Tal zu ködern. Schon vor zwanzig Jahren, als die ersten Biker Südtirol entdeckten, realisierte Martin Pirhofer das schnell. Fasziniert von der Sportart aber, machte der Hotelier sich Gedanken, kaufte sich kurzerhand ein Mountainbike und radelte selbst den Berg hinauf. So rutschte Piri schon ganz am Anfang in die Südtiroler Mountainbikewelt und gestaltete sie, wie wir mittlerweile wissen, wie kaum ein zweiter. 

Damals, als das Mountainbike so neu war wie heute das E-Bike, so erzählt mir Pirhofer, waren die größten Kritiker aber nicht die Wanderer, Kommunen oder Alpenvereine. Die Touristiker der Region selbst waren es, die die Mountainbiker anfangs nur für grobe Downhiller hielten. Adrenalinjunkies, die Schäden anrichten und mit ausgefahrenen Ellenbogen über Wanderwege preschen. Die Angst, Wanderer, Stammgäste und Bergsteiger könnten vertrieben werden, griff um sich. Schnell aber stellten sich die Ängste als unbegründet heraus und man gewöhnte sich daran, dass einem auf Bergtouren beinahe überall ein Biker entgegenkommen konnte. Dafür war aber zuerst viel Aufklärungsarbeit nötig. Im Mittelvinschgau wurde, unter anderem auch auf Pirhofers Initiative, ein Komitee gegründet, das hier noch immer gute Ergebnisse erzielt. Touristiker, Alpenverein, Forstverwaltung, Jägerschaft, Nationalparksverwaltung, Wanderfreude und viele weitere Vertreter setzen sich, wann immer es Probleme oder Verbesserungsvorschläge gibt, zusammen und sprechen sich aus. Eine gute Kommunikation als Fundament für einen ganzen Tourismuszweig!  

Pirhofer selbst sitzt seit einigen Jahren ausschließlich nur noch auf Mountainbikes mit elektrischer Unterstützung. Und nicht nur aus eigener Erfahrung weiß er, dass Schäden wie Bodenerosionen, die durch E-Bikes verursacht werden, nicht größer sind als die, die durch Standardbikes verursacht werden. Auch von einem höheren Verletzungsrisiko kann er in der Region um Latsch nicht berichten. Die Folgen des E-Bike-Booms äußern sich im Vinschgau ganz anders. Denn bis vor einigen Jahren wurden die Forststraßen intensiv von Shuttlefahrern genutzt, erklärt mir Pirhofer. Mountainbiker konnten also die flowigen Abfahrten genießen und sich danach direkt wieder hinauf zum Startpunkt kutschieren lassen. Eine lukrative Einnahmequelle für die Anbieter der Shuttleservices, die schnell zu viele Anbieter auf den Plan rief. Das Shuttlen nahm Überhand, wurde zum Problem. Aber auch hier war letztendlich wieder die Entzerrung des Problems Lösung. Mit Unterstützung des E-Motors, können Biker auf andere Gebiete ausweichen und auch ohne Shuttleservices abfahrtsorientierte Touren unternehmen. Ein großer Vorteil, der letzten Endes auch den Sport naturverträglicher werden ließ und auch einer der großen Gründe, warum Pirhofer noch immer gerne den E-Tourismus weiter ausbaut.

Aber auch Piri ist, privat oder auch mit seinen Gästen, in Bergregionen unterwegs, in denen er ohne E-Bike früher keinen Reifen gesetzt hätte. Sicherlich ist das eine gewisse Zusatzbelastung, die man der Natur zumutet, doch sei das noch immer besser, als alle E-Bikes nur auf einige wenige Regionen zu konzentrieren. Das erinnert an Anweisungen, die zum Beispiel an Trekker in skandinavischen Nationalparks ausgegeben werden: Wer sich in der Gruppe über wegloses Gelände bewegt, tut das lieber nebeneinandergehend. Die Trittbelastung auf die sensible Flora ist so kaum ausschlaggebend, während ein mehrmaliges Niedertreten, wie beispielsweise beim Hintereinandergehen, an einer Pflanze ungleich größeren Schaden anrichtet. Pirhofer wägt also ab und plädiert auch weiterhin ganz klar für E-Biker, die sich fern ab der typischen Hot-Spots bewegen. Natürlich aber kann auch dann nicht gedankenlos und blauäugig drauflospedaliert werden. Selbst dann ist noch eine geschickte Lenkung zwingend nötig. Doch von Verboten hält Pirhofer auch hier wieder nichts, denn eine ganze Touristenbewegung ist nicht ohne weiteres aufzuhalten. Kurzfristig und auch viel schneller zielführend, ist ein genaustens durchdachtes Tourismuskonzept, was aber eigentlich nur die halbe Miete ist.

Denn dann erzählt Piri mir, wie sich der Mountainbikesport in Südtirol gewandelt hat. Die Biker haben sich demnach in den letzten zehn Jahren extrem zivilisiert. Von ganz allein ist aber auch das nicht passiert. So wie man schon früh den Wanderer daran gewöhnen musste, seinen Müll wieder den Berg hinabzutragen, so hat man auch in Südtirol die Biker „erzogen“. Die Mountainbike-Guides schulten ihre Gästen also bei Weitem nicht nur technisches Geschick. Das Image hat sich so im Laufe der Jahre zum Positiven gewandelt, Achtsamkeit und Respekt haben sich durchgesetzt. 

Trotzdem aber, so berichtet mir Pirhofer, stellen sich noch immer viele gegen das E-Bike – allen voran tatsächlich eine Vielzahl der klassischen Mountainbiker. Ihrer Meinung nach, hat kein Radler etwas in den Bergen verloren, der es nicht aus eigener Kraft hinaufschafft. Über eine solche Einstellung kann sich Pirhofer nur ärgern, denn seiner Meinung nach, könnte man gerade auf diesem Wege andere Aufstiegshilfen wie Seilbahnen entlasten, oder sogar reduzieren. Wenn Mountainbiker nur noch mit der Kraft aus dem eigenen Akku die Berge befahren, dann entlastet dies nicht nur den massiven Shuttleverkehr, sondern verteilt die Radler auch viel ausgeglichener im Gelände, da sie nicht mehr alle an der selben Seilbahngipfelstation starten. 

Piri ist überzeugter E-Biker. Auch ist er selbst heute noch vom Boom überrascht, denn mehr als die Hälfte seiner Hotelgäste reisen schon mit E-Mountainbikes an. Dieser Trend, so glaubt er, wird sich nicht nur halten, er wird sogar weiter ansteigen. Eine Entwicklung, die er nicht zuletzt aus eigenen Interessen begrüßt, sondern vor allen Dingen auch, weil so ein sanfter, nachhaltiger Tourismus möglich ist, der gut koordiniert eine alpenweite Vorbildfunktion haben könnte. Aber eben erst, wenn auch die letzten über ihren Schatten gesprungen sind.

Teil III
Wem gehören die Berge?

Ein gemeinsames Verständnis

Alle wollen wir nach oben. Im Winter mit Schneeschuhen oder Tourenski. Im Sommer ganz klassisch zu Fuß, auf dem Klettersteig, in steilen Sportkletterrouten oder mit dem Mountainbike. Mit, oder eben ohne Elektromotor. Zwei Dinge sind mir bei meiner Recherche aufgefallen.

Zwei Mücken, oder zwei Elefanten?
Der wirkliche Boom, der große E-Bike-Ansturm, konzentriert sich auf nur wenige Hotspots. Das mag zuerst abschreckend wirken. Auf den zweiten Blick aber wird klar, dass gerade diese Hotspots zum größten Teil schon über eine stark ausgebaute Infrastruktur verfügen. Die Wege, die E-Biker also nutzen, um in der Mittagssonne ein Bier auf der Hüttenterrasse zu genießen, werden auch von PKWs genutzt. Der Hüttenwirt und seine Mitarbeiter transportieren oft täglich Waren vom Tal hinauf. Der Jäger parkt seinen Wagen auch gerne am Rand dieses Weges und der Landwirt, der rattert oft mehrmals täglich mit seinem qualmenden Dieseltraktor bergauf und bergab. Das E-Bike richtet hier nun wirklich keinen Schaden an. Vielleicht könnte man hier sogar positiv erwähnen, dass mit den kleinen Elektromotoren mehr Menschen der Zugang in die Berge ermöglicht wird, die wiederum ein schützenswertes, sensibles Gebiet vorfinden – und es so zu schätzen lernen. 

Ein weiterer interessanter Punkt, den ich beobachten konnte, ist, dass nur extrem wenige Mountainbiker mit Hilfe des E-Bikes weiter in die sensible Natur eindringen. Die anfangs erwähnte Beispielrechnung, also die Aussage des BUND Naturschutzes, die Störung des alpinen Naturraums würde durch das E-Bike versechsfacht, ist für mich nicht nachvollziehbar. (Auszug aus dem Forderungspapier vom 18.10.2019 des BN-Arbeitskreis Alpen zu E-Bikes in den Alpen „Bergsport darf kein Motorsport werden“: Kommen nun mit dem E-MTB zweimal so viele Menschen in die Berge, die die dreifache Höhe und damit die dreifache Strecke fahren, so ergibt das eine sechsfache Störung für die Natur: 2 x so viele Menschen und 3 x so viel Strecke bergan = 2 x 3 = 6 x so viel Störung.) In der Realität sind die allermeisten Radler, die weit in alpine und somit für Biker eher unübliche Regionen vorstoßen jene, die früher auch schon ohne Elektromotor dort unterwegs waren. Wirklich anspruchsvolle Touren, weit über der Baumgrenze und fernab jeden Weges, sind auch mit Elektromotor nur Profis vorbehalten. Von diesen Profis gibt es allerdings nach wie vor nicht sehr viele. Zumindest nicht so viele, dass sie mit den luftgefüllten Gummireifen gleich ganze Berghänge zerstören könnten. Noch wichtiger ist aber, dass gerade diese Profis verantwortungsvoll mit dem Naturgut Berg umgehen. Wege werden schonungsvoll befahren, blockierte Hinterräder oder Abfahrten bei feuchtem Boden sind tabu. Die Trails, also auch klassische Wanderwege, werden sogar gepflegt und instandgehalten. Der respektvolle und rücksichtsvolle Umgang mit Mitmenschen am Berg ist dabei absolut selbstverständlich und wird gerne gelebt – wenn nicht schon von vornherein Wege gesucht werden, auf denen mit möglichst wenig Wanderverkehr gerechnet werden muss. So achtsam und umsichtig agieren Mountainbiker heute. Vom schlechten Image, dem Ruf als Trail-Rowdy, ist nicht mehr viel übrig. Übrigens: Die Zahl der E-Biker in den Alpen ist zwar groß, aber dabei muss bedacht werden, dass der Großteil davon nur vom klassischen Rad aufs E-Bike umgestiegen ist und nicht als „zusätzlicher Störungsfaktor“ gerechnet werden darf.

Problembeispiel Wald
Schwarze Schafe aber gibt es überall. Mountainbiker, die sich über die Grenzen der Trailparks hinwegbewegen, sich ununterbrochen mit dem Schuttleservice den Berg hinaufkutschieren lassen, nur um dann für jeden Preis die Abfahrt hinabzubrettern. Für die meisten hat das nicht viel mit dem echten Mountainbiken zu tun und so wäre es ebenso irrsinnig, wegen einigen Skifahrern, die durchs Winterschutzgebiet fahren, das Skifahren zu verbieten. Trotzdem aber bringt das E-Bike neuen Schwung in eine Entwicklung, die mir Sorge bereitet. Denn in die wirklich unerschlossene Alpengebiete dringt heute sowieso niemand mehr vor. Die Alpen sind erschlossen. Zur Gänze! Für viele gleicht die Bergwelt nur noch einem riesigen Abenteuerspielplatz. Für die einen positiv. Für die anderen ganz und gar nicht. Berge, genauer das was wir dort suchen, finden wir in den Alpen nämlich immer seltener. Ruhe und Abgeschiedenheit. Das Erlebnis Berg! Die Tatsache lässt es früher oder später dort oben eng werden. Touristenströme wollen nicht nur bespaßt und bestens versorgt werden, sondern auch geschickt gelenkt sein. Und genau hier liegt der Schlüssel, wie Martin Pirhofer schon früh erkannte.

Unsere Wälder, unsere Berge und Täler genießen bei uns Menschen einen sehr hohen Stellenwert. Erholungssuchende finden Rückzugsorte, ebenso wie eine vielfältige Flora und Fauna. Und natürlich kann diese Natur selbst nur existieren, wenn wir sie lassen, die Ruhe und Ursprünglichkeit bewahren. Dabei ist Deutschland eines der waldreichsten Länder Europas. Fast ein Drittel der Gesamtfläche ist mit Wald bedeckt. Mit viel Wissen, Geduld und Fingerspitzengefühl ist man bestrebt, den Wald bestmöglich zu erhalten. 

Der Wald, wie ihn die meisten kennen, ist dabei gar nicht so wild und archaisch, wie er vielleicht scheint. In Deutschland ist der Großteil eine, durch uns Menschen geprägte Kulturlandschaft und damit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Einige Zahlen zur Verdeutlichung: Im Jahr 2007 hat sich die Bundesregierung dazu entschlossen, bis 2020 den Anteil der wirtschaftlich ungenutzten Waldflächen auf 5% zu heben. Darüber ob dieses Ziel erreicht wurde, gibt es unterschiedliche Meinungen. 2019 wurden 97% des Waldes noch mehr oder weniger intensiv bewirtschaftet. Das sollte man bedenken, wenn man mit erhobenem Finger über E-Biker schimpft. Denn der Wald gehört weder den Wanderern noch den Bikern. 

Ist die Lösung wirklich käuflich?
Das Bayerische Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz spendierte vergangenen Herbst dem DAV eine viertel Million Euro. Der Alpenverein legte noch mehr als 100.000 Euro oben drauf. Mit diesen Mitteln sollen Konflikte nachhaltig gelöst und Konzepte gefunden werden. „Bergsport Mountainbike – nachhaltig in die Zukunft“ nennt sich dieses Projekt, das wohlgemerkt an alle Radler richtet. Klar, der Tourismus in den Alpen stößt vielerorts an seine Grenzen. Unter, aber auch über der Waldgrenze. Und da die Entwicklung der E-Bikes stetig voranschreitet, kann und muss man sich da schon fragen, ob unsere Berge nicht mehr und mehr zum Alpen-Fun-Park verkommen. 

Der BUND Naturschutz vertritt dabei die Einstellung, man könne nicht zeitgleich mit verschiedenen Medien denselben Raum benutzen – der eine aus eigener Kraft, der andere motorisiert. Für mich eine zu einfache Sicht auf die Dinge. Martin Pirhofer in Südtirol, wo Wanderer und Mountainbiker gemeinsam die Wege nutzen, hat bewiesen, dass es funktionieren kann. Latsch im Vinschgau ist nicht nur als Bikeparadies, sondern auch als Wanderparadies gut bekannt und gerne besucht. Das mag daran liegen, dass Südtiroler sich nur ungern selbst Regeln auferlegen und viel lieber Bikes als Paragraphen reiten. Aber am Ende zählt das Ergebnis und das ist im Vinschgau eine Situation, mit der alle klar kommen.

Nördlich des Alpenhauptkamms verhärten sich jedoch die Fronten. Dabei könnten die E-Bike-Probleme, die sich wie ein Laserstrahl nur auf kleine Regionen bündeln, entzerrt werden. Es gibt viele Berge, so viele mehr als E-Biker. Dafür müssten wir dann vielleicht auf den Kaiserschmarrn auf der Hütte, oder den flowigsten Trail verzichten. Aber durch diesen Verzicht, und gemeinsam mit einer guten Kommunikation, könnten wir auch wieder näher zu dem kommen, was wir in den Bergen suchen, was sie eigentlich für uns alle schon immer ausmacht: Abgeschiedenheit, Ruhe und das Erlebnis. Ein wunderbarer Gewinn für alle. Ob mit Motor oder ohne. Das wäre immerhin eine Perspektive und die Möglichkeit einer gemeinsamen Nutzung der Natur.

Text: Benni Sauer
Bilder: Kirsten-J. Sörries

Ein Gedanke zu “E-Bike: Fluch und Segen

  1. „….Fahren auf Knopfdruck ist also nur mit den wirklichen E-Bikes möglich, die größtenteils zulassungspflichtig sind ……“
    ALLES,was mit Motor schneller als 25 km/H fährt, ist versicherungs- und zulassungspflichtig!

    “ der Landwirt, der rattert oft mehrmals täglich mit seinem qualmenden Dieseltraktor bergauf und bergab.“
    Erstens quälen die meisten Traktoren nicht und zweitens fährt der Landwirt nicht zu seinem Vergnügen umher, sondern er ist bei der Arbeit !

    Und das schreibe ich als jahrzehntelanger Wanderer und Mountainbiker.

Kommentar verfassen