Gipfelsammeln im Lechtal

Der Start dieser außergewöhnlichen Tour liegt auf 1518 Metern, in Kaisers, dem höchsten noch ständig bewohnten Bergbauerndorf der gesamten nördlichen Kalkalpen. Schon von Kaisers aus hat man ein unvergleichlich schönes Bergpanorama mit der auffälligen Vallesinspitze, auch Fallesinspitze genannt, als Blickfang. 

Zunächst geht’s auf dem Fahrweg, dann einen Fußweg entlang talein zu den weiten Weideböden. Bereits hier an der »Eingangspforte« zum Kaisertal erahnt man, welch wilde Schönheit einen die nächsten Tage erwarten wird. Bis zur Kaiseralm auf 1689 Meter verläuft der Weg flach und nah entlang des Kaiserbaches, an dessen Ufer sich Kühe ausruhen. Zweimal quert man den Kaiserbach auf Brücken, gleich zu Anfang und später direkt an der Kaiseralm. Ab da geht es rechts vom Bach über Stock und Stein auf einem zunehmend steilen Steig weiter. Er führt über teils abenteuerliche kleine Stege in eine steile Hochmulde. Dann über Hänge aufwärts und durch eine Rinne auf ein Köpfl, rechterhand vorbei an der Kaisersteinspitze. 

Auf den Böden des Pazin angekommen, dauert es nicht mehr allzu lange und man erblickt das Kaiserjochhaus. Bereits gute 800 Höhenmeter sind nun absolviert. Hier ist die erste Anlaufstation, um das Übernachtungsgepäck abzuladen, kurz zu verschnaufen und dann mit leichterem Gepäck weiter zu gehen. Wer die vielen Möglichkeiten an Gipfeln in kurzmöglichster Zeit wahrnehmen möchte, hat keine Zeit zu verlieren. Von hier steigt man gleich steinig an einem Grat mit Drahtseilen versichert bergan Richtung Leutkircher Hütte. Taktisch zeitsparend sollte der erste Gipfel der möglichen fünf in dieser Richtung der Hirschpleiskopf sein. Das bedeutet, an allen anderen zunächst vorbei und das Feld von hinten räumen. 

Von dort aus geht’s dann auch direkt zurück und auf den schönsten und höchsten Gipfel des ersten Tages: den Stanskogel mit 2757 Metern. Man verlässt den bereits bekannten Weg an einer Gabelung nach links und steigt auf Gras und Geröll den Rücken und die SW-Flanke empor. Über die steile Südflanke mit Drahtseilversicherungen und Tritten gelangt man zum letzten Grat und auf den Gipfel. Eine grandiose Aussicht vom Gipfelkreuz – bereits hier sticht markant der Hohe Riffler mit seinen über 3000 Metern von »gegenüber« ins Auge. Die Vallesinspitze bildet den gewaltigen Zwillingsgipfel der Stanskogels. Sie wird, obwohl höher als der Stanskogel, selten besucht. Das liegt auch daran, dass keiner der Anstiegswege unter der Kletterschwierigkeit II liegt, und das in brüchigem Fels. 

Zurück auf dem Höhenweg erreicht man alsbald den Sattel, von dem aus man auf den Bergleskopf und den Schindlekopf über den Kamm in leichter Kraxelei steigen kann. Gigantische Tiefblicke tun sich nun auf. Genau gegenüber gelangt man über sehr steile Grashänge, nur bei Trockenheit zu empfehlen, auf die Kaisersteinspitze im langen N-Grat des Bergleskopfs. Auf bereits bekanntem Höhenweg zurück zum Kaiserjochhaus wartet eine kleine Stärkung, Suppe oder Brotzeit auf der Terrasse schmecken jetzt vorzüglich. Von dort hat man schon die nächsten zwei Ziele im Blick. Wer genügend Power mitgebracht hat, kann die beiden Gipfel noch nach dem Abendessen in Angriff nehmen. 

Weit weniger hoch als der Grießkopf sieht der Malatschkopf schon beim ersten Erreichen des Kaiserjochhauses interessant aus. Er ist über den Höhenweg, der in Richtung Simms-Hütte führt, in wenigen Minuten erreichbar. Über einen Wiesengrat geht es guten, festen Fels teilweise versichert über den Grat auf den nach Süden vorgelagerten Hahnenkamm. Jetzt schiebt sich der Hohe Riffler wieder ganz ins Blickfeld, die Sicht ins Inntal fasziniert ebenfalls. Genau gegenüber wartet der »Hausberg« über dem Kaiserjoch. Der gut 200 Meter höhere Grießkopf ist problemlos über einen Steig im Schutt in knapp einer Stunde erreichbar. Auch hier bieten sich geniale Aussichten in Richtung Kaiserjoch. Der Abstecher vom Kaiserjochhaus lohnt sich, am besten aber noch ohne Gepäck am Morgen, denn auch ohne ihn hat man am ersten Tag schon knappe 23 km und fast 2000 Höhenmeter im Kreuz. Wer genügend Zeit hat und seine Kraft einteilen möchte, bucht zwei Übernachtungen auf dem Kaiserjochhaus. Lohnend ist dies allemal, die Aussichten sind unvergleichbar schön und die Verpflegung sowie die Unterkunft absolut einwandfrei. Bis zur Dämmerung hat man das Allgäuer Dreigestirn mit Mädelegabel, Hochfrottspitze und Trettachspitze vom Hüttenfenster aus im Blick.

Der Weiterweg vom Kaiserjochhaus zur Holzgauer Wetterspitze hat es zunächst in sich. Man folgt dem anspruchsvollen Lechtaler Höhenweg in Richtung Frederik-Simms-Hütte. Zunächst auf schuttreichen, steilen, teilweise abgerutschten Wegen durch die Kridlonscharte bis unter das Hinterseejoch. Weiter auf versicherten guten Wegen mit ständigem Blick auf den Hintersee. Dieser lädt durch seine bestechende Optik zum Verweilen ein, wer aber auf die monumentale Holzgauer Wetterspitze möchte, muss vorankommen. Auf dem Höhenweg, der den See fast umrundet, verliert man den Bergsee bald hinter der nächsten Bergkette aus den Augen. Vorbei am Stierlahnzug folgt man dem Schild mit der Aufschrift Kälberlahnzug. Oben am Sattel präsentiert sich die Wetterspitze in voller Größe. Zunächst ins Kälberlahnjoch absteigend, geht‘s in vielen Serpentinen durch kleinsten Schotter bergan, bis man am ersten Aufschwung und somit vor dem Einstieg steht. 

Nun wird es deutlich anspruchsvoller, und wer möchte, findet hier einen guten Platz, um den Rucksack zu deponieren. Für die leichte Kraxelei auf dem unverfehlbaren Weg ist Schwindelfreiheit Voraussetzung. Bald erreicht man an der sogenannten Schlüsselstelle unmittelbar ein Felsfenster. Viele hundert Höhenmeter geht es hier bergab. Wird diese Stelle gemeistert, hat man das Schwierigste im Aufstieg hinter sich. Noch eine kurze, arg ausgesetzte, aber versicherte Stelle, und schon steht man am Gipfelkreuz, der atemberaubendste Gipfelausblick der gesamten Tour. Unendliche Weiten und unzählige Gipfel. Wilde zackige Silhouetten, die man unter der Woche meist allein von diesem Gipfel aus bestaunen kann. Ewig möchte man hier verweilen und dieses atemberaubende Ambiente genießen. 

Doch nach kurzer Pause gilt es, sich auf den Abstiegsweg zu machen. Wieder im Kälberlahnzugjoch angekommen, ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Wer auf der Frederik-Simms-Hütte übernachten will, wird zunächst die Feuerspitze erklimmen und sich das Highlight, die Holzgauer Wetterspitze, für den kommenden Tag aufheben. Von der FSH, wie diese Hütte auf Felsen und Schildern angezeichnet ist, kann auf dem Abstieg ins Falmedonjoch nach Kaisers noch auf den Hahnleskopf und den Muttekopf steigen. 

Bei meiner Tour war der Abstiegsweg von der FSH nach Kaisers allerdings wegen starken Wegeschäden gesperrt und ein Abstieg unmöglich. Daher kehrte ich vom Kälberlahnjoch bis zum Stierlahnzug zurück und stieg von dort direkt weglos durch weichen Schotter unschwer, aber zunächst sehr steil auf die Feuerspitze. Von hier bietet sich ein letzter, eindringlicher Blick auf die zuvor bestiegene Holzgauer Wetterspitze. Einfach ein wunderschöner Berg in seiner Form, eingebettet in eine imposante Landschaft. Der Abstieg über den Kälberlahnzug ins Kaisertal ist anspruchsvoll und zieht sich. Das nicht nur, weil die Zeitangaben auf den Schildern nicht stimmen. Eine Stunde steht hier, aber selbst wenn man nach dieser Mammut-Tour noch voller Elan sprüht, nicht machbar.

Das Steilste ist geschafft, bald wird es im Kaisertal flach und unschwierig, sodass man die Blumenpracht neben dem Kaiserbach bestaunen kann. Zwischen diesen bunten Farben lässt sich hier und da ein Murmeltier erspähen. Nach einiger Zeit erreicht man wieder die Kaiseralm und geht auf bekanntem Weg, von dem man zu dieser Gipfelsammlerei aufgebrochen war. Wer sich noch eine besondere Erfrischung gönnen und die einmalige Tour Revue passieren lassen möchte, ehe es dann zurück in den Alltag geht, ist auf der Terrasse der Kaiseralm genau richtig. Hier schmecken Weißbier und Brotzeit oder Kaffee und Kuchen besonders gut.

Text und Bilder: Chrissie Gleich

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