Gartnerwandüberschreitung: Die Zugspitze im Blick

Der Wecker klingelt früh. Eigentlich viel zu früh für meine Verhältnisse. Aber ausschlafen kann man ja, wenn schlechtes Wetter ist. Bei diesem Gedanken war noch nicht zu erahnen, dass der bevorstehende Sommer 2018 so gar kein schlechtes Wetter parat halten wollte. Also raus aus den Federn und sehr kurze Zeit später den Rucksack in den Kofferraum gepackt. 

Die eineinhalb Stunden Autofahrt ins Lechtal lohnen sich einfach jedes Mal. Diesmal waren wir nach Bichlbächle unterwegs. Der blaue Himmel prophezeite uns einen wunderschönen Frühlingstag und Sonne satt. Für die lange Tour, die wir uns an diesem Sonntag vorgenommen hatten, war beständiges Wetter auch unbedingt Voraussetzung. Außerdem hatten wir heuer viel auf dem Wunschzettel stehen und da durfte der Schnee gerne etwas schneller schmelzen. Die Sonne blinzelte immer wieder durch das bereits saftige Grün der Bäume, an denen wir vorüberfuhren. Eine kleine Straße führt uns bis zum Parkplatz im Stockachtal knapp unterhalb von Bichlbächle. 

Die bequemen Latschen gegen die Bergstiefel getauscht, ging es auf 1240 Meter Höhe los. Ziel war eigentlich, in erster Linie die Gartnerwand zu überschreiten. Aber da ich ja eine leidenschaftliche Gipfelsammlerin bin, wurde mir bei einem genaueren Blick auf die Kompass-Karte gleich klar: Da geht noch mehr! Also schlug ich Uwe vor, vorab noch auf den Roten Stein zu steigen sofern es die Verhältnisse vor Ort zulassen würden. Zunächst ging es langsam ansteigend einen kleinen Fahrweg am Stockachbach entlang. Auf immer schmäler werdenden Wegen führte uns der Steig in den runden Talkessel von Regall. Von dort über teilweise bereits schon früh in diesem Jahr üppig bewachsene Hänge, gewannen wir ziemlich rasch an Höhe. Hier und da glitzernde Tautropfen auf den Gräsern und den ersten bereits blühenden Alpenrosen. Die Luft war so frisch und rein und die Stille um uns herum unbeschreiblich schön. 

Bereits nach etwas mehr als einer Stunde erreichten wir das Bichlbächler Jöchl auf 1943 Metern. Von hier aus konnte man sowohl auf unseren bereits zurückgelegten Weg schauen, als auch schon gut erahnen, welche Aussicht uns erst oben am ersten Gipfel und vor allem am langen Grat der Gartnerwand erwarten würde. Da der Großteil der ausgesuchten Tour die meiste Zeit in der Sonne lag, war diese so früh im Jahr bereits ohne Gefahren durch Altschnee gut zu begehen. Hier und da gab es noch kleine Schneereste und dadurch etwas matschigen Untergrund, das stellte aber bei dem sachten Gelände kein Problem dar. Wir hielten uns zunächst rechts und folgten dem abwechslungsreichen Wanderweg. Nicht zu verfehlen und gut zu gehen, durch Latschen und über Steine und Wurzeln, dann wieder schmal an steilen Schotterhängen entlang waren wir ziemlich bald am Fuß des Roten Steins angelangt. Durch grobes Geröll ging es ordentlich bergauf. Auf dem Weg durchs steile Kar mussten wir noch ein paar vergleichsweise große Schneefelder queren. Die Schneefelder wirkten allesamt fast schon rosa. Anscheinend hatte sich roter Saharastaub über ihn gelegt. Ein etwas befremdlicher Anblick und im gleichen Moment doch faszinierend, wenn man bedenkt, was für eine Strecke dieser Sand hinter sich hat.

Bis jetzt waren wir mutterseelenallein unterwegs. Nirgends war auch nur ein Mensch zu sichten. Leider aber auch keine Tiere. Um einiges weiter oben wurde es dann richtig spaßig, man durfte den verwinkelten Weg entlang überall gut die Hand anlegen. Nur stellenweise war der letzte Anstieg der Rippe entlang drahtseilversichert. Das stellte kein größeres Problem dar und war unschwierig zu meistern, aber eben mal wieder ein bisschen anspruchsvoller als ein normaler Wanderberg. Oben erwartete uns ein sehr großes Gipfelplateau, mit dem ich beim Anblick aus dem Stockachtal ehrlich gesagt nicht gerechnet hatte. Herrlich! 

Der Ausblick von hier oben reichte weit in die Bergwelt hinein und es war deutlich zu sehen, dass die noch höheren Gipfel immer noch ein weißes Schneehäubchen trugen.

In der kommenden Wintersaison würde ich vielleicht sogar mit den Ski hier oben stehen, dachte ich mir, denn der Rote Stein gilt als ausgezeichneter Skitourenberg. Das konnte ich mir zwar aktuell nicht so ganz vorstellen, denn dafür kam mir die versicherte Rippe doch etwas steil vor, aber im Winterkleid haben die Berge bekanntlich ein zweites Gesicht. Die Aussicht war enorm. Die ganze Gartnerwand im Blick und die dahinter so monumental erscheinende Zugspitze. Trotz der zu dieser frühen Stunde bereits fast schon hochsommerlichen Temperaturen herrschte perfekte Fernsicht. Es war ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Wir verweilten nicht besonders lange, da wir ja doch noch einen langen Weg vor uns hatten. 


Auf dem Abstieg begegneten wir dann doch zum ersten Mal anderen Bergsteigern. Sie waren aus Baden-Württemberg extra angereist, um diesen tollen Tag mit der schönsten Tätigkeit zu verbringen: Bergsteigen. Ziemlich rasch hatten wir den versicherten Steig hinter uns gelassen, ohne das lose Geröll in Bewegung zu bringen. Kleiner Bonus war, dass es sich über die großen Schneefelder sehr gut „abfahren“ ließ. Da waren wir ruckzuck wieder unten am Weg. Rechts wäre es weiter Richtung Suwaldspitzen gegangen. Das sah ebenfalls sehr verlockend aus und wurde gleich mal für die nächste Saison im Hinterkopf gespeichert. 

Kurz darauf wieder am Bichlbächler Jöchl angelangt, versanken wir in einem frühlingshaftem Blumenmeer. Die Lechtaler Alpen, allgemein für ihren Blumenreichtum bekannt, setzten hier nochmal gewaltig eins oben drauf. Auf einem Quadratmeter kamen bald fünfzehn verschiedene Blumensorten. Ich war überwältigt, freu ich mich doch immer auf die ersten Boten, die wärmere Zeiten prophezeien. Aufgrund dieser floralen Vielfalt fand sich auch kein deutlicher Pfad mehr, sondern es ging querfeldein den Gras- und Blumenbuckel hinauf. Selten sah man eine sehr verblasste rote Markierung auf einem Stein. Ausgeprägt war etwas anderes. Aber es war auch nicht vonnöten. Denn es war klar, es gab nur eine Richtung: Hinauf. 

Die erste Graskuppe hinter uns gelassen und ab hier die Zugspitze ständig im Blick, stiegen wir bis zum Westgipfel an. Dort gab es die erste verdiente Pause, und wir machten uns über die mitgebrachte Brotzeit her. Absolut hervorragend so ein Schinken-Käse-Semmel bei dieser Aussicht. Da braucht‘s nix anderes mehr. Vor uns lag der lange, vielversprechend aussehende Grat und direkt hinter ihm die Zugspitze. Zu unserer Rechten erblickten wir bereits von hier aus schon den Fernsteinsee und den Samerangersee. Etwas später rückte auf unserer Tour auch noch der Blindsee ins Bild. 

Nach der Stärkung und dem ausgiebigen Genießen der Aussicht packten wir unsere Sachen wieder zusammen und machten uns auf den Weiterweg. Wir waren gespannt. In der Wegbeschreibung im Internet war von schwierigen Stellen berichtet worden. Und auch im Alpenvereinsführer der Lechtaler Alpen war die Rede davon, dass der Weg gesichert und hergerichtet werden sollte. In der Karte fand sich das Symbol der Leiter, welche auf versicherte Steige hindeutet. Weil wir auf Bildern im Internet Bergsteiger mit Klettersteigset gesehen hatten, führten wir unsere Sets sicherheitshalber auch im Rucksack mit. Zusatzgewicht, welches ich nach der Tour als dem Training zu Gute kommend verbuchte. Denn zum Einsatz kam es an diesem Tag nicht mehr. 

Am ziemlich scharfen Grat entlang, welchen man öfter mal nach rechts ausweichend umsteigen musste, ging es in etwas weniger als einer halben Stunde zum Hauptgipfel der Gartnerwand. Und in der Tat, in fast regelmäßigen Abständen fanden sich auf dem schrofigen Abschnitt – mit leichten Kletterstellen im ersten Schwierigkeitsbereich – Bohrhaken und zusammengerollte Drahtseile. Für uns war es sehr gut ohne diese Seile machbar. Trotzdem hatten wir mehr als großes Unverständnis darüber. Da waren die Sicherungen vorhanden und konnten aber nicht benutzt werden. Teilweise isoliert in Gummi, wahrscheinlich aufgrund der vielen Blitzeinschläge, die der Gartnerwand bei sommerlichen Gewittern widerfährt. Ich denke, es gab bestimmt den ein oder anderen, der aufgrund der nicht angebrachten Seile umdrehen musste. Und auch wir wären an einer etwas heiklen und prekären Stelle sehr froh über ein Seil gewesen. Nur ein leichtes Rutschen, ein falscher oder unsicher gesetzter Schritt und es wäre erbarmungslos in die Tiefe gegangen. Da hätte einen nichts und niemand mehr gehalten. 

Immerhin waren an den glatten schrägen Schrofenplatten hier und da Eisenstifte gesetzt, das erleichterte die Trittsuche. Von hier aus hatte man bereits immer wieder den Blick auf das große Kreuz.

Und dann waren wir da. Zunächst an einem kleinen Gedenkkreuz, hinter dem, wie schon die gesamte Dauer der Tour, die Zugspitze aufragte und sich majestätisch in die Landschaft drückte. Ein paar Meter weiter und nochmals einen kleinen Anstieg später standen wir am großen Kreuz des Hauptgipfels der Gartnerwand auf 2377 Meter. Ein junges Pärchen, das die letzten drei Tage bereits in der Zugspitzregion verbracht hatte, waren die einzigen anderen Gipfelbesucher der Gartnerwand an diesem Tag. Abermals gönnten wir uns eine kurze Pause, hauptsächlich, um diese unsagbar schöne Landschaft um uns herum bildlich festzuhalten. Und dann ging es weiter Richtung Grubigstein. Schon bevor wir den Gipfel des 2233 Meter Hohen Berges erreichten, nahm die Frequenz an Berggängern deutlich zu. Es war klar, wem das geschuldet war. Der Grubigsteiner Bergbahn. 

Hier traf man, wie üblich in der Nähe von Bergbahnen, auf Jung und Alt. Mit kompletter Bergsteigerausrüstung oder in weißen Stoffturnschuhen. Auch Mountainbiker und Gleitschirmflieger waren vertreten. Trotz der so jäh unterbrochenen Stille, die uns wesentlich angenehmer war, ließen wir uns nach dem Gipfel unser Weißbier auf der Bergbahnterrasse nicht nehmen. Zugegeben, im Anblick, der von hier aus noch viel massiver wirkenden Zugspitze war uns auch klar, dass hier deutlich weniger los ist, als drüben bei ihrer Majestät, die in der schnurgeraden Luftlinie zum Greifen nahe erschien. 

Und trotzdem packten wir bald darauf schon wieder unsere Sachen zusammen, mussten wir doch unterhalb der Gartnerwand alles wieder zurück bis zum Stockachtal laufen, um dann bei Bichlbächle wieder zu unserem Auto zu gelangen. Der Weg von hier aus war anfangs noch markiert. Ziemlich schnell wurde es wieder einsam um uns herum. Bis ins Gartnertal ging es auf mehr oder weniger deutlichen Pfadspuren. Doch bald schon war es ein manchmal etwas verwirrendes Suchspiel nach Schildern oder Markierungen, dem dichten Buschbewuchs geschuldet. Wir wollten ja nicht aus Versehen zu früh absteigen, um dann den Rückweg im Tal an der Bundesstraße zurücklegen zu müssen. Also orientierten wir uns an der mächtigen Gartnerwand zu unserer Linken. 

Wir stiegen einiges an Höhenmetern hinab, um bald darauf alle Höhenmeter wieder anzusteigen. Der Pleisspitze, auch Bleispitze genannt, kamen wir dabei immer näher. An einer kleinen Jagdhütte zwischen der Gartnerwand und noch vor dem Sommerbergjöchle, dem Aufstieg zur Pleisspitze, sahen wir den Jägersmann samt Hund aus der Ferne. Auch wenn wir uns darüber wunderten, hatten wir ja trotz der Einsamkeit auf der gesamten Tour außer ein paar Alpendohlen kein einziges Tier erblicken können. Ich war gut in Form und so konnte ich Uwe dazu überreden, noch einen letzten Abstecher auf die Pleisspitze zu unternehmen. Den vierten und letzten Gipfel für heute – oder den fünften, würde man den Westgipfel der Gartnerwand als eigenständigen Gipfel betrachten. 

Es war nochmal ein wirklich mühsames Stückchen Arbeit, diesen Steilgrasberg empor zu steigen. Zwischen teilweise recht hohem Gras und abermals vielen Blumen kamen wir aber bald oben an. Und obwohl er in der direkten Verlängerung des Hauptgipfels der Gartnerwand liegt, war der Blick von hier aus doch nochmal so ganz anders. Wir schauten lange zum Gartnerwandgipfel hinüber, denn laut Kompass-Karte gab es im direkten Grat einen Verbindungsweg der beiden Gipfel. Auf dem Wegweiser in der dazwischenliegenden Senke deutete allerdings nichts darauf hin, und auch Markierungen konnten wir von dort keine ausmachen. 

Es sah sehr wild und heikel aus. Laut der Karte mussten auch hier versicherte Stellen im Gratübergang sein, aber auch die konnten wir von unserem Standpunkt aus nicht erblicken. Und nach unserer vorherigen Erfahrung vertrauten wir darauf auch nicht. Brüchiges IIer-Gelände mit schwieriger Orientierung wurde beschrieben. Wir sinnierten noch darüber, ob wir uns das im kommenden Jahr mal genauer anschauen sollten und machten uns dann aber auch bald an den Abstieg. Denn dieser war lang und steil. Fast 1000 Höhenmeter mussten wir von der 2225 Meter hohen Pleisspitze absteigen. Hört sich im ersten Moment nicht viel an, aber wenn man bedenkt was wir an Kilometern und Höhenmetern sowohl im Auf- als auch im Abstieg schon hinter uns hatten, reichte es allemal. Letzten Endes brachten wir es bei unserer langen Zugspitzblicktour immerhin auf stolze 26 km und 2610 Höhenmeter. Wer solche Distanzen aber nicht scheut, dem sei gesagt, dass es sich hierbei um eine mehr als lohnende Tour handelt. Die wirklich einiges zu bieten hat an blumenreichen, gut ausgetretenen Pfaden, schrofiger, leichter Kraxelei, atemberaubender Aussicht und größtenteils völlige Einsamkeit. Und dazu den höchsten Berg Deutschlands fast den ganzen Tag im Blick.

Text und Bilder: Chrissie Gleich

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