Gletscher in Österreich: Das Ende vom ewigen Eis

Über die Gletscherschmelze im Alpenraum

Wo wir heute über Fels und Geröll steigen, hätten sich vor wenigen Jahrzehnten unsere Steigeisen ins Gletschereis gebohrt. Die Gletscherschmelze geht aber im Alpenraum rasant voran – auch am Fuße von Österreichs höchstem Berg. In einem Tempo, das wir in Echtzeit mitverfolgen können.

Die Gletscher in Österreich schmelzen und schmelzen

Es ist ein bisschen, wie unter der Dusche zu stehen. Nur, dass das Wasser weniger gleichmäßig fließt. Es kommt auch nicht nur von oben, sondern rinnt seitlich an mir herunter, auch unter mir gluckert es. 360 Grad Plätschern, Gurgeln, Tropfen. Der Gletscher schmilzt so laut, dass ich die Stimmen von oben nur gedämpft wahrnehme.
Während ich mich weiter abseile, knackt es neben mir und ich weiß, dass sich damit ein neues Teilchen Eis vom Gletscher verabschiedet hat. Es bröckelt nach unten und wird irgendwo am Grund dieser Spalte liegen bleiben, auf einem Haufen, der aussieht, als hätte jemand viele Beutel Crushed Ice auf einmal ausgeleert.

Mitten im Gletschereis

Mittlerweile bin ich in acht Metern Tiefe angekommen. An einem einzelnen Seil baumle ich mitten im Gletscher am Fuße von Österreichs höchstem Berg. Hier unten ist das Eis sauber, es schimmert blau und strahlt in kürzester Zeit so viel Kälte ab, dass ich mich nicht länger fühle wie an einem Junitag. Stattdessen kann ich dabei zusehen, wie jeder Atemzug vor meiner Nase als kleines Wölkchen aufsteigt.

Je weiter ich mich nach unten abseile, desto enger wird die Gletscherspalte. Bis sie mich irgendwann so fest umschließt, dass ich meine Arme kaum mehr ausstrecken kann. Ich fühle mich winzig klein in diesem mächtigen Eis, während es tropft, gurgelt und knackt. Es ist eine Welt für sich, die bereitwillig alles zu verschlucken mag, was ihr zu nahekommt. Und dennoch: Diese Naturgewalt, die alles um sich herum innerhalb eines einzigen Atemzugs verschwinden lassen kann, ist zerbrechlich. So zerbrechlich, dass wir ihr Aus in der Dauer von Menschenleben messen können. Zum Beispiel an dem von Peter Tembler. Er steht oben am anderen Ende des Seils.

Mit Peter Tembler am Gletscher in Österreich

Peter ist am Fuß des Großglockner aufgewachsen und war gerade erst 14, als er zum ersten Mal auf seinem Gipfel stand. Ein Gipfelmoment, an der er sich heute noch zu gut erinnert – obwohl er ihn seither fast 700 Mal erlebt hat. In den meisten Fällen gemeinsam mit Menschen, denen er diesen Bergsteiger-Traum als Bergführer verwirklicht hat.
Ich bin mit Peter nicht auf dem Weg zum Gipfel des Großglockners – stattdessen habe ich ihn an meiner Seite, um den Berg aus einer neuen Perspektive zu erleben. Aus seinem Inneren, sozusagen. Ich wollte genau dorthin, wo ich gerade baumle: Meter tief in einer Gletscherspalte des Teischnitzkees.

Das Teischnitzkees, fotografiert von der Stüdlhütte aus im Jahr 1954.
© Nationalpark Hohe Tauern

Die Gletscherschmelze verändert auch die Bergrouten

Während mir sein Wasser ins Gesicht tropft, bin ich gleichzeitig dankbar und glücklich. Darüber, genau hier im Eis zu hängen, das es bald vielleicht nicht mehr geben wird. Peter ruft zu mir nach unten, ob ich wieder nach oben kommen wolle. Wie wir das Aus des Gletschers an seinem Menschenleben messen können? Genau das möchte er mir jetzt zeigen.

Es dauert nur ein paar Schritte in der senkrechten Eiswand, ein paar kräftige Züge von Peter, dann habe ich vermeintlich sicheren Boden unter den Füßen. Vermeintlich, weil er das zwar gerade ist, ein mehr oder weniger fester Boden. Aber nur, solange wir nicht daran denken, wie viele Zentimeter genau dieser Boden innerhalb der nächsten Monate abschmelzen wird. Ein Gletscher ist ständig in Bewegung. Schiebt sich den Berg nach unten, immer schon. Die letzten Jahrzehnte allerdings in Geschwindigkeiten, wie es Forscher lange nicht für möglich gehalten hätten. Das Teischnitzkees, auf dem ich zum Beispiel gerade mit Peter stehe, hat sich während Peters Gipfeljahre so stark verändert, dass die Auf- und Abstiegsroute auf den Großglockner eine andere geworden ist.

Gletscherschmelze im Alpenraum

Rund 5000 Gletscher gibt es im Alpenraum. Ihre Veränderung ist gut dokumentiert. Auch die von Österreichs größtem Gletscher, der vom Teischnitzkees aus auf der anderen Seite des Großglockner liegt: Die Pasterze hat in den vergangenen 70 Jahren mehr als die Hälfte ihrer Fläche verloren. Allein innerhalb des letzten Jahres ist das Eis um fast 43 Meter zurückgegangen. Und die Prognosen für diesen Sommer 2022, die sind ganz besonders düster: Der untere Teil der Pasterze ist mit dem oberen Teil des Gletschers nur noch über einen dünnen Eisstreifen verbunden. Rings herum dunkler Fels.

Schmilzt das Eis bis zum Winter, teilt das den Gletscher in zwei. Die Gletscherzunge wird dann nicht weiter von nachkommendem Eis gespeist und schmilzt. Innerhalb von nur zehn bis 20 Jahren wäre sie komplett abgeflossen – das prognostizieren Forscher. Angst macht das Peter Tembler zwar nicht. „Aber bedenklich ist es schon. Wir müssen uns anpassen“, sagt er.

Peter Tembler deutet auf eine der Stellen, die während seiner früheren Touren noch mit Gletschereis bedeckt war.

Der Schlatenkees: Ein besonders bedrohter Gletscher in Österreich

Routen in den Bergen ändern sich, Touren werden schwieriger und gefährlicher. Nicht nur am Fuße von Österreichs höchstem Berg, sondern auch ein paar Dutzend Kilometer Luftlinie weiter westlich: Das Schlatenkees am Fuße des Großvenediger schmilzt schneller als alle anderen österreichischen Gletscher: 54,5 Meter innerhalb des letzten Messzeitraums 2021/2022. So steht es im jüngsten Bericht des Österreichischen Alpenvereins.
Und auch dieser Sommer wird ihm wieder besonders zusetzen – dem Eis von Schlatenkees, Teischnitzkees und Co. Die schützende Schneeschicht ist in diesem Jahr viel zu früh geschmolzen. „So frei wie heuer Mitte Juni war der Gletscher im Vorjahr den ganzen Sommer über nicht“, sagt Peter.

Sahara-Staub lässt die Gletscher in Österreich noch schneller schmelzen

Hinzu kommen Dreck und Sahara-Staub, die das dunkel und kontrastreich zeichnen. So nimmt es die Wärme der Sonne noch schneller auf. „Es ist schon Wahnsinn, dass der Mensch dazu beitragen kann, etwas so Gewaltiges ins Wanken zu bringen.“ Das sagt Peter Tembler dann doch, als er ein paar Momente länger an einer weiteren Stelle stehen bleibt, an der er vor Jahren noch mit Steig eisen übers Eis gelaufen ist. Bis zum Jahr 2050, so schätzten Schweizer Klimaforscher vor einigen Jahren, werden die Alpengletscher nur noch halb so groß sein wie 2017. Bis 2100 könnten sie sogar fast ganz verschwunden sein. Die mächtige Gletscherspalte, in der ich gerade noch gehangen bin, die wird es bis dahin längst nicht mehr geben.

Den Gletscher erleben

Der beeindruckendste (Fern)Blick auf das Teischnitzkees erstreckt sich vom Gipfel des Fingerhorns aus (2.743 Meter). Das Fingerhorn ist vom Lucknerhaus in zweieinhalb bis drei Stunden Gehzeit zu erreichen. Wer den Gletscher hautnah erleben möchte, der kann sich einem Nationalpark-Ranger oder Bergführer anschließen: Bei der Kalser Gletscherreise, veranstaltet vom Nationalpark Hohe Tauern, tauchen Teilnehmer zwei Tage lang in hochalpine Landschaften und Gletscherwelten ein. Auf dem Programm stehen auch die Übernachtung auf der Stüdlhütte (2.802 Meter) und, für alle, die sich trauen, das Abseilen in eine Gletscherspalte.

Weitere Infos online unter: www.bergfuehrer-kals.at/kalser-gletscherreise

Autorin und Fotografin: Franziska Consolati

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