Hauben statt Höhenmeter, Spaghetti statt Steilhänge

Titelbild: © Region Villach Tourismus | LIK Fotoakadmie |  Martin Jordan

Das E-Bike ist eine nützliche Erfindung. Endlich kann man Radtouren mit guter Küche unbeschwert kombinieren. Eine geschmackvolle Testfahrt auf der Ciclovia Alpe Adria durch Kärnten und Friaul an die Adria.

Radsportler sind gewöhnlich asketische Menschen. Drahtig und durchtrainiert spulen sie viele Kilometer runter, stets das Ziel im Blick und immun gegen jegliche Ablenkung. Doch das könnte sich ziemlich ändern, denn jetzt gibt es das E-Bike. Die einen lieben es, weil das Radfahren so leicht und unbeschwert wird, weil Steigungen ihren Schrecken verlieren. Die anderen halten es für überflüssig, weil man sich nicht wirklich anstrengt und wenig für die Fitness tut. Jedenfalls boomt der Verkauf. Das könnte noch mehr werden, wenn eine kleine feine Marktlücke publik wird, für die das E-Bike wie geschaffen ist. Die Kombination aus Radreisen mit guter Küche war bislang wenig beachtet, weil der Radsportler nach einem üppigen Mittagmahl nur noch schwer zu motivieren ist, in die Pedale zu steigen. Der E-Biker lächelt darüber, setzt den Antrieb auf Powerstatus und lässt den Elektromotor arbeiten, während er mit sanft rotierenden Beinen die Landschaft an sich vorüberziehen lässt. Für eine erste Probefahrt in Sachen kulinarischem Radeln gibt es  nichts Besseres als die Ciclovia Alpe Adria. Man muss es den Italienern neidlos zugestehen, dass sie sprachliche Ästheten sind. Ciclovia heißt bei uns nur profan Radweg, aber es klingt, als ob man mit Monica Bellucci auf einem Tandem durch die Toskana radelt. Eigentlich führt er von Salzburg bis nach Grado an der Adria. Wir beschränken uns aber auf den Abschnitt von Kärnten durch Friaul bis an die Adriaküste. Auf der Südseite der Alpen sind das Wetter und die Küche gewöhnlich freundlicher.

© Region Villach Tourismus | LIK Fotoakademie | Johann Kopf

Spittal an der Drau ist ein guter Startort, den man retour bequem mit der Bahn bis Villach oder mit Sammeltransportern von Grado aus erreichen kann. Wir radeln also von Spittal zum Drauufer und folgen dem Radweg. Rechts windet sich bei Oberamlach eine schmale, steile Straße hinauf zum Kleinsasserhof, der eben vom Falstaff zum originellsten Gasthaus Österreichs gekürt wurde. Für das frisch aufgeladene E-Bike ist der Abstecher kein Problem, ein Viertelstündchen geht es bergauf und wir stehen vor der bunt bemalten Fassade, finden einen Tisch in dem mit Kitsch, Kunst und Trödel ausstaffierten Lokal samt Astronaut und Elchkopf und freuen uns auf die Klassiker, die Fritattensuppe in der Porzellanschüssel und das Bauernschweinsbratl mit Sauerkraut und Serviettenknödel. Derart gestärkt rollen wir wieder hinunter zur Drau und schnurgerade Richtung Villach. Die Buschenschank Egger direkt am Radweg ist bei Radlern sehr beliebt, wo man sich mit herzhafter Kärntner Küche und hausgebrannten Schnäpsen versorgen lassen kann. Aber dafür ist es uns noch zu früh, und wir radeln auf dem flachen Weg Richtung Villach weiter. Dort empfängt uns der Radbutler, eine ziemlich gescheite Einrichtung. Hier kann man sein E-Bike sicher parken, den Akku aufladen und die Treppe hinauf zur Altstadt spazieren oder gleich rechts beim schattigen Gastgarten des Villacher Brauhofs. Der gastronomische Ableger der Villacher Brauerei bietet nicht nur ein stattliches Sortiment an Bieren, sondern auch Klassiker wie Bierzwiebelbrezen mit weißem Radi, Schwarzbrot mit Gailtaler Karreespeck oder einen Spinat-Schafskäsestrudel für vegetarische Radler. 

© Massimo Crivellari

Danach folgen wir weiter dem Drauradweg ein kurzes Stück und zweigen rechts ab Richtung Dreiländereck und Italien. Knappe 250 Höhenmeter haben wir vor uns, die aber kaum spürbar sind. Der Grenzort Tarvisio war einmal eine kleine lebendige Einkaufsstadt, hat aber die besseren Zeiten hinter sich. Wir gönnen uns einen Espresso im Zentrum und landen bald auf dem exzellenten Radweg auf der ehemaligen Bahntrasse durch das Kanaltal Richtung Udine. Das Kanaltal kennen wir von vielen Durchfahrten, dabei hat es einige Attraktionen abseits der Autobahn. Die Fichten aus dem Tarviser Forst haben schon Antonio Stradivari und andere berühmte Geigenbauer verwendet. Direkt neben dem Radweg wartet ein verlockender Wallfahrtsort. Dafür rollen wir sanft bergab aus Tarvisio raus und parken links bei der Talstation am Monte Lussari, wo uns die Kabinenbahn schnell, aber ohne Rad hinauf zur Bergstation bringt. Ein kurzer Spaziergang zur Marienwallfahrtskirche auf 1766 Meter und zum Gipfel mit Blick über Karawanken und weit hinüber zu den Tauern und zum Großglockner, bevor wir uns der bekannt guten friulanischen Küche widmen. In der Locanda del Convento gibt es heute Ravioli mit Montasio, den berühmtesten Käse aus der Region. Die erste Nacht verbringen wir in Malborghetto, einem idyllischen Dorf unten im Tal abseits der Autobahn mit einem gemütlichen Zentrum und einem ziemlich ungewöhnlichen Lokal. Die Casa Oberrichter ist ein historisches Gasthaus, in dem die Gastgeber Marina und Silvano ein Spielzeugmuseum eingerichtet haben, was vor allem ganz junge Gäste bezaubert. 

© Gianluca Baronchelli

Der zweite Tag unserer Tour führt uns ganz entspannt durch die Berge Friauls. Cruisen auf zwei Rädern. Zur Mittagspause landen wir am ehemaligen Bahnhof von Chiusaforte, wo uns ein bärtiger Schaffner mit blauer Uniform und roter Dienstmütze empfängt.  Der ist zwar nur eine Puppe, dafür sind die vielen Radler echt und sehr lebendig, die sich in der zur Trattoria umfunktionierten Bahnstation stärken. Wirt Fabio führt das Lokal seit sechs Jahren und erzählt stolz, dass sich heuer die Zahl der Gäste glatt verdoppelt hat, weil immer mehr auf dem Radweg unterwegs sind. Demnächst will er noch Zimmer vermieten, aber mit der Bürokratie in Italien sei das so eine Sache. Spaghetti und der folgende Espresso kommen dafür pünktlich und in bester Qualität. Wir radeln gut gestärkt weiter, lassen links das stille Val Resia liegen, das in Feinschmeckerkreisen für seinen exzellenten Knoblauch bekannt ist. 

Gute 20 Kilometer später machen wir einen Stopp in dem bezaubernden Zentrum von Venzone, das nach dem schweren Erdbeben von 1976 fast komplett neu aufgebaut wurde. Nach Gemona lassen den offiziellen Radweg links liegen und gönnen uns den kurzen Abstecher auf flachen Nebenstraßen nach San Daniele. Seit gut einem Jahrhundert wird hier der Schinken produziert, der neben dem Parmaschinken der berühmteste seiner Art in Italien ist. Ende Juni feiern sie in San Daniele das große Schinkenfest „Aria di Festa“. Wir gönnen uns eine Kostprobe in der Bottega del Prosciutto in der Via Umberto I. und radeln weiter Richtung Udine zurück zur Ciclovia. Hier wird die Beschilderung unseres Radwegs etwas lückenhaft, und wir orientieren uns an den üblichen Sehenswürdigkeiten. Im Zentrum von Udine stoppen wir vor dem Dom, besuchen nebenan die Accademia del Gelato, einen empfehlenswerten Eismacher. Raus aus Udine fahren wir südwärts bis zum kleinen Dorf Risano und sitzen bald in der eleganten Casa Orter beim Abendessen. Die elegante Villa hat nicht nur ein Restaurant, sondern auch stilvolle Zimmer mit den hochwertigen Betten von Nottinblú aus dem Nachbardorf Lauzacco, zu deren Kunden auch Schauspieler Bruce Willis gehört.

© Ulderica Da Pozzo

Der letzte Tag gehört der Schlussetappe Richtung Meer. Über flache Landstraßen radeln wir nach Palmanova, der ehemaligen Militärstation aus dem 17. Jahrhundert mit ihrer mächtigen Festungsmauer und der gigantischen Piazza. In der traditionsreichen und hochdekorierten Caffetteria Torinese stärken wir uns mit Dolci und Cappuccino, fahren dann auf dem schnurgeraden Radweg bis Aquileia vorbei an den Ausgrabungen aus der Römerzeit. In der neuen Kaffeerösterei Cocambo von Piero Zerbin gibt es exzellenten Espresso. Die letzten fünf Kilometer bis Grado auf dem schmalen Damm durch die Lagune sind eine filmreife Kulisse. Links leuchtet die Wallfahrtskirche auf der kleinen Insel Barbana. Rechts staksen Reiher und Kormorane durch das flache Wasser. Es ist noch früh am Nachmittag. Da bleibt noch genug Zeit für einen Ausflug durch die Lagune nach Marano, dem alten Fischerdorf mit dem 1000 Jahre alten Campanile und exzellenten Fischrestaurants. Dafür nehmen wir nun das Boot, lassen die Räder im Hotel und freuen uns auf Boreto, die Gradeser Fischsuppe, in der Trattoria Barcaneta.

Text: Georg Weindl

Informationen:
www.alpe-adria-radweg.com
www.kaernten.at
www.turismofvg.it
www.grado.it

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