Gewusst wie: Gletschertouren

Titelbild: © Deutscher Alpenverein | Marco Kost

Zweifelsfrei bieten die Eisfelder der Alpen eindrucksvolle Anblicke. Wenn du aber einmal selbst einen Fuß auf einen Gletscher setzen möchtest, solltest du dabei unbedingt einige Regeln beachten. 

Hochtouren mit Gletscherkontakt gehören zu den komplexesten Herausforderungen für Bergsteiger. Ausbildungskurse im Eis, oft aber auch Trockenübungen in deiner Nähe, bieten die verschiedenen Alpenvereinssektionen an. Nähere Informationen, auch bezüglich der aktuellen Corona-Situation, bitte vor Ort erfragen.

Viele Gipfel sind nur mittels einer Gletscherüberquerung erreichbar. Wildspitze, Großvenediger, Breithorn: Hochtouren gewinnen dank ihrer Gletscherpassagen an alpinem Flair, erhöhen dadurch aber auch ihre Ernsthaftigkeit. Manchmal ist sogar schon auf Hütten- oder Höhenwanderungen mit Eiskontakt zu rechnen. Gletscher-Trekking ist in! Gute Vorbereitung, die richtige Ausrüstung und Knowhow sind dann obligatorisch. Gemeinsam mit dem Schweizer Remo Baltermia zeigen wir euch, wie Gletschertouren möglichst sicher durchgeführt werden können. Der Bergführer aus Engelberg weiß, worauf es ankommt!

Bereite dich vor!
Theorie hin oder her: nichts ersetzt die Praxis. Deswegen solltest du dich vor deiner ersten ernsthaften Gletschertour unbedingt richtig ausbilden lassen. Schließlich nutzt dir das beste Wissen nichts, wenn du es nicht anwenden kannst. Hierfür bieten sich spezielle Kurse für Mitglieder des Alpenvereins an. Für eine Teilnahmegebühr von etwa 100 bis 400 Euro wird über mehrere Tage am Gletscher geübt. Kameraden- und Selbstrettung, Verhalten bei Spaltensturz, die Lose Rolle und alle wichtigen Bergungs- und Sicherungsmethoden werden dabei intensiv trainiert. Alle weiteren hier genannten Regeln und Tipps ersetzen niemals ein solches Praxistraining. „Wenn wir sehen, wie viele Menschen heute in den Bergen unterwegs sind, die Unfallzahlen aber sinken, dann wird klar, wie wichtig die Ausbildung ist!“, erklärt Remo. Er ist froh über diese positive Entwicklung und freut sich, wenn Menschen zu ihm kommen, um zu lernen.

Wenn du aber noch keinen Kurs besucht hast, trotzdem aber echtes Gletscher-Feeling erleben möchtest, solltest du unbedingt einen Bergführer engagieren. Bei einer exakt auf deine Bedürfnisse zugeschnittenen Tour, lernst du schon die ersten Grundregeln, schnupperst echte Gletscherluft und sammelst vielleicht schon deinen ersten Gletschergipfel! Learning by doing! 

Im Aufstieg zur Pyramide Vincent, 4215 m.

Bleibe immer am Ball!
Gut trainiert ist leider nur halb gewonnen. Während Seilhandling, Routenführung und das Gehen mit Steigeisen bei jeder Gletschertour weiter trainiert werden, geraten die Bergungsmethoden oft in Vergessenheit. Schließlich kommen sie nur in echten Notfällen zum Einsatz. Um aber sein Wissen immer wieder aufzufrischen und wichtige Handgriffe aus dem Effeff zu beherrschen, bietet sich der Hüttennachmittag vor der eigentlichen Gletschertour an. 

Oft finden sich in Hüttennähe Klettergärten, an denen das Seilhandling trainiert werden kann. Dabei kann gleichzeitig der Wissen-stand der ganzen Seilschaft unter die Lupe genommen, und die Reihenfolge für den folgenden Tag festgelegt werden. Schlüsselpositionen einer Seilschaft besetzen die erste, vor allem aber die letzte Person. Auch ein abendliches Prusik-Training am Hüttendachbalken schadet nicht und bringt Spaß. 

Oft ist es auch nicht weit bis zum Gletscher selbst. Wenn du noch ungeübt bist, lernst du hier schon einmal das Gefühl der Steigeisen kennen und verlierst Anspannung und Nervosität. Spätestens jetzt werden auch die Steigeisen an die Schuhe angepasst, um in der morgendlichen Dunkelheit unnötige Wartepausen zu vermeiden. Abends lassen sich am Tisch letzte organisatorische Punkte festlegen, wie zum Beispiel einen auf die zu erwartende tageszeitliche Erwärmung angepassten Umkehrzeitpunkt.

Im Abstieg von der Parrotspitze, 4434 m.

Sei immer gut ausgerüstet!
Es ist kaum möglich, zu viel Ausrüstung dabei zu haben. Wenn aber wichtiges Equipment fehlt, kann dir das teuer zu stehen kommen. Für einfachste Gletscherüberquerungen reichen festes Schuhwerk, Grödel und eventuell Trekkingstöcke – aber auch nur dann, wenn du über die aktuellen Verhältnisse genau Bescheid weißt! Solche Informationen findet man heute zwar oft in den sozialen Medien, wirklich fundiertes Wissen geben aber meistens die örtlichen Bergführer preis. Wer freundlich fragt, der darf mit einer Gratisinformation aus erster Hand rechnen. Übrigens: Auch wenn der Gletscher aper ist und nicht in einer Seilschaft gegangen wird, ist immer der Gurt anzulegen.

Ist man mit Bergführer unterwegs, genießt man eine besondere Sicherheit. „Auf Gletscher-Trekking-Touren benötigen meine Gäste eigentlich nur Gurt und Steigeisen. Ich selbst dagegen trage darüber hinaus in jedem Fall ein 1.-Hilfe-Set, ein Flaschenzugsystem, eine Eisschraube und ein kleines Reparaturset, um funktionsuntüchtige Steigeisen wieder in Gang setzen zu können.“

Solltest du die aktuelle Situation auf dem von dir angepeilten Gletscher aber nicht kennen, noch dazu ohne Führer unterwegs sein, dann gelten andere Regeln. Schließlich kann schon der kleinste Ausrutscher eine Kettenreaktion in Gang setzen und eine Vielzahl unterschiedlicher Ausrüstungsgegenstände unverzichtbar werden lassen. Solide Steigeisen, Eispickel, zwei jeweils vier Meter lange Reepschnüre, eine Eisschraube, drei Verschluss-Karabiner, zwei Normal-Karabiner und eine Bandschlinge gehören zur Pflichtausrüstung – für jedes Seilschaftsmitglied! Liegt Schnee, wird angeseilt. Auch im Sommer. 

Gletscher-Equipment aus Utah, USA: Die Raven Pro Ice Axe mit einem Contact Steigeisen.

Bilde eine Seilschaft – aber richtig!
Wo immer möglich, wo immer nötig. Sicherer als in einer Seilschaft lassen sich Gletscher kaum begehen. Dabei wirft gerade diese Art der Selbst- und Kameradensicherung die meisten Fragen auf. Wenn aber einige Grundlagen beachtet werden, ist ein schnelles und einfaches Vorankommen auch als Seilschaft möglich. Punkt 1: Anders als beim Felsklettern niemals direkt ins (imprägnierte) Seil einbinden. Praktikabler ist ein Einklinken mit Verschlusskarabiner im Auge eines Sackstichs, Achter, o.ä.

Während auf aperen Gletschern ohne Spalten-, Absturz- und Abrutschgefahr auf ein Seil verzichtet werden kann, stellt sich bei Schneeauflage oder in steilerem Gelände die Frage nach der richtigen Anzahl der Personen pro Seilschaft. „Auf einfachen Touren versuche ich maximal sechs Personen am Seil zu haben. Je anspruchsvoller das Gelände, desto weniger Seilschaftsmitglieder!“ Wirklich realistisch ist es natürlich nicht, die Anzahl seiner Seilschaftskameraden den aktuellen Verhältnissen anzupassen. Manchmal kann es aber Sinn machen, wenn sich für heikle Gletscherüberquerungen zwei kleine Seilschaften zusammenschließen und später wieder trennen. 

Je nach Personenanzahl ist es ratsam einen anderen Seilabstand zu wählen. Eine Dreierseilschaft hat im Optimalfall etwa 12 Meter Seil zwischen jeder Person. Faustregel: Pro zusätzlicher Person verringert sich dieser Abstand um einen Meter. Außerdem, so Remo: „Das Seil zwischen den Personen muss jederzeit leicht gespannt sein. Seilschlaufen in der Hand kann man zwar öfters beobachten, sind aber tabu.“ Wird die Spaltensturzgefahr als groß eingestuft, lieber etwas mehr Seil einplanen!

Die gängigste Seillänge (je nach Seilschaftsgröße) ist 50 oder 60 Meter. Die somit übrigen Seilenden werden gleichmäßig auf Vorder- und Hintermann verteilt. Ob als Seilbund um die Schulter hängend, oder als Puppe im Rucksack verstaut, bilden diese Seilenden eine wichtige Reserve zur Bergung im Falle eines Spaltensturzes. Was einfach klingt, birgt aber auch Gefahr: Falsch um den Oberkörper gewickelte Bünde können tödlich enden (Erdrosselung, Kreuzigungstod). 

„Die Wahl des richtigen Seils ist übrigens entscheidend!“, sagt Remo und fügt hinzu, dass er vor jeder Tour aus mehr als zehn unterschiedlichen Seilen wählt. Für einfache Gletschertouren nimmt er gerne die modernen, sehr leichten Kevlar-Reepschnüre. Diese sind zwar statisch, das spiele aber beispielsweise bei einem Spaltensturz keine große Rolle.

Eisschraubenstand am Lyskamm Naso, 4272 m.

Wähle immer die richtige Sicherungsmethode!
Oft warten vor oder nach den Gletscherpassagen Schlüsselstellen im Fels. Dann sind statische Seile fehl am Platz! Wenn keine Spaltensturz-, dafür aber Absturzgefahr besteht, bist du oft gut beraten, deine Sicherungsmethode den neuen Gegebenheiten anzupassen. Auf Gletschern gelten eben andere Gesetze: Ein Hüftgurt kann auf dem Eis durchaus von Vorteil sein. Durch seinen tiefen Anseilpunkt wird das Halten eines Sturzes erleichtert. (Geteilt sind hier die Meinungen bzgl. Kinder, übergewichtige Personen oder wenn mit schwerem Gepäck gegangen wird.) Am Fels bieten dagegen immer Kombigurte mit Brustgurt ein Maximum an Sicherheit. Während auf dem Eis in der Regel ein einzelner Halbseilstrang ausreicht, ist im Fels der Doppelstrang oder ein Einfachseil Pflicht. Und während im Fels oft eine Fixpunktsicherung angewandt wird, bewegen sich auf Gletschern in der Regel alle Seilschaftsmitglieder gleichzeitig. Dennoch ist beispielsweise in besonders heiklen Spaltenzonen eine Sicherung von Standplatz zu Standplatz anzuraten. In einfachem Felsgelände kann dagegen auch eine Sicherung am laufenden Seil möglich sein (Fixpunkte beachten!). „Die Wahl der richtigen Sicherungsmethode erfordert viel Erfahrung und eine gute, vorrausschauende Tourenplanung. Sie ist der Schlüssel zur erfolgreichen Tour!“

Alpinismus geht auch in Übersee, wie hier im mehr als 4000 Meter hohen Grand Teton Nationalpark in Wyoming. 
© Black Diamond

Ausnahmen für deine Zweierseilschaft
„Wenn man zu fünft am Seil hängt, ist ein Spaltensturz meist schnell und problemlos ausgeglichen. Jede Person wirkt wie dein persönlicher Anker“, erklärt Remo, der nicht nur schon einen Kollegen aus einer Spalte barg, sondern sich sogar einmal selbst aus einer solchen retten konnte. 

„Anders verhält es sich in einer Zweierseilschaft. Hier treffen die Kräfte des stürzenden Kameraden unvermittelt auf dich.“ Die gestürzte Person zu halten und gleichzeitig zu bergen ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Deswegen gelten für Zweierseilschaften im Allgemeinen gesonderte Regeln. Der Bergführer rät: „Der Seilabstand sollte schon 20 Meter betragen. So bleibt wichtige Zeit zum Reagieren“. Schlappseil sei unbedingt zu vermeiden, da im Falle eines Sturzes die Wucht schlagartig übertragen wird. 

Um den Sturz bestmöglich zu dämpfen, müssen in der Seilmitte drei bis fünf Bremsknoten angebracht werden. Da das Seil im Sturzfall an der Spaltenlippe ins Gletschereis schneidet, besteht eine reelle Chance, dass die Knoten den Sturz nicht nur effektiv bremsen, sondern eventuell sogar ganz halten. Nachteil: Kann die gestürzte Person sich selbst aus der Spalte prusiken, muss sie sich über die Knoten arbeiten, wird ein Flaschenzugsystem aufgebaut, muss über die Knoten gearbeitet werden – was immer noch weit besser als ein Komplettabsturz ist. 

In absturzgefährdetem Gelände kann es dagegen sinnvoll sein, ganz auf das Seil zu verzichten. Mitreißunfälle sind tragisch und vermeidbar. Das Gehen am kurzen Seil bleibt übrigens ausschließlich Profis und Bergführern wie Remo vorbehalten! 

Hochtouren mit Gletscherkontakt sind nicht ohne Grund die Königsdisziplin des Alpinismus. Sie fordern den ganzen Bergsteiger, viel Erfahrung und Routine, stehen aber auch für unvergessliche Bergmomente und Erlebnisse. Durch eine fundierte Ausbildung, ständiges Abwägen der momentan am größten erscheinenden Gefahr und der daraus resultierenden Sicherungsmethode, kann das Risiko aber auch auf einer Hochtour auf ein Minimum reduziert werden.

Autor: Benni Sauer

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