Große Berge für die Kleinen

Ein tiefblauer See mit zwei kleinen Inseln, eingekesselt von riesigen Felstürmen. Mit weiten Wiesen, lichten Wäldchen und Murmeltier-Garantie.

Der Mercantour-Nationalpark im Süden Frankreichs bietet eine Berghütte, die Eis und Limonade serviert und sogar einen kinderfreundlichen Dreitausender.

Wildes Bergland
Wir begeben uns auf den Heimweg, zurück aus dem Sommerurlaub, von der Côte d’ Azur nach Deutschland. Zwei höllisch heiße Wochen am Meer liegen hinter uns. Jetzt sehnen wir uns nach kühlerem Wetter und wenigstens etwas dünneren Luft.

Schon nach anderthalb Stunden Fahrt sehen wir die ersten Hügel. Noch eine Stunde und wir erreichen Allos im Département Alpes de Haute Provence. Hier in den Seealpen, nur ein klein wenig weiter nördlich, entspringt der Verdon. Alte Dörfer sitzen verträumt in den wilden Tälern. Es ist eine ursprüngliche und naturbelassene Gegend.

Von Allos fahren wir weiter, über eine steile Mautstraße bergauf. Eng und verwinkelt schlängelt sich die Straße durch die Bergwelt. Schon die Fahrt nach Laus ist ein Abenteuer für sich, bietet sie doch  herrliche Weitblicke. 600 Höhenmeter später, am Parkplatz in Laus, schultern wir unsere schweren Rucksäcke. Es ist kühl aber die Sonne strahlt.

Ein Haus am See
Sechs und neun Jahre alt sind die Kids. Gerne draußen unterwegs und schon immer naturbegeistert.  Höchste Zeit also für einige Tage auf einer urigen Berghütte. Unser Weg führt durch einen zauberhaften Lärchenwald, vorbei an interessanten Infotafeln. Über die Entstehungsgeschichte des Sees und die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt werden wir aufgeklärt. Es gibt viel zu entdecken!

Nach einer kleinen Geländekuppe gibt der Wald plötzlich den Blick frei. Eine gigantische Felsmauer türmt sich hinter dem Lac d’Allos auf. Es geht ein lebhafter Wind, der die Oberfläche des Sees zum kräuseln bringt. Der höchstgelegene natürliche See Europas liegt im Herzen des Nationalparks. Wir erreichen ihn nach einer guten Stunde auf stolzen 2230 Metern und ziehen unsere Mützen auf.

Direkt am Ufer steht malerisch die Refuge du lac d’Allos. Rau und wild ist hier das Klima, die Natur und die Hütte. Ohne unnötigen Schnickschnack. Perfekt zum Abschalten und Entspannen.

Eine Nacht in den Bergen
Dicke Holzbohlen decken den Boden im Inneren der Hütte. Die Elektrizität ist begrenzt auf das, was der kleine Bach hergibt. Er stellt übrigens auch das einzige fließende Wasser weit und breit dar. Die große Sonnenterrasse mit einmaliger Seesicht entschädigt dafür aber allemal.

Wir richten uns ein und genießen die letzten kühlen Sonnenstrahlen. Schnell wird es frostig.
Später lassen wir uns in der gemütlichen Stube das schlichte aber leckere Menü schmecken. Extravaganz darf hier niemand erwarten. Dafür aber ein stimmungsvolles Berghütten-Ambiente, wie es heute nur noch selten zu finden ist. Am frühen Abend legen wir uns hin. Und so dösen die Kinder müde in ihre erste Berghüttennacht.

Die erste Erkundungstour
Als die ersten Sonnenstrahlen über die Wiesen huschen, ist es noch eisig kalt. Dick eingepackt stehen wir auf der Terrasse, beobachten wie der Tag erwacht. Die Wärme lässt das trockene Gras duften, kleine Wellen schlagen unter uns gegen die Felsen. Natur pur!

Wir genießen das großartige Frühstücksbuffet, packen Proviant für den halben Tag ein und schon geht’s los. Eine gute Stunde wird für die Spazierrunde um den See veranschlagt. Wir rechnen mit dem Dreifachen und erleben einen grandiosen Tag in der wilden Natur. Am Südufer des Sees hängen wir die Füße in das Wasser und bestaunen den Mont Pelat, der sich hinter der Hütte 3000 Meter hoch in den blauen Himmel streckt.

Der Rundweg ist liebevoll hergerichtet. Teils wandern wir über dicke Steinplatten, teils über erdige Pfade. Das Schmalblättrige Weidenröschen schiebt seine rosafarbenen Blütenstände zwischen den Felsblöcken in die Höhe. Ganze Blumenfelder leuchten am Seeufer in der warmen Sonne. Zusammen mit dem türkisfarbenen Wasser des Sees fühlt man sich schon fast wie am Mittelmeer.

Den Nachmittag verbringen wir wieder auf der sonnigen Terrasse und beim Murmeltiere beobachten. Am Abend spielen wir in der Hütte Karten und besprechen mit den Kindern den morgigen Tag. Die kurze Wanderung am Vormittag, voller spannender Entdeckungen und Aussichten, hat die Kinder motiviert. Und so brechen wir morgen früh auf. Nach Norden. Richtung Mont Pelat.

Ein langer Tag beginnt

Heute lassen wir uns weniger Zeit und sind die ersten am Frühstücksbuffet. Die Stimmung ist gut und ich gebe mir viel Mühe, dass das auch so bleibt. Achthundert anstrengende Höhenmeter sind es von hier bis zum Gipfel. In der Nacht sind einige Wolken aufgezogen. Auch wenn der Wetterbericht von einer Hand voll Sonnenstunden spricht, rüsten wir uns gut aus. Warme Mützen, Pullover und wasserdichte Jacken sind ein unbedingtes Muss, denn das Wetter ist hier oben besonders launisch. Außerdem muss heute jeder seinen Rucksack selbst tragen. Das gehört sich so einfach in den Bergen und da wird bei den Kindern keine Ausnahme gemacht. Eine kleine Flasche Saftschorle, ein Apfel und Proviant für den ganzen Tag werden fair verteilt. Der Rucksack für uns Erwachsenen liegt jedoch schwer auf unseren Schultern, denn Wasser ist unterwegs kaum zu finden. Und so werden wir mehrere Liter Wasser den Berg hinauf tragen.

Vom Funktionsshirt überhaupt nicht überzeugt, behält meine Tochter lieber ihr Blumenkleidchen an. „Was soll´s“, denke ich mir und rüttle nicht unnötig an der Stimmung. Und schon nach wenigen Schritten lassen wir den See pfeifend hinter den Bäumen verschwinden. Vor uns breitet sich eine saftig grüne Wiese aus, dahinter ragen schroffe Felsen in die Höhe.
Noch führt der sanfte Anstieg über einige traumhafte Hochebenen, die hier oben wie grüne Oasen wirken. Doch die Lärchen werden knorriger und der Weg felsiger.

Vor einer Stunde blühte um uns herum noch eine wunderbare Bergwiese. Jetzt stapfen wir durch eine scheinbar tote Mondlandschaft. Ein riesiges, tristes Schotterfeld liegt vor uns und ich frage mich, wie ich die Kinder bei dieser enormen Fleißaufgabe bei Stimmung halten kann. Bis jetzt lief doch alles so gut.

Ein kleiner Schritt für die Kinder, aber ein großer Sprung für die Kindheit
Überraschend stellt sich unsere Mondwanderung aber als äußerst spannend heraus. Aus Felsspalten wachsen kleine Pflanzen und recken ihre Blüten in die Sonne. Die Aussicht runter zum See ist überwältigend, sogar die Hütte ist ganz klein zu erkennen. Wir bewegen uns kaum bergauf, so viel gibt es in der staubigen Einöde zu sehen. Und als wir auf einer großen Felsplatte versteinerte Muscheln entdecken, stagniert unser Vorhaben gänzlich.

Erst als ich auf meinen Höhenmesser schaue, kann ich die Kinder zum Weitergehen bewegen. Denn wir stehen auf 2980 Metern über dem Meer, welches man bei guter Sicht übrigens vom Gipfel aus sehen kann! Nach wenigen Minuten haben wir endlich die magischen 3000 geknackt. Hier finden wir atemberaubende Tiefblicke und die Bergsteigerin im Blumenkleidchen darf mir jetzt nicht mehr von der Seite weichen.

Die letzten 50 Höhenmeter türmen sich steil vor uns auf. Der Gipfelanstieg, das anspruchsvollste Stück der Wanderung. Teils hebe ich die Kleine über Felsstufen, ab und zu dient ihr mein Knie als Tritthilfe. Stück für Stück kommen wir so weiter, bis es nur noch wenige Meter sind und sich das 360°-Panorama öffnet. Ich staune über die Energie der Kids, als ihre kleinen Füße die letzten Schritte auf den schmalen Gipfel gehen. Stolz schauen sie herab auf den See und sogar unser Auto in Laus haben wir von hier oben entdeckt. Eine gehörige Portion Schokokekse ist jetzt fällig. Vor einer Stunde war ich mir noch nicht sicher, ob wir es tatsächlich bis ganz nach oben schaffen. Jetzt stehen wir zu viert auf dem Gipfel des Mont Pelat und kommen aus dem staunen nicht mehr heraus. Ich selbst kann es kaum glauben und bin glücklich über ein Erlebnis, das den Kindern sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird. Denn wer kann schon behaupten in den Ferien zwischen Kindergarten und erster Klasse einen 3000er bestiegen zu haben?

Text und Bilder: Benni Sauer

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