Gletscherabenteuer und Gipfelerlebnisse am Tuxer Ferner

Titelfoto: 3.476 Meter hoch. Der Olperer dominiert ganz klar die Region.

Zweihundert Meter hoch schiebt sich die Pyramide aus kompaktem Granitgneis aus dem Gletscher heraus. Zweihundert Meter, die an sich keine nennenswerte Höhe für die Zillertaler Hochalpen sind. Der Olperer aber will gar nicht mit rekordverdächtigen Zahlen punkten. Er scheint viel lieber auf seine schlichte Schönheit zu setzen. Auf hochalpine Genussrouten. Auf berauschende Aussichten und sogar ein echtes Stück Alpin-Geschichte.

Wir sind am Ziel. Auf unserer Reise „über alle Berge“ haben wir die 3288 Meter hohe Gefrorene Wand Spitze erreicht. Schon von den Höhen am türkis schillernden Achensee konnten wir dieses Bergmassiv gut sehen – kaum zu glauben, dass wir nun auf seinem Gipfel stehen. 

Sommerski und Gipfelsehnsucht
Wirklich anspruchsvoll war der Aufstieg hier herauf allerdings nicht. Die Bergstation des Gletscherbus 3 liegt gerade einmal 60 Höhenmeter unter uns. Dort steigen im Minutentakt Skifahrer aus den Gondeln, die sich schnell wieder die Bretter unter ihre Füße binden und in Windeseile ins Tal hinabsausen. Ein Umstand, der uns heute sogar einen einsamen Gipfel beschert. Aussichtsreich und mit einer wahrhaftig einmaligen Stimmung.

Unter uns erstreckt sich behäbig der Tuxer Ferner. Breit und ausladend, mehr als einhundert Meter dick. Von hier oben wirken die auf ihm in den Sommerschnee gefrästen Pisten geradezu winzig – ebenso wie die Skifahrer an der uns gegenüberliegenden Wildlahnerscharte. Bei genauerem Hinsehen können wir sogar einige Bergsteiger entdecken, die von dort aus in Richtung Olperer steigen. Ein beeindruckender Anblick, denn von unserem Standpunkt aus zeigt sich der Berg eher abweisend, mit einer scheinbar spiegelglatten Nordostwand. Ob auch wir unser doch gerade erst erreichtes Ziel noch übertreffen könnten? Ein echter, ein wirklich erarbeiteter 3000er? Der Gedanke gefällt uns, waren die wenigen Höhenmeter hier herauf doch nicht mehr als ein kleiner Spaziergang, ein Abstecher auf einen mit Stahlseilen versicherten Aussichtspunkt.

Die Bergstation des Gletscherbus 3 – in der dünnen Luft fährt man das ganze Jahr über Ski.

Wir lassen den Gedanken sacken. Doch während wir den Gletscher hinabwedeln, halten wir immer wieder inne. Der Gipfel hat uns in seinen Bann gezogen. Ob wir den technischen Schwierigkeiten gewachsen wären? Würde das Wetter mitspielen? Könnten wir den Nordgrat des Olperers tatsächlich mit Steigeisen an unseren Skischuhen ersteigen? Bald schon gelingt es uns nicht mehr den Gedanken fallen zu lassen. Jetzt brennt er regelrecht in uns und wir wissen in diesem Moment genau, dass wir bereits morgen schon mit der ersten Bahn hinauf auf die Gefrorene Wand Spitzen und weiter zur Wildlahnerscharte fahren werden. 

Wintersport – 365 Tage im Jahr – auf und unterm Gletscher
Der Hintertuxer Gletscher ist das einzige Skigebiet Österreichs, das ganzjährig geöffnet ist. Und auch wir können es nicht leugnen: Mitten im Sommer die Ski in den Kofferraum zu packen, die Pisten und die tolle Gastronomie zu genießen, das ist durchaus ein Erlebnis. Staubende Pulverschnee-Abfahrten darf man natürlich keine erwarten. Doch der Reiz des Sommerskifahrens ist ein anderer: Die langen Tage, die Sommersonne, angenehme Temperaturen und mindestens genau so viel Spaß wie in der kalten Jahreszeit. Die 20 selbst im Hochsommer geöffneten Pistenkilometer reichen dafür allemal. Das hat schon was!

Und außerdem gibt es auf dem Gletscher, oder besser gesagt unter ihm, noch die etwas andere Sommerunternehmung: Der Natur Eis Palast. Das unterirdische Gletscherlabyrinth hat der Zillertaler Bergführer Roman Erler 2007 ganz zufällig entdeckt. Von außen ist dabei überhaupt nichts zu sehen von den versteckten Schönheiten im ewigen Eis. Und auch der Eingang in den Natur Eis Palast ist anfangs nur wenig überzeugend. Dabei reicht ein kurzes Gespräch mit Roman, den man am ehesten im Anmeldehäuschen direkt neben der Bergstation an der Gefrorenen Wand Spitze findet. Wenn der Erschließer dieses Naturjuwels von den Schönheiten dort unten spricht. Wenn man sich seine feinsäuberlich aufgezeichneten Übersichtskarten an den Wänden des Stahlcontainers anschaut. Wenn man diese skurrile Szenerie aufsaugt, die fast schon wie aus einem Hollywoodstreifen kopiert erscheint, garniert mit rauschenden Funksprüchen, die zweifelsfrei aus dem Tiefen unter unseren Füßen kommen, dann muss man sich dieses weltweit einmalige Naturwunder einfach genauer ansehen.

Über Blockgelände ist der Hauptgipfel der Gefrorenen Wand Spitzen schnell erreicht.

Hoch, höher, Olperer
Während des Abendessens konkretisieren wir unseren Plan. Die Wettervorhersage spricht von zumindest akzeptablen Bedingungen und die nachmittägliche Begutachtung des Nordgrats von der Wildlahnerscharte ließ uns ebendiesen durchaus möglich erscheinen. Also packen wir noch am Abend den Skirucksack mit eher ungewöhnlichem Equipment. Steigeisen. Karabiner. Ein Pickel. Und 50 Meter Seil. Das dürfte reichen.

Der neue Tag beginnt unerwartet anders. Zwar legen wir wie schon gestern die Skimontur an, die Stimmung aber ist leicht angespannt. Wir sind konzentriert und bereiten uns in gewisser Weise schon auf den Bergtag vor. Auch in der Gondel ändert sich das nicht. Zwischen den stammelnden Skifahrern stechen wir deswegen nicht zuletzt auch aufgrund unserer Ausrüstung hervor. Unsere Blicke auf die umliegenden Gipfel sind heute ganz andere als noch am Tag zuvor. Wir werden den gesicherten Pistenbereich schon bald verlassen und uns in hochalpines Gelände begeben. Diese Tatsache verändert alles – ganz besonders unseren Blick auf die Berge.

An der Wildlahnerscharte angekommen erscheint uns heute sogar der Berg wie ausgewechselt. Steiler und abweisender. Neben uns stürzen sich derweil die Skifahrer jubelnd die Pisten hinab – in welch gegensätzlichen Welten wir uns plötzlich befinden. Erst jetzt wird uns klar, welche Position der Olperer einnimmt. Er ist zwar nur der dritthöchste Berg der Zillertaler Alpen, doch seine geographische Dominanz gegenüber seinen Nachbargipfeln ist enorm. Tatsächlich ist der Olperer sogar einer der eigenständigsten Berge der zentralen Ostalpen.

Am Nordgrat des Olperers. Steigeisen und Pickel sind allein schon für den Zustieg obligatorisch.

Das Gefühl ist, was bleibt!
Anderthalb Stunden später: Die dünne Luft macht uns doch überraschend heftig zu schaffen. Auch ist das Klettern mit den klobigen Skischuhen und Steigeisen mehr als ungewohnt. Doch am Grat helfen immer wieder geschickt platzierte Eisenbügel, die entweder als Griff, Tritt oder Sicherungspunkt genutzt werden können. Sogar die Schlüsselstelle haben wir schon überwunden, auch wenn uns dort die Fönwalze bereits voll im Griff hatte. Das Wetterfenster schloss sich doch früher als erwartet. 

Am Gipfel umhüllen uns dann die Wolken ringsum. Kein Ausblick. Kein Panorama. Nur das stolze, das intensive Gefühl es geschafft zu haben. Die Freude über das Erreichen des Olperergipfels ist groß und wir schütteln uns lachend die Hände. Übrigens genau hier sollte 1881 ein echtes Stück Alpingeschichte geschrieben werden: die Bergsteiger August Böhm von Böhmersheim, Ludwig Purtscheller, Otto und Emil Zsigmondy haben sich an diesem Gipfel erstmals mit „Berg Heil!“ zum Gipfelsieg gratuliert. Sicher dachte niemand der damals Anwesenden auch nur im Traum daran, welch hitzige Debatten man noch um diesen Gruß führen würde. Und würde uns der Fönsturm während wir darüber sinnieren nicht schon die aufgewirbelten Eiskristalle ums Gesicht fegen, sicher wären wir auch noch eine Weile hier oben am Gipfel gesessen. 

Glücklicherweise ist man am Olperer trotz seiner alpinen Anstiege nie weit von der Zivilisation entfernt. Dank der guten Absicherung des Nordgrates seilen wir uns bald schon wieder auf das steile Eisfeld unterhalb des Gipfels ab und erreichen in nur wenigen Minuten unser Skidepot.

Wo kann man schon mitten im Sommer eine Hochtour mit genussvollen Skischwüngen beenden? Wo kann man solch alpine Gipfel so schnell erreichen? Wo kann man einen Gletscher von innen bestaunen, und nach dem Vormittag auf der Piste einfach einen Klettersteig direkt nebenan ersteigen? Wo, wenn nicht im Zillertal! Und so bleibt vom Finale einer grandiosen, abwechslungsreichen Reise kein tolles Panoramafoto vom Gipfel, sondern ein intensives Gefühl. Das Gefühl ganz oben gewesen zu sein. Etwas erreicht zu haben. Es geschafft zu haben. Das sind Gefühle, die lange bleiben. Sehr lange. Vielleicht sogar für immer.

Autor: Benni Sauer

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