Groß und klein

Die wilde Welt des Ötztals

Das Ötztal ist groß und weit! Zumindest am Taleingang, dort wo die Ötztaler Ache im Inn mündet. Stolze 60 Kilometer weiter im Talinneren, da ergibt sich ein ganz anderes Bild. Aus weiten Tälern wurden enge Schluchten. Vom breiten Talboden ist kaum mehr etwas übrig. Hier hinten, dort wo das kleine Örtchen Vent sich zwischen den großen Berge versteckt, da regieren die Gipfel. Eisbehangen sind sie und mit dünner Luft umgeben.
Titelbild: © Ötztal Tourismus | Bernd Ritschel

© Ötztal Tourismus | Anton Brey

Vent wurde vom Alpenverein mit dem begehrten Titel Bergsteigerdorf ausgezeichnet. Grund hierfür war vor allem die klare Entscheidung der Einwohner gegen den Massentourismus. Aber auch der Gedanke von Franz Senn, jedem Pfarrer, der das Ötztal touristisch erschloss, der den Menschen dort ein besseres Leben ermöglichte, wurde dadurch in Stein gemeißelt. Heute ist Vent eines der klassischen Bergsteigerdörfer und bei Groß und Klein für alpine Abenteuer berühmt.

Wenn man also ohnehin schon den Weg ins tiefe Ötztal angetreten hat, dann lohnt sich gleich in Abstecher: Schon gleich zu Beginn der Fahrt, zwischen Umhausen und Längenfeld, kann der Stuibenfall besucht werden. Mit insgesamt 159 Metern ist er der höchste Wasserfall Tirols, der über eine imposante Treppenanlage nicht nur von unten, sondern auch von der Seite und oben bestaunt werden kann. Steht man auf einer der ausgesetzten Plattformen, spürt man am eigenen Leib, woher der Stuibenfall seinen Namen hat: Jede Sekunde zerstäubt diese Urkraft hier bis zu 2000 Liter Wasser!

© Ötztal Tourismus | Bernd Ritschel

Am Abend checkt man dann bestenfalls direkt in Vent in einer der Unterkünfte ein. So ist man von Beginn am im Herzen des Ötztal – und fühlt sich zwischen Ramolkogel, Talleitspitze und Wildspitze, den Größen das Tales, plötzlich ganz klein. Am nächsten Morgen kann man dafür gleich von Anfang an den Tag in den Bergen genießen und nutzt dafür den Sessellift zur Stableinalm. Direkt aus Vent hinaus, bringt die Seilbahn große und kleine Bergsteiger auf 2359 Meter, von wo man gleich die Breslauer Hütte ansteuern kann. Ausdauernde Geher zweigen auf halber Strecke ab und besteigen direkt das Wilde Mannle. Über steinige Pfade und durch gewaltiges Blockwerk, erreicht man ohne größere Schwierigkeiten in etwa zwei Stunden den 3019 Meter hohen Gipfel – sicherlich für viele der erste 3000er überhaupt, mit gigantischem Ausblick auf Wildspitze und Rofenkarferner. Überschreitet man das Wilde Mannle gelangt man bald wieder auf breitere Wege und kann in der Breslauer Hütte einkehren. Etwas kürzer ist der Weg auf den Urkundkollm, der zwar etwa einhundert Meter höher als das Wilde Mannle ist, aber nach einer Stärkung auf der Breslauer Hütte in weit weniger als einer Stunde erklommen werden kann.  

© Ötztal Tourismus | Rudi Wyhlidal

Wer nach dem Tag in den Ötztaler Bergen noch Kräfte mobilisieren kann, dem sei ein Abendspaziergang zum Hohlen Stein angeraten. Dr. Leitner von der Universität Innsbruck stellte nach dem Fund des „Ötzi“ im Ötztal weitere Untersuchungen an und wies nach, dass es hier noch andere steinzeitliche Jägerstationen gegeben hat. Eine davon ist der „Hohle Stein“- auf 2500 Metern und nur zehn Kilometer Luftlinie von der Fundstelle des Mannes im Eis entfernt. Ausgrabungen ergaben, dass dieses Lager schon 7600 Jahre v.Chr. von Menschen genutzt wurde! Die Ötzifundstelle liegt derweil mehr als eintausend Meter weiter oben, kurz hinter der italienischen Grenze.

© Ötztal Tourismus | Bernd Ritschel

Zu tun gibt es für Große und Kleine Bergfreunde im hinteren Ende des Ötztals so viel, dass man damit nicht nur ein, sondern gleich dutzende Wochenenden füllen könnte. Eine Besonderheit sind beispielsweise die Rofenhöfe, die höchstgelegenen, dauerhaft bewirtschafteten Bergbauernhöfe Österreichs! Dort oben bekommt man wunderbare Einblicke in das schöne, aber harte Leben oberhalb von 2000 Metern. Franz Klotz, der dort oben sein ganzes Leben verbrachte, sogar dort oben geboren wurde, erzählt gerne die Geschichten aus seiner Kindheit, in der es noch nicht einmal eine Straße ins Tal nach Vent gab. Ein weiteres Highlight ist die Haflingerzucht seines Bruders Frank. Sie ist berühmt und hat sogar internationale Bedeutung! Die beiden Bruder waren es übrigens auch, die erstmals eine Brücke über das tiefe Rofental erbauten. Die Seilkonstruktion wurde schon 1967 montiert, allerdings 1984 vom Land Tirol erneuert. Sie ist 46 Meter lang und hängt 31 Meter über dem Talgrund, wo die wilde Rofenache strömt. 

Es ist eine ursprüngliche, archaische Welt, in der die Familie Klotz lebt. Eine Welt, die wie geschaffen für große und kleine Naturliebhaber ist. Es ist aber auch eine Welt, mit der die Gebrüder Klotz eng verbunden sind. Immerhin gelang es einem ihrer Vorfahren, sein Name war Leander Klotz, bereits 1848, gemeinsam mit einem heute unbekannten Bauern, die Wildspitze erstmals zu besteigen. Sie ist mit 3768 Meter der höchste Gipfel der Ötztaler Alpen und des gesamten Norden Tirols. So hoch, so groß. Und wir darunter, sind nur unendlich klein.

Text: Matthias Albrecht

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